„Napoleonische Epoche" (1807-1813)

Klaus A.E. Weber

 

Eine gewaltige europäische Ära

Mit dem Volksaufstand in Paris und dem Sturm der Pariser Volksmassen auf die Bastille – dem Symbol des absolutistischen Despotismus - am 14. Juli 1789 begann die „Französische Revolution“.

Sie repräsentiert den Beginn eines auf allen Ebenen dramatischen Aufbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts.

Dessen epochale Wirkung und Ausstrahlung führte zu nachhaltigen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in Europa, wie beispielsweise zur Ablösung der feudalen Rechts- und Eigentumsordnung und Wegbereitung der modernen Demokratie.

Insbesondere entwickelte sich seit der Französischen Revolution ein militanter Nationalismus.

Französische Revolution Wikipedia

Die besondere Persönlichkeit von Napoleon Bonaparte / Napoleon I. (1769-1821), dem „korsischen Patrioten“ und „Genie der Neuzeit“, ragt mächtig aus dem Zeitalter der Revolution und des Kaiserreiches.

Der Staatsmann und Feldherr Napoleon I. gilt als ein Wahrer der „Französischen Revolution“, als ein Freund von Maximilien de Robespierres und ein Verehrer Jean-Jacques Rousseau.[1]

Letztlich war er aber auch ein eiskalter Machtpolitiker.

Nachdem Napoleon am 02. Dezember 1804 durch Pabst Pius VII. in der Kathedrale Notre-Dame de Paris zum erblichen „Kaiser der Franzosen“ gekrönt worden war, begannen in Europa erbarmungslose Eroberungskriege, die „Koalitions- und Befreiungskriege“ der französischen Revolutionsheere.

Befreiungskriege Wikipedia

Dabei setzte Napoleon I. in den von ihm eroberten Gebieten und Länder auch seine Brüder als Regenten ein.

Da Napoleon I. sein Hegemonialbestreben immer mehr auf deutsche Gebiete ausweitete, versuchte Preußen in strategischer Koalition mit dem russischen Zarenreich vergeblich, die deutschen Grenzen zu verteidigen.

Rußland schied 1807 aus dem Zweckbündnis aus, wodurch Preußen noch im selben Jahr, am 08. Juli 1807, von Frankreich mit dem Friedensvertrag von Tilsit gezwungen wurde, auf alle seine Besitzungen westlich der Elbe zu verzichten.

Die vielfachen wie vielschichtigen Auswirkungen dieser „revolutionären“ europäischen Epoche erreichten letztlich auch das Leben und Arbeiten der Einwohner und Familien in der Dorfregion von Heinade, Hellental und Merxhausen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

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Die Franzosenzeit von 1806-1815

Am 26. Oktober 1806 wurde das Land Braunschweig von der „Grande Armée“ unter Napoleon I. besetzt, der das Haus Braunschweig für abgesetzt erklärte.

Bereits wenige Tage zuvor, am 21. Oktober 1806, hatte sich der Herzog von Braunschweig in den Schutz Napoleons I. begeben.

Am 08. November war die Festung von Hameln an die französische Armee übergeben worden.

Die nun auch im Braunschweiger Weserdistrikt beginnende „Franzosenzeit“ währte bis 1815.

Die französische Besatzungsmacht führte in dieser Zeit Verwaltungsreformen in Anlehnung an französische Vorbilder durch, wie

  • Trennung von Staat und Kirche,

  • von Justiz und Verwaltung,

  • Gleichheit aller Untertanen etc.

Das Herzogtum Braunschweig blieb nur kurzzeitig - bis Ende 1813 - Bestandteil des napoleonischen „Westfälischen Zwischenspiels“, des künstlichen Königreiches Westphalen [2], in dem auch das benachbarte Kurfürstentum Hannover aufgegangen war.

Nach der militärischen und politischen Niederlage von Napoleon I., die die „Franzosenzeit“ beendete, wurden nach 1815, in der Phase der politischen Restauration, alle politischen Liberalisierungsmaßnahmen zurück genommen

Als erfolgreicher preußischer General der Befreiungskriege wurde der „Schwarze Herzog“, Friedrich Wilhelm von Braunschweig (1771-1815), gefeiert.

Friedrich Wilhelm (Braunschweig-Wolfenbüttel) Wikipedia

 

Zwischenspiel des Königreiches Westphalen (1807-1813) & der fortschrittliche Code Civil mit „gleichem Recht für alle“

Der nordwestdeutsche Raum wurde im napoleonischen Zeitalter neu gegliedert.

Hierbei wurde das Herzogtum Braunschweig durch Napoleon I. per Dekret vom 28. Oktober 1806 in Besitz genommen.

Das somit französisch besetzte Herzogtum wurde sodann mit Dekret vom 18./28. August 1807 dem neu geschaffenen Königreich Westphalen einverleibt, das Napoleon I. nach dem Frieden von Tilsit geschaffen hatte.

Damit standen große Teile Niedersachsens direkt oder indirekt unter französischer Herrschaft.

Königreich Westphalen Wikipedia

Am 19. August 1807 dekretierte Napoleon I. die Verfassung des Königreiches Westphalen und proklamierte zugleich seinen jüngsten Bruder Jérôme Bonaparte zum König des neuen Herrschaftsgebietes.

Im französischen Königreich Westphalen wurde eine Verfassung errichtet, „die alle wesentlichen bürgerlichen Freiheitsrechte gewährte“.[3]

So wurde 1808 als Gesetzessammlung der fortschrittliche "Code civil des Francais" eingeführt.

Das später auch als „napoleonischer Code Civil“ bezeichnete Gesetzeswerk war zuvor am 12. Mai 1806 von der Gesetzgebenden Körperschaft in Paris angenommen.[4]

Code civil Wikipedia

Mit der neuen Verfassung wurde liberalisierend die Gewerbefreiheit eingeführt und die alten bäuerlichen Lasten abgelöst.

Verwaltung und Rechtsprechung wurden getrennt oder Standesvorrechte abgeschafft.

Dadurch wurden alte Vorrechte des Adels aufgehoben und die Gilden aufgelöst.

Die Umsetzbarkeit des neuen französischen Rechts setzte die Abschaffung der Grundherrschaft und die rechtliche Absicherung von Eigentum und Besitz voraus und damit die Einlösung von Forderungen des französischen Bürgertums

  • persönliche Freiheit,

  • Gleichheit vor dem Gesetz,

  • Laizitität des Staates,

  • Gewissensfreiheit,

  • Arbeitsfreiheit.

Für die bäuerliche Bevölkerung brachte daher die französische Fremdherrschaft zunächst Erleichterungen, wie beispielsweise 1808 die Abschaffung sämtlicher Herrendienste.

Bald darauf bekam die bäuerliche Bevölkerung jedoch auch die Schattenseiten der französischen Besatzung zu spüren.

Trotz aller französischer Liberalisierung waren durch die umfangreichen Nahrungs- und Futtermittelablieferungen, Steuererhebungen, Truppeneinquartierungen und Soldatenaushebungen die materiellen wie finanziellen Belastungen außerordentlich hoch bei gleichzeitigem wirtschaftlicher Niedergang.

Zudem wurde von den Franzosen ein ausgeklügeltes Spitzel- und Spionagesystem unterhalten.

Auch kam es zeitweise zu Übergriffen französischer Soldaten auf die Zivilbevölkerung.[5]

Dies zusammen führte schließlich zu einem wachsenden Unmut innerhalb der Bevölkerung.

Das Königreich Westphalen war und blieb letztlich ein „Kunststaat“, ohne gemeinsame Vergangenheit seiner Mitglieder.

Zugleich diente das künstliche Königreich auch als „napoleonischer Modellstaat“ par excellence, von der Hauptstadt Cassel aus regiert.

Mit der napoleonischen Fremdherrschaft und Gründung des Königreiches Westphalen ging die über Jahrhunderte währende Amtsverfassung zu Ende.

Alle Braunschweiger Ämter, die als untere Justiz- und Verwaltungsbehörden entstanden waren, wurden 1807 durch den am französischen Vorbild orientierten Behördenaufbau des Königreiches Westphalen konsequent beseitigt, ohne jedoch historische Entwicklungen zu berücksichtigen.

Die seit Anfang des 16. Jahrhunderts bestehenden Ämter „Obere Börde“ Wickensen und Allersheim wurden aufgelöst.

Der neu gebildete „Kanton Stadtoldendorf“, zu dem auch Heinade, Hellental und Merxhausen gehörte, wurde dem Distrikt Einbeck und damit dem „Leine-Departement Göttingen“ zugeordnet.

Durch den anhaltenden Kriegszustand verschärfte sich schließlich die wirtschaftliche Lage.

Zudem war von Napoleon I. am 21. November 1806 im besetzten preußischen Berlin das Dekret der „Kontinentalsperre“ gegen seinen größten Widersacher England erlassen worden, um es wirtschaftlich durch einen Handelsboykott zu schwächen.

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Während der napoleonischen Ära kam somit der Handel weitgehend zum Erliegen, da durch die „Kontinentalsperre” sowie die innereuropäischen Zollgrenzen ein freier Warenaustausch kaum noch möglich war.

Hiervon war die exportorientierte häusliche Leinenweberei besonders hart getroffen.

Erst in der nachnapoleonischen Epoche sollte wieder ein allmählicher, sich qualitativ verändernder Aufschwung von Handel und Gewerbe einsetzen.

 

„Russland-Feldzug“ von 1812 - militärisches Fiasko der „Großen Armee“ unter Napoleon I.

Das französische Kaiserreich von Napoleon I. besaß um 1812 seine größte Ausdehnung.

Im Zusammenhang mit der von Napoleon I. 1806 verhängten „Kontinentalsperre“ kam es zu einem Konflikt mit dem jungen russischen Zaren Alexander I. (1777-1825).

Da zudem eine russische Invasion drohte, wollte Napoleon I. dem russischen Zaren zuvorkommen; somit wurde 1812 auch das zarische Russland Ziel der französischen Eroberungspolitik.

Dieser nach Osten führende Schritt sollte schließlich der historisch vernichtende Wendepunkt der großen napoleonischen Vorherrschaft werden.

Russlandfeldzug 1812 Wikipedia

Zur Vorbereitung des legendären napoleonischen „Russland-Feldzuges“ wurden Pferde und Wagen akquiriert und auch waffenfähige Männer „ausgehoben“ (= eingezogen), was für die Landbevölkerung am schwerwiegendsten wog.

Eine fünfjährige allgemeine Wehrpflicht war im Königreich Westphalen eingeführt worden, weshalb alle Männer zwischen 20-25 Jahren (Geburtsjahrgänge 1782-1792) militärpflichtig waren und eingezogen wurden (Konskription).

Trotz drohender harter Strafen desertierten viele der jungen Männer.

In diesem Zusammenhang ist auch bekannt, dass wirtschaftlich begüterte Dienstpflichtige sich mit Hilfe eines vertraglich eingesetzten Stellvertreters vom Militärdienst „freikaufen“ konnten.

 

Grenadier & Gänsehirt Georg Friedrich Küster aus Hellental

Nach ANDERS [12] ist ein solcher notariell abgefasster Vertrag aus Hellental bekannt, worin sich der dort wohnhafte Grenadier und Gänsehirt, der am 25. März 1768 geborene Georg Friedrich Küster als „Stellvertreter“ für den Sohn der Witwe Hesse aus Fürstenberg verpflichtet haben soll, fünf Jahre im westphälischen Heer zu dienen, sollte das Los der Einberufung diesen treffen.

Georg Küster soll nach der Vertragsunterzeichnung sofort 38 Franken und 88 Centimes erhalten haben.

Zudem sollte er, wenn er eingezogen werden würde, über den Zeitraum von fünf Jahren zusätzlich rund 1.127 Francs sowie monatlich ein ½ Himpten Roggen erhalten.

Ob es schließlich zur Einlösung der vertraglichen Verpflichtung kam, ist nicht bekannt.

Georg Küster starb am 25. März 1834 an „Entkräftung“ in Hellental.

Am 29. Oktober 1807 hatte er in Hellental die in Heinsen geborene Justina Seftge geheiratet.

 

Beim militärischen Aufbruch umfasste das niedersächsische Korps etwa 27.000 Soldaten und mehr als 6.000 Pferde.[6]

Am 22. Juni 1812 eröffnete Napoleon I. von seinem Hauptquartier in Wilkowiski aus den Feldzug gegen Russland mit einer Proklamation an seine „Grande Armée“, einschließlich der zahlreichen verbündeten Hilfskorps.

Mit dieser aus rund 530.000 Soldaten bestehenden „Großen Armee“ zog Napoleon I. – ohne Kriegserklärung - ostwärts nach Moskau.

Grande Armée Wikipedia

Unter seinen Truppen waren auch 24.000 Soldaten aus dem Königreich Westfalen, unter ihnen etliche Männer aus den Dörfern Heinade, Hellental und Merxhausen.[7]

Wie gewöhnlich, einen kurzen Feldzug erwartend, marschierte Napoleon I. mit einer Hauptstreitmacht von etwa 285.000 Mann auf Moskau zu.

Am 05. September 1812 traf er an den Ufern der Moskwa auf die von Michail Illarionowitsch Kutusow-Smolenski befehligte russische Armee mit etwa 182.000 Soldaten.

In einer blutigen Schlacht verloren beide Kriegsparteien erhebliche Truppenkontingente.

Dennoch zog Napoleon I. mit seinen Truppen am 14. September 1812 in Moskau ein, um sein Hauptquartier im Kreml aufzuschlagen.

Zwei Tage später, am 16. September, brannte Moskau; es stand bis zum 18. September in Flammen.

Napoleon I. schrieb am 20. September 1812 an den russischen Zaren Alexander I.:

"Die schöne und prächtige Stadt Moskau besteht nicht mehr. Rostoptschin [Gouverneur von Moskau] hat sie verbrennen lassen! … 600.000 Familien sind zu Bettlern geworden!"[8]

Obgleich Moskau relativ problemlos mit nur 100.000 Soldaten eingenommen werden konnte, schickte sich Napoleon I. bereits wenige Wochen später, am 19. Oktober 1812, zum Rückzug an und verließ mit seiner Garde Moskau.

Er beabsichtigte, mit seinen Truppen in Smolensk zu überwintern, an der Grenze von Litauen, um dann im kommenden Frühjahr bis Sankt Petersburg vorzudringen.[9]

Vierzehn Tage früher als gewöhnlich soll jedoch der russische Winter mit großer Kälte, Schnee und Eis eingesetzt haben.[10]

In nur drei Tagen verlor die „Grande Armée“ rund 30.000 Pferde der Artillerie und Kavallerie und mit ihnen alle Gespanne.

Der gesamte Heeresdienst geriet daraufhin in Auflösung.[11]

 



[1] ARETZ 2003, S. 5, 569 f.

[2] KRETSCHMER 1984, S. 59 ff.

[3] HAUPTMEYER 2004, S. 97.

[4] Das umfangreiche bürgerliche Gesetzeswerk von Napoleon I. wird aufgeteilt in den „Code civil“ als Zivilrecht (später „Code Napoleon“) und den „Code pénal“ als Strafrecht. Des Weiteren stammen aus der napoleonischen Ära ebenso der „Code de Commerce“ (Handelsrecht), der „Code de Procedure Civile“ (Zivilprozessordnung) und der „Code d’instruction Criminelle“ (Strafprozessordnung). Das europäische Symbol der Revolution von 1789, der „Code civil“, war bereits 1801 von einer Kommission als Gesetzesvorschlag fertiggestellt und am 21. März 1804 proklamiert worden.

[5] HAUPTMEYER 2004, S. 97; RAULS 1983, S. 165.

[6] RAULS 1983, S. 165.

[7] ANDERS 2004.

[8] zit. in ARETZ 2003, S. 389 f.

[9] ARETZ 2003, S. 397.

[10] Nach anderen historischen Darstellungen soll dem hingegen der russische Winter von 1812 ungewöhnlich spät eingetreten und relativ mild gewesen sein.

[11] ARETZ 2003, S. 397 ff.

[12] ANDERS 2004, S. 269.