Grabplatte des „ehrbaren“ Jürgen Specht von 1681

Dr. Klaus A.E. Weber

 

Ältestes epigrafisches Zeugnis des Dorfes Merxhausen


Grabplatte aus Solling-Buntsandstein mit Epigrafie - am "Fundort" Dassel

 

Vergessen und ortsfremd lag er einst in dem dunklen Keller des alten Rathauses der benachbarten Stadt Dassel, nun hängt er kunstvoll in einem schmiedeeisernen Gestell befestigt und allgemein sichtbar im Vorraum der Friedhofskapelle von Merxhausen - die imposante Grabplatte [1] des „ehrbaren“ Jürgen Specht, 1681 verstorben in Merxhausen.

 

Grabplatte im Vorraum der Friedhofskapelle von Merxhausen

 

ANNO 1681 AM 22.

JULY IST DER EHRBARER JÜRGEN SPECHT

WIRTH UND GASTGEBER ZU MERXHAUSEN

SEHLIG IN GOTT ENTSCHLAFEN

SEIN ALTER 73 JAR

 

Den „Rückweg“ des frühneuzeitlichen Grabsteins von Dassel nach Merxhausen bahnte vor längerem Prof. Dr. Ludger Kappen, Vorsitzender des Fördervereins Museum „Grafschaft Dassel“.

Als er mit seinem Museumsteam im Ratskeller von Dassel die relativ gut erhaltene Grabstele aus Solling-Buntsandstein des „Wirtes und Gastgebers zu Merxhausen“ Jürgen Specht „entdeckte“, setzte er sich sofort mit Dr. Klaus A.E. Weber, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen, in Verbindung mit dem Ziel, den für Merxhausen ortshistorisch bedeutenden Grabstein wieder an seinen originären „Stammort“ am Sollingrand zurückzuführen.

 

 

Rückführung des historischen Grabsteins

Die buchstäblich schwere Aufgabe der Rückführung des Grabsteins aus Dassel übernahm Rolf Clauditz mit seiner Vereinsarbeitsgruppe Merxhausen.

Sandsteine haben bekanntermaßen ihr Gewicht, so dass wohlweißlich vier Mitglieder der Arbeitsgruppe Merxhausen sich auf den Weg nach Dassel machten, um den Grabstein, der von Prof. Dr. Ludger Kappen nur mündlich beschrieben war, in Empfang zu nehmen.

Zur Freude und Erstaunen war die Grabplatte in einem exzellenten Zustand, als hätte sie gerade die Sandstein-Werkstätte verlassen.

Die Jahreszahl wurde mit Ehrfurcht verlesen: 22. July 1681.

Mit dieser verewigten Zahl war das bislang älteste für Merxhausen datierte Objekt in Besitz genommen.

Der Grabstein wurde auf einen Hänger gehievt und in der Friedhofskapelle zwischengelagert.

Hier sollte auch auf Wunsch der Arbeitsgruppe Merxhausen der Sandstein für alle sichtbar aufgestellt werden.

Doch zuvor musste die Samtgemeinde Eschershausen-Stadtoldendorf grünes Licht geben, um das bauliche Vorhaben zu verwirklichen.

Nach deren Genehmigung fertigte der Merxhäuser Michael Felder ein ansprechendes, schmiedeeisernes Gestell, ließ es verzinken, versah es mit Anstrich und montierte die Grabplatte an dem jetzigen Standort in der Friedhofskapelle Merxhausen.

Der Bürgersinn, der sooft beschworen wird, fand in Michael Felder ein gutes Beispiel; heute ist er Mitglied im HGV-HHM.

 

Zum Leben von Jürgen Specht

Über den im 17. Jahrhundert – von 1608 bis 1681 - lebenden Jürgen Specht ist genealogisch nur sehr wenig bekannt.

So wissen wir beispielsweise nicht, ob er vor rund 400 Jahren überhaupt in Merxhausen geboren wurde und wo er seine Kindheit und die späteren Jahre verbrachte.

Sicher ist aber, dass er seine „besten Jahre“ inmitten der Kriegswirren des verheerenden Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) verbrachte.

Für den Zeitraum vor 1700 ist es äußerst schwierig Daten über Personen zu ermitteln, wenn keine Kirchenbücher vorhanden oder auch andere Quellen verloren gegangen sind.

Über Jürgen Specht findet sich nur in der Kopfsteuerbeschreibung des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel von 1678 ein Hinweis im Ort Merxhausen.

Johan Specht, Krüger, Frau, Junge, Magd, Vater Jürgen Specht, als „Zollner einß geringen Zollß“, und Frau.

Das spricht dafür, dass die Familie Specht auf dem heutigen „Grenzkurg“ in Merxhausen wohnte.

Auch in den Kirchenrechnungen von Heinade (Pfarrarchiv) findet sich nichts.

Dazu muss man wissen, dass die beiden Dörfer Denkiehausen oder Denckshausen zum Amt Wickensen, Merxhausen zum Amt Fürstenberg und später zum Amt Allersheim gehörten.

Der Blick in das „Corpus Bonorum“ (Buch der Güter) im Pfarrarchiv Heinade zeigt, warum wir in Heinade keine älteren Hinweise finden können.

In einer Abschrift einer Urkunde der regierenden Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg - Gebrüder Rudolph August und Anthon Ulrich - vom 12. Januar 1698 wurde niedergeschrieben

thun kund, das wir aus erheblichen Ursachen dem Prediger von Mackensen vor mehr als 10 Jahren die Filialen Denkiehausen und Merxhausen entzogen haben und sie dem Prediger zu Deensen gaben.“

Der Ort Mackensen unterstand dem Amt Hunnesrück, in der Bevölkerung auch „Binder“ nach einer alten Ortschaft genannt.

Auch zeigt sich, die Landesherren (Obrigkeit) kein Zeitgefühl dafür hatten, wann sich ein Besitzwechsel vollzog.

Diese Urkunde diente lediglich als Absicherung für den Pfarrer in Deensen, auch um seine Amtshandlungen in beiden Dörfern abrechnen zu können.

Erfreulicherweise existieren im Pfarrarchiv Dassel Kirchenrechnungen für Mackensen ab dem Jahre 1649.

Bei der Durchsicht aller Rechnungen bis 1681 konnte keine Erwähnung von Jürgen Specht gefunden werden.

 

… im Spiegel des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648)

In seiner Lebensspanne von 10 bis 40 Jahren lebte Jürgen Specht in den schweren Zeiten des „großen europäischen Krieges“, in dem es zu insgesamt 13 Kriegen kam, u.a.

  • „Böhmisch-pfälzischer Krieg“ (1618-1623),

  • „Niedersächsisch-dänischer Krieg“ (1624-1629),

  • „Schwedischer Krieg“ (1630-1634),

  • „Schwedisch-Französischer Krieg“ (1635-1648)].

Unter dem vornehmlich machtpolitischen Kampf um die Vormachtstellung in Europa hatten auch die Menschen auf dem Lande unter der gesellschaftlichen Verrohung zu leiden, lebten doch die hin und her ziehenden Kriegsparteien „aus dem Lande“, wo sie wiederholt plünderten, Kontributionen eintrieben und Einquartierungen vornahmen.

Bei Einquartierungen, Erpressungen, Raub und Plünderungen waren häufig Kontributionen in Form von Bargeld, Vieh und Getreide an die durchmarschierenden, belagernden oder marodierenden Truppen zu leisten.

„Das Land ernährte den Krieg. Waren die Kaiserlichen abgerückt, kamen die Schwedischen und wollten Brot, Getreide, Pferde und alles, was in Kisten und Kasten verborgen war.

Die „Schnapphähne“, Anführer marodierender Soldaten, kassierten oftmals die Söhne und schleppten sie zum Kriegsdienst fort“.[2]

In dem verheerenden „Teutschen Krieg“ wurde auch das Wesertal zum Durchzugsgebiet gegnerischer Kriegsparteien.[3]

Am 14. Januar 1624 - Jürgen Specht war gerade erst 16 Jahre alt – kam es unter der Führung des Generalleutnants Johann Tserclaes Graf von Tilly (1559-1632) zu einem feindlichen Einfall seiner kaiserlichen Truppen in das braunschweigische Holzminden.

Vorausgesetzt, dass Jürgen Specht tatsächlich in Merxhausen aufgewachsen ist, so dürfte er als Jugendlicher zudem miterlebt haben, wie es im Sommer des gleichen Jahres durch Tillys Truppen der katholischen Liga auch zur Besetzung, Plünderung und teilweisen Brandschatzung im benachbarten Stadtoldendorf kam.

Im Zeitraum 1625-1627 blieben letztlich kein Dorf und keine Stadt der Sollingregion vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen verschont.

Über personelle wie materielle Kriegsschäden in Heinade und Merxhausen liegen keine historisch ausreichend erschlossenen Berichte und Analysen vor.[4]

Jürgen Specht überlebte schließlich die außergewöhnlich lange Zeitspanne verheerender Übergriffe und schwerwiegender Folgen der regionalen Kriegswirren - mit schwerer Agrarkrise und wirtschaftlichem wie kulturellem Niedergang.

Er dürfte nunmehr als 40-Jähriger erfreut und erleichtert erfahren haben, dass schließlich der Dreißigjährige Krieg im „Westfälischen Friedensschluss“ zu Münster am 24. Oktober 1648 endete.

Der „ehrbare“ Jürgen Specht verstarb 33 Jahre später als „Wirt und Gastgeber“ in sozioökonomisch begünstigter Stellung – wie die durchaus imposante Grabplatte aus Solling-Sandstein belegt - am 22. Juli 1681 im betagten Alter von 73 Jahren in Merxhausen am nördlichen Sollingrand.

 

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] Inschriftenträger aus Buntsandstein, Solling (H.: 106 cm; B.: 58 cm; T.: 8 cm); Fundort: Stadt Dassel; Werkstatt und ursprünglicher Standort: unbekannt.

[2] Begleittexte zum Projekt „1648 – Krieg und Frieden in Europa“ – 350 Jahre Westfälischer Frieden, Jubiläum 1998 mit Ausstellungen und Publikationen in Münster/Osnabrück; 26. Europaratsausstellung 24.10.1998 – 17.01.1999.

[3] Beschreibungen zu den regionalen und lokalen Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges sind u.a. der „Ortschronik Deensen“ von RAULS [1983, S. 87 ff.] und der „Ortschronik Wangelnstedt“ von ANDERS [2004, S. 228 ff.] zu entnehmen. Von „Ackerleuten, Hexen und Söldnern, dem Bürgerleben in Holzminden vor und nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges“ berichtet KIECKBUSCH [2004].

[4] Der „Deenser Ortschronik“ ist zu entnehmen, dass Heinade vom Dreißigjährigen Krieg besonders schwer betroffen war [RAULS 1983, S. 99 f.].