Glashütte am Pilgrimsteich ("Pellegrinusborn") 1775-1841

Klaus A.E. Weber

 

Bauliche Relikte der ehemaligen „Grünen Hütte“ in Pilgrim │ Juni 2020

 

Im Jahr 1775 wurde wegen in und um Schorborn forstwirtschaftlich steigendem Holzverbrauch die „Grüne Hütte“ von der Schorborner Glashütte abgetrennt und nach "der Pilgrimsgrund" an den Pilgrimsteich verlegt, umgeben mit nahem und ausreichendem Holzvorkommen.[3][8]

Der 1756 errichtete Tafel- und Weißhohlglasofen verblieb hingegen in Schorborn, wo vormals die „Fürstlich Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte“ bestand.

Das am Pilgrimsteich (Pelegrinusquelle) errichtete Glashüttengebäude soll nach BLOSS [2] 29 x 14,5 m (ca. 420 m²) gemessen haben und behelfsmäßig mit Buchenschindeln gedeckt gewesen sein.

Sämtliche Glashüttenarbeiter wohnten damals weiterhin in Schorborn und sollen zur Nacht nur einen Schürer vor den Ofen bey der Hütte zurückgelassen haben.

Bis 1787 bestand neben der eigentlichen Glashütte keinerlei Wohngebäude.

Nach TACKE [4] soll der Glashüttenpächter – der Revisor Seebaß – immer wieder die Schädlichkeit eines Anbaus von mehreren Häusern bei der Pilgrimshütte betont haben.

1781 ereignete sich eines Nachts auf der Grünglashütte in Pilgrim ein Brand, den der allein tätige Schürwächter wohl selbst nicht zu löschen vermochte.

Daraufhin brannte die gesamte Glashüttenanlage völlig nieder.

Hiernach bat der Glashüttenpächter um die Bauerlaubnis "zu einer geringen Wohnung für irgend einen Fabrikanten", um auch außerhalb der Arbeitszeiten eine Aufsichtsperson zur Verfügung zu haben.[4]

Nach dem zerstörerischen Brand wurde in Pilgrim zunächst die Glasofenanlage neu aufgebaut; ihr folgten ein Krug und "wegen der Feuersgefahr" ein „Schlafhaus“ für die Hüttenarbeiter.

Später kamen noch Wohnhäuser hinzu, die von Schorborn aus verwaltet wurden.

Aus Sicherheitsgründen sollen Solling-Dachsteine beim Wiederaufbau verwendet und die besonders feuergefährlichen Holztrockenöfen soweit wie möglich vom Hüttengebäude entfernt angelegt worden sein.[5]

1793 zählte der „Weiler“ Pilgrimsteich bereits sechs Feuerstellen bei 58 Einwohnern.

Dies sei die höchste jemals erreichte Einwohnerzahl gewesen.[6]

 

Blick ins Bodenarchiv: Vielzahl von Flaschensiegeln

Von Bewohner*innen sowie von der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden konnte, neben zahlreichen Keramikscherben, eine beachtliche Vielzahl unterschiedlicher Glasfunde und vor allem eine einzigartige Anzahl von glashistorisch wertvollen Flaschensiegel aus der Glasproduktionszeit (Flaschenherstellung) im ehemaligen Glashüttenbereich gefunden und leihweise der Studiensammlung der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden zur Verfügung gestellt werden.

Darunter befinden sich u. a. auch ein halber Glasknittel (Weißglas) aus dem 18. Jahrhundert, Flaschenböden und Flaschenhälse.

 

Im Bodenarchiv: ehemalige „Grüne Hütte“ in Pilgrim │ Juni 2020

 

Glasmacher & Bewohner*innen am Pilgrimsteich

Nach den „Seelenregistern“ sollen um 1777 dort der Gastwirth Paulus Stümpfel (?) und der Hohlglasmacher Philipp Stender (Johann Philipp Stender, Glasschleifer (?)) zusammen mit 14 weiteren Personen gewohnt haben.

Um 1800 lebten nach BLOSS [2] folgende (Glasmacher-)Familien „am Pilgrimsteich“:

  • Glasmacher und Schürer: Johann Christian Dieckmann (?)

  • Grünglasmacher: Johann Heinrich Friedrich Kaufholt (?)

  • Glasfabrikant: Johann Heinrich Christoph Kaufholz (Kauffold)

  • Strecker: Heinrich Christian Stender

Zu diesen älteren Angaben von BLOSS [2] sind nach den genealogischen Kirchenbuchforschungen von WOLFGANG F. NÄGELER folgende Ergänzungen vorzunehmen:

Jürgen Christoph Diekmann, Sohn aus der Ehe von Anna Maria Eikenberg (1815 in Schorborn verstorben) und des 1813 „in Pilgrimsteich“ verstorbenen Johann Heinrich Diekmann, war „Grünhohlglasmacher“ in der Glashütte von Schorborn.

Er heiratete im Dezember 1811 in Heinade die dort geborene Maria Eleonora Oberg, die 1844 in Hellental verstarb.

Ein Sohn aus dieser Ehe war der 1813 geborene und 1877 in Schorborn verstorbene Hüttenmeister Heinrich Christoph Wilhelm Diekmann.

Ein weiterer Jürgen Christoph Diekmann war „Glasfabrikant“ und um 1811 „Grünhohlglasmacher in Pilgrim“.

Johann Heinrich Christoph Kauffold wird als „Glasfabrikant“ in Pilgrim ausgewiesen.

Heinrich Christian Stender war um 1814 als „Strecker“ am „Pilgrimsteich“ beschäftigt.

Er war 1791 in Schorborn zur Welt gekommen, wo er auch 1840 verstarb.

1814 hatte Heinrich Christian Stender in Heinade Dorothea Catharina Conradine Oberg geheiratet.

Ein Sohn aus dieser Ehe, Carl Heinrich Friedrich Christoph Stender, war ebenfalls an der Glashütte „in Pilgrimsteich“ tätig gewesen.

Er heiratete 1845 in Heinade Hanne Karoline Catharine Frome.

Der „Glasmacher“ Friedrich Rauls war vor 1832 in Pilgrim zur Welt gekommen.

Dass in der Glashütte „zum Pilgrimsteich“, neben den Hauptakteuren der Glasmacher, auch zusätzliche Fachhandwerker beschäftigt waren, wird durch den Nachweis bestätigt, dass Johann Christoph Ruhen Kistenmacher „zum Pilgrimsteich“ war.

Der 1734 in Hellental geborene und dort 1806 verstorbene Anton Bremer war „Tonstampfer bei der Pilgrimmer Glashütte“.

Johann Heinrich Anton Bock wurde 1779 als Sohn von Heinrich Bock und dessen Ehefrau Maria Sophia Ekhard „in Pilgrimsteich“ geboren.

Letztlich erschöpften sich auch um den Pilgrimsteich allmählich die ehemals reichlichen Holzvorräte, so dass „Kurzarbeit“ eingeführt wurde und mancher Hüttenarbeiter zu auswärtigen Glashütten wechselte.

Bereits 1812 gab es nur noch zwei Wohnhäuser mit 30 Einwohner*innen [7], um 1823 waren es noch 32 Einwohner*innen gewesen.

Schließlich wurde 1841 der Glashüttenbetrieb endgültig eingestellt.

Die Wohnhäuser sollen nach und nach abgerissen und größtenteils in Heinade oder Deensen für Neubaumaßnahmen verwendet worden sein.

Lediglich das Verwaltungsgebäude soll als landesherrliches Eigentum erhalten geblieben sein.

Es dient heute seinem Besitzer als Wohnhaus.

Zwischenzeitlich soll das Anwesen als Dienstgebäude eines Forstwartes gedient haben, der es später auch als Eigentum erworben habe.

Der Forstwart Stender gilt als letzter Forstwart in Pilgrim.

Er habe das Anwesen am Pilgrimsteich etwa um 1900 an den Handelsmann Kuhlmann (fahrender Käsekaufmann) verkauft.




[2] BLOSS 1950, S. 31-32.

[3] Ob es sich hierbei, wie von BLOSS angegeben, tatsächlich ausschließlich um eine „Grünglashütte“ handelte, ist anhand aktueller Erkenntnisse bei archäologischen Grabungen zu hinterfragen (isolierte, lokale Weißglasfunde durch die Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Holzminden).

[4] TACKE 1943, S. 139; Quellenangabe bei TACKE [1943]: LWH. Alte Berg- und Hüttensachen 185, Vol. I.

[5] BLOSS 1950, S. 31 f.

[6] RAULS 1983, S. 319; TACKE 1943, S. 139.

[7] TACKE 1943, S. 139.

[8] LILGE 1995, S. 30.