Raum & Zeit im braunschweigischen Herzogtum

Klaus A.E. Weber

 

 

Wie der heutige Landkreis Holzminden, so liegt auch die ehemalige Landgemeinde Hellental naturräumlich inmitten des schönen, landschaftlich vielgestaltigen Weser- und Leineberglandes, im Höhenzug des nördlichen Sollings.

Die hier lebenden und arbeitenden Menschen schufen über viele Generationen hinweg eine historische Kulturlandschaft.

Ehemals zum alten Land Braunschweig gehörend, war auch Hellental eingebettet in dessen wechselvolle Geschichte - unter den braunschweigschen Landesfarben „blau-gelb“.

Ein mehr oder minder enges dörfliches Zusammengehörigkeitsgefühl sowie eine lokal organisch gewachsene, langlebige Identität, besonderes aber das ausgeprägte „Einheitsbewusstsein” bestimmen noch heute das Gemeinwesen von Hellental - trotz oder gerade wegen des engen Netzes durchgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen in der Ortsgeschichte.

Dabei ergaben die historischen Untersuchungen aber auch, dass eine Korrektur an dem einen oder anderen tradierten Meinungsbild erforderlich ist, so beispielsweise an der noch verbreiteten Auffassung, die Menschen hätten früher stets in bester Nachbarschaft miteinander gelebt und gearbeitet, wie auch die Dörfer untereinander.

Wie der "Grundrißs des Dorfes Hellenthal, nebst den dazu gehörigen Grundstücken" von 1792 ableiten lässt, waren die Besitzverhältnisse und damit eng verbunden die sozio-ökonomischen Lebensbedingungen der kleinen Leute in Hellental durchaus unterschiedlich, wenn auch eher in geringem Maße (im Gegensatz zu traditionellen Bauerndörfern).

 

Hellental im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel ⎸Schicksal des Braunschweiger Kleinstaates

Eng verbunden mit der Geschichte der Welfen in Nordwestdeutschland, die einst zu den mächtigsten Adelsgeschlechtern Europas gehörten, ist seit dem 13. Jahrhundert die Geschichte Niedersachsens.

Die historischen Wurzeln des Braunschweiger Landes und späteren Herzogtums Braunschweig sind bei Heinrich dem Löwen (um 1129/1130-1195) und damit auf ein Teilgebiet des Welfen-Landes (Kernland um Lüneburg, Celle, Braunschweig und Harz) zurückzuführen.

Um 1139 betrat mit Heinrich dem Löwen[1], der zugleich Herzog von Sachsen und Bayern war, ein machtbewußter Welfe die Bühne der europäischen Geschichte.

Der in Braunschweig in der Burg Dankwarderode residierende Heinrich wurde 1180 als „der wohl berühmteste und durchsetzungsfähigste Herrscher im alten Sachsenland“.[2]

Ob seiner angestrebten königsgleichen Machtstellung wurde Heinrich der Löwe von seinem Vetter, dem Kaiser Barbarossa, geächtet und entmachtet unter Aberkennung aller seiner Besitztümer.

Damit zerfiel die Einheit des altsächsischen Stammesgebietes.

Am 21. August 1235 hatte auf dem Mainzer Reichstag Otto von Lüneburg (das Kind), ein Enkel Heinrichs des Löwen, die ererbten welfischen Eigengüter von Kaiser Friedrich II. als Reichslehen genommen und damit den gesamten braunschweigschen Besitz.

Hieraus entstand das später zum Reichsfahnlehen erhobene Herzogtum Braunschweig-Lüneburg von 1432-1754, das durch Erbteilung später in vier Teilstaaten zerfiel.

Insbesondere 1267 und 1428 spalteten mehrere dynastisch bedingte Erbteilungen das Herzogtum in zahlreiche Haupt- und Nebenlinien

  • Lüneburger Linie,
  • Wolfenbütteler Linie,
  • Calenberger Linie,
  • Harburger Linie,
  • Göttinger Linie,
  • Grubenhagener Linie,

während das Gesamthaus Braunschweig-Lüneburg als Herzogtum bestehen blieb.

Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts wies das Herzogtum ein fast geschlossenes Herrschaftsgebiet von der Elbe bis zur Oberweser auf, lediglich durch das dazwischen gelagerte Hochstift Hildesheim im Gebietszusammenhang unterbrochen.[3]

In Folge der Aufsplitterung entwickelte sich ein eigenes regionales Selbstverständnis.[4]

Unter den Territorien bildete sich bereits im 14. Jahrhundert das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel heraus, welches dann im 15./16. Jahrhundert in etwa dem Herzogtum Braunschweig des 19. Jahrhunderts entsprach.

Bis zum 17. Jahrhundert gingen alle welfischen Gebiete, die größten Teile des Landes Braunschweig, im Kurfürstentum von 1692 (Kurhannover) und späteren Königreich Hannover von 1814 auf.

Nur das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel bewahrte sich seine Selbständigkeit, als Freistaat bis 1946.

Nicht zuletzt aus politischen und ökonomischen Gründen mussten die Braunschweiger Herzöge in das kleinere Wolfenbüttel umziehen, wobei sie Braunschweig nur noch formell in ihrem Besitz behielten.[5]

Allmählich entstehende landesherrliche Verwaltungen, wie die des braunschweigschen Herzogtums, „bemühten sich generell, vereinheitlichende Ordnungen für die einzelnen Dörfer durchzusetzen“, wobei sie aber auf alte Gewohnheitsrechte der Bauern stießen.[6]

Zu den im niedersächsischen Raum während des Mittelalters zahlreich entstandenen Territorien der Adligen zählten auch die Gebiete der Herrschaften Everstein (mit der Höhenburg „Everstein“) und Homburg (mit der Nachbarburg „Hohenburg“).

Das Geschlecht der Grafen von Everstein[7] war reich begütert, übte die Gerichtsbarkeit aus, besass die Markt- und Bürgerrechte sowie das Geleitrecht über die Weser.

Die ältesten Zeugnisse zur alten Herrschaft der Homburger und insbesondere zur Siedlung Stadtoldendorf[8] sind in dem umfassenden „Urkundenbuch der Stadt Stadtoldendorf“ hinterlegt.[9]

Die höfisch-dynastische Geschichte des Landes Braunschweig wurde seit 1667, als welfische Nebenlinie einsetzend, von Angehörigen der Dynastie Braunschweig-Bevern (Neues Haus Braunschweig) über sechs Generationen hinweg bis 1884 bestimmt.

Während das Königreich Hannover 1866 an Preußen gefallen war, regierten im weiterhin selbständigen Herzogtum Braunschweig die Welfen noch bis zur Abdankung von Herzog Ernst August und Herzogin Victoria Luise im Revolutionsjahr 1918.

Auch Braunschweiger Herzöge ließen sich von der Aufklärung inspirieren, wobei sie bemüht waren, die „Prinzipien der Vernunft“, ein rationaleres Denken, in den Angelegenheiten des Staates walten zu lassen, um eine Modernisierung und Optimierung des Staatswesens zu erzielen.[10]

 

 

"Serenissimus Dux, Durchlaucht Carolus der Erste" - Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1713-1780) - entfaltete sich die Dynastie Bevern.

Über fast ein Dreivierteljahrhundert hinweg regierten Herzog Carl I. und dessen Sohn Herzog Carl Wilhelm Ferdinand (1735-1806) als Vertreter des Generationswechsels hin zum hochaufgeklärten Absolutismus von 1735–1806 den kleinen, unzusammenhängenden, agrarisch strukturierten Territorialstaat Braunschweig.

1806 fiel Herzog Carl Wilhelm Ferdinand als preußischer General in der Schlacht bei Auerstädt.

"Was kümmern uns hier des Herzogs Karl Finanz-, Medizinal-, Akzise- und Wegeverbesserungsanstalten?

Was sein Armenwesen, seine Hebammenverordnungen, seine Straßenpflasterung und Gassenerleuchtung?

Was seine Befehle und Begünstigungen zur Verbesserung des Ackerbaus, zur Forst- und Waldbenutzung, zur Jagdbeschränkung?

Was seine Vorkehrungen gegen Holzverwüstung durch Menschen und Käfer?"[11]

 

Während der Aufklärung ...

Während der Aufklärung avancierte das Herzogtum Braunschweig zum vorbildlichen Kleinstaat.

Sowohl der angeborene Landesvater Herzog Carl I. als auch Herzog Carl Wilhelm Ferdinand waren innenpolitisch um wesentliche Reformen bemüht.

Außenpolitisch erfolgte durch sie eine zunehmende familiäre wie auch militärische Bindung an Preußen, welches letztlich auch zum Schicksal der Braunschweiger Geschichte werden sollte.[12]

Am 03. September 1735 übernahm Carl I. als Landesherr die Regierungsgeschäfte des Herzogtums Braunschweig.

Durch seine Eheschließung am 02. Juli 1733 mit der Prinzessin Philippine Charlotte (1716-1801) - liebevoll „Lottine“ genannt -, der Schwester des preußischen Königs Friedrich II. (dem Großen), hatte sich das Herzogtum Braunschweig zugleich auch politisch an das aufstrebende Königreich Preußen gebunden.

Durch die überaus prunkvolle Hofhaltung, rege Bautätigkeit und glanzvolle Hofkultur, aber auch durch die hohen finanziellen Belastungen infolge des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) kam es zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts - während der Regierungszeit von Herzog Carl I. - zu einer dramatisch angewachsenen Staatsverschuldung, die sich um 1760 bereits auf mehrere Millionen Taler belief.

Auf Grund der hieraus erwachsenen hohen Zinslast drohte schließlich der Staatsbankrott.[13]

Neben der defizitären staatlichen Finanzlage hatte sich die Wirtschaftssituation im Fürstentum Braunschweig kritisch zugespitzt mit negativer Rückwirkung auch auf das ohnehin durch die wirtschaftlichen Folgen des Siebenjährigen Krieges existentiell angespannte Leben und Arbeiten auf dem Lande, wie dem zwischen nördlichem Sollingrand und Holzberg.

In Folge der enormen Wirtschafts- und Finanzkrise und durch die zusätzlichen, unverhältnismäßig hohen Abgaben und Steuerlasten wuchsen bis in die 1790er Jahre die sozialen Missstände an, wobei die Bevölkerungsverelendung abgrundtief war.[14]

In der Regierungszeit „des Aufklärers” Herzog Carl Wilhelm Ferdinand (1735-1806), der bereits 1773 vorzeitig weitgehend die Regierung im Fürstentum Braunschweig von seinem Vater Herzog Carl I. übernommen hatte, wurde eine neue Entschuldungspolitik entwickelt und zugleich das Armenwesen weiter reformiert, "indem man den Armen hinreichenden Unterhalt gab, oder sie zu nützlichen Arbeitern für das bürgerliche Leben machte".[15]

Die historisch als geschickt bewertete Regierungsführung wie auch die erfolgreichen Reformen des aufgeklärten Herzogs brachten das kleine Land Braunschweig schließlich zum Aufblühen.

Die spätmittelalterlichen Sollingranddörfer Heinade und Merxhausen sowie das Sollingtal und spätere, neuzeitliche Sollingdorf Hellental unterstanden im 16.-19. Jahrhundert unterschiedlichen Herrschaften, hinsichtlich unterer Verwaltung und niederer Gerichtsbarkeit verschiedenen Kantonen und Ämtern.

Das Hellental unterstand zunächst der gerichtlichen Zuständigkeit des Amtes Fürstenberg.

Dieses war unter den sechs fürstlichen Ämtern des ehemaligen Braunschweiger Weserdistrikts das bedeutendste, ursprünglich von der Homburg aus verwaltet.

1535 war das fürstliche Amt nach Wickensen (Domäne Wickensen) verlegt worden, nachdem die Burganlage „Homburg“ verfallen war.

Verwaltungsseitig lag Heinade zunächst in der „Oberbörde“ der Herrschaft Homburg, später in jener derer von Everstein.

Das erst zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegründete Arbeiter- und Handwerkerdorf Hellental zählte als selbständige Gemeinde vormals zu dem seit 1654 bestehenden „Fürstlichen Amt Allersheim“.

Hellental wurde dann 1825 dem Kreisamt Stadtoldendorf mit allgemeiner Verwaltung und niederer Gerichtsbarkeit unterstellt.

 

Unterstellungsverhältnis des Dorfes Hellental - im Rahmen der allgemeinen Verwaltung & unteren Gerichtsbarkeit im 18.-19. Jahrhundert                                            

  • Amt Fürstenberg: (Talgebiet)
  • Amt Holzminden/Allersheim: 1792-1807
  • Kanton Dassel: 1807-1813
  • Kreisgericht Eschershausen: 1814-1825
  • Kreisamt/Amt Stadtoldendorf: 1825-1850
  • Kreisdirektion/Landkreis Holzminden: seit 1850
  • Amtsgericht Stadtoldendorf: ab 1850

Während der „napoleonischen Epoche”, der Besetzung durch französische Truppen von 1807-1813, war das Land Braunschweig zunächst kurzzeitig völlig von der politischen Landkarte verschwunden, da es Teil des neuen großflächigen französischen Königreiches Westphalen unter der Regentschaft von Napoleons jüngstem Bruder Jérôme Bonaparte geworden war.[16]

In dieser Zeit unterstanden die Einwohner von Hellental dem Kanton Dassel.

Danach wurden die alten aufgelösten Ämter, wie in Wickensen, Forst und Allersheim, nicht wieder eingerichtet.

Mit seiner militärischen Niederlage in der „Völkerschlacht von Leipzig“ am 18. Oktober 1813 endete die Vorherrschaft von Napoleon I. auch über Deutschland und somit zugleich auch das französische Königreich Westphalen.

Nachdem am 22. Dezember 1813 der Braunschweiger Herzog Friedrich Wilhelm die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, wurden 1814 fast alle napoleonischen Gesetze geändert und dabei die zuvor voneinander getrennten Bereiche Rechtsprechung und Verwaltung zunächst wieder vereinigt.

Erst 1849 sollte im Herzogtum Braunschweig die vollständige Trennung von Verwaltung und Rechtsprechung endgültig vollzogen werden.

Hellental wurde 1814 dem Kreisgericht Stadtoldendorf unterstellt.

1820 wurde im Herzogtum Braunschweig eine erneuerte Landschaftsordnung erlassen, organisiert nach dem so genannten Zweikammersystem (Erste Kammer: Adel und Rittergutsbesitzer – Zweite Kammer: städtisches Bürgertum und Bauern).[17]

Drei Jahre später, im Jahr 1823, wurden die „Kreisgerichte“ in „Kreisämter“ umbenannt und die neue braunschweigsche Gerichtsverfassung trat in Kraft.

Bereits zwei Jahre später kam es zur nächsten Verwaltungsveränderung mit dem ab dem 01. Oktober 1825 neu gebildeten Kreisamt Stadtoldendorf.

Ab 1826 hatte am wiederhergestellten Hofe zu Braunschweig der noch junge Herzog Carl II. (1804-1873), erstgeborener Sohn von Herzog Friedrich Wilhelm (1771-1815), die Regierungsgeschäfte übernommen.

Durch seinen eigenwilligen Regierungsstil, seine zahlreichen unverständlichen Entscheidungen sowie durch sein neoabsolutistisches Regime kam es jedoch im Herzogtum Braunschweig bereits 1830 zum offenen Aufruhr.

Die Unruhen führten schließlich zur Entmachtung des „Diamantenherzogs“ und zu seiner Flucht nach London.

Sein jüngerer Bruder Wilhelm (1806–1884)[18] übernahm daraufhin ab dem 28. September 1830 die Regentschaft im Braunschweiger Herzogtum, die bis zu seinem Tode 1884 währte.

Unter Herzog Wilhelm trat im Oktober 1832 eine moderne Verfassung - die Neue Landschaftsordnung - in Kraft, durch die sechs Kreisdirektionen geschaffen wurden, u.a. auch die Kreisdirektion Holzminden und damit der spätere Landkreis Holzminden.

Die Bevölkerung schätzte den konstitutionellen Monarchen Herzog Wilhelm, der seinen Ministern in den Regierungsgeschäften weitgehend freie Hand lies.

Herzog Wilhelm war, da er unverheiratet und kinderlos blieb, der letzte regierende Fürst aus der Linie Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern.

Durch seinen Tod von fiel 1884 in der Erbfolge das kleine Herzogtum Braunschweig an die Lüneburger Linie (Neues Haus Lüneburg), das nach dem Deutschen Krieg bereits 1866 durch Preußen entmachtete Haus Hannover, welches erst 1913 seine Herrschaft in Braunschweig antreten konnte.[19]

Die Annexion des Königreiches Hannover durch Preußen am 20. September 1866 schnitt tief in die politische Geschichte Niedersachsens ein.

Preußen hatte im Deutschen Bund wie vor allem in Norddeutschland die Vormachtstellung erreicht. Das gewerblich wichtige, aber relativ kleine Herzogtum Braunschweig hatte sich ohnehin an Preußen angepasst.[20]

Das alte Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das 1814 auf dem Wiener Kongress mit kleinen Korrekturen in seinen alten Grenzen – nunmehr zum Herzogtum Braunschweig erhoben – wiederhergestellt worden war, bestand schließlich bis 1918, der Gründung des Freistaates Braunschweig.

Das neu gegründete Herzogtum Braunschweig umfasste mehrere nicht zusammenhängende Landesteile, zu dem auch das Gebiet zwischen Harz und Weser gehörte.

Von 1814-1918 bestanden im Herzogtum sechs Kreise.

Neben den Kreisen Braunschweig, Wolfenbüttel, Helmstedt, Gandersheim und Blankenburg gab es auch den Kreis Holzminden mit den Ämtern Holzminden, Stadtoldendorf, Eschershausen und Ottenstein.

Am 12. Oktober 1832 trat unter Herzog Wilhelm im Herzogtum Braunschweig eine relativ fortschrittliche Verfassung mit Grundrechtskatalog, einem „Einkammersystem“ und einer modernen Verwaltungsorganisation in Kraft, die Neue Landschaftsordnung.

Es war die erste Braunschweiger Verfassung, die mit ihrer konstitutionellen Staatsform eine ständige Vertretung des gemeinen Volkes vorsah.

Mittels der neuen Verfassung wurden sechs „Kreisdirectionen“, u.a. die Kreisdirektion Holzminden, als Mittelinstanz der allgemeinen Verwaltung gebildet und direkt dem Staatsministerium unterstellt.[21]

Hierdurch wurde die selbständige Gemeinde Hellental Teil des 1832 neu gebildeten Kreises Holzminden mit der „herzoglichen Kreisdirection Holzminden“; von nun an gehörten die Dörfer zum Kreisamt Stadtoldendorf.

Durch die Reichsgründung von 1871 konnte das Herzogtum Braunschweig zwar seine Selbständigkeit erhalten, jedoch wurde es in seinem Handlungsspielraum stark eingeengt.

So wurden die Kompetenzen immer mehr auf administrative Befugnisse und die Regelung lokaler Angelegenheiten beschränkt.[22]

Dadurch, dass sich der regierende Herzog Wilhelm zunehmend aus den Regierungsgeschäften zurückzog, kam es allmählich zur Quasi-Beamtenschaft mit monarchischer Spitze und stark liberal-konstitutionellen Zügen.[23]

Als Herzog Wihelm 1884 kinderlos und damit ohne Erben verstarb, „legte Preußen Einspruch gegen den 1879 in Form eines Regentschaftsgesetzes mit der jüngeren Welfenlinie von Hannover geschlossenen Erbvertrag ein und verhinderte dadurch die Übernahme Braunschweigs durch den erbberechtigten „Hannoveraner“ Ernst August von Cumberland“.[24]

Von 1885-1913 führte ein vom Deutschen Bundesrat gewählter Regentschaftsrat und später gewählte Regenten die Regierungsgeschäfte im Herzogtum Braunschweig, unter ihnen Johann Albrecht (1854-1920), Herzog von Mecklenburg-Schwerin.

Er war vom 05. Juni 1907 bis 01. November 1913 zugleich Regent des Herzogtums Braunschweig.[25]

Am 06. Januar 1922 wurde das Herzogtum Braunschweig ein Freistaat und erhielt eine demokratische Verfassung.

Am Ende des Ersten Weltkrieges, am 08. November 1918, erklärte Ernst August (1887-1953) als letzter Braunschweiger Herzog, wie alle seine fürstlichen Standesgenossen, den Thronverzicht für sich und alle seine Nachkommen.

Mit der „November-Revolution“ entstand vorübergehend eine „sozialistische Republik“.

Hiernach folgte 1918 der Freistaat Braunschweig, der später 1946 im Land Niedersachsen aufgehen sollte.[26]

Als Freistaat erhielt Braunschweig am 06. Januar 1922 eine neue demokratische Verfassung.

Während der zentralistischen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) wurde aus wirtschaftspolitischen Gründen[27] im Verlauf der Gebietsveränderungen im Salzgitter-Gebiet Ende 1941 der Kreis Holzminden aus seinem alten Stammland Braunschweig an den Regierungsbezirk Hildesheim der preußischen Provinz Hannover abgetreten.

Im Rahmen dieser Gebietsbereinigung erhielt Braunschweig zum Austausch das preußische Goslar.

Durch die Verordnung Nr. 55 der „Militärregierung Deutschland“ (Britisches Kontrollgebiet) vom 08. November 1946, welche rückwirkend zum 01. November 1946 in Kraft trat, vereinigte die nunmehr ihre ursprüngliche Souveränität verlierenden Länder Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zu dem neuen Land Niedersachsen, dem mit ca. 47.400 km² zweitgrößten Bundesland Deutschlands.

Die Ernennung von Hinrich Wilhelm Kopf zum ersten Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen durch den Gebietsbeauftragten der britischen Militärregierung am 23. November 1946 wurde zum offiziellen Gründungstag des Landes.[28]

Seit 1978 war, nach Auflösung des Regierungsbezirks Hildesheim, der ehemals Braunschweiger Landkreis Holzminden der Bezirksregierung Hannover unterstellt gewesen, die schließlich selbst im Zuge einer Verwaltungsreform zum 31. Dezember 2004 aufgelöst wurde, wie auch die anderen Bezirksregierungen Niedersachsens.

Am 23. November 1972 war im Niedersächsischen Gesetz- und Verordnungsblatt[29] das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raum Holzminden“ veröffentlicht worden, wonach gemäß § 5 Abs. 3 die Gemeinden Heinade, Hellental und Merxhausen zu einer Gemeinde Heinade zusammengeschlossen wurden.

Im alten braunschweigschen Land gelegen, gehört seither die ehemals selbständige Gemeinde Hellental als Ortsteil zur 9,07 km² umfassenden, 1.027 Einwohner (Stand: 23.03.2005) zählenden Gemeinde Heinade im südlichen Bereich der Samtgemeinde Stadtoldendorf, am östlichen Rand des Landkreises Holzminden, unmittelbar an den ehemals hannoverschen Landkreis Northeim und damit an den ehemaligen Regierungsbezirk Braunschweig grenzend.

 

Wechsel vom Land Braunschweig zum Land Hannover

Hellental lag ursprünglich geschichtlich-traditionell nicht im welfischen Einflussbereich oder Bevölkerungskreis.

War von Beginn an das Hellental wie das gleichnamige Sollingdorf „braunschweigisch“ und wurde in seiner Entwicklung daher auch maßgeblich von der Braunschweiger Landesgeschichte geprägt, so gehört es heute zum Zuständigkeitsbereich der Bezirksregierung Hannover im 1946 gegründeten Bundeslandes Niedersachsen.

Seine Zugehörigkeit zum Land Braunschweig war durch eine territoriale, natürliche Rand- und Grenzlage in einem „geradezu grotesk zersplitterten Staatsgebiet“ gekennzeichnet.

Seit seiner Gründung zur Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmen zeitlich nacheinander wirkende historische Faktoren die Entwicklung des kleinen Arbeiter-Bergdorfes Hellental bis in unsere Zeit.

Ein enges dörfliches Zusammengehörigkeitsgefühl sowie ein organisch gewachsenes, besonderes „Einheitsbewusstsein“ bestimmen noch heute das Hellentaler Gemeinwesen, trotz historischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen.

Noch um 1800 grenzten die östlichen Tal- und Hangbereiche des Hellentals an das Hochstift Hildesheim mit dem Amt Hunnesrück (nördlich) und an das Amt Uslar (südlich) des Fürstentums Göttingen.

Zunächst gehörte Hellental als selbständige Gemeinde zu dem seit 1654 bestehenden Amt Allersheim und wurde dann 1825 dem Kreisamt Stadtoldendorf (mit allgemeiner Verwaltung und niederer Gerichtsbarkeit) unterstellt.

Stadtoldendorf (Stadtrechte seit 1245) war Sitz des Stadtgerichtes, dem auch die Untersuchung und das Erkenntnis in niederen Strafsachen bzw. die Zivil- und niedere Strafgerichtsbarkeit oblag.

Durch das Gesetz vom 12. Oktober 1832 wurde von Herzog WILHELM von Braunschweig u. a. die Schaffung der "Kreisdirection Holzminden" erlassen.

Hierdurch wurde Hellental auch Teil des 1833 gegründeten braunschweigschen Kreises Holzminden.

Um 1852/1859 bildeten die Grenzen des Amtes Erichsburg sowie des Amtes Uslar (Fürstentum Göttingen) die östliche braunschweigsche Landesgrenze im Hellental.

Das Herzogtum Braunschweig, das 1814 in seinen alten Grenzen wiederhergestellt worden war, bestand bis 1918. Am 08. November 1918 erklärte Ernst August - letzter Herzog von Braunschweig - den Thronverzicht für sich und alle seine Nachkommen.

Hiernach gab es den Freistaat Braunschweig.

In der Zeit der zentralistischen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933 - 1945) wurde im Verlauf der Gebietsveränderungen im Salzgitter-Gebiet der Kreis Holzminden aus seinem alten Stammland Braunschweig Ende 1941 an den Regierungsbezirk Hildesheim der preußischen Provinz Hannover abgetreten.

1832 war als eine von sechs Mittelbehörden für die „Provinzen“ im Königreich Hannover die Landdrostei Hildesheim entstanden, die 1885 in der preußischen Verwaltungsreform umbenannt zu einem eigenen „Regierungsbezirk“ wurde.

1941 wurde - nach 532 Jahren - auch das Hellentaler Gebiet aus der territorialen Einheit des braunschweigschen "Weserdistricts" herausgelöst und zugeordnet preußisch, unterstellt der hannoverschen Provinzialverwaltung.

Nach dem die NS-Gewaltherrschaft des Dritten Reiches zusammengebrochen war, übernahm das britische Militär die volle Regierungsgewalt in seiner Besatzungszone.

Eine Woche vor der deutschen Kapitulation wurde am 01. Mai 1945 der Sozialdemokrat Hinrich Wilhelm Kopf (1893-1961), "der rote Welfe", als Regierungspräsident von Hannover eingesetzt.

Am 23. November 1946 entstand aus dem Zusammenschluss der preußischen Provinz Hannover mit den Reichsländern Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe de facto das heutige Bundesland Niedersachsen mit Einsetzung der ersten niedersächsischen Staatsregierung unter dem Ministerpräsidenten Kopf, nachdem die Verordnung Nr. 55 der britischen Militärregierung hierfür am 01. November 1946 die rechtliche Grundlage geschaffen hatte.

Niedersachsen wurde flächenmäßig das zweitgrößte deutsche Bundesland.

Am 09. Dezember 1946 trat der Niedersächsische Landtag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.

Hellental war nach 1941 der Bezirksregierung Hildesheim bis zu deren Auflösung im Jahr 1977 über seine Zugehörigkeit zum Landkreis Holzminden „unterstellt“.

Seit dem 1. Januar 1971 ist die ehemals selbständige Gemeinde Hellental als Ortsteil zur Gemeinde Heinade gehörend, die als Mitgliedsgemeinde zur Samtgemeinde Stadtoldendorf zählt.

Der im Zuge der Gebietsreform 1973/74 neu gestaltete Landkreis Holzminden - mit der Kreisstadt Holzminden als Mittelzentrum - umfasst eine Fläche von 692,38 km², wobei die Waldfäche mit 45,5 % einen überdurchschnittlich hohen Anteil einnimmt, bedingt durch seine Mittelgebirgslage.

Der vergleichsweise geringere Anteil der Landwirtschaftsfläche beträgt rund 43 %.

Die Siedlungs- und Verkehrsflächen sind mit 9,1 % deutlich unterdurchschnittlich.

Die Einwohnerdichte des Landkreises betrug im Jahr 2002 etwa 117 Einwohner pro km².

Im Rahmen der regionalen Zusammenarbeit gehört der Landkreis Holzminden seit 1992 dem Regionalverband Südniedersachsen an und befindet sich seit dem Jahr 2000 in einer regionalen Entwicklungskooperation mit benachbarten Landkreisen entlang der Weser (Weserbergland Region).

 

Die konfessionellen Verhältnisse

Erst nach dem Tod von Herzog Heinrich dem Jüngeren öffnete sich das Land dem Luthertum.

Bis auf wenige Exklaven war um 1580 das gesamte niedersächsische Gebiet evangelisch.

Die konfessionellen Verhältnisse im Herzogtum Braunschweig blieben bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend konstant.

War bis dahin das Herzogtum fast ausnahmslos protestantisch.

In Wolfenbüttel war die erste protestantische Kirche (Marienkirche) errichtet worden.

Im Zuge der Industrialisierung ließen sich meist polnische Katholiken auch in den Dörfern nieder, wo sie in der Erntesaison Arbeit fanden.

Trotzdem blieb der prozentuale Anteil der katholischen Bevölkerung im Herzogtum Braunschweig bemerkenswert gering.

Die noch heute in Hellental vorherrschende religiöse Zugehörigkeit ist daher eine evangelisch-lutherische.

Wie auch die Personenstandsdaten der ersten Besiedlungsphase im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts für Hellental (Glashütte "Zur Steinbeke") erkennen lassen, waren die „aus dem Mecklenburgischen” kommenden Glasmacherfamilien (u.a. Gundelach, Wentzel) allesamt evangelisch.

 

Grünlandtal & Glasmacherort ⎸Enge Verbindung von Menschen, Geschichte & Natur

Als Tal und Kapellendorf (269 m) bildet das im Inneren des Sollings gelegene Hellental noch heute eine enge Verbindung von Menschen, Geschichte(n) und Natur.

Es ist ein historisch interessanter, noch heute von schwerer menschlicher Arbeit geprägter Lebens- und Kulturraum im nördlichen Solling.

Hierbei kam von Anfang an dem Wald als Wirtschaftsraum des Menschen eine zentrale Bedeutung zu.

Im Herbst 2004 konnten erstmals archäologische Aktivitätsspuren prähistorischer Menschen im Verlauf des Hellentales nachgewiesen und der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) zugeordnet werden.

Daher kann heute davon ausgegangen werden, dass bereits vor 8.000-10.000 Jahren nacheiszeitliche Menschen den wiederbewaldeten Naturraum des Hellentales auf ihrer Suche nach Nahrungsquellen durchstreift haben.

Bereits während des Mittelalters wurden im Hellental von traditionellen Glasmacherfamilien mehrere Wanderglashütten betrieben, so dass, historisch betrachtet, die Gewerbe- und Siedlungsgeschichte des mittelalterlichen und neuzeitlichen Hellentales zugleich auch ein Teil der Glasgeschichte des Sollings wie der Norddeutschlands ist.

Die Bedeutung des Hellentales für die regionale Glasgeschichte ist zwar in Fachkreisen seit langem gut bekannt, hingegen aber meist nur fokussiert auf den frühneuzeitlichen Glashüttenstandort „Zur Steinbeke“ in dem westlichen Seitental, in dem das alte frühneuzeitlich angelegte Oberdorf eingeduckt liegt.

Im Spiegel älterer wie insbesondere neuerer archäologischer Funde lässt sich inzwischen aber der gesamte Verlauf des Sollingtales als Glashüttengebiet neu definieren, dabei einen Zeitraum vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit umfassend.

Das Dorf Hellental liegt "in einem Thale, das sich in den Solling hinaufzieht".[29]

Mit der allgegenwärtigen Landschafts- und Ortkulisse des Hellentals, mit seinem ausgedehnten Naturschutzgebiet, bildlich verbunden sind seit jeher intakte Natur, besondere Schönheit, „Oase” der Besinnlichkeit, Ruhe, Friedlichkeit, Gastfreundschaft und Erholung.

Der noch weitgehend erhaltene historische Ortskern des vorindustriellen Arbeiter-Bergdorfes Hellental, das alte Oberdorf, ist harmonisch in die umgebende Landschaft des besonderen Hellentaler Naturraumes eingebunden.

Folgt man noch heute, gelegentlich auch von Ortsfremden erzählten Geschichten, so wurde Hellental, bis in die jüngsten Jahrzehnte hinein, als besonders eigentümliches und geheimnisvolles, ja geradezu „mystisches“ Dorf empfunden, fernab jeglicher sonstiger menschlicher Besiedlung in einem abgelegenen, einsamen Waldwinkel des nördlichen Sollings.

Die beiden „traditionellen Ortshymnen” von Hellental lauten seit langem:

 

Weißt Du nicht, wo Hellental liegt?

Hellental liegt im Loche!

Und wenn Du alles sehen willst,

so brauchst Du eine Woche!

 

Weißt Du nicht, wo Hellental liegt?

Hellental liegt am Berge!

Wo’s die schönen Mädchen gibt,

da bin ich so gerne.

 

Die Dorfgeschichte Hellentals im hier betrachteten Zeitraum des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts entfaltete sich nicht – wie bei einem ersten Blick auf seine geografische Ortslage zunächst nahe liegend angenommen werden könnte – völlig isoliert vom regionalen, überregionalen, bis hin auch nationalen und europäischen Umfeld, gleichsam wie auf einer entfernten Insel im abgelegenen, wenig besiedelten Solling des südniedersächsischen Berg- und Hügellandes.

Das für Hellental erarbeitete und als Band 1 der „Dorf-Schriften-Reihe“ im Dezember 2003 veröffentlichte Ortsfamilienbuch skizziert den Werdegang des kleinen Arbeiter- und Handwerkerdorfes im Nordsolling, verbunden mit Wirtschafts- und Sozialaspekten auf individueller Ebene seiner Familien und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Strukturen vom zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts bis zu den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Anhand verkarteter Personenstandsdaten, der dabei ermittelten familiären Zusammenhänge sowie mittels des dargestellten Spektrums der Standes- und Berufsbezeichnungen spiegelt sich, wie bei den benachbarten spätmittelalterlichen Bauerndörfer, die enge personengeschichtliche Verknüpfung des Hellentaler Familien- und Arbeitslebens im 18.-20. Jahrhundert anschaulich wider.

Von besonderer, an dieser Stelle bereits hervor zu hebender ortsgeschichtlicher Bedeutung ist für Hellental, dass auf Grund der genealogisch ermittelten Personenstandsdaten

  • die Gründung der ortsfesten Waldglashütte Zur Steinbeke als Kleinsiedlung und damit der Beginn der ersten großen, neuzeitlichen Besiedlungsphase des Hellentals für die Zeit um 1715/1717 datiert werden kann, so dass das Dorf Hellental heute auf eine fast 300-jährige Ortsgeschichte zurück blicken kann;
  • quellenmäßig hinreichend belegt werden kann, dass ab 1746 erstmals der Flurname "Hellenthal" auch als Ortsname allgemeine Verwendung findet. Zu Beginn der zweiten Besiedlungsphase - im Zeitraum um 1755/1757 - wird "Hellenthal" (ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hellental) bleibender Dorfname. Somit ist der heutige Ortsname rund 270 Jahre alt. Die Ursprungsform des alten Flurnamens Hellental dürfte hingegen bereits im Mittelalter (12. Jahrhundert) entstanden sein.

 

Der „Hellentaler Graben”

Geografisch gesehen, liegt das Hellental in der Region Süd-Ost-Niedersachsen, landschaftsräumlich im Weserbergland.

Geologisch betrachtet, ist das Hellental ein Teilgebiet der von Südwesten nach Nordosten, von Meinbrexen an der Weser bis Merxhausen mit dem Heukenberg, das mächtige Sollinggewölbe geradlinig querenden Grabensenke, die „Hellentalfurche“ [31], in der jüngere Gesteinsschichten wie Unterer Muschelkalk als präoligozän versenkte Schollen und Tertiär liegen.

Das Hellental ist ein optisch reizvolles, in diese Grabensenke hinein entwickeltes Muldental in der südniedersächsischen Mittelgebirgslandschaft, im nördlichen Massiv der Buntsandsteinkuppel des Sollings.

Die auffällige Landschaftsform des „Hellentaler Grabens” ist ein erdgeschichtliches Zeugnis von besonderer Seltenheit und Schönheit zugleich und kann als kleines regionales „Archiv” der erdgeschichtlichen Entwicklung angesehen werden.

Im Naturraum Hellental kann man in engster Nachbarschaft unterschiedliche geologische Formationen antreffen, wie beispielsweise den für das Solling-Mittelgebirge typischen Buntsandstein, Muschelkalk und eiszeitliche Fließerden, aber auch imponierende Karsterscheinungen, wie Bachschwinden und Erdfälle.

An diese „geradlinig gestreckte Achse des kleinen Hellentals“ lehnt sich die den Solling querende Grenze des alten Landes Braunschweig an.[32]

 

Der Autor, ein preußisch-braunschweigischer Landesgrenzstein („P“) und interessierte „Zuschauer“ im oberen Hellental anlässlich der kulturhistorischen Bestandsaufnahme von Landes- und Ämtergrenzsteinen im gesamten Hellental, hier am 19. Mai 2005, im Rahmen des Förderprojektes „Kulturhistorisches Kataster Landkreis Holzminden“

Fotografie: Detlef Creydt

 

Hellental - Wiesental & Naturschutzgebiet

Die Entstehung wie das heutige Erscheinungsbild des aufgelockerten Lebensraumes, mit seinem Nebeneinander von Wiesen, Weiden, Gebüschen, Einzelbäumen und Wäldern, wurde vom Menschen und seinem wirtschaftlichen Wirken bis heute nachhaltig bestimmt.

Das Hellental ist mit dominierender Höhenlage zwischen etwa 300-400 m üNN ein innerhalb einer reizvollen, waldreichen Landschaft in einem der schönsten Wiesentäler des Unteren Sollings gelegenes, lang gestrecktes muldenförmiges Tal.

Dabei ist das Hellental fast vollständig von Wäldern umgeben. Buchenwälder reichen bis an das Bergdorf Hellental heran.

Einst charakterisierte die offene Landschaftsform das Bild des moderat ansteigenden Sollingtals.

Das heutige, etwa 6,5 km lange, 1990 unter Naturschutz gestellte Hellental ist ein von menschlicher Arbeit und vom Wirtschaften geprägter Lebens- und Kulturraum, ein als typisches Grünlandtal tief in den nördlichen Hochsolling eingeschnittenes Wiesental mit der Schutzkategorie „Naturschutzgebiet”.

Das Hellental liegt im 536 km² umfassenden „Naturpark Solling-Vogler”, einem Landschaftsschutzgebiet.

Die südwestlich das obere Hellental flankierenden Höhenzüge steigen auf etwa 520 m üNN an, im unteren, nordöstlichen Hellental auf etwa 420 m üNN.

Das kleinräumig gegliederte, überwiegend schwach bis mäßig geneigte, extensiv genutzte Grünland des Hellentals - als großem noch landwirtschaftlich genutztem Wiesental des Sollings - sowie der über größere Strecken naturnahe Bachverlauf der Helle stellen einen besonders erlebniswirksamen Raumtyp dar, mit hervorragend ausgeprägter Eigenart, aber auch mit ausgeprägter Vielfalt und Naturwirkung.

Es sind dies die anerkannten Voraussetzungen für ein besonders günstiges Landschaftserleben.

Hellental ist mit seiner Umgebung ein ideales Wandergebiet in moderater Mittelgebirgslage.

Neben offenen Grünlandflächen wird sein Landschaftsbild auch von markanten Einzelbäumen und anderen Gehölzen geprägt.

Das Hellental war etwa bis zum Ende der 1950-er Jahre ein reines, offenes Wiesental, das überwiegend zur Heuwerbung gemäht wurde.

Der waldbedeckte Berg- und Hügellandsaum des Hellentals beheimatet noch heute Habitate mit Biotoptypen von hoher bis sehr hoher Bedeutung für den Schutz von Arten und Lebensgemeinschaften, wie Laubwald mit überwiegend standortheimischer Zusammensetzung der Baumarten.

Das Hellental charakterisieren darüber hinaus Quellen, Hangquellmoore, im Talgrund das Fließgewässer Helle, Niedermoorflächen, Borstgrasrasen im südlichen Hellental, Bergwiesenfragmente, Wirtschafts-, Feucht- und Nassgrünland.

Vegetationskundlich bestehen, neben Pflanzengesellschaften extensiv genutzter, blütenreicher Fettweiden im mittleren Hellental, auch kleinflächige Pflanzenmosaike aus nährstoffreichen Feuchtwiesengesellschaften und Kleinseggensümpfen.

 

„Die Grenze” im „Tal der 200 Quellen”

Die Talsohle des Hellentales kann auch als historisches „Grenzland” faszinieren, begleitet von erhaltenen, regionalgeschichtlich bedeutsamen Original-Grenzsteinen mit territorialer Kennzeichnung.

Der landschaftsprägende Bach des Hellentals ist die weitgehend naturnah erhaltene, „muntere Helle“, die mit einem erheblichen Gefälle mäandrierend das tief in den Solling eingeschnittene Wiesental munter und schnell durchfließt.

Die Helle ist in wirtschaftlicher Hinsicht immer ein völlig unbedeutender Sollingbach gewesen.

Zugleich ist die Helle seit Jahrhunderten ein territorialer Grenzbach mit teilweise erhaltenen Grenzsteinrelikten als Zeugen einer bewegten Regionalgeschichte.

Im Dorf Hellental wird der Mittelgebirgsbach daher noch heute „Die Grenze“ genannt.

Insbesondere im Frühjahr plätschern aus vielen Verwerfungsquellen gespeist kleine Rinnsale und Bäche die mehr oder minder steilen Berghänge beiderseits der Helle die Wiesen herunter, weshalb das Hellental früher auch als „Tal der 200 Quellen“ bezeichnet wurde.

 

Das alte Hellentaler Oberdorf

Das Dorf Hellental ist ein zur Mitte des 18. Jahrhunderts aus einer aufgegebenen, neuzeitlichen Grünglashütte mit Hüttensiedlung entstandenes, vorindustrielles Arbeiter- und Landhandwerkerdorf im ansonsten eher siedlungsleeren Nordsolling am östlichen Rand des Landkreises Holzminden.

 

Panorama des noch heute in seinen historischen Grundzügen weitgehend erhaltenen alten Oberdorfes von „Hellenthal“ um 1910

Links im Vordergrund der traditionelle Dorfkrug, die „Timmermann’sche Gastwirtschaft“ als „unterer Kreuger“ (heute: „Landgasthaus Lönskrug“); rechts zurückgesetzt das zweistöckige Fachwerkgebäude der alten Dorfschule mit Lehrerwohnung und Glockenturm als Dachreiter, davor verdeckt die kleine ev.-luth. Dorfkapelle mit davor liegendem alten Friedhof („Küster’s Kampe“); links daneben die alte „Seitz’sche Mühle“, davor quer verlaufend die „Kwietsche“ (der alte Kirchweg); in der Bildmitte gut erkennbar die großkronige „Friedenseiche“ am Dorfplatz mit Mühlenteich und Blick auf die unbefestigte Dorfstraße mit den Fachwerkhäusern des Oberdorfes; oben, den steilen Straßenzug abschließend das relativ abgelegene, große zweistöckige Armen- oder Gemeindehaus; im Hintergrund die an den mäßig steilen Berghängen gelegenen Gewannflure für das seinerzeit übliche kleinbäuerliche Wirtschaften

Fotografie: Privatsammlung von Gerda Lotzmann, Dassel

 

Trotz seines Ursprungs als ortsfeste Glashüttensiedlung erlangte Hellental hingegen aber keine wesentliche Bedeutung für die besondere Glasgeschichte des Weserberglandes.

Anders als die benachbarten, spätmittelalterlichen Sollingrand- und Bauerndörfer Heinade und Merxhausen als älteste Ansiedlungen ist Hellental somit erst relativ spät von Menschen während zweier Besiedlungsphasen dauerhaft mit einer zeittypisch wachsenden Bevölkerung besiedelt worden.

Als im Dorfkern dicht bebautes Arbeiter-Migrationsdorf liegt Hellental seither siedlungstypisch und fast unverändert an einen steilen Hang geschmiegt in einem trichterförmigen Seitental des Hellentales, mit dem historischen Dorfmittelpunkt um eine Bergquelle im heutigen Oberdorf.

In manchem Winter war die steile Dorfstraße so glatt geworden, dass mancher Anlieger Socken über seine Schuhe gezogen hat, um auf der Straße gehen zu können.

Im 20. Jahrhundert kamen schrittweise zwei neue, gut abgegrenzte Siedlungsbereiche hinzu,

  • zunächst die Siedlung „Sollingstraße” (1930er Jahre),
  • später auch die Siedlung „Berliner Straße” (1980er Jahre).

Dennoch wird Hellental heute noch als ein in die Landschaft und Natur harmonisch eingebundenes Bergdorf empfunden.

 

Bleistiftzeichnung von H. Meyer aus Hannover, September 1900

 

Die „Dorfstraße in Hellenthal“ im September 1900

In einer kleinen, sorgsam ausgeführten Bleistiftzeichnung wurde am 11. September 1900 die „Dorfstraße in Hellenthal” von dem Braunschweiger Kunstmaler Heinrich Meyer skizziert (perspektivisch allerdings etwas verzerrt).[30]

Die Zeichnung zeigt einen Prospekt der alten, unbefestigten Hellentaler Dorfstraße (heute: Hauptstraße) im Oberdorf mit Blick auf die steile Straße mit dem in Sandstein gefassten Brunnen der Bergquelle und zweistöckigen Fachwerkhäusern, teilweise bautypisch als „Sollinghaus” errichtet.

Unterhalb des Brunnens ist am rechten Straßenrand ein Leiterwagen mit aufgeschichteter, herbstlicher Heuernte, am linken Bildrand nur angedeutet die damalige Bäckerei dargestellt.

Davor befinden sich sorgfältig „aufgebanste” Holzbretter, wohl als Brennholzvorrat für die alte Bäckerei.

Oberhalb davon kommt eine für das „Solling-Fachwerkhaus” typische Freitreppe mit davor abgestelltem Leiterwagen zur Darstellung.

Vom unteren zum oberen Bildrand aufsteigend dargestellt die Wohnhäuser von Karl Grimme, Strohmeier (zuvor Karl Bitter), W. Eikenberg, Heinrich Eikenberg / Georg Sturm (Otto Timmermann), Christel Hasselmann (Kuhlmann, Patermann-Eikenberg), August Düwel (Mickein), Bernhard Eikenberg, August Meier und Richard Gehrmann.

 

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] Zum historischen Bild von Heinrich dem Löwen, dem „Identitätsträgers der Region Braunschweig“, und zur „Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235“ wird auf den gleichnamigen Katalog (Band 1–3) zur Ausstellung in Braunschweig (1995) verwiesen [LUCKHARDT/NIEHOFF 1995].

[2] HOFFMANN 2004, S. 12.

[3] HOFFMANN 2004, S. 32.

[4] Nds. Landeszentrale 2004, S. 165.

[5] HOFFMANN 2004, S. 18.

[6] HAUPTMEYER 1995.

[7] „Everstein’scher Löwe“ im Wappen des Landkreises Holzminden.

[8] Aldenthorp oder Oldendorpe

[9] PARTISCH 2005, Kapitel A, S. 12 ff.

[10] HAUPTMEYER 2004, S. 87f.

[11] Wilhelm Raabe in „Hastenbeck“ [1889/1985].

[12] JARCK/SCHILDT, 2000; BIEGEL 1997.

[13] JARCK/SCHILDT, 2000.

[14] BIEGEL 1997.

[15] zit. in BIEGEL 1997.

[16] JARCK/SCHILDT, 2000.

[17] HOFFMANN 2004, S. 48.

[18] Herzog von Braunschweig und Herzog zu Braunschweig-Bevern.

[19] JARCK/SCHILDT, 2000.

[20] HAUPTMEYER 2004, S. 106 f.

[21] HOFFMANN 2004, S. 48; JARCK/SCHILDT 2000.

[22] HOFFMANN 2004, S. 26.

[23] HOFFMANN 2004, S. 48.

[24] zit. HOFFMANN 2004, S. 49.

[25] Vom 16. – 19. Juni 1909 kam in Begleitung seiner Gemahlin Elisabeth „Seine Hoheit der Herzog Johann-Albrecht zu Mecklenburg, Regent des Herzogtums Braunschweig zu Besuch im Kreise Holzminden“ (Täglicher Anzeiger, Ausgabe № 138 vom Donnerstag, 17. Juni 1909).

[26] JARCK/SCHILDT, 2000.

[27] Gründung der Stahl erzeugenden Reichswerke in Salzgitter-Watenstedt (Hermann-Göring-Werke).

[28] HOFFMANN 2004, S. 70.

[29] LAMBRECHT 1863, S. 704, 706.

[30] Der aus Braunschweig kommende Kunstmaler Heinrich Meyer war zumindest um die Augustmonate 1925/1926 Logiergast in der Bäckerei von Wilhelm Klapproth in Wildemann im Harz. Heinrich Meyer, der von seinem Gastgeber als „eine Seele von Mensch“ beschrieben wurde, bestritt in Braunschweig mit einem kunstgewerblichen Geschäft seinen Lebensunterhalt. Die für Hellental besonders wertvolle Original-Bleistiftzeichnung gelangte schließlich mit einer Sammelmappe einiger Wildemann-Bleistiftskizzen von dessen über 80jährigen Sohn (bei Düsseldorf) 2002 zu dem historisch interessierten Bäcker- und Konditormeister Rolf Klapproth, Sohn von Wilhelm Klapproth in Wildemann/Harz. Die Bleistiftzeichnung wurde dann von Rolf Klapproth Anfang März 2003 Dr. Klaus Weber, Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen, für Vereinszwecke überlassen.

[31] MODERHACKL 1979, S. 3.

[32] MODERHACK 1979, S. 11.