Die Stinewase von Hellenthal │ 1850-1923

Klaus A.E. Weber

 

Dorfmedizinische Heilkundige │ Palliativpflegerin │ Seelsorgerin

Johanne Christine Amalie Grupe wird 1850 als uneheliches Kind einer alt eingesessenen Schorborner Familie geboren.

Obgleich noch im althergebrachten Aberglauben steckend, verfügt Christine Schütte über volksmedizinische Vorstellungen, die sie von ihrer Mutter mündlich erworben hat - wohl aber auch während ihrer im Alter von 14 Jahren angetretenen Tätigkeit als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden.

Als 21-Jährige geht sie in einen städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung.

1873 heiratet Christine Grupe den Hellentaler Wegarbeiter Friedrich Wilhelm Christian Schütte (1848-1905), wodurch die Jungvermählte nach Hellental in den rauen Solling kommt.


∎ Die Stinewase mit den „sinnigen blaugrauen Augen“ im ortsgewebten Beiderwandsrock und gestreifter Schürze

mit Gebetbuch im Kreise ihrer Familie │ um 1910

© Historisches Museum Hellental

 

In Hellental vollzog sich die gesundheitliche Versorgung sehr lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben umd Mystizismus, persönlichem Schicksal und glücklicher Fügung.

Die seinerzeit über Hellental weit hinaus bekannte Christine Grupe gilt ob ihrer großen Seele und ihrem uneigennützigen, naturmystischen Wirken als eine der herausragenden Persönlichkeiten des abgelegenen Arbeiterdorfes zum Ausklang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Sie wurde von Jung und Alt gleichermaßen als gutmütige und weise Frau tief verehrt.[9] 

Für Hellentaler Sozialverhältnisse dürfte die Stinewase eine gebildete Frau gewesen sein, die über besondere volksmedizinische Vorstellungen und Kenntnisse verfügte, die sie hauptsächlich von ihrer Mutter erworben hatte, wohl aber auch während ihrer siebenjährigen Tätigkeit als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden (1864-1871) und ihrer anschließenden Dienstzeit in der Stadt Holzminden.

Ihr Handeln lag jenseits einer aufgeklärten Medizin; es war vielmehr religiös mithin metaphysisch bestimmt.

Die tiefe christliche Einstellung und die stete Hilfsbereitschaft von Christine Grupe, insbesondere aber ihr soziales und volksmedizinisches Engagement in der Dorfgemeinschaft waren beispielgebend für die Dorfbewohner Hellentals.[3]

Sm 22. März 1850 als uneheliches Kind einer alt eingesessenen Schorborner Familie geboren, soll Johanne Christine Amalie Grupe in Hellental unerwartet am 01. Januar 1923 im Alter von 72 Jahren verstorben sein.

Von allen liebevoll „Stinewase“ genannt, verfügt Christine Schütte (geb. Grupe) als volksmedizinische Heilkundige, Palliativpflegerin und Seelsorgerin über volksmedizinische Vorstellungen und heilkundliche Kenntnisse, die sie im Wesentlichen von ihrer Mutter in Schorborn erworben hatte.

Hinzu kam ihre Anstellung als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden, die sie im Alter von 14 Jahren antrat.

Als 21-Jährige ging sie in einen städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung.

Auch diese Dienstzeiten jenseits des Dorfes beim kleinstädtischen Bürgertum dürften sie in der ländlichen Gesundheitspflege geschult haben.

 

∎ Das Wohnhaus der Stinewase (rechte Bildseite) in Hellental (heute: Hauptstraße 6, Ecke Dorfplatz) │ um 1920

© Historisches Museum Hellental

 

Nachdem Christine Grupe in dem städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung gewesen war, heiratete die nun 23Jährige am 02. November 1873 in Deesen den 25jährigen Hellentaler Wegarbeiter Friedrich Wilhelm Christian Schütte, dritter Sohn des Häuslings und Leinenwebers Christian Friedrich Schütte (1817-1877) und dessen Ehefrau Justine Kuhlemann (1820-1867).

Somit kam die jungvermählte Christine Grupe nach Hellental.

Aus der Ehe von Wilhelm Schütte und Christine Grupe gingen sechs Kinder hervor, die alle in Hellental zwischen 1875-1891 geboren wurden.

Das "treue Ehepaar" wohnte in dem heute noch erhaltenen Fachwerkhaus Hauptstraße 6 (Ecke Dorfplatz).

 

Die "Stinewase" (links im Bild) bei einer Dorfhochzeit │ um 1910

© Historisches Museum Hellental

 

Das beeindruckende Leben und Wirken der Holzhauerfrau

Die große, schlanke „Stinewase von Hellenthal” war in dem abgelegenen Sollingdorf des 19. und 20. Jahrhunderts als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt.

Zugleich war sie auch als „Leichenfrau“ tätig, in dem sie die Waschung frisch Verstorbener vor deren Einsargung durchführte.

Die Stinewase wurde, neben der Hebamme, auch gerne bei Geburten hinzugezogen.

Auch besuchte sie, tröstend oder pflegend jene Kranke, die bettlägerig waren.

Sie wusste als „volksmedizinische Heilerin“ offenbar gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel und rituelle magische Heilmethoden.

Oft wandte sie auch „Beschwörungsformeln” an, was man im Volksmund als „besprechen“ bezeichnete.

Mit ihren Besprechungsformeln stützte sich die „Stinewase“, wohl unwissentlich als Medium und rein empirisch, auf die Magie der Sprache, mit der sie Heilungsbestrebungen des Inneren in Verbindung mit „wohltätiger Krise” aktivierte.

Die „Stinewase mit den sinnigen blaugrauen Augen“ sprach als heilendes Medium ihre Formeln offen und laut aus.

So soll sie beispielsweise bei der zur damaligen Zeit weit verbreiteten Kinderkrankheit „Scheuerschen“ dreimal gesagt haben:

„Was ich hier finde – der liebe Gott gebe, dass es schwinde“.

Dabei streichelten ihre Hände dreimal das erkrankte Kind.

Hierzu ist anzumerken, dass bei Todesfällen in Heinade, Merxhausen und Hellental häufig die Todesursache „Scheuerchen“ in den Kirchenbüchern angegeben wurde.

Von den von der Stinewase bei ihrer Behandlung von Kranken zu Grunde gelegten magisch-religiösen Betrachtungsweisen darf angenommen werden, dass diese eine nicht zu unterschätzende „psychotherapeutische“ Rolle im Dorf gespielt haben.

Aber mehr noch als durch magisches „Besprechen” soll sie Krankheiten durch alte Hausmittel geheilt haben, welche sie von ihrer Mutter in Schorborn erlernt haben könnte.

Modern formuliert, war die Stinewase auch in der dörflichen ambulanten Palliativversorgung – quasi als „Palliativschwester“ - tätig.

Immer dann nämlich, wenn es ums Sterben ging und Angehörige ratlos waren, soll die sozial engagierte „Stinewase“ gerufen worden sein, die dann die Pflege übernahm, mit dem Kranken betete und mit ihrer sanften Hand das Sterben erleichterte.

Wie bei den Menschen in Hellental, so soll die Stinewase auch bei erkranken Tieren viel Glück gehabt haben.

Kaum, dass sie den Stall betreten habe, seien die Tiere viel ruhiger geworden, so, als spürten sie die magischen Kräfte, die von ihr als starkem Medium ausgingen.

Das volksmedizinische Handeln der „Stinewase“ lag jenseits einer aufgeklärten Medizin.

Es war vielmehr religiös mithin metaphysisch bestimmt.

Die tiefe christliche Einstellung und stete Hilfsbereitschaft, insbesondere aber ihr soziales und volksmedizinisches Engagement in der Dorfgemeinschaft waren beispielgebend für die Hellentaler Dorfbewohner.

Das verwundert medizinhistorisch insofern nicht, als im 18./19. Jahrhundert „Scheuerchen“ die häufigste Todesursache bei Kindern vornehmlich in den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten darstellte.

Die Beschreibungen „Scheuerchen” ist als Sammelbegriff für verschiedenartige Kinderkrankheiten, häufig mit Todesfolge, zu interpretieren - wie Krämpfe, Epilepsie oder auch kurzfristige Erkrankung, schwerere, fieberhafte Infektionserkrankung der Atemwege oder des Darmes mit Fieberschüben.

 

Wickel mit Rüböl in der Dorfmedizin │ um 1900

Wie Heinrich Sohnrey zu berichten wußte [5], habe man sich - da „der Arzt von Hellenthal weit“ war - auch in allen sonstigen Krankheitsfällen zunächst immer an die heilkundige „Stinewase“ gewandt.

Die wirtschaftliche Not lies stets die bange Frage aufkommen, ob die zu erwartende ärztliche Honorarforderung überhaupt beglichen werden könne.

Die Stinewase habe Wöchnerinnen „mit schlimmen Brüsten“ – akute bakterielle Brustdrüsenentzündung (Mastitis puerperalis) als häufig auftretendes Probleme in der Stillzeit - nicht nur durch Besprechen, sondern auch durch Umschläge (Wickel), indem sie aus Leinsamen, Milch und Mehl einen steifen Brei bereitete.

Die schwere, schmerzhafte Brustdrüsenentzündung behandelte die Stinewase auch durch Umschläge, die sie aus Leinsamen, Milch und Mehl aus einem steifen Brei bereitete.

Eine antibiotische Behandlung war nicht verfügbar.

War die oft mit einem Abszess-Durchbruch verlaufende Brustdrüsenentzündung vorüber, legte die Stinewase  den Frauen einen Wickel mit Rüböl (Rapsöl) „zum Zuwachsen” an.

Überhaupt sei Rüböl bei Entzündungen das beste Heilmittel der Stinewase gewesen.

Als volksmedizinische Heilkundige kannte sie gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel und beherrschte rituelle magische Heilmethoden.

Das Heilen von Krankheiten durch alte Hausmittel, deren Zubereitung und Anwendung, hatte sie durch mündliche Überlieferungen von ihrer Mutter in Schorborn erlernt.

Eingekleidet im ortsgewebten Beiderwandsrock mit gestreifter Schürze war sie als hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung oft in dem weit abgelegenen Sollingdorf unterwegs.

 

Besprechen und Verbeten

Volksmedizin in Zeiten des Jugendstils & Mundwassers Odol®

Während der Unternehmer und Gründer des Deutschen Hygienemuseums in Dresden Karl August Lingner (1861-1916) das Mundwasser „Odol“ in der Seitenhalsflasche 1892 einführt, zählen in den von wirtschaftlicher Not betroffenen Sollingdörfern von Generation zu Generation weitergegebene Rezepturen für Tees, Tinkturen, Umschläge und Salben aus dem Pflanzenbestand der reichhaltigen „Waldapotheke“ des Sollings zu den wichtigsten Heilmitteln.

Die weit über Hellental hinaus bekannte Christine Schütte ist in dem abgelegenen Arbeiterdorf zum Ausklang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier beliebt.

Sie wird, neben der Hebamme, auch bei Geburten hinzugezogen und besucht, tröstend oder pflegend jene Kranke, die bettlägerig sind.

Christine Schütte hat gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel wie auch rituelle magische Heilmethoden.

So wendet sie „Beschwörungsformeln” an, was man im Volksmund als „besprechen“ bezeichnet.

Die Stinewase spricht als heilendes Medium ihre Formeln dreimal offen und laut aus:

„Was ich hier finde – der liebe Gott gebe, dass es schwinde“.

 

∎ Zeitgenössisches Plakat der Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden │ 06. Mai – 31. Oktober 1911 │ Werk von Franz von Stuck (1863-1928), Künstler des Jugendstils und des Symbolismus

 

Das „Besprechen” - zur Behandlung von Krankheiten

Das noch vor wenigen Jahren in Hellental unterschwellig und im Geheimen anzutreffende „Besprechen” zählte früher offenbar zum offenen Standardrepertoire der Behandlung von Krankheiten beim Menschen wie beim Tier.

Ärzte und Tierärzte praktizierten nur in weit entfernten Kleinstädten (beispielsweise in Uslar, Stadtoldendorf oder in Dassel) und waren daher bei Krankheiten und Unfällen nur schwer und spät erreichbar.

Aber auch die enorme wirtschaftliche Not lies stets die bange Frage aufkommen, ob die zu erwartende ärztliche Honorarforderung überhaupt beglichen werden könne.

Das Vertrauen der Dorfbewohner in die alte Volksmedizin war offenbar ausgeprägt, zumal sie auch vor Ort in Hellental kostengünstig verfügbar war.

Im Dorf wird noch heute erzählt, dass einst Georg Sturm (?), beispielsweise habe Hautauschläge „gesundbesprechen“ können, eine besondere Eigenschaft, die er auf seinen Sohn, den Landwirt und Viehhändler Günter Sturm (1928- ? ), übertragen haben soll.

Andererseits wird aber auch darüber berichtet, dass die Mutter des „Husaren“ Wilhelm Eikenberg [6] gehext haben soll.

Sie galt wohl allgemein im Dorf als „Hexe“.

So habe sie beispielsweise Vieh verhext, kehrte dann aber ein zweites Mal in den Viehstall zurück, um es wieder gesunden zu lassen.

Auch habe sie einmal einen jungen Soldaten verhext, der daraufhin einen lange anhaltenden „Schluckauf“ bekommen habe, der erst bei einem Heimaturlaub in Hellental von ihr wieder geheilt worden sei.

 

Die "alte Stinewase" (jeweils Bildmitte) im Kreise ihrer Familie │ um 1910/1914

© Historisches Museum Hellental



[1] „Hexenkraut für Holzfäller - Traditionen der Volksmedizin im Solling“ - In dem lokalgeschichtlichen und medizinhistorischen Vortrag sind am 08. März 2013 im „Lönskrug“ in Hellental Dr. Wolfgang Schäfer (Bodenfelde) und Dr. Klaus A. E. Weber (Hellental) den Spuren der Volksmedizin im Solling nachgegangen.

"Von Anschöt, Scheuerchen & Blattern - Traditionen der Heilkunde & Mittelalterlich geprägte Volksmedizin im Solling" - Vortrag von Ltd. Medizinaldirektor i. R. Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental, am 22. März 2018 in Holzminden–Neuhaus.

[2] „Stine“ war auch in Hellental die landläufige Abkürzung für den Namen Christine; „Wase“ bedeutete etwa „Tante“.

[3] Noch bis Ende der 1920er Jahre, wie Friedrich Schütte (1920-2011), ein Enkel der „Stinewase”, im Winter 1997/1998 notierte, sei von den Dorfbewohnern mit Hochachtung von seiner Großmutter erzählt worden.

[5] SOHNREY 1929, S. 50-58; BUSSE 2009, S. 304-308.

[6] späterer Hellentaler Ortsbürgermeister (um 1970 verstorben).

[8] 1864-1871.

[9] WEBER, KLAUS: "Was ich hier finde, der liebe Gott gebe, dass es schwinde". Vom volksmedizinischen Wirken der "Stinewase von Hellental". In: Sollingkurier für Solling, Vogler und Wesertal. Nr. 3. Juni 2014. Neuhaus im Solling, S. 13-15.