Der Weiler „Pilgrim" im Solling

Vom Glashüttenstandort zum beschaulichen Wohnhaus

 

Das ehemals zu Schorborn (Gemeinde Deensen) gehörende, reizvoll versteckt in einem kleinen stillen Sollingtal eingebettete, schmucke Wohnhaus „Pilgrim 1“ liegt inmitten kleiner Wiesen und Weiden.

Am Ende des Tals befindet sich noch heute ein kleiner Naturteich.

Der Pilgrimsgrund ist ein nördliches Sollingrandtal oberhalb von Heinade und nordöstlich von Schießhaus gelegen.

1971 wurde Pilgrim im Rahmen der Kommunalreform nach Heinade eingemeindet.

 

Ortsnamen 

  • um 1600: "Pellegrinusborn"
  • 1603: "Die Pilgrims Grund" (KRABBE)
  • 1836: "Pilgrimsberg"
  • um 1763: "Pilgrims T"(eich) (GERLACH)

Im Atlas des Gottfried Mascop aus dem Jahr 1574 findet sich kein Hinweis auf Pilgrim [9].

Weitere lexikalische Angaben finden sich bei CASEMIR/OHAINSKI [8].

 

Pilgrims-Teich 1756 [10]

 

Entgegen der Dorfentstehung von Hellental kam es in Pilgrim nicht zur Entwicklung einer dörflichen Siedlung aus der dortigen Grünglashütte heraus.[1]

Bereits um 1600 wurde im Fürstenberger Erbregister ein "Pellegrinusborn" (Pellegrinusquelle) erwähnt [2], eine historische Benennung, aus der sich vielleicht die spätere Bezeichnung Pilgrim ableiten lassen kann.

In der topografischen Solling-Karte von 1603 wird "Die Pilgrims Grund" als offenes, aber unbesiedeltes Wiesental mit einem Fahrweg dargestellt, flankiert von den Fluren "Der Steinla" und "Im Farkensiik".

Mitte 1836 findet sich in den „Braunschweigischen Anzeigen“ die Bezeichnung Pilgrimsberg.

 

Glashütte am Pilgrimsteich ("Pellegrinusborn") 1775-1841

Zur Geschichte von Pilgrim geben die Veröffentlichungen von RAULS [6] und BLOSS [2] einen kurz gefassten Überblick.

Danach wurde 1775, bei in und um Schorborn forstwirtschaftlich steigendem Holzverbrauch, die „Grüne Hütte“ von der Schorborner Glashütte abgetrennt und nach "der Pilgrimsgrund" an den Pilgrimsteich verlegt, umgeben mit nahem und ausreichendem Holzvorkommen.[3][11]

Der 1756 errichtete Tafel- und Weißhohlglasofen verblieb hingegen in Schorborn, wo vormals die „Fürstlich Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte“ bestand.

Das am Pilgrimsteich (Pelegrinusquelle) errichtete Glashüttengebäude soll nach BLOSS [2] 29 x 14,5 m (ca. 420 m²) gemessen haben und behelfsmäßig mit Buchenschindeln gedeckt gewesen sein.

Sämtliche Glashüttenarbeiter wohnten damals weiterhin in Schorborn und sollen zur Nacht nur einen Schürer vor den Ofen bey der Hütte zurückgelassen haben.

Bis 1787 bestand neben der eigentlichen Glashütte keinerlei Wohngebäude.

Nach TACKE [4] soll der Glashüttenpächter – der Revisor Seebaß – immer wieder die Schädlichkeit eines Anbaus von mehreren Häusern bei der Pilgrimshütte betont haben.

1781 ereignete sich eines Nachts auf der Grünglashütte in Pilgrim ein Brand, den der allein tätige Schürwächter wohl selbst nicht zu löschen vermochte.

Daraufhin brannte die gesamte Glashüttenanlage völlig nieder.

Hiernach bat der Glashüttenpächter um die Bauerlaubnis "zu einer geringen Wohnung für irgend einen Fabrikanten", um auch außerhalb der Arbeitszeiten eine Aufsichtsperson zur Verfügung zu haben.[4]

Nach dem zerstörerischen Brand wurde in Pilgrim zunächst die Glasofenanlage neu aufgebaut; ihr folgten ein Krug und "wegen der Feuersgefahr" ein „Schlafhaus“ für die Hüttenarbeiter.

Später kamen noch Wohnhäuser hinzu, die von Schorborn aus verwaltet wurden. Aus Sicherheitsgründen sollen Solling-Dachsteine beim Wiederaufbau verwendet und die besonders feuergefährlichen Holztrockenöfen soweit wie möglich vom Hüttengebäude entfernt angelegt worden sein.[5]

1793 zählte der „Weiler“ Pilgrimsteich bereits sechs Feuerstellen bei 58 Einwohnern.

Dies sei die höchste jemals erreichte Einwohnerzahl gewesen.[6]

Nach den „Seelenregistern“ sollen um 1777 dort der Gastwirth Paulus Stümpfel (?) und der Hohlglasmacher Philipp Stender (Johann Philipp Stender, Glasschleifer (?)) zusammen mit 14 weiteren Personen gewohnt haben.

Um 1800 lebten nach BLOSS [2] folgende (Glasmacher-)Familien „am Pilgrimsteich“:

  • Glasmacher und Schürer: Johann Christian Dieckmann (?)

  • Grünglasmacher: Johann Heinrich Friedrich Kaufholt (?)

  • Glasfabrikant: Johann Heinrich Christoph Kaufholz (Kauffold)

  • Strecker: Heinrich Christian Stender

Zu diesen älteren Angaben von BLOSS [1950] sind nach den genealogischen Kirchenbuchforschungen von NÄGELER folgende Ergänzungen vorzunehmen:

Jürgen Christoph Diekmann, Sohn aus der Ehe von Anna Maria Eikenberg (1815 in Schorborn verstorben) und des 1813 „in Pilgrimsteich“ verstorbenen Johann Heinrich Diekmann, war „Grünhohlglasmacher“ in der Glashütte von Schorborn.

Er heiratete im Dezember 1811 in Heinade die dort geborene Maria Eleonora Oberg, die 1844 in Hellental verstarb.

Ein Sohn aus dieser Ehe war der 1813 geborene und 1877 in Schorborn verstorbene Hüttenmeister Heinrich Christoph Wilhelm Diekmann.

Ein weiterer Jürgen Christoph Diekmann war „Glasfabrikant“ und um 1811 „Grünhohlglasmacher in Pilgrim“.

Johann Heinrich Christoph Kauffold wird als „Glasfabrikant“ in Pilgrim ausgewiesen.

Heinrich Christian Stender war um 1814 als „Strecker“ am „Pilgrimsteich“ beschäftigt.

Er war 1791 in Schorborn zur Welt gekommen, wo er auch 1840 verstarb.

1814 hatte Heinrich Christian Stender in Heinade Dorothea Catharina Conradine Oberg geheiratet.

Ein Sohn aus dieser Ehe, Carl Heinrich Friedrich Christoph Stender, war ebenfalls an der Glashütte „in Pilgrimsteich“ tätig gewesen.

Er heiratete 1845 in Heinade Hanne Karoline Catharine Frome.

Der „Glasmacher“ Friedrich Rauls war vor 1832 in Pilgrim zur Welt gekommen.

Dass in der Glashütte „zum Pilgrimsteich“, neben den Hauptakteuren der Glasmacher, auch zusätzliche Fachhandwerker beschäftigt waren, wird durch den Nachweis bestätigt, dass Johann Christoph Ruhen Kistenmacher „zum Pilgrimsteich“ war.

Der 1734 in Hellental geborene und dort 1806 verstorbene Anton Bremer war „Tonstampfer bei der Pilgrimmer Glashütte“.

Johann Heinrich Anton Bock wurde 1779 als Sohn von Heinrich Bock und dessen Ehefrau Maria Sophia Ekhard „in Pilgrimsteich“ geboren.

Letztlich erschöpften sich auch um den Pilgrimsteich allmählich die ehemals reichlichen Holzvorräte, so dass „Kurzarbeit“ eingeführt wurde und mancher Hüttenarbeiter zu auswärtigen Glashütten wechselte.

Bereits 1812 gab es nur noch zwei Wohnhäuser mit 30 Einwohnern [7], um 1823 waren es noch 32 Einwohner gewesen.

Schließlich wurde 1841 der Glashüttenbetrieb endgültig eingestellt.

Die Wohnhäuser sollen nach und nach abgerissen und größtenteils in Heinade oder Deensen für Neubaumaßnahmen verwendet worden sein.

Lediglich das Verwaltungsgebäude soll als landesherrliches Eigentum erhalten geblieben sein.

Es dient heute seinem Besitzer als Wohnhaus.

Zwischenzeitlich soll das Anwesen als Dienstgebäude eines Forstwartes gedient haben, der es später auch als Eigentum erworben habe.

Der Forstwart Stender gilt als letzter Forstwart in Pilgrim.

Er habe das Anwesen am Pilgrimsteich etwa um 1900 an den Handelsmann Kuhlmann (fahrender Käsekaufmann) verkauft.

 

Rothaarige Köhlerstochter & Naturkind Die wilde Mathilde vom Pilgrim

Dem Einbecker Tageblatt vom 14. März 1933 ist unter dem Titel "Die gr. [große] Hildesheimer Stiftsfehde" die folgende spannende Sage aus dem beginnenden 16. Jahrhundert zu entnehmen.

Die von H. W. MÜLLER nacherzähle Geschichte handelt von einer Köhlerstochter und Marketenderin - der „Wilden Mathilde vom Pilgrim“:

"Die vorhin erwähnten Marschdispositionen wurden noch in letzter Stunde umgestoßen und zwar durch das Dazwischentreten eines Frauenzimmers, das als Marketenderin mit einer Kolonne braunschweigischer Söldner in Amelungsborn eingetroffen war.

Der Sage nach hieß dieses Mädchen – Die wilde Mathilde vom Pilgrim -.

Sie war die Tochter eines Köhlers von dem zwischen Heinade und Hellenthal im Walde versteckt liegenden Weiler Pilgrim, ein hübsches, frisches Sollinger Naturkind mit üppigem brandrotem Haar und funkelnden blaugrauen Augen, dabei temperamentvoll und angriffslustig wie eine Wildkatze.

Mathilde war vor Ausbruch des Krieges auf Hunnesrück im Hause des Burgherrn von Meisenburg bedienstet gewesen und vor der edelgesinnten Burgfrau wie ein eigenes Kind behandelt worden.

Hier hatte sie dann einen jungen Rittersmann, den Enkel der Burgherrschaft, Klaus Barner kennen gelernt und sich blindlings in denselben verliebt.

Da dieser vornehme Jüngling aber kein Verständnis für ihre zarten Gefühle zeigte, zumal er auch schon mit einem ebenbürtigem Ritterfräulein versprochen war, schlug ihre wilde Leidenschaft in ebenso ungezügelten Haß um.

Es war ihr bekannt, daß der Junker in den Reihen des Bischofs kämpfte.

Deshalb verschaffte sie sich die Stellung einer Marketenderin im herzoglichen Lager, hoffend, irgendwo und irgendwie die Gelegenheit zur Ausführung ihres Racheaktes zu finden, entweder an ihm selbst oder zumindest an seiner Sippe.

Zunächst wollte sie jetzt mithelfen, die großelterliche Burg Hunnesrück zu vernichten.

Bestärkt wurde sie in diesem Vorsatz dadurch, daß sie während ihres Aufenthaltes im Kloster Amelungsborn einen alten Bekannten aus Mackensen wieder traf, der jetzt Laienbruder und Pförtner im Kloster war. 

Diesen Bruder gewann die schlaue Mathilde dadurch für ihren Plan, daß sie in der Nacht im Pförtnerhaus mit ihm schön tat und ihm von ihrem guten Einbecker Bier reichlich zu trinken gab.

Heinrich Kumlehn – so hieß dieser Landsmann – verriet ihr, daß die Burg von der Höhe des dahinter liegenden Hatops aus zu beschießen und leicht zu erobern sei, und beschrieb ihr auch genau den Waldweg zur Kuppe des Berges.

Mit Feuereifer nahm die Wildkatze diese Auskunft in sich auf.

Am anderen Morgen ließ sich Mathilde bei den Herzögen melden und entwickelte diesen ihren Plan.

Die beiden Fürsten, obgleich über das Frauenzimmer sehr verwundert, ließen sich doch durch dessen hinreißende Schilderung bestimmen, dem Vorschlag zu folgen und den Rückmarsch anzuordnen.

Mathilde schloß sich dem Zuge an.

… hatten die vor Hunnesrück zur Belagerung zurückgebliebenen 50 Mann herzogliche das bischöfliche Dorf Mackensen arg heimgesucht:

die Kirche, das Rathaus und eine Mühle ließen sie in Flammen aufgehen, weil mehrere Bauern, besonders die sieben Gebrüder Heise vom Kirchboden aus die Soldaten mit Steinen bombardiert hatten.

Viel Vieh und sonstige Lebensbedürfnisse wurden als Beute mitgenommen.

Vor ihrem Ziele angelangt, bemächtigte sich plötzlich der wilden Sollinghexe doch ein Gefühl der Reue beim Anblick des schönen Schlosses, in dem sie einst so viel Gutes genoß und das durch ihren Verrat vernichtet werden sollte.

Dann aber, als sie das Rauschen des Brunnens vernahm, an dem sie sich vor dem stolzen jungen Ritter einst erniedrigt und dieser sie verschmäht hatte,

… der böse Dämon wieder in ihrer Brust, und mit einem teuflichen Hohnlachen schwang sie sich auf ein Roß und stürmte mit flatternden Haaren wie eine Furie dem jungen Herzog Heinrich und Gefolge voran durch das Tal des Spüligbaches und sumpfige Waldschluchten zur heiteren Höhe des Hatops hinauf.

Da selbst angekommen, ward der Herzog freundig überrascht, denn sein geübter Feldherrnblick erkannte sofort, daß von hier aus die Feste Hunnesrück leicht zu bezwingen wäre.

Unverzüglich wurden die Geschütze herbeigeschaft, die dann ihre vernichtenden Feuerkugeln ausspien.

Am nächsten Morgen musste der greise Schloßherr Philipp von Meisenburg die zertrümmerte Burg Hunnesrück den Herzögen übergeben.

Die wilde Mathilde vom Pilgrim hatte ihren Zweck erreicht …"



[1] TACKE 1943, S. 139.

[2] BLOSS 1950, S. 31-32.

[3] Ob es sich hierbei, wie von BLOSS angegeben, tatsächlich ausschließlich um eine „Grünglashütte“ handelte, ist anhand aktueller Erkenntnisse bei archäologischen Grabungen zu hinterfragen (isolierte, lokale Weißglasfunde durch die Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Holzminden).

[4] TACKE 1943, S. 139; Quellenangabe bei TACKE [1943]: LWH. Alte Berg- und Hüttensachen 185, Vol. I.

[5] BLOSS 1950, S. 31 f.

[6] RAULS 1983, S. 319; TACKE 1943, S. 139.

Zwischenzeitlich konnten von den Bewohnern sowie von der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden, neben zahlreichen Keramikscherben, eine beachtliche Vielzahl unterschiedlicher Glasfunde und vor allem eine einzigartige Anzahl von glashistorisch wertvollen Glasflaschensiegel aus der Glasproduktionszeit (Flaschenherstellung) im ehemaligen Glashüttenbereich gefunden und in die Studiensammlung der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden übernommen werden. Darunter befinden sich u. a. auch ein halber Glasknittel (Weißglas) aus dem 18. Jahrhundert, Flaschenböden und Flaschenhälse.

[7] TACKE 1943, S. 139.

[8] CASEMIR/OHAINSKI 2007, S. 172-173.

[9] OHAINSKI/REITEMEIER 2012.

[10] KRAATZ 1975.

[11] LILGE 1995, S. 30.