Armut & Entrechtung

Klaus A.E. Weber

 

Verschärfung der sozialen Situation „kleiner Landleute“

In dem hier betrachteten Zeitraum erlangten - in der demografischen Zusammensetzung der ländlichen Bevölkerung - Landarme wie Landlose zahlenmäßig das Übergewicht gegenüber den Bauern.

Von der gesellschaftlich vorherrschenden Produktionsweise abhängig, gab es während der gesamten Wirtschafts- und Sozialgeschichte mehr oder weniger Tagelöhner und Tagelöhnerinnen.

Dieser vormals auch in der Sozialstruktur der hier betrachteten Dörfer häufig anzutreffende Sozialtypus war in differenzierter Ausprägung hauptsächlich durch ungeschützte und ungesicherte Arbeits- und Lebensverhältnisse gekennzeichnet, von spezifischen Formen abhängiger und saisonaler Beschäftigungsverhältnisse.

Tagelöhner lebten und arbeiteten in einem relativ abgeschlossenen bäuerlich-dörflichen oder städtischen Sozialgefüge, als Randexistenzen in einem rigiden System sozialer Schichtung.

Es gelang den Tagelöhnern nur selten eine selbständige Familienexistenz aufzubauen.

Die Ausbreitung des ländlichen Heimgewerbes in der Phase der „Proto-Industrialisierung“ begünstigte Tagelöhner, ihren Lebensunterhalt durch das arbeitsintensive textile Kleingewerbe – Garnspinnen und Leinenweben – zu verdienen, aber auch als Waldarbeiter.

Ihr vornehmlich saisonabhängiges Einkommen setzte sich aus Natural- und Barlöhnen zusammen.

Da diese selten das Niveau eines „Hungerlohnes“ überstiegen, waren Tagelöhner zumeist gezwungen, „aus ökonomischen Gründen auch unter den schlechtesten Bedingungen zu arbeiten“.[43]

Im 18. Jahrhundert verdiente ein Tagelöhner etwa 4 Mariengroschen (32 Pfennige) pro Tag, wobei damals der Preis für 1 Pfund Brot (468 g) 3 Pfennige, für 1 Pfund Butter 28 Pfennige betrug.

Um 1850 betrug der Tagesverdienst eines Tagelöhners nunmehr 16 gute Groschen (192 Pfennige).[44]

 

Den Berichten des ehemaligen Deenser Pastors und späteren Superintendenten Spohr von 1774 und 1775 ist hierzu anschaulich zu entnehmen[45]:

"Für Landarbeit bekommt ein Tagelöhner täglich 6 - 7 Mgr. (Anm.: Mariengroschen), wenn er sich selbst beköstigen muß. Gibt man ihm Essen oder Trinken, so erhält er 3 - 4 Mgr.

Eine Frauensperson bekommt 4 bis 4½ Mgr. oder mit Essen und Trinken 2 Mgr. Am besten ist es, wenn ein Hauswirt seine festen Tagelöhner hat.

Diesen Leuten sät er Lein mit auf seinen Acker oder gibt ihnen Land zum Erdtoffeln [46] pflanzen.

Er verrichtet kleine Fuhren für Holz und dergl. für sie.

Am Ende rechnet man gegeneinander ab.

Auf diese Weise bekommt man seine Arbeit ohne Geld getan; denn Geld ist das Seltenste auf dem Lande.

Die Tagelöhner aber haben Lebensmittel, und hierin besteht für den Landmann ein großer Nutzen.

Auch zum Dreschen nimmt man Tagelöhner, und so man starke Garben gebunden hat, drischt ein Kerl täglich 2 bis 2 bis 2 ¼ Stiegen Roggen, Sommerfrüchte aber kaum die Hälfte.

Er macht den 3. Tag das Korn rein und bringt es auf den Boden, wobei er täglich 6 Mgr. Bekommt und nichts zu essen.

Gibt man ihnen zu essen, so fangen die Drescher des Nachts um 12 Uhr an zu dreschen und trinken des Morgens um 4 Uhr den Branntwein, jeder etwa für 4 Pf. und essen dazu Brot ohne Butter oder Käse, dreschn darauf bis 6 Uhr, alsdann ess sie Milchmus von saurer Milch nebst Brot und Butter, Mittags warmes Essen nebst Brot, Butter und Käse, und des Abends wieder warm essen wie des Mittags.

Jeder bekommt außerdem dazu an Gelde 3 ggr".[47]

 

Die magelhafte Ausbildung und fehlende berufliche Qualifikation, wie aber auch das völlig unzureichende Privatkapital verhinderten den sozialen Aufstieg von Tagelöhnern.

Zudem konnten die Tagelöhner - gegenüber Handwerkern und Gesellen - weder auf eine organisatorische Tradition (Gilden, Gesellenbrüderschaften) zurückgreifen, noch verfügten sie über Erfahrungen und Selbstbewusstsein, um gesellschafts- und sozialpolitische Wirkungen wie die zunehmend organisierte Arbeiterbewegung zu entfalten.

In der Phase der Hochindustrialisierung mit Stärkung der Gewerkschaftsbewegung und Durchsetzung der Tarifvertragsordnung von 1918 ging letztlich die Bedeutung des Sozialtypus „klassischer Tagelöhner“ allmählich verloren.[48]

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die soziale Situation der deutschen Bevölkerung im Wesentlichen von der Einkommenslage (Reallöhne) sowie von den Arbeits- und allgemeinen Lebensbedingungen beeinflusst.

Die Organisationsformen der vorindustriellen gewerblichen Produktion in Deutschland können nach HENNING (1989) als Handwerk, Verlag (in Heimarbeit) und Manufaktur beschrieben werden.[1]

Auch die Dorfbewohner am nördlichem Sollingrand waren zum überwiegenden Teil im primären und sekundären Wirtschaftssektor beschäftigt – in der Forstwirtschaft und im kleinbetrieblichen Landhandwerk.

Der Grundbedarf bzw. die Subsistenz der in Heinade, Merxhausen und Hellental lebenden Familien des 18./19. Jahrhunderts war wesentlich von den drei Faktoren bestimmt

  • Nahrung,

  • Kleidung,

  • Wohnung.

Somit waren in jener Zeit in den Dörfern

  • das Nahrungshandwerk (Müller),

  • das Kleidungshandwerk (Leinenweber, Schneider, Schuster, Schuhflicker),

  • das Bauhandwerk (Zimmerleute, Tischler, Maurer) und

  • die Herstellung von Betriebsmitteln (Tonstampfer, Topfhändler, Böttcher, Schmiede, Stellmacher)

von besonderer gewerblicher Bedeutsamkeit.

 

Während der vorindustriellen Zeit waren insbesondere der Flachsanbau und die landhandwerkliche, arbeitsintensive Flachsverarbeitung (Garnspinnen, Leinenweben) von hervorgehobener wirtschaftlicher Relevanz.

Die vorindustrielle Armutssituation in Deutschland verschärfte sich im 19. Jahrhundert zunehmend als Massenarmut.

In den 1840er Jahren führten Wirtschaftskrisen zu erheblichen materiellen und sozialen Auswirkungen.

Bei einer stetig wachsenden Bevölkerung kam es zudem zu Ernährungskrisen, 1846/1847 zu regelrechten Hungerkrisen.

Darüber hinaus kam es in Folge allgemein niedriger Einkommen bei breiten Bevölkerungsschichten zu krisenhaften sozialen Entwicklungen, u.a. einhergehend mit verbreiteter Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung.

Die Zahl vermögensschwacher, vom Arbeitseinkommen abhängiger Personen wuchs in jener Zeit schneller als die der Gesamtbevölkerung.

Viele Bewohner in den abgelegenen Randregionen des Sollings lebten während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in bitterer Armut und Not.

Im gewerblichen Sektor des Verlagswesens kam es zu einer steigenden Anzahl arbeitender Frauen und Kinder, zum einen wegen der zunehmenden vorindustriellen Armuts- und Notsituation, zum anderen wegen der geringeren Entlohnung je Leistungseinheit.[1]

Der Niedergang des Leinengewerbes verschärfte zudem die soziale und wirtschaftliche Notsituation.

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts verdrängte die billige, maschinell verarbeitete Baumwolle auch die hiesige Leinenproduktion.

Die „Leinenkrise“ lies zahlreiche Familien der ländlich-dörflichen Unterschicht erwerbslos werden; sie drückte die Stimmung der ohnehin notleidenden Bevölkerung.

Trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen dominierten während der 1830er und 1840er Jahre, insbesondere in den kleinen Walddörfern des Sollings und darüber hinaus.[3]

Die mitten durch den Solling verlaufende Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) war ehemals berüchtigt, nicht zuletzt auch wegen der häufigen, polizeilich verfolgten Wilddieberei und des verbreiteten Schmuggels in dieser exponierten Sollingregion.

Um 1840 hatte die Landesgrenze eine besondere Rolle erhalten, denn die auch inmitten des Hellentals verlaufende Herrschaftsgrenze wurde in jener Zeit wegen der häufigen Wilderei und des verbreiteten Schmuggels im bitterarmen Solling wieder berüchtigt.

Für lange Zeit galt der Solling als Hochburg der Wilddieberei, die sich als so genannte Freijagd im 18.-20. Jahrhundert bei den schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründen entfaltete und vor allem in verarmten Walddörfern oft von den Dorfbewohnern unterstützt wurde.

In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren des 18./19. Jahrhunderts, einhergehend mit Hunger und Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum, gab es typischerweise eine Vielzahl von Einzelstrategien, die die Dorfbewohner des Sollings wegen ihrer großen materiellen Armut und existentiellen Not entwickelten.

Zugleich kam es ab und an auch zu „gewissen Unregelmäßigkeiten” jenseits der damals geltenden Rechtsordnung.

Zu den Erwerbszweigen zählten schließlich auch Verbrechen und Betrügereien.

Auch zeigten sich die Bewohner der Walddörfer im Solling als besonders konfliktfreudig.

Die ausgeprägte materielle Not und ländliche Lebenspraxis bestimmte die Mentalität wie die dörflichen Vorstellungen von Moral und Recht, hingegen nicht gesellschaftliche oder rechtliche Normen.[4]

Das Strafmaß für den Schleichhandel resp. für das Zollvergehen bei Grenzübertretungen waren in jener Zeit recht hart bemessen (Geldstrafe, Zuchthaus, Festungshaft).

Ein Überleben vieler kleiner Landleute des Sollings war in jener armutsbehafteten Zeit oft nur durch Gesetzes- und Grenzübertretungen möglich.

Besondere lokale und individuelle Varianten bestanden in dem „Schmuggel rund um den Solling“[5] und bei der facettenreichen Wilddieberei in den Sollingforsten des 18./19. Jahrhunderts[6] – begleitet von zahlreichen „erlebten und erlauschten“ Erzählungen, Jagderlebnissen und Wilderer-Geschichten aus dem Solling.[7]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] JARCK/SCHILDT 2000; HENNING 1989; SCHUBERT 1997.

[3] SPIEKER/SCHÄFER 2000, S. 207.

Der Notar Steinacker in Holzminden beschrieb 1833 mutig und eindrucksvoll die zugespitzte soziale und ökonomische Situation jener Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts im Weserdistrikt des Herzogtums Braunschweig - zit. in RAULS 1983.

[4] SCHUBERT 1997

[5] CREYDT 1988, S. 26.

[6] Übersicht bei CREYDT 2010 und ALTHAUS 2006.

[7] u.a. bei BLIESCHIES 1978, S. 38-48.

[43] Akademie Bremen 1999.

[44] HENZE 2004, S. 91 ff.

[45] zit. in ANDERS 2004, S. 265 f.; RAULS 1983, S. 128.

[46] anspruchslose Sonnenblumenart.

[47] Gute Groschen.