Seuchen, Epidemien │ Krankheiten, Unfälle │ Schicksale

Klaus A.E. Weber

 

"Vor einer Ansteckung ist niemand gefeit"

Das zeigt ein Blick in die Geschichte - und gilt bis heute, sagt der Medizinhistoriker Univ.-Prof. Dr. med. Heiner Fangerau ⃒ Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf.

Ein Gespräch über begründete Ängste, vorschnelle Hysterie und warum Epidemien wie das Coronavirus die Grenzen der Zivilisation offenlegen.[18]

 

Epidemiologischer Wandel [18]

Epidemien/Seuchen hatten einen großen Einfluss der Seuchen auf die Weltgeschichte, wobei die Frage ungeklärt ist, wie stark der Einfluss war.

In Europa hatten Epidemien/Seuchen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts große Effekte auf die Sterblichkeit mit seuchenbedingt hohen Schwankungsraten.

  • Infektionskrankheiten waren die Haupttodesursache in den Industrieländern.

Mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurden Epidemien/Seuchen als „Volkskrankheiten“ allmählich zurückgedrängt durch

  • bessere Hygiene

  • Sanierung der Städte.

Seither verschiebt sich das Krankheitsprofil von Gesellschaften - Verblieben aber ist die Angst vor Epidemien.

Quarantäne bedeutet, dass der Handel mehr oder weniger zusammenbricht.

  • volkswirtschaftliche Kosten einer Epidemie

 

Phänomen gesellschaftlicher Gegenmodelle [18]

Romantisierung

  • Prototyp: Tod und Krankheit bei Tuberkulose

Skandalisierung

  • Prototypen skandalisierender Infektionskrankheiten: Syphilis, Cholera, HIV

 

Im kollektiven Gedächtnis (bildnerisch/literarisch) verankertes Erklärungsmuster, um die Welt erklärbar zu halten [18]:

Mittelalterliche Sicht

  • Das Auftreten von Infektionskrankheiten/Seuchen galt als Strafe Gottes für ein sündiges Leben, wobei Gott die Epidemien/Seuchen schickt und nimmt.

Neuzeitliche Sicht

  • Man brauchte an Stelle von Gott andere Schuldige und somit eine Zuschreibung von Schuld bei der Suche nach „Seuchenherden“.
  • So kam es zur Assoziation von bestimmten Infektionskrankheiten mit bestimmten Bevölkerungsgruppen und Anfeindungen gegen über einer (Volks-)Gruppe.
 

Vereinfachtes Ablaufmuster der öffentlichen Wahrnehmung [18]

Vor dem Hintergrund von Epidemieerfahrungen entwickelten sich alte kollektive Verhaltens- und Denkmuster, die über Jahrhunderte hinweg kulturell eingeübt wurden.

1. Phase - Anfang
  • Annahme, dass die erkrankten Personen „ganz anders sind als man selbst“, weshalb die die Epidemie/Seuche keine Gefahr darstellt.

2. Phase - Die Epidemie/Seuche kommt näher

  • Schuldzuschreibung und daraus folgende Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe, die von der dominierenden Bevölkerungsgruppe anders definiert wird.

  • Sozial stigmatisierte Bevölkerungsgruppen sind immer diejenigen, „die man als anders wahrnimmt“ - „Die Seuche haben immer die anderen.“

  • Dabei „hilft der Fingerzeig auf andere, vor sich selbst zu leugnen, dass man selbst auch betroffen sein kann“.

  • Es kommt zur pauschalen Beschuldigung, den Krankheitserreger nicht unter Kontrolle gebracht zu haben.

  • Vorurteil: Epidemien/Seuchen „kommen oft aus dem (uns eher fremden) Osten“

3. Phase

  • Schließlich führt die vorurteilsbeladene Stigmatisierung und Stereotypisierung  zu einem rassistischen Verhalten, das eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert und benachteiligt.
  • „Offenlegen der Grenzen der Zivilisation“

 

Beherrschten in den zurückliegenden Phasen der Menschheitsgeschichte zunächst vornehmlich Infektionskrankheiten und schwerwiegende Epidemien das Krankheitsgeschehen des Menschen, so stehen heute hauptsächlich chronische Erkrankungen im gesundheitlichen Mittelpunkt.

Diese werden nun ihrerseits bereits in naher Zukunft von den zunehmenden psycho-sozialen Gesundheitsstörungen abgelöst.

Gab es zunächst im Mittelalter bis in die heutige Zeit hineinreichend die Intervention als allgemeine Gesundheitsmaßnahme bei vorbestehendem Krankheitsgeschehen, so tritt heute zunehmend die Prävention in den Vordergrund moderner sozial- und gesundheitspolitischer Bemühungen.

Eine umfassende, in sich geschlossene Darstellung der Geschichte des Medizin- bzw. Gesundheitswesens im ehemaligen Weserdistrikt und späteren Landkreis Holzminden wurde bislang noch nicht erarbeitet.

Somit konnte nur fragmentarisch auf überregionale und einige wenige lokale Abhandlungen zurückgegriffen werden, die im Folgenden medizinhistorisch kurz beleuchtet werden sollen.

Während des 18./19. Jahrhunderts zählten

  • (übertragbare) Krankheiten

  • Unfälle und Invalidität

  • Unterrernährung
  • Altersarmut

  • früher Tod

zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen im alten braunschweigischen Weserdistrikt [113] sowie insbesondere in dere hier betrachteten Dorf:Region zwischen Nordsolling und Holzberg.

 

„Nicht auf den Boden spucken!“

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den zahlreichen Dorfkrügen des Sollings darauf hingewiesen worden sein.

Die durch eine bestimmte Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde begünstigt durch

  • Armut

  • schlechte, unhygienische Lebensbedingungen

  • Migration

  • medizinische Unterversorgung.

Daher war im 18. und 19. Jahrhundert insbesondere die „Lungenschwindsucht“ – die Tuberkulose der Atmungsorgane – im Solling eine der häufigsten Infektionskrankheiten des einfachen dörflichen Lebens jener Zeit. 

Hinzu trat hier der schwerwiegende Mangel an ortsnaher ärztlicher Grundversorgung.

 

Geringe Lebenserwartung & harte körperliche Arbeit

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

So betrug vor rund 100 Jahren die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

In den Sollingdörfern war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg von

  • großer Kargheit

  • Not und Bitterkeit

  • materieller Armut

  • armutsassoziierten Krankheiten

  • dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb

für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Dabei sicherten die Menschen des Sollings ihre Existenz fast ausschließlich durch körperliche Arbeit.

Das bedeutete vielfach eine immense Kraftanstrengung unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten – beispieslweise im staatlichen Forst, in Steinbrüchen oder an den Steilhängen des Sollings.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller (Waldarbeiter) in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt.

Zudem waren die Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.

Im Winter gab es Erfrierungen. 

Die forstwirtschaftliche Arbeit führte häufig

  • zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen,

  • zur frühzeitigen Invalidität,

  • zu erheblichen chronisch-degenerativen bzw. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates

  • zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen. 

 

Gesundheitliche Situation im 18.-20. Jahrhundert

Die gesundheitliche Situation während des 18. und 19. Jahrhunderts kennzeichnend, waren klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten, Unfälle und Tumore häufig, aber auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen, bis hin Suizide.

Im 19. und 20. Jahrhundert traten dann auf

In dieser Zeit nahmen auch sexuell übertragbare Krankheiten ("Geschlechtskrankheiten" - STD/STI), wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an (endemisches Bakterium Treponema, verändert).

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen, wie auch Pocken-Epidemien traten Ende des 18. Jahrhunderts in verschiedenen südniedersächsischen Regionen. 

Das seuchenhistorisch hervorstechenste Merkmal der Pocken und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit im Alter von 1-7 Jahren.

Daraus resultierte schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum – und, was staatlich entscheidend war, für das Militär waren allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar. 

Für die Dorf:Region sind zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle dokumentiert, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

 

Früher Tod bei Entbindung & Wochenbett

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung, im Kind- oder Wochenbett, verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

Nicht nur aus physiologischen Gründen war die Geburt vornehmlich eine Angelegenheit von Frauen.

Der Gebärenden standen meistens eine Hebamme oder Frauen der Nachbarschaft beiseite.

Erst im 18. Jahrhundert wurde es auch auf dem Lande allmählich üblich, einen Arzt zur Geburtshilfe hinzuziehen. 

In der frühen Neuzeit führten Frauen bei der Geburt ihrer Kinder einen harten Überlebenskampf.

Die Überlebenschancen von Mutter und Kind waren in jener Zeit relativ gering.

Sowohl bei der Geburt als auch im Kindbett war der frühe Tod den Frauen allgegenwärtig.

So erwartete eine Familie nicht nur das Kind, sondern zugleich auch eine Todesgefahr für Mutter und Kind.

Es galt für Neugeborene die Lebensgefahren der ersten nachgeburtlichen Zeit (Tage, Monate) gesundheitlich unbeschadet zu überstehen. 

 

Schicksalhafte & dramatische Unfälle

Ebenso schicksalhaft wie dramatisch war auch ein „unglücklicher Sturz“ vom Baum oder „Hahnebalken“, von oben aus der Scheune durch die ungesicherte Luke in der Mitte des Hausbodens oder bei Arbeiten im Steinbruch.

Eine bemerkenswerte dörfliche Unfallvariante war das Ertrinken, so beispielsweise in Heinade „in Friedrich Teiwes Brunnen“ oder „im Teich von Heinrich Specht“

 

Akute infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

So verbreitete sich von Juli bis September 1850 die Cholera entlang des Leinetals und forderte zahlreiche Todesopfer.

Im August 1850 trat am nordöstlichen Sollinrand - in Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf. 

Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Alt-Kreises Holzminden wurden von der „pandemisch-contagiösen Cholera“ heimgesucht.

Ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen verstarb binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen. 

 

Kirchenbücher & Krankheits-/Todesumstandsbezeichnungen

Erst ab 1746 war es im Herzogtum Braunschweig allgemein verpflichtend, für statistische Informationen sowohl das Alter der Verstorbenen und Begrabenen als auch die Ursache des Todes in den Kirchenbüchern zu vermerken.[114]

Dadurch sind erst etwa seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts individuelle Einblicke in Lebensschicksale und in die besonderen sozialen wie gesundheitlichen Verhältnisse der Sollingbewohner*innen zu erhalten.

In den genealogisch ausgewerteten Kirchenbüchern des 18./19. Jahrhunderts finden sich alte Krankheitsbezeichnungen, die für verstorbene Gemeindemitglieder tatsächliche oder vermeintliche Todesursachen benennen und somit ggf. Aussagen zur Mortalität herleiten lassen.

Die Zusammenschau der angegebenen Bezeichnungen zu vermeintlichen Symptomen, Todesursachen oder –umständen ergibt aber auch alte Krankheits- bzw. Verletzungsbezeichnungen, die nur eingeschränkt, wenn überhaupt, heutigen medizinischen Diagnosen entsprechen könnten.

Wie medizingeschichtlich bekannt ist, können manche nosologische Quellenbegriffe [120] einerseits zwar als mögliche Symptome gelten, andererseits nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung aber nicht mehr eindeutig modernen Krankheitsdefinitionen bzw. medizinisch-systematischen Diagnosen zugeordnet werden.

Hierzu ist erklärend anzumerken, dass den empirisch tätigen Ärzten in jener Zeit die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) völlig fremd gewesen war.

Dies sollte sich erst beginnend mit der Einführung von Virchows Cellularpathologie (Zellularpathologie) um 1858 allmählich ändern.

Nach RUFFIE/SOURNIA [119] ist ohnehin jede (rationale) Klassifikation von Krankheiten zwangsläufig eine erkenntnistheoretische Vereinfachung, letztlich mit der Konsequenz, dass es keine Krankheiten, sondern nur Kranke gibt.

Die gesundheitliche Situation des 18./19. Jahrhunderts kennzeichnend, waren auch in der Dorf:Region häufig

  • klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten,
  • Traumen (Unfälle),
  • Tumore (gut-/bösartige Neubildungen, Geschwulste)
  • erhebliche psychische Gesundheitsstörungen, bis hin Selbsttötungen.

Auskünfte zu kongenitalen (angeborenen) Fehl- oder Missbildungen liegen nicht vor.

Umweltmedizinisch betrachtet, waren die Menschen jener Zeit gegenüber heute deutlich geringeren Belastungen mit karzinogenen Substanzen ausgesetzt.

Bereits um 1700 war ärztlich festgestellt worden (Bernardino Ramazzini, 1633-1714), dass bei großer „Wichtigkeit der Handwerker“, diese von (bestimmten) Krankheiten mehr „als andere Menschen befallen“ seien.

Das Hungerjahr von 1772 gilt eines der schlimmsten in Deutschland.

Es führte in der Folgezeit zu zahlreichen Sterbefällen.[115]

In zugänglichen Kirchenbüchern fanden sich für die verstorbenen Dorfbewohner*innen der Dorf:Region alte Krankheits- und Todesumstandsbezeichnungen, die hindeuten auf verschiedene

  • „auszehrende“ akute wie chronische Krankheitsausprägungen innerer Organe (Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber, Niere),

  • des Zentralnervensystems (Gehirn, Rückenmark),

  • auf schwerste Verletzungen (dramatische Arbeitsunfälle durch Stürze) mit Todesfolge.

 

Volkskrankheiten & "Ursachen, welche Krankheiten des Landvolks verschlimmern"

Zahlreiche Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Dabei ist anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum, die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen, in den damaligen Familien und bei den „kleinen Leuten“ abbilden (Morbidität).

Wie es manche Todesursachenbenennung erahnen lässt, sind neben den organmedizinischen zudem gehäuft auch psychische Gesundheitsstörungen vorgekommen, wohl nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft sehr schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen und dem gehäuften Branntweingebrauch.

Dabei kam es auch zu Selbsttötungen durch

  • Erschießen

  • Selbstvergiftung

  • Selbsterhängen“.

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als fäkal-oral bzw. alimentär übertragbare Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im kausalen Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen (durch erregerhaltiges Aerosol in der Atemluft) übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt (z.B. Lungentuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität auch in der Bevölkerung der hier betrachteten Dorf:Region gelten.

Im 19. Jahrhundert entfaltete sich eine breit angelegte, bürgerlich geprägte Hygienebewegung.

Erstmals 1890 entwickelten der deutsche Mediziner Emil v. Behring (1854–1917) und der japanische Bakteriologe Kitasato Shibasaburō (1853–1931), ein Schüler von Robert Koch (1843-1910), die Serumtherapie der Diphtherie.

Diese Serumtherapie führte bei nicht-immunen Menschen sowohl in der Prävention als auch in der Therapie zu einer antitoxischen Immunität.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, vornehmlich aber seit der Entwicklung der antibakteriell wirkenden Chemotherapeutika Sulfonamide (Gerhard Domagk, 1895–1964) und Penicilline (Alexander Fleming, 1881-1955) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, schienen die alten epidemischen Infektionskrankheiten zunächst besiegt zu sein.

1791 wurde in dem „Hausbuch” (1. Auflage) des Landphysikus Heinrich Felix PAULIKY richtungsweisend berichtet [1836], dass die „Krankheiten der Landleute” "weniger complicirt seien als bey Leuten, die keine so einfache Lebensart führen".

Die Landleute seien aber nicht in der Lage gewesen, "sich zu jeder Stunde eines ärztlichen Raths erfreuen zu können", zudem hätten sie des "Beystandes eigentlicher Aerzte entbehren müssen".

PAULIKY beschrieb landärztlich auch die damaligen "Ursachen der gewöhnlichen Krankheiten des Landvolks" zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

  • Wirkungen der Luft (heiße Luft, plötzliche Abkühlung, veränderliche Witterung, Kälte),
  • ungesunde Lage und Einrichtung der Wohnung,
  • Dünste der Mistlachen und Unreinlichkeit in den Wohnstuben,
  • Nahrungsmittel (ungesunde Speisen, Brot aus neuem, verdorbenem und unreinem Getreide, Mehlspeisen, Backwerk, Fleisch kranker Tiere),
  • schlechte Küchen- und Tischgeräte,
  • Unmäßigkeit im Wein- und Branntweintrinken,
  • Verfälschung von Getränken (Bier, Essig),
  • schlechtes Wasser,
  • unmäßiges Tabakrauchen,
  • ausschweifende Gemütsbewegungen,
  • Ansteckung,
  • äußerliche Beschädigungen.

 

Als "Ursachen, welche Krankheiten des Landvolks verschlimmern" benannte PAULIKY

  • das Versäumnis einer ordentlichen Heilung,
  • Vernachlässigung einer guten Lebensordnung,
  • ungeschickliches Verhalten,
  • unüberlegter Gebrauch schädlicher Arzneien,
  • üble Diät und schlechte Speisen,
  • Missbrauch wirksamer Heilmittel,
  • Unreinlichkeit in Krankenstuben,
  • verdorbene Luft,
  • Anhänglichkeit an Pfuscher und abergläubige Meinungen,
  • Abneigung vor ordentlichen Ärzten,
  • Unfolgsamkeit.

 

Schulmedizin & Friedrich Schiller (1759-1805)

Die üblichen therapeutischen Maßnahmen der Schulmedizin des späten 18. Jahrhunderts und 19. Jahrhunderts bestanden vornehmlich

  • im Aderlass

  • der Eingabe von Brech- und Abführmitteln oder sonstiger "Arzeneyen".

Im „Schillerjahr“ galt es 2005 darauf aufmerksam zu machen, dass Friedrich Schiller (1759-1805) willens war, "förmlich Doktor" (Arzt) zu werden.

So setzte er sich im Anschluss an seine abgelehnte medizinische Dissertation mit der theoretischen Arbeit "Über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" und der praktischen Arbeit "Über den Unterschied der entzündlichen und der faulen Fieber" mit der bereits im Altertum bestehenden Thematik der Verbindung von „Physis“ und „Psyche“ auseinander.

Mit seiner Betrachtung zur Pathogenese von fieberhaften Erkrankungen hatte er sich nunmehr ein Thema ausgesucht, welches für den schwäbischen Herzog Karl Eugen als obersten Militärherrn außerordentlich wichtig war.

Im Kapitel über "Geistiges Vergnügen befördert das Wohl der Maschine" (des Körpers) beschäftigte sich Schiller mit dem Stellenwert der Psyche bei Erkrankungen, die pharmakologisch nicht zu beeinflussen waren.[116]

Über das Zusammenwirken von Seele und Körper hatte Schiller bereits in seiner Dissertation "Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" geschrieben:[117]

"Also eine Empfindung, die das ganze Seelenwesen einnimmt, erschüttert in ebendem Grade den ganzen Bau des organischen Körpers.

Hirn, Adern und Blut, Muskelfasern und Nerven, von jenen mächtigen wichtigen, die dem Herzen den lebendigen Schwung der Bewegung geben bis hinaus zu jenen unbedeutenden geringen, die die Härchen der Haut spannen, nehmen daran teil...

Wahr ist, daß die Freude das Nervensystem in lebhaftere Wirksamkeit setzen kann, als alle Herzstärkungen, die man aus Apotheken holen muß, und selbst inveterierte Stockungen in den labyrinthischen Gängen der Eingeweide, die weder die Rubia durchdringt, noch selbst der Merkur durchreißt, durch die sie zerteilt worden sind."

 

Aufgespielt: Klosterfrau Thekla mit ihrer Schwester Barbara - im Pestjahr 1349 in Gelnhausen [112]

 

Die Angst und Schrecken verbreitende Trias „Hunger/Krieg/Seuchen“

Auch die Bevölkerung des alten brauschweigischen Weserdistrikts war ehemals von der Angst und Schrecken verbreitenden Trias „Hunger/Krieg/Seuchen“ wiederholt betroffen.

Seuchenzüge legten den Alltag ganzer Städte und Landstriche lahm.

Vornehmlich Infektionsgeschehnisse [1] und schwerwiegende Epidemien, mystifizierend als Seuchen [2] bezeichnet, zählten einst im Mittelalters und in der Neuzeit zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion, während des 18. und 19. Jahrhunderts übertragbare Krankheiten, aber auch Unfälle und Invalidität, Unterernährung, Altersarmut und früher Tod.[3]

Hinzu trat der schwerwiegende Mangel an ortsnaher ärztlicher Grundversorgung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wütete erstmals eine verheerende Cholera-Epidemie in Europa.

Dieser ersten europäischen Cholera-Welle folgten weitere in unterschiedlicher regionaler Ausprägung, wie 1850 im Alt-Kreis Holzminden.

Die Cholera-Epidemien veränderten für einige Jahre das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.[4]

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des dramatischen Auftretens der Cholera führte zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung dieser Infektionskrankheit.

So wurde die sich progressiv verbreitende Cholera schließlich zur dominierenden Krankheit in der Seuchenlehre und öffentlichen Gesundheitspflege, zur großen Leitseuche des 19. Jahrhunderts.

Zugleich verschärfte die Cholera auch vorbestehende politische und soziale Unruhen und Proteste.

Durch ihren oft foudroyanten klinischen Verlauf mit einer hohen Letalität, wurde die Cholera für die Menschen des beginnenden Industriezeitalters zum Inbegriff der „tödlichen Seuche“ schlechthin.

In jener neuzeitlichen Epoche, in der sich zum einen eine breit angelegte bürgerliche Hygienebewegung entfaltete, zum anderen nach wie vor Wasser zugleich als Versorgungsgut und als Entsorgungsbahn diente, wurde weitgehend übersehen, dass es riskante trinkwasserassoziierte Infektionskrankheiten gibt und daher kommunal besondere hygienisch-präventive Anforderungen an die Qualität der Trinkwasserversorgung und korrespondierend an die sachgerechte Abwasserentsorgung zu stellen sind.[5]

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein Wandel vom mittelalterlichen „Profei“ über das englische „Wasser-Closett“ (WC) bis hin zur öffentlichen Abwasserkanalisation und öffentlichen Trinkwasserversorgung.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts konnten bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten erreicht werden.

Hinzu kamen Verbesserungen beim allgemeinen Lebensstandard und insbesondere bei der Hygiene, der Einsatz wirksamer Schutzimpfungen und antibakterieller Wirkstoffe (Antibiotika) gegen bestimmte Krankheitserreger.

Einhergehend mit gesundheitspolitischen und sanitätspolizeilichen Bestimmungen veränderten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Wohn- und Hygieneverhältnisse, aber auch Ernährungs- und Kleidungsgewohnheiten.

Dabei nahmen behördliche Eingriffe in Belange der öffentlichen Gesundheit stetig zu.

In den Sollingdörfern war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit, Not und Bitterkeit, von materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

So betrug vor rund 100 Jahren die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

 

Gesundheitliche Verhältnisse der armen Dorfbewohner*innen

Dem „unaufgeklärten“ Mittelalter entspringend war in früherer Zeit das Gesundheitswissen in den entlegenen Sollingdörfern eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken.

Der Verhütung gesundheitlichen Unheils durch volksmedizinisches Handeln wurde im Allgemeinen mehr zugetraut als einer „aufgeklärten“ medizinisch-ärztlichen Beratung und Intervention/Behandlung.

Das Vertrauen der Sollinger in die tradierte Volksmedizin war jahrhundertelang ausgeprägt, zumal sie auch vor Ort rasch und meist kostengünstig verfügbar war.

Die soziale Fürsorge und Krankenpflege "armer siechen" wurde im Mittelalter von Nonnen in Klöstern ausgeübt.

An der Schwelle zur frühen Neuzeit begann eine gemeinnützige landesherrliche Fürsorge in Verklammerung mit der sozialen Verantwortung der politischen Macht.

Eine Krankenbehandlung erfolgte, neben der durch bestallte Ärzte, auch durch Barbiere ("Balbiere") [6], welche Wundbehandlungen und kleinere Operationen durchführten.

Noch bis um 1800 galten sie als Chirurgen.

Dem unaufgeklärten Mittelalter entspringend, war in früherer Zeit das medizinische Wissen eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken, denen die Verhütung gesundheitlichen Unheils im Allgemeinen mehr zugetraut wurde als einer aufgeklärten medizinisch-ärztlichen Beratung und Intervention.

Dieses gesundheitliche Grundverhalten dürfte in der Dorf:Region zwischen Nordsolling und Holzberg nicht völlig anders gewesen sein als im übrigen Weser-Leine-Gebiet.

Aus heutiger sozialmedizinischer Sicht ist anzunehmen, dass die früheren Dorfbewohner*innen der Dorf:Region, insbesondere aber die „kleinen Leute“, in einer sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit lebten [7], wobei es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren sowie beim gesundheitlichen „Outcome“ (individueller und systembedingter Variablen) gegeben haben dürfte.[8]

Im Vergleich zu benachbarten größeren Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung vergelichsweise weitaus ungünstiger, insbesondere die Betreuung von Schwangeren, Müttern und Kindern in den Sollingranddörfern Heinade und Merxhausen sowie im abgelegenen Solling-Arbeiterdorf Hellental.[9]

Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien belegen, dass Personen mit niedrigem Einkommen, niedriger schulischer Ausbildung oder niedriger Stellung im Beruf (niedriger sozial-ökonomischer Status) ungünstigere Gesundheitschancen aufweisen.

Bei den Faktoren, die den Gesundheitszustand bestimmen, handelt es sich um eine Vielzahl

  • demografischer,

  • gesellschaftlicher,

  • politischer,

  • sozioökonomischer,

  • struktureller,

  • individueller wie

  • medizinischer

Größen.

Diese moderne Erkenntnis dürfte auch auf die gesundheitliche Situation hiesiger Dorfbewohner*innen in dem hier betrachteten Zeitraum des 17.-20. Jahrhunderts übertragbar sein.

Zu Beginn dieses Zeitraumes sicherten die Menschen ihre Existenz fast ausschließlich durch körperliche Arbeit.

Die „kleinen Landleute“ der Solling- und Sollingranddörfer haben dabei stets ihre große Armut, Not und Bitterkeit, aber auch den noch heute spürbaren, besonderen Überlebenswillen miteinander geteilt.

Das Leben der meisten Familien war einstmals über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit und materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Hinzu kamen die immensen Kraftanstrengungen, unter einfachsten Bedingungen u.a. im staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an den Steilhängen des Holzbergs, Heukenbergs und des Wiesentals Hellental zu arbeiten.

Wie es manche Todesursachen erahnen lassen, sind neben den organmedizinischen gehäuft auch psychische Gesundheitsstörungen vorgekommen, wohl nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen.

Im 19. und 20. Jahrhundert traten dann die Cholera, die Diphtherie, das Fleckfieber, die Grippe, die Ruhr, die Tuberkulose und der Typhus abdominalis auf.

In dieser Zeit nahmen auch sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten („Geschlechtskrankheiten“), wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an.

Pocken-Erkrankungen, auch Pocken-Epidemien, traten Ende des 18. Jahrhunderts sporadisch in Südniedersachsen auf.

Bemerkenswert ist, dass sich unter den vielfältigen Angaben zu Todesursachen in den Kirchenbüchern keine eindeutigen Hinweise auf Sterbefälle im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren Krankheiten [14] ergaben, wie beispielsweise der ehemals endemisch vorkommenden und ob ihrer organischen Spätschäden gefürchteten Syphilis (Lues).

Diese Feststellung erlaubt jedoch keine Rückschlüsse auf das tatsächliche Nichtvorhandensein oder Vorhandensein sexuell übertragbarer Krankheiten bei Männern und Frauen in der Dorf:Region.

Zahlreiche Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Dabei ist anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum, die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen, in den damaligen Familien und bei den „kleinen Leuten“ abbilden (Morbidität).

Wie es manche Todesursachen erahnen lassen, sind neben organmedizinischen zudem gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen zu verzeichnen gewesen.

Die Zunahme von „Gemütskrankheiten“ und Suiziden ist nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen und den schweren wirtschaftlichen Krisen jener Jahre zu verstehen.

Es kam zu Selbsttötungen durch Erschießen, "Selbstvergiftung" oder "Selbsterhängen".

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als fäkal-oral bzw. alimentär übertragbare Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im kausalen Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen [15] übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt (z.B. Lungentuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität [16] auch in der Dorfbevölkerung der Dorf:Region gelten.

In der präantibiotischen Ära des 19. Jahrhunderts, also zu jener Zeit, in der der Medizin bei bakteriellen Infektionskrankheiten noch keine antibakteriell wirksamen Chemotherapeutika (Antibiotika) zur Verfügung standen, entfaltete sich eine breit angelegte, bürgerlich geprägte Hygienebewegung.




Fotografie:

© Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] WEBER 2006a, S. 73-83.

[2] Seuchen sind besondere Ausbrüche von Infektionskrankheiten mit plötzlichem und massenhaftem Auftreten von lebensbedrohlichen übertrabaren Erkrankungen mit Hunderten oder Tausenden von Toten (Epidemien, Pandemien, „Volksseuchen“).

Medizinhistorische Literatur bei NLGA 2012; RUFFIE/SOURNIA 2000; LEVEN 1997; WINKLE 1997; WILDEROTTER 1995; VASOLD 1991.

[3] Eine umfassende, in sich geschlossene wissenschaftliche Darstellung des Gesundheitswesens im ehemaligen braunschweigischen Weserdistrikt wurde bislang nicht erarbeitet. Somit kann nur fragmentarisch auf überregionale und wenige lokale medizinhistorische Betrachtungen zurückgegriffen werden.

[4] Gab es zunächst im Mittelalter bis in die heutige Zeit hineinreichend die „Intervention“ als allgemeine Gesundheitsmaßnahme bei vorbestehendem Krankheitsgeschehen, so tritt heute zunehmend die „Prävention“ in den Vordergrund moderner sozial- und gesundheitspolitischer Bemühungen.

[5] WEBER 2007, S. 163-190.

[6] Noch bis um 1800 galten sie als Chirurgen („Wundärzte“).

[7] Bei jenen Faktoren, die den Gesundheitszustand einer Bevölkerung bestimmen, handelt es sich um eine Vielzahl demografischer, sozio-ökonomischer, struktureller, individueller wie medizinischer Größen. Diese moderne Erkenntnis dürfte auch auf die gesundheitliche Situation hiesiger Dorfbewohner des 17.-20. Jahrhunderts übertragbar sein.

[8] individueller und systembedingter Variablen.

[9] Ergebnisse zahlreicher Studien belegen, dass Personen mit niedrigem Einkommen, niedriger schulischer Ausbildung oder niedriger Stellung im Beruf (niedriger sozial-ökonomischer Status) ungünstigere Gesundheitschancen aufweisen.

[10] JARCK/SCHILDT 2000; RAULS 1983, S. 150.

[11] Hierzu ist kritisch anzuführen, dass die Zusammenschau angegebener Bezeichnungen zu vermeintlichen Symptomen, Todesursachen oder Todesumständen, aber auch alte Krankheits- oder Verletzungsbezeichnungen ergibt, die nur eingeschränkt, wenn überhaupt, heutigen modernen medizinischen Diagnosen zugeordnet werden können. Wie medizingeschichtlich bekannt ist, können manche nosologische Quellenbegriffe einerseits zwar als mögliche Symptome (klinische Krankheitszeichen) gelten, andererseits nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung aber nicht mehr eindeutig modernen Krankheitsdefinitionen resp. medizinisch-systematischen Diagnosen zugeordnet werden.  Empirisch tätigen Ärzten war einst die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) völlig fremd gewesen. Dies sollte sich erst beginnend mit der Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 allmählich ändern.

Nach RUFFIE/SOURNIA (2000, S. 186) ist ohnehin jede (rationale) Klassifikation von Krankheiten zwangsläufig eine erkenntnistheoretische Vereinfachung, letztlich mit der Konsequenz, dass es keine Krankheiten, sondern nur Kranke gibt.

[12] Auskünfte zu kongenitalen (angeborenen) Fehl- oder Missbildungen liegen nicht vor.

[13] NÄGELER/WEBER 2005; NÄGELER/WEBER 2004.

[14] so genannte Geschlechtskrankheiten (STI/STD).

[15] durch erregerhaltiges Aerosol in der Atemluft.

[16] Erkrankungsrate/Sterblichkeitsrate.

[17] DÖRRHÖFER 2020.

[18] Pamela Dörrhöfer (Interv.): Ein Gespräch mit dem Medizinhistoriker Heiner Fangerau über begründete Ängste, vorschnelle Hysterie und warum Epidemien wie das Coronavirus die Grenzen der Zivilisation offenlegen. In: Frankfurter Rundschau. 76. Jg. Nr. 37, 13. Februar 2020, S. 20-21.

[112] "Die Klosterfrau Thekla" - Erlebnisführung am 07. August 2015 im Rahmen der Erlebnisführungen durch die Gelnhäuser Geschichte ("Mittendrin statt nur dabei").

[113] JAHNS 2005, S. 89 f.

[114] JARCK/SCHILDT 2000; RAULS 1983, S. 150.

[115] RAULS 1983, S. 151.

[116] HOFMANN 2005.

[117] zit. in HOFMANN 2005.