Hellentaler „Keilbuils” in den Sollingforsten

Klaus A.E. Weber

 

Neuanpflanzungen ⎸Pflegemaßnahmen ⎸Holzernte ⎸Rücketätigkeit ⎸Wegebau

Das über 38.000 Hektar große Waldgebiet des Sollings wurde 2012 in einer bundesweiten Internetabstimmung zum Waldgebiet des Jahres 2013 gewählt.

Während die seit dem Mittelalter betriebene Glasherstellung als holzwirtschaftliche Nebennutzung des Sollingwaldes eingestuft werden kann, ist dessen Hauptnutzung in der Funktion als weitläufiges Jagdrevier und ergiebige Holzressource zu sehen.

Jahrhunderte lang war für die armen „kleinen Leute“ im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel der Wald von großer Bedeutung, da gerade er die Existenz zahlreicher sozial benachteiligter Familien im Solling sicherte.

 

 

Die Waldarbeit jener Zeit umfasste im Solling traditionell alle Tätigkeiten zur forstwirtschaftlichen Pflege und Nutzung eines Waldes:

  • Neuanpflanzungen (Forstkulturen)

  • Pflegemaßnahmen (Kulturpflege, Läuterung, Lichtung, Kahlschlag)

  • Holzernte

  • Rücketätigkeit

  • Wegebau.

Die Geschichte des lang gestreckten Hellentals im ehemals dicht bewaldeten braunschweigischen Solling wurde vom Mittelalter bis zur Gegenwart maßgeblich von der facettenreichen Waldnutzung und deren besonderen Geschichte geprägt.

Als man im späten 18. Jahrhundert in den braunschweigischen Staatsforsten verstärkt Waldarbeiter benötigte, wurden solche auch in der „Merxhäuser Forst“ angesiedelt – systematisch in dem planmäßig angelegten Sollingdorf Hellental.

Im 18./19. Jahrhundert wurde die Forstarbeit für Hellentaler Kleinstellenbesitzer zum maßgeblichen Hauptgewerbe, was nicht zuletzt die Kennzeichnung des Sollingdorfes als Holzhauer-/Waldarbeiterdorf begründete.

Ende des 18. Jahrhunderts zählte das abgelegene Bergdorf zu den bedeutenden Waldarbeiterdörfern des nördlichen Sollings.

 

Hellentaler Waldarbeiter, 1913

 

In der Zeit der Walderneuerung um 1900 und während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Hellentaler Waldarbeiter vorwiegend zur forstwirtschaftlichen Pflege und Nutzung der Sollingforsten eingesetzt.

Je nach Erfordernis des Waldhaushaltes erfolgte ihr Einsatz in haubaren Revieren.

Hierbei wurden von Hellentaler Waldarbeitern tätigkeitsspezifisch zuvor ausgesuchte Bäume gefällt, entastet, geschält, zersägt und transportiert.

Bevor die Hellentaler Waldarbeiter mit ihrer Tätigkeit beginnen konnten, mussten sie oft stundenlange Anmarschwege zu den teilweise weit entfernten Arbeitsplätzen in den Sollingforsten zurücklegen.

So gingen sie bereits vor Tagesanbruch los und kamen erst spät in der Nacht wieder heim.

Manche von ihnen kamen die Woche über nur ein- oder zweimal nach Hause.

Heinrich Sohnrey führte in seinem Werk „Die Sollinger“ 1923 aus, dass man Hellenthal im braunschweigischen Teile des Sollings witzelnd als „Keilbuils“ (Keilbeutel) charakterisierte.

"Wenn die Hellenthaler Männer nach auswärts zur Waldarbeit gingen, trugen sie über der Schulter einen Doppelsack, der zur Aufnahme von Keilen [mit der Axt behauene Holzkeile zum Holzspalten] und Lebensmitteln diente".

Die Waldarbeit erfolgte ehemals ausschließlich durch menschliche Muskelkraft.

Dabei waren einerseits die physischen Belastungen der Waldarbeiter extrem hoch, andererseits heutige Arbeitsschutzmaßnahmen unbekannt.

Zudem waren sie ständig wechselhaftem Wetter ausgesetzt.

In der Folge kam es häufig zu schwerwiegenden Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu chronisch-degenerativen bzw. rheumatischen Erkrankungen des Bewegungs- und Haltungsapparates, aber auch zu anderen Krankheitsbildern, wie Lungenerkrankungen.

Im 19./20. Jahrhundert besaßen die meisten Hellentaler Waldarbeiterfamilien zu ihrer Grundversorgung und eigenen Bewirtschaftung durchschnittlich nur etwa einen Morgen Land, aufgeteilt in wenig ertragreiches Wiesen- und Ackerland.

Ein Ausstellungsbereich des Holzhauerhauses|Hellental wird küftig der regionalhistorisch bedeutsamen Waldarbeit im Solling eine eigene Ausstellungseinheit mit zahlreichen traditionellen Waldarbeiterwerkzeugen gewidmet.

Die exemplarisch ausgestellten Handwerkzeuge wurden von Waldarbeitern aus Hellental in der Zeit der Walderneuerung um 1900 und während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur forstwirtschaftlichen Pflege und Nutzung des Waldes im Solling eingesetzt:

  • Äxte

  • „Aufrisser“

  • Dreieckszahnsäge

  • Einmann-Motorsäge

  • Eisen-Klammern

  • Handsäge

  • Hebbe

  • Hobelzahnsäge

  • Holzkeile

  • Kluppen

  • „Latten-Säge“

  • Loch-Hacke

  • Nummerierwerkzeuge

  • Reißhaken

  • Schäleisen

  • Spalthammer

  • Spalt- und Spannkeile

  • Wendehaken und –baum

  • Wiedehopfhaue

  • u.a.m.

 

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

Fotografien: MiB Hellental; Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental