Die Revolutionsjahre 1830│1832│1848

Klaus A.E. Weber

 

Aufstände & Übergriffe ⎸ Bürgerwehren ⎸Demokratische Bestrebungen ⎸Jubel als Ausdruck der öffentlichen Meinung


Einst Residenzschloss der Markgrafen/Großherzöge von Baden - heute Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe

Sonderausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ [26]

(2018-05)

 

Wie sich auch an der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts – Massenarmut und Proletarisierung – zeigen sollte, war im niedersächsischen Raum das bewahrende Moment stets stärker als das modernisierende.

Nur genügend großer äußerer oder innerer Druck förderte die Bereitschaft zu Reformen.[1]

Im 19. Jahrhundert – von der Restauration zur Reichsgründungszeit[2] - entwickelte sich ein langer, heftiger Kampf zwischen Demokratisierung und monarchistischer Herrschaft.

Im Juli 1830 kam es sowohl in Paris als auch in französischen Provinzen zur Revolution („Julirevolution“), einem Aufstand von Bürgern, Arbeitern, Intellektuellen und Studenten gegen die reaktionäre Bourbonen-Monarchie, die unter König Karl X. seit 1824 die Restauration des Absolutismus anstrebte.

Der französische König wurde bei Julirevolution gestürzt.

Zwischen 1840-1880 herrschte im Solling eine schwere Wirtschaftskrise, die zur Blütezeit der „Freijagd“ in den Sollingwäldern führte.

Insbesondere das „Revolutionsjahr“ 1848 gilt als das Jahr der Wilderer.

 

1830: Erfolgreicher Umsturz & spektakulärer „Braunschweiger Schlossbrand“

Die Julirevolution von 1830 kann nicht für alle Veränderungen im Herzogtum Braunschweig herangezogen werden.

Gleichwohl führten hier aber schlechte Ernten, Teuerung und Arbeitslosigkeit zu einer zunehmenden Unwilligkeit vieler Menschen.

Wohl auch vom Geist der Julirevolution inspiriert und vom hohen Adel des Herzogtums mitgetragen, wurde am 07. September 1830 in Braunschweig das alte Schloss des dort residierenden Herzogs Carl II. (1804-1873)[3] von einer aufgebrachten, erbitterten Braunschweiger Volksmenge erstürmt und geplündert mit der Folge, dass die gesamte barocke Residenz am Bohlweg bis auf die Grundmauern nieder brannte.

Dabei wurde die Abdankung des Macht missbrauchenden, unbeliebten, neoabsolutistischen „Diamantenherzogs" erzwungen.

Nachdem am 30. Oktober 1823 Carl II. einst triumphal die Regierungsgeschäfte in Braunschweig übernommen hatte, wurde er nun am 07. September 1830 für immer vertrieben und später völlig entmachtet.

Hierbei soll es sich um die einzige, vom Ziel her auch erfolgreiche deutsche Revolution des 19. Jahrhunderts gehandelt haben.[4]

Nach längeren Verhandlungen übernahm am 20. April 1831 Karls Bruder Wilhelm (1806-1884) zunächst nur provisorisch, später ganz die Regierungsgeschäfte im Kleinstaat Braunschweig, unterstützt von politisch und wirtschaftlich einflussreichen Gruppierungen.

 

Erinnerungsort Hambacher Schloss - Wiege der deutschen Demokratie und der europäischen Einigung (2018-06)

 

1832: Das politische Maifest auf dem Hambacher Schloss - Hinauf, hinauf zum Schloss!

Mit der Einladung "Der Deutschen Mai" als Jubiläumsfeier ("Constitutionsfeste") für die bayerische Verfassung vor der Ruine des Hambacher Schlosses bei "Neustadt an der Haardt im baierischen Rheinkreis" geplant, wurde das Hambacher Fest vom 27. Mai 1832 zur ersten großen politischen, radikal-liberalen Volkskundgebung der neueren deutschen Geschichte - zu einem der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Demokratiegeschichte.[25]

Etwa 20.000 bis 30.000 Bürger*innen als liberal gesinnte Vertreter*innen aus dem Mittelstand, Kaufleute, Handwerker, Kleinbauern, Winzer, Taglöhner, Emigranten, Professoren und Studenten waren zusammen gekommen, um angesichts der seit 1815 bestehenden Repression durch die bayerische Staatsgewalt für mehr Freiheit und für die nationale Einheit – mit den Farben „Schwarz-Rot-Gold“ – zu demonstrieren.

Unter den Festbesuchern mit Mitstreitern vom "Deutschen Preß- und Vaterlandsverein" war zugleich auch eine Vielzahl ausdrücklich eingeladener Frauen.

Namentlich zu nennen sind Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845), Johann Philipp Becker (1809-1886), Friedrich Deidesheimer (1804-1876), Friedrich Schüler (1791-1873), Dr. Daniel Friedrich Ludwig Pistor (1807-1886), Georg Friedrich Kolb (1808-1884), Karl Heinrich Brüggemann (1810-1887), Johann Georg August Wirth (1798-1848) und seine Ehefrau Regina Magdalena Wirth (geb. Werner, 1792-1871).[25]

Die Teilnehmer*innen und Redner des Festes forderten zum einen die nationale Einheit Deutschlands, zum anderen ein „conföderiertes republikanisches Europa“, Presse-, Meinungs-, Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung der Frauen.[25]

Aufgrund dieses Ereignisses gilt das Hambacher Schloss heute auch als Wiege der deutschen Demokratie sowie der europäischen Einigung.

Literaturhinweise zum Hambacher Fest

 

Märzrevolution von 1848/1849

Im Frühjahr 1848 entwickelten sich fast überall in den Staaten des Deutschen Bundes, erneut von Frankreich aus inspiriert (Februarrevolution), Erhebungen der Bevölkerung, gewaltsame Ausbrüche und offene sozialrevolutionäre Proteste unterbäuerlicher Schichten und des Bürgertums.[5]

Am Berliner Alexanderplatz kam es zu heftigen Barrikadenkämpfen.

Die inneren Verhältnisse waren in allen niedersächsischen Ländern vor 1848 tendenziell ähnlich.[6]

An der politischen und sozialen „Deutschen Revolution“ - der Märzrevolution von 1848/1849 -, die teilweise von Gewalt begleiteten bürgerlich-demokratischen Manifestationen der demokratischen Volksbewegung mit ihren Märzforderungen, waren u.a. auch Vertreter aus Niedersachsen beteiligt.

Kleinräumig gesehen, sollen die örtlichen Aktivitäten von Solling-Wilderern um 1848 notgedrungen besonders ausgeprägt gewesen sein.[7]

Im kleinen, beim Wiener Kongress 1814-1815 wieder hergestellten Herzogtum Braunschweig erfuhr die nach 1830 eingeleitete Liberalisierungsphase mit ihren Reformen und der „Neuen Landschafts-Ordnung“ vom 12. Oktober 1832 keine wesentliche Veränderung.

Zunächst verbreitet sich nach SCHILDT[8] im Herzogtum „der Geist biedermeierlicher Harmonie“ und „die Braunschweiger waren im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was sie in der Revolution von 1830 gewonnen hatten“.

Dann kam es - einhergehend mit der Märzrevolution von 1848 – aber auch hier zu wütenden Protesten und aktionistischen Unruhen von Braunschweiger Untertanen und Bürgern.[9]

Die öffentlichen Proteste wirkten sich auch peripher in der sozioökonomisch benachteiligten Landbevölkerung der Weser-Leine-Region aus.

Hierunter entwickelten sich schließlich auch in der kleinen Region des Kreises Holzminden offene Unruhen, die mit „der exzessiven Ausübung von Gewalt“, wie Übergriffen auf Verwaltungsstellen, verbunden waren[10] und lokal eine „Lust der Sollinger am Tumultieren“ in der materiell verarmten und rechtlich eingeschränkten Sollingregion festzustellen.[11]

 

1848: Im März turbulenter Angriff auf das Nebenzollamt bei Merxhausen

Den einst „biedermeierlichen Harmoniegeist“ durchbrechend kam es durch örtliche Tumultuanten an der bewachten Landes- und Zollgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig, dem Königreich Preußen und dem Königreich Hannover[12] zu Angriffen insbesondere auf im Nahbereich befindliche Zollstationen, wie beispielsweise besonders turbulent in Wangelnstedt und Merxhausen.

Von SEELIGER wurde der Angriff auf das Nebenzollamt bei Merxhausen im März 1848 untersucht.[13]

Danach ereignete sich in der Abenddämmerung des 22. März 1848 ein besonders turbulenter Angriff auf das Braunschweiger Nebenzollamt nahe dem Grenzdorf Merxhausen, der später zu einem Prozess führte.

In einer Verteidigungsschrift wurde berichtet:[14]

"Schon einige Zeit vorher, jedenfalls aber am Morgen jenes Tages, ging in Merxhausen und der nahen Umgegend das Gerücht, daß die Heinader am Abende des Tages nach Merxhausen kommen und einen Angriff auf das dortige Nebenzollamt machen würden, welcher Angriff vornehmlich in dem ungefälligen und inhumanen Benehmen des Einnehmers Hartmann seinen Grund habe."

In Begleitung ihres Ortsvorstehers Carl Friedrich Wilhelm Reuter (1812-1868) entluden mehrere (12-15 alkoholisierte) Heinader ihren aufgestauten Zorn mit Lärm, Beleidigungen und Drohungen vor dem Gebäude des Nebenzollamts (alter „Grenzkrug“), versehen aber mit Schaufeln, Hacken und anderen Arbeitsgeräten.

Innerhalb des Dorfes Merxhausen selbst sei es offenbar zu keinen Störungen gekommen.

Einige der „Tumultuanten“ zogen zu dem nahe stehenden Zollpfahl, den sie „durch Einhacken“ beschädigten, das daran befestigte Zollschild abschlugen und den zuständigen Zollbeamten beleidigten und bedrohten.

„Durch Schläge und Steinwürfe“ sei die tumultierende Gruppe auf ihrem Rückweg nach Heinade von Dorfbewohnern von Merxhausen aus regelrecht vertrieben worden.

Gleichwohl gibt es auch Hinweise darauf, dass sich bei dem Angriff auf die staatliche Verwaltungsstelle der eine oder andere Merxhäuser Einwohner beteiligt hat, wie nachweislich die beiden Angeklagten Dempewolf[15] und Kropp.

Dieser hatte im Verhör angegeben:[16]

"Er habe mit den meisten Einwohnern zu Merxhausen die Plagen der Zollgrenze zu tragen gehabt, und sei diese Lage durch die Ungefälligkeit des Einnehmers Hartmann noch drückender geworden."

Seit 1846 Leiter des Obergrenzbezirkes Stadtoldendorf im Hauptzollamtsbezirk Holzminden nahm der preußische Premier-Lieutenant und Steuerrat Justus Lohmann im Vorfeld der Ereignisse vom 22. März 1848 präventiv Einfluss auf den Ortsvorsteher von Merxhausen und das Verhalten der Dorfbewohner, denen damals das Hemd näher schien als der Rock.

Ohnehin fand er als streng auf Zucht und Ordnung setzender preußischer Beamter "unerquicklichen Verhältnisse" im Herzogtum Braunschweig vor, insbesondere bei der hier zu laxen obrigkeitsstaatlichen Aufsichtsführung.

Den wohl erst um 1880 abfassten Lebenserinnerungen des preußischen Beamten LOHMANN sind hierzu die folgenden ausführlichen, allerdings auffallend subjektiv gefärbten Schilderungen zu entnehmen:[17]

"Da hörte ich dann, daß die Bewohner des Dorfes Heinade, unter Beihilfe der Bewohner des Dorfes Deensen, damit umgingen das Zollamt zu Merxhausen, welches unmittelbar an der hannov. Grenze dem hannöverschen Dorfe Mackensen in einer Entfernung von ungefähr ¼ Stunde gegenüber lag, zu überfallen, die Kasse zu rauben und den Einnehmer, einen braunschweigischen Beamten Namens Hartmann, der dem Publikum gegenüber sich oft schroff und ungefällig gezeigt, zu mißhandeln.

Auch die Einwohner des Dorfes Merxhausen waren sehr aufgeregt, und es konnte wohl angenommen werden, daß dieselben sich dem Überfalle anschließen würden.

Nachdem ich angeordnet hatte, daß unausgesetzt und mit Ablösung zwei Aufseher im Kassenlokale des Zollamtes Wache hielten, um dem Einnehmer und seiner Familie im vorkommenden Falle Beistand zu leisten und überdies angeordnet hatte, daß in der Richtung nach Heinade, was etwa ½ Stunde von Merxhausen entfernt lag durch Patrouillen beobachtet werde, ob und wann der Überfall stattfinden werde, begab ich mich zum Ortvorsteher von (Merxhausen), der ein verständiger und ruhiger Mann war, theilte ihm mit, was im Werke sein, und wovon er auch schon war unterrichtet worden, suchte ihm klar zu machen, daß für die Gemeinde Merxhausen sehr übele Folgen daraus entstehen würden, wenn Staatseigenthum zerstört und Beamte sollten mißhandelt werden.

Ich sagte ihm, daß meine Beamte instruirt seien, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen, sofern sie in dem Schutze des Staatseigenthums, sowie des Privateigenthums und der Person des Einnehmers angegriffen würden, und daß die Gemeinde Merxhausen demnächst für den angerichteten Schaden aufkommen müsse, wenn derselbe auch von Fremden angerichtet und kein Einwohner des Dorfes beteiligt gewesen sei.

Ich sagte ihm, daß es hiernach die Pflicht der Eingesessenen und ihr eigener Vortheil sei, wenn sie sich dem geplanten Überfalle nicht nur nicht anschlössen, sondern mit aller Macht zu verhindern suchten.

Das schien ihm einzuleuchten.

Er ließ sogleich einige der einflußreichsten und vernünftigsten Besitzer herbeirufen, und diesen setzte ich die Sachlage ebenfalls gründlich auseinander.

So wurde nun verabredet, daß sofern etwaige Ruhestörer aus Heinade und Deensen anrücken möchten, die ganze männliche Bevölkerung mit Knitteln pp versehen, sich vor dem Gehöfte des Vorstehers, der das Zeichen dazu geben lassen werde, versammeln sollte, um jeden Unfug zu verhindern.

Und so geschah es.

Als nun eines Tages ein Haufen von 50-60 Personen, Männer und auch Weiber, mit alten Gewehren, Heugabeln und Knitteln versehen gegen Merxhausen heranzogen, wurde der Ortsvorsteher von den von mir zur Beobachtung aufgestellten Aufsehern davon in Kenntniß gesetzt.

Dieser berief nun sofort die Einwohner und Knechte, wie es vorher besprochen war, bewaffnet mit Knitteln und Heugabeln auf den Sammelplatz bei seinem Gehöft, das am Eingange des Dorfes belegen war.

Als nun die Bande unter Führung des Ortsvorstehers von Heinade im Dorfe eintraf, hoffte dieselbe von den versammelten Merxhausern in ihrem Vorhaben unterstützt zu werden und begrüßte sie mit einem lauten Hurrah!

Allein sie wurden bald eines andern belehrt, indem der Vorsteher von Merxhausen ihnen erklärte, daß in seinem Dorfe ein Unfug von andern Ortsbewohnern nicht geduldet werden würde, und daß es besser sei, wenn sie dahin zurückkehrten, woher sie gekommen seien.

Da war nun aber das Volk aber schon zu sehr erregt, indeß sie ließen sich  doch bestimmen, von dem Überfall des Zollamts, auf den es doch vornehmlich abgesehen war, Abstand zu nehmen.

Sie schlugen einen Seitenweg ein, um an die Grenzlinie zu gelangen, und wollten auf diesem Wege das Haus des Kaufmanns Rothschild überfallen, wurden aber durch die Merxhausener daran verhindert.

Nun zog der Trupp um das Dorf herum an die Grenzlinie und riß hier die dort an der Zollstraße befindliche Zolltafel um.

Bei der Rückkehr zogen sie nun der Zollstraße entlang, durch das Dorf und so auch vor das Zollhaus, wo halt gemacht wurde und geschimpft und gedroht auch endlich von einem Kerl aus dem Haufen ein Stein an die am Gebäude befestigte Zolltafel geworfen wurde.

Dies gab nun für die Merxhauser die sich vor dem Zollhause bereits aufgestellt hatten und in der Übermacht waren, das Signal die Eindringlinge mit wuchtigen Hieben aus dem Dorfe hinauszutreiben.

Mir wurde alsbald von dem Vorfalle Mittheilung gemacht und so ritt ich dann am nächsten Tage in Begleitung von 2 beritt. Aufsehern nach Merxhausen, das nur 1½ Stunden von meiner Station entfernt war, u. stellte fest, was da vorgefallen war.

Ich machte davon zunächst dem Justizamtmann Paulsen mündlich die dienstliche Anzeige, und trug auf Einleitung einer Untersuchung an.

Allein das wies p. Paulsen, der den Ortsvorsteher von Heinade nicht in Ungelegenheit bringen wollte, von der Hand, und meinte er wolle veranlassen, daß die Zolltafel an der Grenze alsbald wieder aufgestellt werde, und damit sei in dieser aufgeregten Zeit genug gethan.

Ich berichtete nun weiter an das Haupt-Zollamt zu Holzminden, aber auch zugleich an den Vereinsbevollmächtigten, Regierungsrath v.Kamptz zu Braunschweig, und gab zu erwägen, daß wenn nicht unverzüglich eingeschritten würde, später dergleichen Überfälle in verschiedenen Stellen sich sicherlich wiederholen würden, und, wie anzunehmen sei, nicht so günstig verlaufen möchten.

Das half dann auch, und so erschien dann unerwartet eine Untersuchungs-Commission des Obergerichts zu Holzminden, die sich in Heinade einlogirte.

Das Result war, daß eine große Zahl der Betheiligten darunter vornehmlich der Ortsvorsteher zu Heinade zu langen Haftstrafen und in die Kosten der Untersuchung verurtheilt wurden."

 

Steinschlossgewehre, Exerzierübungen & Schnaps │ Stadtoldendorfer Bürgerwehr im „Schandjahr“

Für das Entstehen von Unruhen im Weserdistrikt und die besagte Lust der Sollinger am Tumultieren können sowohl politische Motive als auch soziale Gründe gesehen werden.

Zusätzlich zu den geschilderten Umständen war hinzugekommen, dass aufgrund zunehmender Absatzproblematik das häusliche Garnspinnen und Leinenweben fast zum Stillstand gekommen war.

Man glaubte damals zwar, die Abschaffung der innerdeutschen Zölle sei ein wichtiger Reformansatz.

Doch ließ sich dieser nicht durchsetzen.

Es entwickelte sich auch im Weserdistrikt eine zunehmende soziale Unruhe.

Von der braunschweigischen Regierung wurde wieder eine Bürgerwehr in Stadt und Land gefordert.

So wurde auch die Herzogliche Kreisdirektion Holzminden angewiesen, in den Städten Holzminden, Stadtoldendorf und Eschershausen eine Bürgerwehr zu errichten.

Deren Funktionen galt auch „dem Schutz vor den sozialen Gefahren, die von den Unterschichten ausgehen konnten.“[18]

Angemerkt sei, dass insbesondere das deutsche Revolutionsjahr von 1848 als das Jahr der Wilderer gilt.

Ende März 1848 kam es in einigen Orten zu Protestaktionen, wie der turbulente Angriff auf das Nebenzollamt bei Merxhausen am 22. März 1848 - trotz der Stadtoldendorfer Bürgerwehr.

Wie zuvor berichtet, war 1846 dem preußischen Premier-Lieutenant und Steuerrat Justus Lohmann (1804-1885) der Obergrenzbezirk Stadtoldendorf im Hauptzollamtsbezirk Holzminden übertragen worden.[19] 

In seinen erst später verfassten Lebenserinnerungen schildert er anschaulich seine Begegnung mit dem "Bürgerwehr-Bataillon von Stadtoldendorf":[20]

"In dem Schandjahr 1848 ging es auch im Herzogthum Braunschweig, besonders auch in Stadtoldendorf toll zu.

Wie überall so bildete sich auch hier eine Bürgerwehr.

Ich wurde ersucht, das Kommando derselben zu übernehmen, was ich jedoch unter dem Vorgeben ablehnte, daß meine Dienstgeschäfte dies nicht gestatteten, dahingegen genehmigte ich, daß die Aufseher der Station in dienstfreien Stunden die Exercir-Übungen leiteten, denn unter der Bürgerwehr war nicht ein Einziger, der Soldat gewesen wäre.

Für das Bürgerwehr-Bataillon von Stadtoldendorf hatten Frauen und Jungfrauen der Stadt eine Fahne gestickt, die feierlich übergeben und sogar von dem Superintendenten Hartmann eingeweiht wurde.

Zu dieser Fahnenweihe, für welche zufällig vor der Thür meines Wohnhauses eine Art Tribüne erbaut worden war, mußte auch ich mich als Bürgerwehrmann nolens volens anschließen.

Ich zog Civilkleider an und nahme eine Lanze, womit ich neben dem Oberförster v. Schwarzkoppen, der sich ebenfalls mit einer solchen bewaffnete, in's zweite Glied trat, während das erste Glied mit alten Steinschloßgewehren, die aus dem Zeughause zu Braunschweig geliefert worden, bewaffnet waren.

Mit dieser Fahnenweihe war nun noch ein sogenanntes Verbrüderungsfest arrangirt, wozu aus den umliegenden Ortschaften, ja selbst aus Holzminden Bürgerwehren eingetroffen waren.

Als nun außerhalb der Stadt die geweihete Fahne auch noch beschossen wurde, standen vor mir und p. v. Schwarzkoppen im ersten Gliede der Kaufmann Rothschild und 1 Schneider.

Beim Abfeuern des Gewehrs ging die Ladung des Rothschildschen statt aus der Mündung aus dem Zündloche, welches stark ausgebrannt war, und so seinem Nebenmanne, dem Schneider in den sehr gepflegten Vollbart, sodaß derselbe in hellen Flammen aufloderte.

Das war für v. Schwarzkoppen und für mich, das Zeichen zum Entfernen aus der unheimlichen Nähe, wo man Leuten Schußwaffen, die noch ohnehin sehr defekt waren in die Hand gegeben hatte, mit denen sie nicht umzugehen verstanden.

Wir steckten die Spitzen unserer Lanzen in die Erde, wo wir standen und drückten uns.

Das war das erste und das letzte Mal, wo ich mit der Bürgerwehr ausgezogen bin.

Es war bei der Zusammensetzung dieser Bürgerwehren zu erwarten, daß, wenn irgendwelcher Spektakel eintreten sollte, dies nun durch dieselben, die dergleichen doch verhindern sollten, hervorgerufen werde.

Es wurden nun fleißig Exercir-Übungen und Übungsmärsche vorgenommen; die einzelnen Kompagnien sammelten sich vor den Wohnungen der Hauptleute, zu welchen solche Einwohner gewählt worden waren. die neben ihrem kaufmännischen Geschäfte auch Branntwein-Schank betrieben.

War nun die Kompagnie angetreten, dann regalirte der Hauptmann jeden in Reihe und Glied stehenden Bürgerwehrmann mit einem Schnapse.

Neben meiner Wohnung an, wohnte der Hauptmann Kaufmann Thiele, der regelmäßig eigenhändig die Schnäpse austheilte.

Nach und nach mochte ihm diese Spende doch etwas zu hoch kommen, sodaß er ein kleineres Glas als bisher wählte.

Das schien nun den braven Bürgerwehrmännern nicht, sie thaten Einspruch und da das nicht half so beschlossen sie einen andern zum Hauptmann zu wählen, der ein größeres Glas Schnaps spendire.

So waren die edlen Vaterlandsvertheidiger beschaffen.

Nach den Märztagen in Berlin waren wir Preussische Beamte ganz darunten durch, man hätte uns gar zu gern aus dem Lande hinausgejagt, man verlangte freien Verkehr mit dem Auslande, überfiel die Zoll- und Steuerämter, jagte in Seesen u. in Gandersheim die Beamten fort, und der Schmuggel nahm einen argen Aufschwung.

Ich ließ jedoch nicht nach, die Grenze und den Bezirk nach wie vor strenge zu überwachen, sodaß noch immer Beschläge gemacht wurden.

Leider aber waren die oberen Behörden so eingeschüchtert, daß es gar nicht gern gesehen wurde, wenn Beschlagnahmen erfolgten.

Namentlich war der Ober-Zoll-Insp. v. Schmidt-Physeldeck zu Holzminden so ängstlich, daß er mir durch Ordonanz einen Brief zusandte, in dem er mir empfahl nicht zu strenge zu verfahren, und ein Auge zuzudrücken, bis andere Zeiten kommen würden.

Ich mußte auf meinen Diensttouren manche Schimpfreden, die hinter mir hergerufen wurden, anhören und vielfache Drohungen wurden ausgestoßen, allein es wagte doch Niemand mir zu nahe zu kommen.

In meinem Bezirke war es, ungeachtet ich nach wie vor den Dienst ausführte und ausführen ließ, zu erheblichen Unruhen nicht gekommen, doch nun wurde auch von Außen gehetzt und agitirt, und die Einwohner wegen ihrer Lauheit verhöhnt."

 

1848: Im Mai erste deutsche Nationalversammlung

Allgemein erhoffte man sich in Deutschland durch die Einberufung einer Nationalversammlung eine entscheidende Verbesserung der Lage zu erreichen.

Diese wurde jedoch von deutschen Fürsten durch ihr gewaltsames Eingreifen am 18. Juni 1849 aufgelöst.

Die Chance zu wirklichen Reformen blieb somit ungenutzt.

Immerhin leitete das Herzogtum Braunschweig einige, wenn auch wenige Veränderungen ein.

So besaßen die Bürger nach der ab Juni 1848 geltenden herzoglichen Regelung nunmehr das Recht zur freien Vereinsbildung.

Zu bedenken ist, dass viele politische Akteure mit ihren verschiedenen Aktivitäten eine völlige gesellschaftliche Veränderung anstrebten.

Vielmehr versuchten sie vornehmlich, ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu verbessern.

Auf Heinade, Hellental und Merxhausen bezogen, traten diese Verbesserungen schließlich durch die Umsetzung der Agrarreformen mit der Separation ein.

Auch die Landbewohner des südniedersächsischen Berglandes forderten Reformmaßnahmen, wie die Revision des Polizeistrafgesetzes von 1847, die Aufhebung des Forststrafgesetzes von 1847, die Aufhebung der staatlichen Einschränkung bei Grundstücksverkäufen und die Aufhebung des Jagddienstes ohne Entschädigung sowie eine genügende Gegenleistung bei Wildschäden.[21]

 

Am 18. Mai 1848 war mit 384 von insgesamt 545 Parlamentariern (Abgeordenten)[22] in der Frankfurter Paulskirche die erste deutsche Nationalversammlung zusammengetreten, mit dem Ziel, einen Nationalstaat und eine Verfassung parlamentarisch zu erarbeiten.

Hierfür wurde ein Abgeordneter je 50.000 "selbständige" Männer in unmittelbarer, gleicher und geheimer Wahl gewählt.

Bis heute stellt diese Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt - als erstes demokratisch gewähltes gesamtdeutsches Parlament - einen bedeutenden Bezugspunkt für die Entwicklung der deutschen Demokratie dar.[25]

Der am 27. Dezember 1848 verabschiedete Katalog von Grundrechten wie auch die parlamentarische Arbeit bleibt jedoch hinter den hohen Erwartungen weit zurück.

Schließlich verabschiedet die Frankfurter Nationalversammlung am 28. März 1849 die erste Verfassung eines deutschen Bundesstaates, die den Bürgern erstmalig in der deutschen Geschichte unveräußerliche Grundrechte garantierte.

In diesem Kontext wurde die braunschweigische Gesetzgebung schrittweise reformiert.

Wahlrechtsänderungen, die Einführung der Grundsteuer und die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung wirkten sich auch auf die Dörfer Heinade, Merxhausen und Hellental aus.

 

Das Bürgerlied: „Trotz alledem“

Volkslieder der gescheiterten „deutschen Revolution“ spiegeln die historische Ereignisse wieder und vermitteln „durch ihre frische Unmittelbarkeit diese Zeit lebendiger, als es bloße Geschichtsschreibung tun kann“.

Ferdinand Freiligrath schrieb im Juni 1848 das Lied „Trotz alledem“ nach einer schottischen Melodie.

Um 1845 war „Das Bürgerlied“ in verschiedenen Liederbüchern erschienen.

Es „demonstrierte das Selbstbewusstsein des sich gerade herausbildenden Proletariats von Handwerksgesellen und Arbeitern.“[23]

Für das entlegene Sollingdorf Hellental liegen keine detailliert aufgearbeiteten Erkenntnisse über die lokalen politischen und sozialen Auswirkungen der doppelten „1848er Revolution” vor.

So müssen letztlich viele ortshistorische Fragen offen bleiben, wie beispielsweise, ob auch die trostlos armen Dorfbewohner Sympathien für die aufkommende demokratische Bewegung entwickelten, ob es organisierte Proteste und Widerstände gab oder das Dorf in einer seinerzeit nicht unüblichen Lethargie verharrten.

Soweit aus der historischen Literatur bekannt ist, herrschte während des 19. Jahrhunderts im Herzogtum Braunschweig die Treue zum Fürsten als Grundstimmung vor und Jubel wurde zum Ausdruck der öffentlichen Meinung.[24]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] HAUPTMEYER 2004, S. 102 f.

[2] Zusammenfassung bei SCHILDT 2000, S. 751-786.

[3] ältester Sohn von Friedrich Wilhelm, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, dem „Schwarzen Herzog“, und Maria von Baden (1782-1808); Übersicht bei SCHILDT 2000, S. 753-760.

[4] SCHILDT 2000, S. 761.

[5] SCHUBERT 1997

[6] HAUPTMEYER 2004, S. 102 f.

[7] BLIESCHIES 1978, S. 43.

[8] SCHILDT 2000, S. 776.

[9] SCHILDT 2000, S. 777-783.

[10] SEELIGER 1999, S. 241.

[11] SCHÄFER 1999, S. 116-135.

[12] Grenze zwischen dem Zollvereins- und Steuervereinsgebiet in Norddeutschland.

[13] SEELIGER 1999, S. 241-243.

[14] NStAWb: 30 Neu 6 Nr. 3152 - zitiert in SEELIGER 1999, S. 241-242.

[15] möglicherweise handelt es sich um den Ölmüller August Wilhelm Dempewolf.

[16] SEELIGER 1999, S. 242.

[17] Manuskript LOHMANN/GECK 2009 – dankenswerterweise überlassener 13seitiger Auszug aus den Lebenserinnerungen des Justus Heinrich Wilhelm Lohmann (* 09. Juni 1804 - † 27. Mai 1885), Premier-Lieutenant und Steuerrat.

[18] SCHILDT 2000, S. 778.

[19] Manuskript LOHMANN/GECK 2009: "Auch hier, wo ich mit meiner Familie am 1. Januar 1846 anlangte, war in der Dienstverwaltung eine arge Unordnung und das Aufsichtspersonal recht verwahrlost. Der berittene Grenzaufseher Paternack, ein Preuße, hatte den Ober-Kontrole-Bezirk 10 Monate lang commissarisch verwaltet, und recht sehr verwahrlost …. Ich hatte zwar mit meiner Versetzung nach Stadtoldendorf eine Gehaltszulage von 100 rtl. jährlich erhalten, also ein Einkommen von 600rtl. dazu 160rtl. jährliche Pferdeunterhaltungsgelde …"

[20] Manuskript LOHMANN/GECK 2009.

[21] SCHÄFER 1999, S. 116.

[22] gewählte Mitglieder vornehmlich des Bildungsbürgertums – Pfarrer Karl Heinrich Jürgens aus Stadtoldendorf, Kaufmann Friedrich Stolle aus Holzminden.

[23] nach Hannes WADER, Volkssänger, 1975.

[24] SCHUBERT 1997.

[25] STIFTUNG HAMBACHER SCHLOSS 2017.

[26] Sonderausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ vom 21. April bis zum 11. November 2018 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe.