Die alte „Stinewase von Hellenthal“

Klaus A.E. Weber

 

Dorf- & volksmedizinische Heilkundige, Palliativpflegerin, Seelsorgerin im Solling (1850-1923)


Die "alte Stinewase" mit Gebetbuch im Kreise ihrer Familie, um 1910

 

Während der im Mittelalter grassierenden Pest und der sich in der Neuzeit ausbreitenden Cholera galten insbesondere der Aderlass und das Schröpfen als bewährte Heilanwendungen.

Dem Mittelalter entspringend war in alter Zeit das Gesundheitswissen in den entlegenen Sollingdörfern eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken und Ritualen.

Der Verhütung gesundheitlichen Unheils durch volksmedizinisches Handeln wurde mehr zugetraut als einer ärztlichen Beratung und Behandlung.

Das Vertrauen der Sollinger in die tradierte Volksmedizin war jahrhundertelang ausgeprägt, zumal sie auch vor Ort rasch und meist kostengünstig verfügbar war.[1]

Einst war die Zubereitung von Heilmitteln ein wohlgehütetes Geheimnis.

Von Generation zu Generation weitergegebene Rezepturen für Tees, Tinkturen, Umschläge und Salben aus dem Pflanzenbestand der reichhaltigen „Waldapotheke“ des Sollings zählten zu den wichtigsten Heilmitteln und „Hexenkräutern“ in den von wirtschaftlicher Not gekennzeichneten Sollingdörfern.

In Hellental vollzog sich die gesundheitliche Versorgung sehr lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben umd Mystizismus, persönlichem Schicksal und glücklicher Fügung.

Die seinerzeit über Hellental weit hinaus bekannte Christine Gruppe gilt ob ihrer großen Seele und ihrem uneigennützigen, naturmystischen Wirken als eine der herausragenden Persönlichkeiten des abgelegenen Arbeiterdorfes zum Ausklang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Sie wurde von Jung und Alt gleichermaßen als gutmütige und weise Frau tief verehrt.[20] 

Für Hellentaler Sozialverhältnisse dürfte die „Stinewase“ eine gebildete Frau gewesen sein, die über besondere volksmedizinische Vorstellungen und Kenntnisse verfügte, die sie hauptsächlich von ihrer Mutter erworben hatte, wohl aber auch während ihrer siebenjährigen Tätigkeit als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden (1864-1871) und ihrer anschließenden Dienstzeit in der Stadt Holzminden.

Ihr Handeln lag jenseits einer aufgeklärten Medizin; es war vielmehr religiös mithin metaphysisch bestimmt.

Die tiefe christliche Einstellung und die stete Hilfsbereitschaft von Christine Grupe, insbesondere aber ihr soziales und volksmedizinisches Engagement in der Dorfgemeinschaft waren beispielgebend für die Dorfbewohner Hellentals.[3]

Johanne Christine Amalie Grupe wurde am 22. März 1850 als uneheliches Kind einer alt eingesessenen Schorborner Familie geboren.

Sie soll in Hellental unerwartet am 01. Januar 1923 im Alter von 72 Jahren verstorben sein.

Von allen liebevoll „Stinewase“ genannt, verfügt Christine Schütte (geb. Grupe) als volksmedizinische Heilkundige, Palliativpflegerin und Seelsorgerinsie über volksmedizinische Vorstellungen und heilkundliche Kenntnisse, die sie im Wesentlichen von ihrer Mutter in Schorborn erworben hatte.

Hinzu kam ihre Anstellung als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden, die sie im Alter von 14 Jahren antrat.

Als 21-Jährige ging sie in einen städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung.

Auch diese Dienstzeiten jenseits des Dorfes beim kleinstädtischen Bürgertum dürften sie in der ländlichen Gesundheitspflege geschult haben.

Nachdem Christine Grupe in dem städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung gewesen war, heiratete die nun 23Jährige am 02. November 1873 in Deesen den 25jährigen Hellentaler Wegarbeiter Friedrich Wilhelm Christian Schütte, dritter Sohn des Häuslings und Leinenwebers Christian Friedrich Schütte (1817-1877) und dessen Ehefrau Justine Kuhlemann (1820-1867).

Somit kam die jungvermählte Christine Grupe nach Hellental.

Aus der Ehe von Wilhelm Schütte und Christine Grupe gingen sechs Kinder hervor, die alle in Hellental zwischen 1875-1891 geboren wurden.

Das treue Ehepaar wohnte in dem heute noch erhaltenen Fachwerkhaus Hauptstraße 6 (Ecke Dorfplatz).

 

Die "Stinewase" (links im Bild) bei einer Dorfhochzeit, um 1910

 

Das beeindruckende Leben & Wirken der "Stinewase“ in Hellental - "in ganz früherer Zeit wäre sie vielleicht als Hexe verbrannt worden"

Die große, schlanke „Stinewase von Hellenthal” war in dem abgelegenen Sollingdorf des 19. und 20. Jahrhunderts als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt.

Zugleich war sie auch als „Leichenfrau“ tätig, in dem sie die Waschung frisch Verstorbener vor deren Einsargung durchführte.

Die „Stinewase“ wurde, neben der Hebamme, auch gerne bei Geburten hinzugezogen.

Auch besuchte sie, tröstend oder pflegend jene Kranke, die bettlägerig waren.

Sie wusste als „volksmedizinische Heilerin“ offenbar gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel und rituelle magische Heilmethoden.

Oft wandte sie auch „Beschwörungsformeln” an, was man im Volksmund als „besprechen“ bezeichnete.

Mit ihren Besprechungsformeln stützte sich die „Stinewase“, wohl unwissentlich als Medium und rein empirisch, auf die Magie der Sprache, mit der sie Heilungsbestrebungen des Inneren in Verbindung mit „wohltätiger Krise” aktivierte.

Die „Stinewase mit den sinnigen blaugrauen Augen“ sprach als heilendes Medium ihre Formeln offen und laut aus.

So soll sie beispielsweise bei der zur damaligen Zeit weit verbreiteten Kinderkrankheit „Scheuerschen“ dreimal gesagt haben:

„Was ich hier finde – der liebe Gott gebe, dass es schwinde“.

Dabei streichelten ihre Hände dreimal das erkrankte Kind.

Hierzu ist anzumerken, dass bei Todesfällen in Heinade, Merxhausen und Hellental häufig die Todesursache „Scheuerchen“ in den Kirchenbüchern angegeben wurde.

Von den von der „Stinewase“ bei ihrer Behandlung von Kranken zu Grunde gelegten magisch-religiösen Betrachtungsweisen darf angenommen werden, dass diese eine nicht zu unterschätzende „psychotherapeutische“ Rolle im Dorf gespielt haben.

Aber mehr noch als durch magisches „Besprechen” soll sie Krankheiten durch alte Hausmittel geheilt haben, welche sie von ihrer Mutter in Schorborn erlernt haben könnte.

Modern formuliert, war die „Stinewase“ auch in der dörflichen ambulanten Palliativversorgung – quasi als „Palliativschwester“ - tätig.

Immer dann nämlich, wenn es ums Sterben ging und Angehörige ratlos waren, soll die sozial engagierte „Stinewase“ gerufen worden sein, die dann die Pflege übernahm, mit dem Kranken betete und mit ihrer sanften Hand das Sterben erleichterte.[4]

Wie bei den Menschen in Hellental, so soll die „Stinewase“ auch bei erkranken Tieren viel Glück gehabt haben.

Kaum, dass sie den Stall betreten habe, seien die Tiere viel ruhiger geworden, so, als spürten sie die magischen Kräfte, die von ihr als starkem Medium ausgingen.

Das volksmedizinische Handeln der „Stinewase“ lag jenseits einer aufgeklärten Medizin.

Es war vielmehr religiös mithin metaphysisch bestimmt.

Die tiefe christliche Einstellung und stete Hilfsbereitschaft, insbesondere aber ihr soziales und volksmedizinisches Engagement in der Dorfgemeinschaft waren beispielgebend für die Hellentaler Dorfbewohner.

Das verwundert medizinhistorisch insofern nicht, als im 18./19. Jahrhundert „Scheuerchen“ die häufigste Todesursache bei Kindern vornehmlich in den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten darstellte.

Die Beschreibungen „Scheuerchen” ist als Sammelbegriff für verschiedenartige Kinderkrankheiten, häufig mit Todesfolge, zu interpretieren - wie Krämpfe, Epilepsie oder auch kurzfristige Erkrankung, schwerere, fieberhafte Infektionserkrankung der Atemwege oder des Darmes mit Fieberschüben.

Wie SOHNREY zu berichten wußte[5], habe man sich - da „der Arzt von Hellenthal weit“ war - auch in allen sonstigen Krankheitsfällen zunächst immer an die heilkundige „Stinewase“ gewandt.

Die wirtschaftliche Not lies stets die bange Frage aufkommen, ob die zu erwartende ärztliche Honorarforderung überhaupt beglichen werden könne.

Die „Stinewase“ habe Frauen „mit schlimmen Brüsten“ (Mastitis puerperalis während der Stillzeit) nicht nur durch Besprechen geheilt, sondern auch durch Umschläge, indem sie aus Leinsamen, Milch und Mehl einen steifen Brei bereitet habe.

Sei die schlimme Entzündung vorüber gewesen, so habe sie einen Umschlag mit Rüböl „zum Zuwachsen” angelegt.

Überhaupt sei Rüböl bei Entzündungen das beste Heilmittel der „Stinewase“ gewesen.

Als volksmedizinische Heilkundige kannte sie gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel und beherrschte rituelle magische Heilmethoden.

Das Heilen von Krankheiten durch alte Hausmittel, deren Zubereitung und Anwendung, hatte sie durch mündliche Überlieferungen von ihrer Mutter in Schorborn erlernt.

Eingekleidet im ortsgewebten Beiderwandsrock mit gestreifter Schürze war sie als hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung oft in dem weit abgelegenen Sollingdorf unterwegs.

 

Das „Besprechen” - zur Behandlung von Krankheiten

Das noch vor wenigen Jahren in Hellental unterschwellig und im Geheimen anzutreffende „Besprechen” zählte früher offenbar zum offenen Standardrepertoire der Behandlung von Krankheiten beim Menschen wie beim Tier.

Ärzte und Tierärzte praktizierten nur in weit entfernten Kleinstädten (beispielsweise in Uslar, Stadtoldendorf oder in Dassel) und waren daher bei Krankheiten und Unfällen nur schwer und spät erreichbar.

Aber auch die enorme wirtschaftliche Not lies stets die bange Frage aufkommen, ob die zu erwartende ärztliche Honorarforderung überhaupt beglichen werden könne.

Das Vertrauen der Dorfbewohner in die alte Volksmedizin war offenbar ausgeprägt, zumal sie auch vor Ort in Hellental kostengünstig verfügbar war.

Im Dorf wird noch heute erzählt, dass einst Georg Sturm (?), beispielsweise habe Hautauschläge „gesundbesprechen“ können, eine besondere Eigenschaft, die er auf seinen Sohn, den Landwirt Günter Sturm (1928- ? ), übertragen haben soll.

Andererseits wird aber auch darüber berichtet, dass die Mutter des „Husaren“ Wilhelm Eikenberg[6] gehext haben soll.

Sie galt wohl allgemein im Dorf als „Hexe“.

So habe sie beispielsweise Vieh verhext, kehrte dann aber ein zweites Mal in den Viehstall zurück, um es wieder gesunden zu lassen.

Auch habe sie einmal einen jungen Soldaten verhext, der daraufhin einen lange anhaltenden „Schluckauf“ bekommen habe, der erst bei einem Heimaturlaub in Hellental von ihr wieder geheilt worden sei.

 

Die "alte Stinewase" (jeweils Bildmitte) im Kreise ihrer Familie, um 1910/1914

 

Heinrich Sohnrey (1922): "Die Stinewase von Hellenthal"

Der Schriftsteller, Sozialreformer und Volkskundler Heinrich SOHNREY erzählt in seinem 1929 erschienen volkskundlichen Werk „Tchiff, tchaff, toho!” eine eindrucksvolle wie zugleich auch nachdenklich stimmende Begegnung mit jener merkwürdigen „Holzhauerfrau” in Hellental, der weisen, betagten „Stinewase von Hellenthal“.[7]

Heinrich Sohnrey veranschaulicht, wie die weise, betagte „Stinewase“ in dem weit von medizinischer Versorgung abgelegenen Sollingdorf als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt war.

Neben der Hebamme wurde die „Stinewase“ gerne bei Geburten hinzugezogen.

Sohnrey hatte die „Stinewase“ im Juni 1922 - kurz vor ihrem unerwarteten Tod - „in dem fast tirolerisch anmutenden Holzhauerdorfe in nördlichen Sollinge“ besucht.

 

Im Kleinen liegt oft Großes,

im scheinbar Unbedeutenden eine ganze

Lebensrichtung.

Jeremias Gotthelf


Große Menschen muß man nicht nur in großen Städten suchen. Gott verteilt seine Gaben über Stadt und Land, nur daß im Dorf der Philosoph hinter dem Pfluge hergeht, während er in der großen Stadt vielleicht auf dem Katheder sitzt oder groß in der Höhe, von der die Strahlen seiner Größe ins Land hinaus leuchten.

Auch in ganz primitiver Weise kann man wahre Menschengröße sich offenbaren sehen, im schlichten Beiderwandsrock der Dorffrau, wie im Leinenkittel des Bauern oder Arbeiters.

Das ist gewiß.

Von einer solchen Menschengröße in primitivster Gestalt soll hier erzählt werden.

Ich begegnete ich in Hellenthal, dem fast tirolerisch anmutenden Holzhauerdorfe in nördlichen Sollinge, das schon durch Hermann Löns („Tal der Lieder”) laut geprießsen wurde.

Die „Stinewase von Hellenthal”, wie die merkwürdige Holzhauerfrau von jung und alt genannt wird, hat er bei seinem nochmaligen Verweilen dort leider nicht kennengelernt; sonst hätte er gewiß meiner Feder dies Lebensbild vorweggenommen.

Sie ist nicht in Hellenthal geboren, die merkwürdige Frau diese Dorfes, sondern in Schorborn, eine Stunde nördlicher.

Man nimmt aber in Hellenthal gerne an, dass wahrscheinlich doch Hellenthaler Blut in ihren Adern fließt: weil nämlich die dortige Bevölkerung vor etwa hundert Jahren, als sie ihrer Glasindustrie verlustig ging, zu einem guten Teile nach Schorborn übersiedelte, wo damals die Erwerbsverhältnisse günstiger lagen.

Ihr Name Christine kürzte sich nach landläufiger Weise in Stine, und im Laufe der Zeit wurde daraus die Stinewase, die als ich sie zuletzt sah (Juni 1922), gerade 72 Jahre alt geworden war.

Ihr Vater starb sehr früh, und die Mutter mußte sich mit ihren Kindern gar kümmerlich durch Tagelöhnern ernähren.

Mit vierzehn Jahren kam Christine als Kleinmagd auf einen Bauernhof an der Weser bei Holzminden.

Volle sieben Jahre[8] blieb sie auf dieser Stelle und nahm dann, um ihrer jüngeren Schwester (nach dem Muster von Friedesinchen aus der Lindenhütte (vergl. Friedesinchens Lebenslauf vom Verfasser) Platz zu machen, einen Dienst in der Stadt Holzminden an.

Zwei Jahre später hatte sie dort zur größten Zufriedenheit ihrer Herrschaft gedient, als ein Leineweber[9] aus Hellenthal, der Mutter und Kinder gut kannte, für seinen Sohn[10] um sie warb.[11]

Dem alten Leineweber war die Frau[12] gestorben, und er war mit einem noch schulpflichtigen Kinde[13] zurückgeblieben, dessen Erziehung ihm Sorgen machte.

”Ja,” sagte er zu seinem ältesten Sohne, der den Webstuhl mit der Axt vertauscht hatte, ”wenn wir die Stine kriegen könnten, dann wäre uns geholfen.”

Aber der Sohn war eine sehr zaghafte und zaudernde Natur und getraute sich nicht recht.

Da machte sich der Vater auf den Weg, um für ihn zu werben.

Das stille, feine Mädchen mit den sinnigen blaugrauen Augen zeigte sich, als der alte Leineweber so traurig um es anhielt, herzlich gerührt, denn es war von Natur sehr „dauerhaftig“ (von „bedauern“ gebildet), wie die nunmehrige Stinewase sich mit gegenüber ausdrückte.

Ihre Holzmindener Herrschaft wollte natürlich ein so treues, unermüdlich fließiges und geschicktes Mädchen nicht gern verlieren und riet von der unsicheren Heirat dringend ab.

Da Stine übrigens auch den Sohn des Leinewebers noch gar nicht gesehen hatte, mochte sie nicht ”Ja”, aber bei ihrer großen Gutmüdigkeit und Weichheit auch nicht gleich ”Nein” sagen.

Sie wollte es mit ihrer Mutter besprechen, antwortete sie dem väterlichen Freiwerber.

Um nun nichts zu versäumen, machte sich der Alte sofort auf den Weg zur Mutter, die zu der Zeit mit ihrer jüngeren Tochter den Haushalt auf dem Bauernhofe besorgte, auf dem Christine sieben Jahre gedient hatte.

Als diese am nächsten Sonntage die Mutter besuchte, wurde natürlich vor allem der Heiratsantrag beraten.

Die Mutter riet nicht ab.

Sie kenne den alten Leineweber, wie sie versichern konnte, als einen sehr treuherzigen Mann, und wäre der Sohn ebenso geartet, könne sie ihn getrost nehmen.

Der Leineweber kam immer wieder, und Christine wußte nicht, was sie tun sollte, zumal wenn sie das traurige Gesicht ihrer Frau sah.

Sie wollte dem alten Manne nicht weh tun, aber auch ihre Herrschaft nicht betrüben, die so große Stücke auf sie hielt.

Da kam endlich des Leinewebers Sohn selbst, der sich bis dahin nicht getraut hatte, und nun sagte Christine doch herzhaft „Ja”.

Und dann war auch bald die Hochzeit[14].

„Wir sind uns nur ein Vierteljahr gut gewesen“, erklärte mir die Stinewase; dafür waren sie sich dann ihr ganzes Leben lang gut.

Die Sonne schien nicht alle Tage überein, aber die Ehe ist ganz so ausgefallen, wie der alte Leineweber es sich gedacht hatte.

Als seine Tochter konfirmiert werden sollte, machte er sich noch ganz unnötige Sorgen um ihre Ausstattung:

Alle Kinder würden nun so schön von ihrer Mutter zurechtgemacht, seine Tochter nur stände ohne Mutter da.

– Doch siehe, als der Konfirmationstag dann kam, hatte die junge Frau so für alles gesorgt und das Mädchen so schön zurechtgemacht, daß dem Vater vor Rührung die dicken Tränen über die Backen liefen.

Er drückte seiner Schwiegertochter beide Hände und sagte – er konnte es kaum herausbringen -, das würde er ihr nie vergessen.

Der Leineweber starb, als er 62 Jahre alt war.[15]

Der Sohn wurde leider nicht so alt, wie Christine mir traurig erzählte.

Immerhin haben sie doch ihr fünfundzwanzigjähriges Ehejubiläum gefeiert[16], worauf sie sich schon immer so gefreut hatten.

Wenige Jahre vor seinem Tode[17], war dem Manne beim Holzhauen ein Splitter ins Auge geflogen.

Davon wurde das Auge so schlimm, daß es ihm in der Göttinger Universitätsklinik herausgenommen werden mußte.

Schwere, kummervolle Tage und Stunden waren das.

Frau Christine hatte selbst ihren Mann nach Göttingen gebracht und in rührender Weise betreut, so daß er seine Schmerzen nur halb empfand.

Als sie dann nach der Operation wieder an sein Bett kam, lag er da mit verbundenen Augen, und als sie ihn bebenden Herzens anredete, sagte er ganz lebhaft in seiner treulichen Weise:

”Weißt du auch, Stine, wasfür ein Tag heute ist?

Heute ist ja dein Geburtstag, Stine!”

Wahrhaftig, sie war in ihrem Schmerze ganz darüber hingekommen.

Er streckte ihr beide Hände hin und gratulierte ihr mit froher Stimme, ohne sie wie sonst mit seinen klaren, treuen Augen ansehen zu können, und so, als ob er von Schmerzen gar nichts wußte.

Da hätte sie laut aufschreien mögen, doch nahm sie sich zusammen und sprach sehr treulich zu ihm.

Ihre Tränen konnte er ja nicht sehen.

Soviel aus dem äußeren Lebensgange der Stinewase.

Es ist nicht mehr und nicht weniger, als von tausend anderen Frauen auf dem Lande auch zu sagen wäre.

Und doch ragt sie als Mensch, als Frau über tausend Frauen ihresgleichen hinweg.

Einzigartig nach ihrem ganzen Wesen wie nach ihrer ganzen Herzensrichtung, ist sie im Laufe der Jahre die barmherzige Samariterin und die immer trostreiche, immer aufrichtend wirkende Ratgeberin und Seelsorgerin des Dorfes geworden, zu der alle kommen in ihrer Not, mag es sein in Leibes- oder Seelennot, mag es sich um Menschen oder um Tiere handeln.

Oberflächlichen oder volkstumsfremden Beobachtern würde sie wahrscheinlich lediglich als Scharlatanin erscheinen, und in ganz früherer Zeit wäre sie vielleicht als Hexe verbrannt worden.

Heilt sie doch alle Krankheiten, die in ihrem Bereiche liegen, durch eine gewisse Art von Beschwörungsformeln, was man landläufig ”besprechen” oder ”Baute tun” nennt.

Geheimniskrämerei aber nach der Weise derer, die in den Dörfern Krankheiten zu besprechen pflegen, treibt sie allerdings ganz und gar nicht; gibt sie doch auf alle meine bezüglichen Fragen in offenherzigster Weise Auskunft.

Eine kleine Auslese ihrer seltsamen, leider durchweg dem Aberglauben entstammenden Formeln sie hier mitgeteilt.[18]

Gilt es die „Rose” zu besprechen, von der die Stinewase zweierlei Art kennt, die ”Rose” und die ”Blattrose”, so streicht sie mit ihrer wundertätigen Hand über die kranke Körperstelle und flüstert dazu:

„Rose, Rose, weiche, flieh’ auf eine Leiche; laß den Lebenden befrei’n von nun an bis in Ewigkeit. Im Namen Gottes usw.”

Dazu drei Kreuze.

Und das alles dreimal wiederholt.

Das „Scheuerken” (Krämpfe) der kleinen Kinder beschwört sie mit folgender Formel:

”Was ich hier finde, der liebe Gott gebe, dass es schwinde.

Es soll verschwinden und muß verschwinden.

Im Namen Gottes” usw.

Und das wieder dreimal mit Händestreichen.

Bei „Mundsar” der kleinen Kinder taucht sie ein Zeugplättchen (Läppchen) ins Wasser, streicht damit den Mund aus und spricht dazu:

„Der liebe Gott gebe, daß es verschwinde.

Es soll verschwinden und muß verschwinden ...”

Wenn jemand „‘t Mal” (rotes Auge) hat, auch „Jungfernstich” genannt, streicht sie über das Auge mit den Worten:

”Mutter Gottes ihr Glaube, reiß’ doch dieser Jungfer vom Auge usw.”

Hat einer den „Wurm” am Finger, so lautet die Formel ähnlich wie vorhin.

Hat sich ein Tier „verfangen”, schlägt die Stinewase einen wesentlich kräftigeren Ton an:

Döu Heidenbeist, döu hast deck verfangen in Wind und Watere, innerlich und äußerlich. Im Namen usw.”

Das sind so die hauptsächlichsten Krankheiten, die die Stinewase kennt und heilt.

Sie hat immer Erfolg gehabt, wo der Glaube nicht fehlte; denn der Glaube an die helfende Kraft der „Baute” ist unerlässlich.

Wie es daran denn auch wohl nie oder selten gefehlt hat.

So fest glaubt man an die Heilkraft der Stinewase, daß sie, namentlich bei Kinderkrämpfen, auch in die umliegenden Dörfer geholt ward, obgleich dort ebenfalls Leute genug wären, die das Besprechen verstehen.

Da der Arzt von Hellenthal weit ist, wendet man sich auch in allen sonstigen Krankheitsfällen zunächst immer an die Stinewase; ist sie doch auch noch in anderer Weise heilkundig.

Frauen mit schlimmen Brüsten heilt sie nicht nur durch Besprechen, sondern auch durch Umschläge, indem sie aus Leinsamen, Milch und Mehl einen steifen Brei bereitet.

Ist die schlimme Entzündung vorüber, so macht sie einen Umschlag mit Rüböl „zum Zuwachsen”, wie das Rüböl überhaupt bei Entzündungen („Anschöt“) ihr bestes Heilmittel ist.

Das hatte sie alles von ihrer Mutter gelernt, obgleich nach der Volksregel eine Frau derartige Mittel nur von einem Manne und ein Mann sie nur von einer Frau lernen kann.

”Meine Mutter“, sagte sie u. a., „war so gottheilig und heilte alles mit Rüböl.

Unser Herr Christus hat ja auch alles mit Öl geheilt ...”

Kann ein Kranker nicht zu ihr kommen, versteht sich’s von selbst, daß sie zu ihm geht.

So hat sie in der Tat, solange sie in Hellenthal lebt, jeden Kranken, der im Bette liegen mußte, besucht, getröstet und gepflegt.

Immer auch, wenn’s zum Sterben geht und die Leute sich keinen anderen Rat wissen, läuft man zur Stinewase, die dann die letzte und schlimmste Pflege übernimmt, auch mit dem Kranken betet und mit ihrer innigen Hingabe, ihrer milden, sanften Hand das Sterben erleichtert.

Ebenso, wie sie dann auch die Angehörigen von Herzen zu trösten und aufzurichten versteht.

„Ich habe jeden Menschen getröstet, und wer weiß, wer mich mal tröstet, wenn ich krank bin”, sagte die seltsame Frau, als sie Vertrauen zu mir gefaßt hatte und aus ihrem Leben erzählte.

Wie den Menschenarzt, so muß sie auch oft den Tierarzt vertreten.

Sie hätte, wie ich die Leute sagen hörte, eine so „wunderbare Hand”, daß ihr immer alles sicher und gut geriete und sich der Tierarzt, der übrigens weit entfernt wohnt, manchmal ein Beispiel an ihr nehmen könnte.

Auch die Tiere scheinen das Zutrauen der Menschen zu ihr zu teilen, wenn die Stinewase mit ihrer wundertätigen Hand über sie streicht, oder z. B. einer Ziege hilft, die nicht lammen kann.

Die kranken Tiere schmiegen sich mit dem Kopfe an sie und lassen sich alles willig gefallen.

Es ist in der Tat etwas Wundersames um diese Frau, die den Leidenden völlig uneigennützig dient aus reiner Herzensgüte und mit einer, man möchte sagen, geradezu sugestiven Kraft.

Jedermann freut sich, fühlt sich erleichtert und der größten Not enthoben, sobald nur die Stinewase ins Haus kommt.

Sie wohnt bei einem ihrer Söhne, einem Holzhauer, und hat es gut da.

Auf den Fensterbrettern steht ein schöner Myrtenbaum, zwischen „Pepperschäaten”(Pfefferschoten) mit roten und grünen Schoten und Nettelrosen mit dunkelockergelben Blüten.

Dichtgereiht Hirschgeweihe an allen Wänden.

Darüber farbige und bunte Photographien und sonstige Bilder.

Alles in der Stube lebt und ist anheimelnd geordnet.

Kein leerer, öder Raum, sondern erfüllt von dem Frohsinn guter Menschen.

Ich muß sie mit stiller Verwunderung ansehen, wie sie da vor mir sitzt in dem ortsgewebten Beiderwandsrocke[19] mit der gestreiften Schürze, ein Tuch um die Schultern und eins um den Kopf.

Ihr ausdrucksvolles Gesicht mit feinen Zügen ist schmal und blaß, denn sie leidet noch an den bösen Folgen der Grippe.

Ihre Augen, wenn auch mir gegenüber nicht ganz frei von einer leisen Schüchternheit, sind von einem eigenartigen Glanz erfüllt und blicken so klug und treuherzig, daß man das große Zutrauen, das sie im Dorfe genießt, sehr wohl verstehen kann.

Daß die Stinewase von Hellenthal, obgleich noch im althergebrachten Aberglauben steckend, eine von Herzen fromme Seel ist, die nicht wußte, was alles sie ihrem Herrgott zu danken hat, soll doch auch gesagt werden, obwohl es sich eigentlich von selbst verstehen dürfte.

Ein merkwürdiges Gebet ist es, mit dem sie von Kindheit an jeden Abend schlafen geht, und das auch ihre Kinder und Kindeskinder an jedem Abend beten.

Es lautet: ”Jesus geht zum Berge hinauf, er betet Gott den Vater an:

‘Ach lieber, lieber Vater mein, kann ich diese Marter nicht los sein?’

– ‘Nein, mein lieber Sohn, das kann ich nicht gestehn, sonst werde die ganze Christenheit vergehn.

’ Jesus setzt sich hinter’n Tisch, er schrieb einen Brief, der war gewiß.

Da kamen die falschen Juden gegangen mit Spießen und mit Stangen und wollten unsern Herrn Jesu von Nazareth fangen.

Die hohen Bäume die beugten sich; die harten Steine kläuften sich. Sonn’ und Mond verliert den Schein ...

‘Ach Vögel, laßt das Singen sein!’

– Wer dies Gebet nur beten kann, der bete es alle Tage dreimal, dann wird seine Seele in den Himmel kommen. Amen.”

„Was will nur werden, wenn mal die Stinewase nicht mehr ist!” hörte ich in Hellenthal mehrfach sagen, wenn die Rede auf sie kam.

Sie pflegt darauf zu antworten:

”Dann müßt ihr euch das auch lernen, wie ich’s mir ja auch selbst gelernt habe ...”

Jawohl!

Aber das Lernen allein wird’s nicht machen, und die Worte allein werden’s nicht tun.

Die Stinewase hat eine Gabe, hat eine Herzensgabe, die nicht erlernt werden kann, sondern vom Schöpfer als besonderes Geschenk mit in die Wiege gelegt sein muß.

Nun ist sie sanft und selig entschlafen, die einzigartige Frau, tiefbetrauert vom ganzen Dorfe.

Ihr Gedächtnis aber wird noch lange lebendig bleiben, und oft noch wird man wohl den Seufzer hören:

„Ja, wenn wir doch die Stinewase noch hätten!«

 



 

Text: Ltd. Medizinaldirektor i. R. Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

Fotografien: Archiv HGV-HHM



[1] „Hexenkraut für Holzfäller - Traditionen der Volksmedizin im Solling“ - In dem lokalgeschichtlichen und medizinhistorischen Vortrag sind am 08. März 2013 im „Lönskrug“ in Hellental Dr. Wolfgang Schäfer (Bodenfelde) und Dr. Klaus A. E. Weber (Hellental) den Spuren der Volksmedizin im Solling nachgegangen.

"Von Anschöt, Scheuerchen & Blattern - Traditionen der Heilkunde & Mittelalterlich geprägte Volksmedizin im Solling" - Vortrag von Ltd. Medizinaldirektor i. R. Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental, am 22. März 2018 in Holzminden–Neuhaus.

[2] „Stine“ war auch in Hellental die landläufige Abkürzung für den Namen Christine; „Wase“ bedeutete etwa „Tante“.

[3] Noch bis Ende der 1920er Jahre, wie Friedrich Schütte (1920-2011), ein Enkel der „Stinewase”, im Winter 1997/1998 notierte, sei von den Dorfbewohnern mit Hochachtung von seiner Großmutter erzählt worden.

[4] Am 10. April 2013 wurde in Stadtoldendorf das einjährige Bestehen der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung im Landkreis Holzminden gefeiert. Den ersten Jahrestag der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung im Landkreis Holzminden zu begehen war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes in der Krankenversorgung im Landkreis Holzminden. Denn auch im Landkreis Holzminden gewann die Palliativversorgung an Bedeutung. Dennoch standen hierbei Fragen im Raum:

Wieso ist es zu Beginn des 21. Jahrhunderts so etwas Besonderes, Menschen im fortgeschrittenen Stadium ihrer unheilbaren Erkrankungen zu beraten, zu unterstützen, zu begleiten und zu pflegen? Ist das Ziel des Palliativnetzes Region Holzminden mit seiner jetzt einjährigen spezialisierten ambulanten Palliativversorgung tatsächlich so etwas Besonderes, Patienten zu ermöglichen, die verbleibende Lebenszeit zu Hause und mit einer bestmöglichen Lebensqualität zu verbringen? Bedeutet die Einrichtung eines Palliativnetzes allgemein und die einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung im Besonderen nicht zugleich auch eine Entfremdung der modernen kurativen Medizin und Pflege von ihrer ursprünglichen Methodik, Ausrichtung und Einstellung? Welchen Stellenwert hat die spezialisierte ambulante Palliativversorgung in dem Prozess der weiteren Ökonomisierung der Medizin mit Bonuszahlungen und Streben nach Effizienz und wirtschaftlichem Handeln einerseits und in der geforderten qualitativ hochwertigen, empathischen Patientenversorgung andererseits? Wie kann die Palliativversorgung, insbesondere die spezialisierte ambulante Palliativversorgung zukunftsfähig weiterentwickelt werden, wenn immer weniger Nachwuchsmediziner als Hausärzte praktizieren wollen?

Das Leiden von Patientinnen und Patienten zu lindern und sie zu unterstützen war also bereits in der frühen Neuzeit eine der zentralen und elementaren Aufgaben des Arztes. So befassten sich seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert Mediziner zunehmend mit Fragen einer adäquaten palliativen Krankheitsbehandlung. Jedoch wurde dann im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert dieses ärztliche, empirisch geprägte Engagement mit dem Aufstieg der modernen, vornehmlich wissenschaftlich-technisch agierenden Medizin in den Hintergrund gedrängt. Die positivistisch gewandelte, primär kurative Medizin „verlernte“ allmählich in der Behandlung, Sterben zu akzeptieren und den Tod als Teil des Lebens zu verstehen.

Es ist bekannt, dass sich die kurativ-medizinische Betreuung von Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittenen, unheilbaren Erkrankungen einseitig auf Heilungsbemühungen bis zum Lebensschluss konzentriert, auch wenn prognostisch keine Erfolgsaussichten mehr bestehen. Dabei wurden und werden noch immer Patientinnen und Patienten oft mit ihren Symptomen und ihrer Angst vor dem Sterben und dem Tod alleine gelassen – nicht selten abgeschoben in abgelegene, unwürdige Räumlichkeiten.

Es dauerte viele Jahre bis in Deutschland die erste palliativmedizinische Einrichtung geschaffen wurde. Im April 1983 wurde in der Klinik für Chirurgie des Universitätsklinikums Köln eine palliativmedizinische Modellstation eröffnet. Elf Jahre später, im Juli 1994, wurde die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin gegründet mit dem Ziel, den Aufbau und Fortschritt der Palliativmedizin zu fördern und die bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten anzustreben. Im Mai 2003 führte der Deutsche Ärztetag Palliativmedizin als Zusatzweiterbildung in die Muster-Weiterbildungsordnung ein. Diese Zusatzweiterbildung wurde in den folgenden Jahren von Landesärztekammern in ihre Weiterbildungsordnungen übernommen.

Eine der wesentlichen Herausforderungen der nicht primär kurativ tätigen Palliativmedizin ist nach wie vor die Schaffung von Strukturen, mit denen eine palliativmedizinische Versorgung und Betreuung ermöglicht wird. Hierzu zählen Vernetzung, Kooperationen und Teambildungen. Darüber hinaus ist es entscheidend, die palliativmedizinische Versorgung und Betreuung aus dem „Nischendasein“ in der kurativ einseitig entwickelten und zunehmend ökonomisch orientierten Hightec-Krankenversorgung heraus zu führen.

Die umfassende ambulante Versorgung und Betreuung schwerkranker Patientinnen und Patienten mit unheilbaren Erkrankungen erfordert ein engagiertes Team und Netzwerk aus Ärztinnen und Ärzten mit palliativmedizinischer Zusatzweiterbildung, in der Palliativversorgung geschultes Pflegepersonal und andere Personen aus weiteren Institutionen.

Kennzeichnend für die Palliativversorgung allgemein und für die Palliativmedizin im Besonderen ist, dass beide bei den meisten von Patientinnen und Patienten mit wenig technischen Maßnahmen auskommen, dem hingegen der personelle und zeitliche Aufwand aber umso größer ist. Das Mitmenschliche tritt in den Vordergrund, in den Hintergrund hingegen das kurativ-medizinisch mit technischem Aufwand jeweils Machbare.

Ausschlaggebend, in welchem Maß und Umfang Patientinnen und Patienten einer individuellen Versorgung in ihrer vertrauten Umgebung bedürfen, gliedert sich die heutige Palliativversorgung in zwei Bereiche – in die allgemeine Basisversorgung und in die spezialisierte Versorgung. Nach dem Sozialgesetzbuch V haben seit April 2007 Versicherte mit einer nicht heilbaren, fortschreitenden oder weit fortgeschrittenen Erkrankung einen Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung als eigenständige Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Dabei handelt es sich um Patientinnen und Patienten, deren Lebenserwartung begrenzt ist und die einer besonders aufwändigen Versorgung bedürfen. Palliativpatientinnen und -patienten, die diesen besonderen Bedarf nicht aufweisen, werden weiterhin im Rahmen derzeitiger Strukturen in der Basisversorgung betreut.

[5] SOHNREY 1929, S. 50-58; BUSSE 2009, S. 304-308.

[6] späterer Hellentaler Ortsbürgermeister (um 1970 verstorben).

[7] Erzählung entnommen aus SOHNREY 1929, S. 50-58; auch ausgewählter Text bei BUSSE 2009, S. 304-308.

Sohnrey veranschaulicht, wie die weise, betagte „Stinewase“ in dem weit von medizinischer Versorgung abgelegenen Sollingdorf als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt war.

[8] 1864-1871.

[9] Häusling Christian Friedrich Schütte (1817-1877).

[10] Wegarbeiter Friedrich Wilhelm Christian Schütte (1848-1905).

[11] Brautwerbung im Jahr 1873.

[12] Justine Wilhelmine Friederike Caroline Kuhlemann (1820-1867).

[13] Auguste Louise Wilhelmine Schütte, * 18. Februar 1860.

[14] Trauung am 02. November 1873.

[15] † 29. März 1877 und damit 59-jährig.

[16] am 02. November 1898.

[17] um das Jahr 1900.

[18] Anmerkung von SOHNREY 1929, S. 54:

„Man soll ihnen nur keine Katechismusängste entgegenbringen. Ich denke mir, der liebe Gott ist solch urgläubigem und gutartigem Tun gegenüber freundlicher und duldsamer als z. B. jener Geistliche, der im Pfarrerblatt gegen den an anderer Stelle veröffentlichten Erstdruck dieses kleinen Lebensbildes eiferte.“

[19] „beiderlei Gewand oder Tuch“ - historischer Begriff für ein strapazierbares wie Schmutz abweisendes, selbst hergestelltem Gewebe aus Wolle oder Baumwolle, in Hellental mit gewebten Streifen.

[20] WEBER, KLAUS: "Was ich hier finde, der liebe Gott gebe, dass es schwinde". Vom volksmedizinischen Wirken der "Stinewase von Hellental. In: Sollingkurier für Solling, Vogler und Wesertal. Nr. 3. Juni 2014. Neuhaus im Solling, S. 13-15.