Leinwandweberei & Spinnerei als heimgewerbliche Arbeit ("Hausindustrie")

Klaus A.E. Weber

 

Ein heute fast vergessenes Erwerbskapitel im alten Hellentaler Oberdorf


Gemeiner Flachs oder Gemeiner Lein (Linum usitatissimum)

 

„Flachsrotten“ im Hellental

Im ersten Verarbeitungsschritt wurden die im Sommer geernteten und zu großen „Wasserbunden“ zusammengebundenen „leeren“ Flachsstengel, abhängig von der Wassertemperatur, über etwa eine Woche oder länger (um 9 Tage) geschichtet und mit Brettern oder Steinen beschwert in ein stehendes Gewässer - in „Flachsrotten“ - eingelegt.

Danach wurden die Flachsrotten geflutet, um die hölzernen Stengelanteile zur Gewinnung der Gespinstfasern verrotten zu lassen (Wasserrotte).

Die bei der Flachsrotte natürlicherweise durch Gärvorgänge entstehenden Gasbildungen, die außerordentlich üble Faulgerüche entwickelten, erforderten eine Anlage der Rottekuhlen außerhalb des Dorfes und - bei in der Regel vorherrschendem Westwind - westwärts der Wohnbebauung.

Zudem durfte aus hygienischen Gründen keine direkte Verbindung der Flachsrotten zu jenen Fließgewässern oder Quellen bestehen, die zur dörflichen Trink- und Brauchwasserversorgung herangezogen wurden.

In der Nähe von Hellental sind die ehemals zur dortigen Flachsgewinnung benötigten, etwa 1 Meter tiefen Flachsrotten heute nur noch als Reste alter „Rottekuhlen“ auszumachen.

Die meisten Flachsrotten wurden in den vergangenen Jahrzehnten verfüllt.

Einige der wenigen im Hellental noch erkennbar verbliebenen „Rottekuhlen“ befinden sich südwestlich vom Dorf im buchenbestandenen Nahbereich des alten, ehemals offenen „Vogelbrunnens“.

Weitere Flachsrotten sollen sich – nach überlieferten Dorferzählungen - zudem auch um den alten „Teufelsbrunnen“ in der ortsnahen Talsohle nahe der Helle befunden haben.

 

Hausindustrielles Textilgewerbe - „Spinnen am Morgen macht Kummer und Sorgen”

Es kann heute nicht mehr eindeutig genug nachvollzogen werden, ob die an sich anspruchslosen Leinpflanzen („Kulturlein“ oder auch Flachs genannt) auf den wenigen Feldern nahe dem Hellentaler Dorf angebaut wurden.

Auf Grund der ungünstigen kleinklimatischen Verhältnisse im Hellental ist aber eher anzunehmen, dass hier auf Dauer kein wirklich ökonomisch effektiver Anbau des himmelblau blühenden „Sommerleins“ erfolgen konnte.

Bekannt hingegen ist, dass der Flachsanbau und die Leinenweberei als maßgebliches hausindustrielles Gewerbe des 18./19. Jahrhunderts auch bei Hellentaler Familien Einzug gehalten hatte.

Das arbeitsintensive textile Kleingewerbe bot ihnen als "hausindustrielles Arbeiten" [3] ein sehr wichtiges, aber nur dürftiges Zubrot bei geringem Verdienst.

Auch in Hellental brachte das „Spinnen am Morgen“ buchstäblich „Kummer und Sorgen”.

Es dürfte kaum ein Wohnhaus gegeben haben, in dem nicht für den Verkauf gesponnen und gewebt wurde.

Der Dorfbeschreibung von STEINACKER ist zu entnehmen, dass die Hellentaler Einwohner Ende in den Jahren um 1900 größtenteils Holzhauer und Köhler gewesen seien, die auch heimgewerblich „Leinwandweberei und Spinnerei“ betrieben hätten.[2]

Die wirtschaftlichen Folgewirkungen der napoleonischen Ära, der „Napoleonischen Kriege” von 1803-1805 und der „Franzosenzeit” von 1806-1815 sowie die europäische Zollbinnenpolitik benachteiligte auch das Leinengewerbe.

Mit Dampf angetriebene Webmaschinen ermöglichten die Massenproduktion von Leinen- und Baumwollprodukten und verdrängten schließlich die Heim- und Handweberei, so letztlich auch in Hellental.

Immer mehr Hellentaler Leinenweber waren in der Folgezeit zur Aufgabe ihres häuslichen textilen (Neben-)Gewerbes gezwungen.

 

Historischer Webstuhl von 1800 im benachbarten Museum Grafschaft Dassel

 

Bei etwa 50 Männern konnte in dem genealogisch betrachteten Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts die Berufsbezeichnung

  • „Leineweber“,

  • „Leinweber“ oder

  • „Weber“

nachgewiesen werden, was die ehemals enorme Bedeutung der gewerblichen Leinenweberei als wesentliche Erwerbsquelle Hellentaler Familien eindrucksvoll unterstreicht.

Folgt man dem Hinweis in einer jüngeren ortschronistischen Aufzeichnung [1], so bestand in Hellental offenbar zwischen den Leinenwebern und den Holzhauern (Waldarbeitern) ein gewisses, allgemein wohl nicht unübliches soziales Spannungsverhältnis, denn immer dann, wenn „die Leinweber ein Vergnügen hatten, blieben die Holzhauer fern; und auch umgekehrt.”

Im Hellental sind die zur ehemaligen Flachsherstellung benötigten Flachsrotten heute nur noch ansatzweise als alte „Rottekuhlen“ erkennbar; die meisten Flachsrotten sind in den vergangenen Jahrzehnten verfüllt worden.

Einige der wenigen erhaltenen „Rottekuhlen“ befinden sich auf einem südwestlich vom Dorf gelegenen Areal im Nahbereich des alten, ehemals offenen „Vogelbrunnens“, heute eine ummauerte Bergquelle am Waldrand.

Weitere Flachsrotten sollen sich auch um den alten „Teufelsbrunnen“ in der ortsnahen Talsohle des Hellentales befunden haben, wie noch heute im Dorf erzählt wird.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] in Manuskriptform von Leni Timmermann.

[2] STEINACKER 1907.

[3] BAYERL 2013, S. 100-101.