Die "Wilhelminische Kaiserzeit" (1871-1918)

Klaus A.E. Weber

 

Mulitfaktorieller Auftakt zum „Jahrhundert der Massaker“ 


Reichsbanknote 1910

 

1871-1918 Deutsches Kaiserreich

Seit der Französischen Revolution von 1789 bestand in Europa ein militanter Nationalismus, bestimmt vom jeweiligen Verhältnis zwischen Staat, Armee und Gesellschaft.

Nationalisierte Menschenmassen und deren Mobilisierung traten dabei als historisch neue Phänomene auf.

Die „Bismarck-Kriege“, die militärischen Konflikte an der Schwelle zur deutschen Reichsgründung, trugen zur Entstehung rsp. Bestätigung eines „Sonderbewusstseins“ in Deutschland bei.[1]

Vorstellungen von Krieg und Militarismus geprägten maßgeblich die Entstehung des deutschen Staates im 19. Jahrhundert.

Zu tief greifenden sozialen Umschichtungen führte schließlich der „große europäische Krieg“, der Erste Weltkrieg von 1914-1918.

Die preußisch-deutschen „Einigungskriege“ im 19. Jahrhundert sowie der Verlauf und Ausgang des Ersten Weltkrieges bestimmten entscheidend die weitere Geschichte Europas - bishin kleinräumig auch das Geschehen in den hier betrachteten Dorfregion Heinade, Hellental und Merxhausen.

Nach BECKER [1] galten in jener Zeit als so genannte bürgerliche Tugenden unter anderem eine patriotische Gesinnung, die Selbstständigkeit des Handelns durch Aufgeklärtheit und Bildung, der Arbeitsfleiss und nicht zuletzt Sittenstrenge.

Lange spielte hierbei beispielsweise der „Reserveleutnant“ unter den Sozialtypen des Deutschen Kaiserreiches eine prominente Rolle.

Jene eigens in professionellen Fotoateliers angefertigten und überlieferten Schwarzweißfotografien stolzer Kriegsteilnehmer lassen diese Haltung buchstäblich anschaulich werden.

Wie MOMMSEN [6] an eine Reichstagsrede des Sozialdemokraten August Bebel von 1911 anknüpfend ausführt, „verkörpert der Erste Weltkrieg vor allem das Ende des bürgerlichen Zeitalters“.

In der Rede hatte Bebel die Katastrophe eines europäischen Krieges als unmittelbare Folge des Wettrüstens prophezeit und zugleich für diesen Fall auch den „Zusammenbruch der überkommenen bürgerlichen Welt“ angekündigt.

 

Signal einer Zeitenwende

Der Erste Weltkrieg gilt wegen seiner besonderen Brutalität, der Millionen Kriegsopfer, der Anzahl beteiligter Länder und der politischen Folgen als Auftakt zum „Jahrhundert der Massaker“.

Der Krieg ermöglichte im alten russischen Zarenreich die „Russische Revolution“ – die „Oktoberrevolution“ von 1917.

Der Erste Weltkrieg wurde somit zum Geburtshelfer der späteren Sowjetunion, im Gegenzug bahnte er den USA den Weg zur Weltmacht.

Ohne den Ersten Weltkrieg wäre auch der ihm folgende Aufstieg einerseits des Kommunismus, andererseits des deutschen Nationalsozialismus undenkbar, denn die totalitären, menschenverachtenden Systeme der 1920er und 1930er Jahre gelten als unmittelbare Folge des Ersten Weltkrieges, der eine Zeitenwende signalisierte.

Die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts waren zum Beginn des Ersten Weltkrieges abgeschlossen und die Landwirtschaft hatte ein Produktionshoch erzielt.

Um die Jahrhunderwende bis zum Ersten Weltkrieg blieben die dorfprägenden Landwirtschaftsverhältnisse, trotz wechselnder agararpolitischer Details, relativ ähnlich, mit Ausnahme des ersten Mechanisierungs- (Drill-, Mäh- und Dreschmaschinen) und Düngereinsatzschubes.[2]

 

Vorboten der Apokalypse ...

  • Preußisch-deutsche „Einigungskriege“
  • Bürgerlicher Militarismus im Kaiserreich
  • „Führung von oben – Mittun von unten“
  • „Manico-depressive Psychose“

Auch nach den zwei apokalyptischen Weltkriegen und nach zahlreichen weiteren Kriegen bis in unsere heutige Zeit hinein ist noch immer wiederkehrend die Formulierung „Der Krieg ist ausgebrochen“ zu vernehmen.

Diese Aussage vermittelt die unsinnige Auffassung als sei „ein Krieg“ ein nicht vorhersehbares, ein unerwartet plötzlich über Menschen hereinbrechendes und unumkehrbares, mithin auch ein von Gott gewolltes schicksalhaftes Ereignis.

Die Formulierung ist geradezu gefährlich unreflektiert und angesichts einer verantwortungsvoll differenzierten historischen Betrachtung unwahrhaftig.

Sie ist eine naive wie stupide „Entschuldigung“ dafür, nicht selbst eine Verantwortung für und Einmischung in die sich entwickelnde soziale, politische und ökonomische Zusammenhänge bei kriegsvorbereitenden Vorgängen eingegangen zu sein.

Im Folgenden soll daher gerade auch im Hinblick auf die Vorbereitung und Entstehung des Ersten Weltkrieges skizziert werden, dass auch der Erste Welt Krieg, wie allen anderen „kleinen“ und „großen“ Kriege vor und nach ihm nicht plötzlich und völlig unvorbereitet „ausgebrochen“ ist.

Die Geschichte von Deutschland um 1900 wie die des Ersten Weltkrieges zeigt dies eindrucksvoll auf.

Ist nicht auch noch heute die bequemhafte wie entlastende Versuchung gegeben, „von oben geführt“ zu werden und „von unten“ in vermeindlicher persönlicher Unschuld einfach „mittun“ zu können?

Wer ist angesichts eines Krieges im kritischen Spiegel der Geschichte ein Täter und wer ein Opfer?

Die Hoffnungen der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert wurden immer wieder enttäuscht.

Nicht zuletzt war die deutsche „Revolution von 1848/49“, das „Paulskirchen-Parlament“ in Frankfurt/Main und damit auch das Nationalstaatsprojekt gescheidert, wodurch Deutschland in viele Einzelstaaten zersplittert blieb.

Dies änderte sich erst durch die im Regierungskabinett vorbereiteten und beschlossenen „Einigungskriege“ zwischen 1864–1871 und ihr politischer Mythos, insbesondere der des „Deutsch-Französischen Krieges“, in der Ära von Otto Fürst v. Bismarck (1815-1898).

Hierzu sei angemerkt, dass der Konservative v. Bismarck heute als "Politiker und Marketingexperte in eigener Sache, Geschichts- und Kriegsmacher - und als ein großer Hasser vor dem Herrn" anzusehen ist.[34]

Die bürgerlichen Parteien bzw. bürgerlichen Politiker hatten offenbar keinen nennenswerten Anteil.

Konservative beherrschten über Jahrzehnte Deutschland.

Die Armeen für die „Einigungskriege“ wurden aus Kontingenten der verschiedenen deutschen Einzelstaaten gebildet, wobei deren Militärverwaltungen „mit kühler Präzision eine reguläre Mobilmachung in Gang setzten“.[1]

Die Heeresorganisation ging aus den Roonschen Reformen [4] der frühen 1860er Jahre hervor, durch die die traditionellen Landwehren ihren Status verloren.

Ohne größeren Einfluss der Landwehren erwies sich das neu geschaffene und von den bürgerlichen Parteien allseits akzeptierte Heer mit Linientruppe als „das schlagkräftigste Instrument in einem modernen Krieg“.

Das neu geschaffene preußisch-deutsche Mischsystem erwies sich militärisch als besonders leistungsfähig.[1]

  • 1864 Zweiter „Deutsch-Dänischer Krieg“ - Dänemark wurde besiegt und dadurch Schleswig und Holstein in den deutschen Machtbereich (Preußen, Österreich) einbezogen
  • 1866 Krieg zwischen Preußen und Österreich - Entscheidung über die Vorherrschaft in Deutschland
  • 1870/71 „Deutsch-Französischer Krieg“ - Preußen konnte im Verbund mit anderen deutschen Ländern das Königreich Frankreich besiegen, wodurch die Voraussetzung für den nationalen Einheitsstaat geschaffen und im Januar 1871 mit der Kaiserproklamation in Versailles das Deutsche Reich aus der Taufe gehoben wurde.

Nach dem enormen wirtschaftlichen Aufschwung seit Beginn der 1880er Jahre begann eine „neue Epoche hemmungsloser Gewaltpolitik, die in brutalen Massenumsiedlungen und Völkermord von bisher in der Geschichte nicht bekanntem Maße kulminierte“.[6]

Die neuen technischen Möglichkeiten für den Transport einer Vielzahl von Personen mit der Eisenbahn und deren Koordinierung durch die Telegrafie wurden hierbei konsequent verwertet.

In den Jahren 1860-1890 waren die bürgerlichen Wehrideale fortgeschrieben worden, „für die das preußisch-deutsche Heer ohne Bedenken als Projektionsfläche in Anspruch genommen wurde“.[1]

Der Militarismus des 19. Jahrhunderts und die positiven Vorstellungen vom Krieg prägten im Deutschen Kaiserreich das Verhältnis der bürgerlichen Schichten zum Militär und zur Reichsnation.

Das Militär wurde zum Leitbild des jungen deutschen Kaiserreiches.

„Der Staat behielt die Zügel in der Hand, aber er öffnete sich über die allgemeine Wehrpflicht zur Gesellschaft, deren Kräfte er gleichsam in sich aufsaugte, ohne mit ihr identisch zu werden“.[1]

Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte sich das Prinzip „Führung von von oben – Mittun von unten“ als gewissenloses, vernichtendes Desaster erweisen.

Nach BECKER [1] hatte sich im deutschen Bürgertum ein Einstellungswandel vollzogen, „der sich mit der Unterordnung unter die alten Obrigkeiten und ihre Machtinstrumente verband.

Die Welt der Militärs war eine Welt, deren Normen von der Aristokratie, der alten Kriegerkaste geschaffen worden waren, und wenn Bürgerliche diese Welt betraten, gaben sie ihre eigene kulturelle Identität auf, um sich parvenuhaft den Verhaltensweisen einer bewunderten Obersicht anzupassen.“

Neues Identifikationsobjekt war die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die die Verbindung von Armee und Nation verkörperte.

Die Streikräfte waren durch die Wehrpflicht an die Gesellschaft zurückgebunden.

Bürgerliche Ziele und Ansprüche wurden hierbei mit der Organisationsstruktur der Armee in Übereinstimmung gebracht.

Das Deutsche Reich entwickelte sich systematisch zu einer Hegemonialmacht auf dem europäischen Festland, wobei es ein überdimensioniertes Rüstungsprogramm auflegte.

Um die Wende des 19./20. Jahrhunderts vollzogen sich in Deutschland erhebliche Veränderungen in der gesellschaftlichen und produktiven Mobilität.

Einerseits zog die Jugend mit dem „Wandervogel“ gegen die bürgerliche Erstarrung protestierend in die grüne Natur, andererseits wanderten die Arbeitskräfte vom Land in die Städte und von den Agrarfeldern im Osten zu den industriellen Produktionsstätten der „Schlotbarone“ des Westens.

Am Ort ihrer Geburt wohnt kurz nach 1900 nur noch die Hälfte der anwachsenden deutschen Bevölkerung.

Ökonomisch gesehen, erhöhte sich in dieser Zeit die Wertschöpfung der deutschen Volkswirtschaft um 75 %.[9]

 

"Sozialdarwinismus" im 19. Jahrhundert & die fatalen rassistischen Folgen

Nach SCHOTT [10] wurde der Begriff >Eugenik< als „Kunst der guten Vererbung“ von dem britischen Naturforscher Francis Galten (1822–1911) 1883 geprägt, einem Vetter des legendären Naturforschers Charles Darwin (1809–1882).

Unter dem Vorzeichen des international erstarkenden „Sozialdarwinismus“, der die Darwinschen Prinzipien unkritisch und gemeingefährlich auf die individuellen wie gesellschaftlichen Verhältnisse übertrug, wurde ab 1895 im Kontext der aufkommenden „Rassenhygiene“ die >Eugenik< als „Ausmerze“ und „Auslese“ im deutschen Sprachraum eingeführt.

Unter dem zunehmenden Einfluss rassenbiologischen Denkens und Kategorisierens erhielt die „Rassenhygiene“ eine immense rassistische Sprengkraft.

Eugenische rsp. rassenhygienische Vorstellungen verbreiteten sich im frühen 20. Jahrhundert weit unter europäischen Ärzten und Naturforschern, so auch in Deutschland.

Populär waren diese Vorstellungen zudem auch in Laienkreisen [10] mit den historisch hinlänglich bekannten fatalen, leidvollen und menschenvernichtenden staatsideologischen Folgen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933.

 

Nationalismus, Allmachtsgedanken & die verheerende Idee eines Großen Krieges

Der niedersächsische Raum war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von demokratischen Verhältnissen noch weit entfernt.

Es bestand seit Jahren eine nationalistisch aufgeladene öffentliche Meinung.[11]

Die ersten ethnischen „Säuberungsprogramme“ im Europa des 20. Jahrhunderts wurden zunehmends verbreitet.

Das bürgerliche „Schlangenei“ lässt bereits durch seine dünne Pergamenthaut im Innern das unaufhaltsame, gespenstige Wachstum des Nationalismus und Antisemitismus sowie auch die Entwicklung eines „Großen Krieges“ erkennen.

Der Druck einer breiten nationalistischen Öffentlichkeit wuchs an und machtpolitische wie imperiale Erfolge wurden gefordert.

Die Militärs und Teile des nationalistisch gesinnten Bürgertums und der Eliten begannen, die Idee eines „Großen Krieges“ positiv zu bewerten.

MOMMSEN spricht gar von einem „Syndrom der Kriegserwartung“.[12]

Wie es sich in der Folgezeit zeigen sollte, waren die Konsequenzen hieraus kaum zu kalkulieren.

Nach wie vor gehört es zu den verblüffenden Erfahrungen, mit welcher öffentlichen Begeisterung die Nationalstaaten 1914 in den Ersten Weltkrieg zogen.

Anfänglich war für die kulturellen Eliten der Krieg zuallererst ein „technischer Ausdruck einer neuen Zukunftsoffenheit“.[13]

Auch der zu Beginn des 20. Jahrhunderts öfter in Hellental weilende Journalist, Naturfreund, Jäger und Schriftsteller Hermann Löns befand sich selbst in dem gewaltigen Sog der nationalen Euphorie des „August 1914“, nicht zuletzt vielleicht auch, wie viele andere mit ihm, von Abenteuerlust und vom Männlichkeitsritus motiviert.

In Einstellungen und Handlungen zeichnete sich in Deutschland 1914 bereits deutlich das geistige Vorfeld der späteren unmenschlichen, vernichtenden nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ab.

 

Der "Fürstentrust" - Ein vernichtender Finanzskandal als großes Spiel der reichen Männer [15]

Nur scheinbar dürfte der emsig vertuschte Zusammenbruch des "Fürstentrusts" rund um "Kaiser, Adel und Spekulanten" kurz vor dem Ersten Weltkrieg vergessen sein.

Der damalige Finanzskandal um die hochadligen Verantwortlichen der Fürstenhäuser Hohenlohe (Neuenstein) und Fürstenberg (Donaueschingen) zeigt, wie vor dem Ersten Wekltkrieg diese ihre Vermögen hochriskant mit teilweise irrwitzigen oder kriminellen Geschäften weiter vergrößern wollten - und, dass unabhängig vom System nach wie vor "die Systemrelevanz immer als Überlebensgarantie" gilt.

Aus regionaler Sicht spielte hierbei auch Franz Prinz von Ratibor und Corvey eine Rolle am Spieltisch der reichen "fürstlichen Finanzzocker".

Das spekulative Vorgehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bietet aktuelle Elemente, wie Diletantismus, Rücksichtslosigkeit und Habgier heutiger Finanzakteure.

 

"Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen"   

  • Seine psychisch gestörte Majestät Wilhelm II. (1859–1941)
  • Ein militaristischer, absolutistischer preußischer König
  • Mit einer prsönlichen Monarchie regierend, geprägt in gefährlichem Maße von persönlicher Willkür
  • Ein in der Kindheit schwer traumatisierter Kaiser, den man an die Hand nehmen musste
  • Ein Kriegsverbrecher - aus englicher Sicht

Kaiser Wilhelm I. verstarb mit fast 91 Jahren am 09. März 1888 in Berlin.

Als Deutscher Kaiser folgte ihm sein Sohn, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm (1831-1888).

Der bereits bei seiner Thronbesteigung 1888 krebskranke Friedrich III., der als liberal und anglophil eingestuft wurde, regierte nicht einmal vier Monate (99 Tage), so dass sein „kaiserliches Profil“ historisch nur wenig hervortritt.

Die daraufhin rasch folgende Regierungszeit von Wilhelm II. (1888–1918) wird auch als „Wilhelmische Ära“ bezeichnet.

Wilhelm II. (1859–1941) war der älteste Sohn von Kaiser Friedrich III. und seiner Gemahlin Viktoria, Tochter der britischen Königin.

Das Berliner Schloss war die offizielle Residenz von Kaiser Wilhelm II.

Während der Epoche von 1890-1914 entwickelte das politische, soziale und kulturelle Leben charakteristische Ausdrucksformen, das „wilhelminische Vorspiel“.[14]

Der „Wilhelminismus“ war gekennzeichnet von einer vom Volk gleichsam vergötterten und kollektiv aufgeblasenen Kaiserfigur, von dem Hang zur Selbstdarstellung und zu Uniformen, von der Pflicht zur guten Laune und letztlich von einer pompösen kaiserlichen Weltpolitik mit der Hand am Degen.

„Aus Mangel strebte er zum Militär, eingekeilt zwischen einem schwachen Vater und einer fordernden Mutter“ [13] - die auffällige Persönlichkeit des Monarchen Wilhelm II., seine problematische Kindheit und Jugendzeit, seine Rolle und Verantwortung in der jüngeren deutschen Geschichte, insbesondere aber die für die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ waren und sind noch immer Gegenstand intensiver deutscher wie internationaler Forschungen, deren Ergebnisse, je nach Standpunkt, nicht immer unumstritten eingeschätzt werden.[16]

Ebenso intensiv werden zudem auch die vielschichtigen Verhältnisse der politischen Fehlentwicklungen untersucht, die letztlich in den Ersten Weltkrieg hineinführten.

Der von Geburt an durch einen verkürzten linken Arm behinderte, in freudloser Jugend aufgewachsene, soldatisch gedrillte Hohenzoller - „Wir, Wilhelm II.“ - war 1888 mit 29 Jahren König von Preußen und Deutscher Kaiser geworden.

Wilhelm II. regierte mit seinem „Willen zur Macht“ neoabsolutistisch und träumte als Fantast von einer eigenen deutschen Weltmacht.

Sein Charakter und Verhalten gelten gemeinhin als auffällig: launen- und sprunghaft, im Wechsel zwanghaft getrieben und starr und antriebslos, rücksichtslos und unberechenbar – für Freund wie Feind.

Auch nach eigener ärztlicher Betrachtung geht der Autor davon aus, dass Kaiser Wilhelm II. mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer nicht unerheblichen bipolaren psychischen Störung erkrankt war, mit weitreichenden nationalen und internationalen Folgen.

Nach Einschätzung des anerkannten zeitgenössigen Psychiaters Emil Kraepelin war Wilhelm II. „ein typischer Fall periodischen Gestörtseins“ mit manischen und depressiven Phasen.[9]

Es stellt sich daher bis heute noch immer die Frage, warum die beachtliche Mehrzahl der Menschen im Reich „Seiner Majestät“ einem psychopathologisch auffälligen Kaiser Wilhelm II. so unkritisch und frenetisch zujubelten, nicht zuletzt wohl auch in den hier betrachteten Dörfern zwischen Nordsolling und Holzberg.

Eine der wesentlichen Antworten auf diese zentrale Frage mag nach auch darin liegen, dass sich selten eine Epoche „so restlos in ihrem Monarchen dargestellt“ hat [9], einschließlich ihrer „wilhelminischen“ Gemütsverfassung.

Die widersprüchliche bipolare gesellschaftliche Realität des deutschen Kaiserreiches spiegelte sich gleichsam in der psychisch erheblich alterierten Person des verehrten Monarchen wider, dem letztlich Uniformen und soldatischer Drill die erforderliche Sicherheit gaben – ihm wie seinem Volk.

Über Deutschland lag um die Jahrhundertwende „ein explosives Gemisch aus Endzeitstimmung und Fortschrittsglauben, aus technischem Schub und gesellschaftlichem Stillstand, aus Aufbruch und Niedergang.

Das junge Reich strebt zu neuen Ufern und igelt sich dabei in Traditionen ein, greift nach den Sternen und erstarrt unter der Pickelhaube“.[9]

Das Herrschaftssystem des deutschen Kaiserreiches mit großer Machtstellung des Kaisers zentrierte sich ganz auf den Monarchen selbst und „machte es nicht nur den deutschen Führungsschichten schwer“.[5][13]

Unter der selbstherrlichen und oft auch willkürlichen Regentschaft von Kaiser Wihlem II. scheiterte die deutsche Außenpolitik in den letzten Jahrzehnten vor 1914.

Das "lange Scheitern des letzten deutschen Kaisers" mündete letztendlich darin, dass er nicht abdanken wollte und realitätsfern noch im niederländischen Exil in Dorn unbedingt an der Spitze seiner Truppen zurückkehren wollte.[5]

Im Innern des konservativen Kaiserreiches kam es zu verhängnisvollen Entwicklungen, so unter anderem auch machtpolitisch zur Entlassung des preußischen Reichskanzlers, des „Eisernen Kanzlers“ Otto Fürst v. Bismarck, dem einst machtvollen wie rücksichtslosen Gründer des deutschen Nationalstaates.[21]

Exportorientiert drängen unter Wilhelm II. im deutschen Kaiserreich Stinnes, Krupp, Siemens und AEG vehement auf den Weltmarkt, riefen nach dem deutschen Imperium, einem kolonialen „Platz an der Sonne“.

Dabei wurde Krupp die wichtigste Waffenschmiede im Kaiserreich.[22]

 

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] BECKER 2004.

[2] HAUPTMEYER 1995.

[4] Albrecht Graf von Roon (1803-1979) war preußischer Generalfeldmarschall und Kriegsminister von 1859-1873; er war maßgeblich an der Neuordnung des preußischen Heeres beteiligt.

[5] HESSE 2018.

[6] MOMMSEN 2004, S. 7.

[9] ALBIG 2005, S. 52.

[10] SCHOTT 2005.

[11] HAUPTMEYER 2004, S. 115 ff.

[12] MOMMSEN 2004, S. 24.

[13] MOMMSEN 2004.

[14] KROCKOW 1992.

[15] BOMMARIUS 2017, S. 34-35.

[16] Wilhelm-Karl Prinz von Preußen 1994.

[21] v. Bismarck schrieb am 18. März 1890 sein Entlassungsgesuch.

[22] ALBIG 2004, S. 58.