Gesundheitsversorgung des "Landvolks" auf dem rauhen Solling

Klaus A.E. Weber

 

Seuchen, Epidemien, Krankheiten, Unfälle & Schicksale

Beherrschten in den zurückliegenden Phasen der Menschheitsgeschichte zunächst vornehmlich Infektionskrankheiten und schwerwiegende Epidemien das Krankheitsgeschehen des Menschen, so stehen heute hauptsächlich chronische Erkrankungen im gesundheitlichen Mittelpunkt.

Diese werden nun ihrerseits bereits in naher Zukunft von den zunehmenden psycho-sozialen Gesundheitsstörungen abgelöst.

Gab es zunächst im Mittelalter bis in die heutige Zeit hineinreichend die Intervention als allgemeine Gesundheitsmaßnahme bei vorbestehendem Krankheitsgeschehen, so tritt heute zunehmend die Prävention in den Vordergrund moderner sozial- und gesundheitspolitischer Bemühungen.

Eine umfassende, in sich geschlossene Darstellung der Geschichte des Medizin- bzw. Gesundheitswesens im ehemaligen Weserdistrikt und späteren Landkreis Holzminden wurde bislang noch nicht erarbeitet.

Somit konnte nur fragmentarisch auf überregionale und einige wenige lokale Abhandlungen zurückgegriffen werden, die im Folgenden medizinhistorisch kurz beleuchtet werden sollen.

Während des 18./19. Jahrhunderts zählten (übertragbare) Krankheiten, Unfälle und Invalidität, Altersarmut und früher Tod zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen im alten braunschweigischen Weserdistrikt [113] sowie insbesondere im hier betrachteten Raum zwischen Nordsolling und Holzberg.

 

„Nicht auf den Boden spucken!“

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den zahlreichen Dorfkrügen des Sollings darauf hingewiesen worden sein: „Nicht auf den Boden spucken!“

Die durch eine bestimmte Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde durch Armut, schlechte, unhygienische Lebensbedingungen, Migration und medizinische Unterversorgung begünstigt.

Daher war im 18. und 19. Jahrhundert insbesondere die „Lungenschwindsucht“ – die Tuberkulose der Atmungsorgane – im Solling eine der häufigsten Infektionskrankheiten des einfachen dörflichen Lebens jener Zeit. 

Während des 18. und 19. Jahrhunderts zählten Infektionskrankheiten, aber auch Unfälle und Invalidität, Unterernährung, Altersarmut und früher Tod zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion.

Hinzu trat hier der schwerwiegende Mangel an ortsnaher ärztlicher Grundversorgung.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

So betrug vor rund 100 Jahren die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

In den Sollingdörfern war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit, Not und Bitterkeit, von materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Dabei sicherten die Menschen des Sollings ihre Existenz fast ausschließlich durch körperliche Arbeit.

Das bedeutete vielfach eine immense Kraftanstrengung unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten – beispieslweise im staatlichen Forst, in Steinbrüchen oder an den Steilhängen des Sollings.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt. Zudem waren die Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.

Im Winter gab es Erfrierungen. 

Die forstwirtschaftliche Arbeit führte häufig zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu erheblichen chronisch-degenerativen bzw. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen. 

Erst ab 1746 war es im Herzogtum Braunschweig allgmein verpflichtend, sowohl das Alter der Verstorbenen und Begrabenen als auch die Ursache des Todes in den Kirchenbüchern zu vermerken.

Dadurch sind erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts individuelle Einblicke in die Lebensschicksale und in die besonderen sozialen wie gesundheitlichen Verhältnisse der Sollingbewohnern zu erhalten.

Die gesundheitliche Situation des 18. und 19. Jahrhunderts kennzeichnend, waren klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten, Unfälle und Tumore häufig, aber auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen, bis hin Suizide (Selbsttötungen).

Im 19. und 20. Jahrhundert traten dann auf

  • die Cholera,

  • die Diphtherie,

  • das Fleckfieber,

  • die Grippe,

  • die Ruhr,

  • die Tuberkulose

  • der Typhus abdominalis.

In dieser Zeit nahmen auch sexuell übertragbare Krankheiten (Geschlechtskrankheiten), wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an. Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen, wie auch Pocken-Epidemien traten Ende des 18. Jahrhunderts in verschiedenen südniedersächsischen Regionen. 

Das seuchenhistorisch hervorstechenste Merkmal der Pocken und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit im Alter von 1-7 Jahren. Daraus resultierte schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum – und, was staatlich entscheidend war, für das Militär waren allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar. 

Für Heinade, Merxhausen und Hellental sind zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle dokumentiert, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

In zugänglichen Kirchenbüchern unserer Region finden sich alte Krankheits- und Todesumstandsbezeichnungen, die auf verschiedene, „auszehrende“ akute wie chronische Krankheitsausprägungen innerer Organe (Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber, Niere) und des Zentralnervensystems (Gehirn, Rückenmark) hindeuten, aber auch auf schwerste Verletzungen bei dramatischen Arbeitsunfällen. 

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung, im Kind- oder Wochenbett, verstarben. Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

Nicht nur aus physiologischen Gründen war die Geburt vornehmlich eine Angelegenheit von Frauen.

Der Gebärenden standen meistens eine Hebamme oder Frauen der Nachbarschaft beiseite.

Erst im 18. Jahrhundert wurde es auch auf dem Lande allmählich üblich, einen Arzt zur Geburtshilfe hinzuziehen. 

In der frühen Neuzeit führten Frauen bei der Geburt ihrer Kinder einen harten Überlebenskampf.

Die Überlebenschancen von Mutter und Kind waren in jener Zeit relativ gering.

Sowohl bei der Geburt als auch im Kindbett war der frühe Tod den Frauen allgegenwärtig.

So erwartete eine Familie nicht nur das Kind, sondern zugleich auch eine Todesgefahr für Mutter und Kind.

Es galt für Neugeborene die Lebensgefahren der ersten nachgeburtlichen Zeit (Tage, Monate) gesundheitlich unbeschadet zu überstehen. 

Ebenso schicksalhaft wie dramatisch war auch ein „unglücklicher Sturz“ vom Baum, von oben aus der Scheune durch die ungesicherte Luke in der Mitte des Hausbodens oder bei Arbeiten im Steinbruch.

Eine bemerkenswerte dörfliche Unfallvariante war das Ertrinken, so beispielsweise in Heinade „in Friedrich Teiwes Brunnen“ oder „im Teich von Heinrich Specht“

Wie es manche Todesursachen erahnen lassen, sind neben den organmedizinischen gehäuft auch psychische Gesundheitsstörungen vorgekommen, wohl nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen. 

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

So verbreitete sich von Juli bis September 1850 die Cholera entlang des Leinetals und forderte zahlreiche Todesopfer.

Im August 1850 trat am nordöstlichen Sollinrand - in Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf. 

Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Alt-Kreises Holzminden wurden von der „pandemisch-contagiösen Cholera“ heimgesucht.

Ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen verstarb binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen. 

Dem Mittelalter entspringend war in alter Zeit das Gesundheitswissen in den entlegenen Sollingdörfern eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken und Ritualen.

Der Verhütung gesundheitlichen Unheils durch volksmedizinisches Handeln wurde mehr zugetraut als einer ärztlichen Beratung und Behandlung.

Das Vertrauen der Sollinger in die tradierte Volksmedizin war jahrhundertelang ausgeprägt, zumal sie auch vor Ort rasch und meist kostengünstig verfügbar war.

 

Gesundheitliche Verhältnisse der Dorfbewohner

Die soziale Fürsorge und Krankenpflege "armer siechen" wurde im Mittelalter von Nonnen in Klöstern ausgeübt.

An der Schwelle zur frühen Neuzeit begann eine gemeinnützige landesherrliche Fürsorge in Verklammerung mit der sozialen Verantwortung der politischen Macht.

Eine Krankenbehandlung erfolgte, neben der durch bestallte Ärzte, auch durch Barbiere (Balbiere), welche Wundbehandlungen und kleinere Operationen durchführten.

Noch bis um 1800 galten sie als Chirurgen.

Dem unaufgeklärten Mittelalter entspringend, war in früherer Zeit das medizinische Wissen eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken, denen die Verhütung gesundheitlichen Unheils im Allgemeinen mehr zugetraut wurde als einer aufgeklärten medizinisch-ärztlichen Beratung und Intervention.

Dieses gesundheitliche Grundverhalten dürfte in den Dörfern zwischen Nordsolling und Holzberg nicht völlig anders gewesen sein als im übrigen Weser-Leine-Gebiet.

Aus heutiger sozialmedizinischer Sicht ist anzunehmen, dass die früheren Dorfbewohner von Heinade, Hellental und Merxhausen, insbesondere aber die „kleinen Leute“, in einer sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit gelebt haben.

Dabei dürfte es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren sowie beim gesundheitlichen „Outcome“ (individueller und systembedingter Variablen) gegeben haben.

Im Vergleich zu benachbarten größeren Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung, insbesondere die von Schwangeren, Müttern und Kindern, in den abgelegenen nördlichen Sollingranddörfern und in Hellental weitaus ungünstiger.

Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien belegen, dass Personen mit niedrigem Einkommen, niedriger schulischer Ausbildung oder niedriger Stellung im Beruf (niedriger sozial-ökonomischer Status) ungünstigere Gesundheitschancen aufweisen.

Bei den Faktoren, die den Gesundheitszustand bestimmen, handelt es sich um eine Vielzahl

  • demografischer,

  • gesellschaftlicher,

  • politischer,

  • sozioökonomischer,

  • struktureller,

  • individueller wie

  • medizinischer

Größen.

Diese moderne Erkenntnis dürfte auch auf die gesundheitliche Situation hiesiger Dorfbewohner in dem hier betrachteten Zeitraum des 17.-20. Jahrhunderts übertragbar sein.

Zu Beginn dieses Zeitraumes sicherten die Menschen ihre Existenz fast ausschließlich durch körperliche Arbeit.

Die Menschen der Solling- und Sollingranddörfer haben dabei stets ihre große Armut, Not und Bitterkeit, aber auch den noch heute spürbaren, besonderen Überlebenswillen miteinander geteilt.

Das Leben der meisten Familien war einstmals über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit und materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Hinzu kamen die immensen Kraftanstrengungen, unter einfachsten Bedingungen u.a. im staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an den Steilhängen des Holzbergs, Heukenbergs und des Wiesentals Hellental zu arbeiten.

Erst ab 1746 bestand im Herzogtum Braunschweig die Verpflichtung, für statistische Informationen sowohl das Alter der Verstorbenen und Begrabenen als auch die Ursache des Todes in den Kirchenbüchern zu vermerken.[114]

Dadurch sind erst etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts individuelle Einblicke in Lebensschicksale und in die besonderen sozialen wie gesundheitlichen Verhältnisse der Dorfbewohner zu erhalten.

In den genealogisch ausgewerteten Kirchenbüchern des 18./19. Jahrhunderts finden sich alte Krankheitsbezeichnungen, die für verstorbene Gemeindemitglieder tatsächliche oder vermeintliche Todesursachen benennen und somit ggf. Aussagen zur Mortalität (Sterblichkeit) herleiten lassen.

Die Zusammenschau der angegebenen Bezeichnungen zu vermeintlichen Symptomen, Todesursachen oder –umständen ergibt aber auch alte Krankheits- bzw. Verletzungsbezeichnungen, die nur eingeschränkt, wenn überhaupt, heutigen medizinischen Diagnosen entsprechen könnten.

Wie medizingeschichtlich bekannt ist, können manche nosologische Quellenbegriffe [120] einerseits zwar als mögliche Symptome (klinische Krankheitszeichen) gelten, andererseits nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung aber nicht mehr eindeutig modernen Krankheitsdefinitionen bzw. medizinisch-systematischen Diagnosen zugeordnet werden.

Hierzu ist erklärend anzumerken, dass den empirisch tätigen Ärzten in jener Zeit die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) völlig fremd gewesen war.

Dies sollte sich erst beginnend mit der Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 allmählich ändern.

Nach RUFFIE/SOURNIA [119] ist ohnehin jede (rationale) Klassifikation von Krankheiten zwangsläufig eine erkenntnistheoretische Vereinfachung, letztlich mit der Konsequenz, dass es keine Krankheiten, sondern nur Kranke gibt.

Die gesundheitliche Situation des 18./19. Jahrhunderts kennzeichnend, waren auch in Heinade, Hellental und Merxhausen häufig

  • klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten,
  • Traumen (Unfälle),
  • Tumore (gut-/bösartige Neubildungen, Geschwulste)
  • erhebliche psychische Gesundheitsstörungen, bis hin Selbsttötungen.

Auskünfte zu kongenitalen (angeborenen) Fehl- oder Missbildungen liegen nicht vor.

 

Umweltmedizinisch betrachtet, waren die Menschen jener Zeit gegenüber heute deutlich geringeren Belastungen mit karzinogenen (Krebs erzeugenden) Substanzen ausgesetzt.

Bereits um 1700 war ärztlich festgestellt worden (Bernardino Ramazzini), dass bei großer „Wichtigkeit der Handwerker“, diese von (bestimmten) Krankheiten mehr „als andere Menschen befallen“ seien.

Das Hungerjahr von 1772 gilt eines der schlimmsten in Deutschland.

Es führte in der Folgezeit zu zahlreichen Sterbefällen.[115]

In den hier herangezogenen Kirchenbüchern fanden sich für die verstorbenen Dorfbewohner von Heinade, Hellental und Merxhausen alte Krankheits- und Todesumstandsbezeichnungen, die auf verschiedene, „auszehrende“ akute wie chronische Krankheitsausprägungen innerer Organe (Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber, Niere) und des Zentralnervensystems (Gehirn, Rückenmark) hindeuten, aber auch auf schwerste Verletzungen (dramatische Arbeitsunfälle durch Stürze) mit Todesfolge.

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung, im Kind- oder Wochenbett, verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

Ebenso schicksalhaft und dramatisch war auch ein "unglücklicher Sturz" vom Baum oder „Hahnebalken“, von oben aus der Scheune durch die ungesicherte Luke in der Mitte des Hausbodens oder bei Arbeiten im Steinbruch.

Eine bemerkenswerte Unfallvariante war das Ertrinken, beispielsweise "in Friedrich Teiwes Brunnen" oder "im Teich von Heinrich Specht" in Heinade.

Zahlreiche Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Dabei ist anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum, die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen, in den damaligen Familien und bei den „kleinen Leuten“ abbilden (Morbidität).

Wie es manche Todesursachenbenennung erahnen lässt, sind neben den organmedizinischen zudem gehäuft auch psychische Gesundheitsstörungen vorgekommen, wohl nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft sehr schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen und dem gehäuften Branntweingebrauch.

Dabei kam es auch zu Selbsttötungen durch Erschießen, „Selbstvergiftung” oder „Selbsterhängen“.

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als fäkal-oral bzw. alimentär übertragbare Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im kausalen Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen (durch erregerhaltiges Aerosol in der Atemluft) übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt (z.B. Lungentuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität (Erkrankungsrate) und Letalität (Sterblichkeitsrate) auch in unserer Bevölkerung gelten.

Im 19. Jahrhundert entfaltete sich eine breit angelegte, bürgerlich geprägte Hygienebewegung. Erstmals 1890 entwickelten der deutsche Mediziner Emil v. Behring (1854–1917) und der japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato (1853–1931), ein Schüler von Robert Koch, die Serumtherapie der Diphtherie. Diese Serumtherapie führte bei nicht-immunen Menschen sowohl in der Prävention als auch in der Therapie zu einer antitoxischen Immunität.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, vornehmlich aber seit der Entwicklung der antibakteriell wirkenden Chemotherapeutika Sulfonamide (Gerhard Domagk, 1895–1964) und Penicilline (Alexander Fleming, 1881-1955) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, schienen die alten epidemischen Infektionskrankheiten zunächst besiegt zu sein.

1791 wurde in dem „Hausbuch” (1. Auflage) des Landphysikus Heinrich Felix PAULIKY richtungsweisend berichtet [1836], dass die „Krankheiten der Landleute” "weniger complicirt seien als bey Leuten, die keine so einfache Lebensart führen".

Die Landleute seien aber nicht in der Lage gewesen, "sich zu jeder Stunde eines ärztlichen Raths erfreuen zu können", zudem hätten sie des "Beystandes eigentlicher Aerzte entbehren müssen".

PAULIKY beschrieb landärztlich auch die damaligen "Ursachen der gewöhnlichen Krankheiten des Landvolks" zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

  • Wirkungen der Luft (heiße Luft, plötzliche Abkühlung, veränderliche Witterung, Kälte),
  • ungesunde Lage und Einrichtung der Wohnung,
  • Dünste der Mistlachen und Unreinlichkeit in den Wohnstuben,
  • Nahrungsmittel (ungesunde Speisen, Brot aus neuem, verdorbenem und unreinem Getreide, Mehlspeisen, Backwerk, Fleisch kranker Tiere),
  • schlechte Küchen- und Tischgeräte,
  • Unmäßigkeit im Wein- und Branntweintrinken,
  • Verfälschung von Getränken (Bier, Essig),
  • schlechtes Wasser,
  • unmäßiges Tabakrauchen,
  • ausschweifende Gemütsbewegungen,
  • Ansteckung,
  • äußerliche Beschädigungen.

 

Als "Ursachen, welche Krankheiten des Landvolks" verschlimmern benannte PAULIKY

  • das Versäumnis einer ordentlichen Heilung,
  • Vernachlässigung einer guten Lebensordnung,
  • ungeschickliches Verhalten,
  • unüberlegter Gebrauch schädlicher Arzneien,
  • üble Diät und schlechte Speisen,
  • Missbrauch wirksamer Heilmittel,
  • Unreinlichkeit in Krankenstuben,
  • verdorbene Luft,
  • Anhänglichkeit an Pfuscher und abergläubige Meinungen,
  • Abneigung vor ordentlichen Ärzten,
  • Unfolgsamkeit.

 

Die üblichen therapeutischen Maßnahmen der Schulmedizin des späten 18. Jahrhunderts und 19. Jahrhunderts bestanden vornehmlich im Aderlass, der Eingabe von Brech- und Abführmitteln oder sonstiger "Arzeneyen".

Im laufenden „Schillerjahr“ galt es 2005 es darauf aufmerksam zu machen, dass Friedrich Schiller (1759-1805) willens war, "förmlich Doktor" (Arzt) zu werden.

So setzte er sich im Anschluss an seine abgelehnte medizinische Dissertation mit der theoretischen Arbeit "Über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" und der praktischen Arbeit "Über den Unterschied der entzündlichen und der faulen Fieber" mit der bereits im Altertum bestehenden Thematik der Verbindung von „Physis“ und „Psyche“ auseinander.

Mit seiner Betrachtung zur Pathogenese von fieberhaften Erkrankungen hatte er sich nunmehr ein Thema ausgesucht, welches für den schwäbischen Herzog Karl Eugen als obersten Militärherrn außerordentlich wichtig war.

Im Kapitel über "Geistiges Vergnügen befördert das Wohl der Maschine" (des Körpers) beschäftigte sich Schiller mit dem Stellenwert der Psyche bei Erkrankungen, die pharmakologisch nicht zu beeinflussen waren.[116]

Über das Zusammenwirken von Seele und Körper hatte Schiller bereits in seiner Dissertation "Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" geschrieben:[117]

"Also eine Empfindung, die das ganze Seelenwesen einnimmt, erschüttert in ebendem Grade den ganzen Bau des organischen Körpers.

Hirn, Adern und Blut, Muskelfasern und Nerven, von jenen mächtigen wichtigen, die dem Herzen den lebendigen Schwung der Bewegung geben bis hinaus zu jenen unbedeutenden geringen, die die Härchen der Haut spannen, nehmen daran teil...

Wahr ist, daß die Freude das Nervensystem in lebhaftere Wirksamkeit setzen kann, als alle Herzstärkungen, die man aus Apotheken holen muß, und selbst inveterierte Stockungen in den labyrinthischen Gängen der Eingeweide, die weder die Rubia durchdringt, noch selbst der Merkur durchreißt, durch die sie zerteilt worden sind."

 

Schwere Infektionskrankheiten bei Kindern – "Scheuerchen" und "Frieseln"

Von übertragbaren Krankheiten waren vormals wie heute hauptsächlich anfällige (immuninkompetente), unterernährte und biologisch am wenigsten gerüstete Personen besonders häufig und klinisch schwer betroffen, wie alte Menschen, Säuglinge und Kinder.

Dabei ist zu erinnern, dass die im vorliegenden Ortsfamilienbuch historisch betrachtete Zeitspanne bis 1926 in der präantibiotischen Ära liegt, also in jener Zeit, in der der Medizin bei bakteriellen Infektionskrankheiten noch keine antibakteriell wirksamen Chemotherapeutika (Antibiotika) zur Verfügung standen.

Bei den durch Kirchenbucheintrag dokumentierten Todesfällen in den hier betrachteten Dörfern wurde auffällig häufig die Todesursache Scheuerchen angegeben. „Scheuerchen“, auch „Schäuerchen“, „Scheuerken“ oder „Schürchen“ genannt, ist eine seit langem medizinisch nicht mehr gebräuchliche Symptom- bzw. Krankheitsbezeichnung.

Der Quellenbegriff [120] ist als Sammelbegriff für klinisch schwerere Infektionserkrankungen der Atemwege und des Darmtraktes zu deuten, die offenbar mit Fieber-„Schauern“ (Schüttelfrost) bzw. Krämpfen einhergingen.

Im 18./19. Jahrhundert stellten "Scheuerchen" die häufigste Todesursache bei Kindern vornehmlich in den ersten Lebenswochen und –monaten dar.

Aber auch bei Kleinkindern bis etwa zum 4. Lebensjahr waren Scheuerchen noch recht häufig anzutreffen.

Zudem findet sich in den Kirchenbucheinträgen zur Todesursache oftmals auch der Vermerk "Frieseln", eine klinisch schwer verlaufende Erkrankung, die man heute so nicht mehr kennt.

Jenes lebensbedrohliche klinische Krankheitsbild ging mit hohem Fieber („Frieselfieber“) einher.

Korrespondierend kam es zum starken Schwitzen, das hirsekorngroße, wasserhelle, meist auch gerötete Hautbläschen ("Frieselbläschen") entstehen ließ (auch als „Roter Hund“ bezeichnet).

„Der Friesel”, auch als „echter Schweiß- oder Schwitzfriesel” bezeichnet, trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Hautausschlag bzw. lokale Hautentzündung auf, mit und ohne Fieber, meist aber in Begleitung einer anderen Krankheit.

Die Beteiligung innerer Organe (u.a. Herz) wurde beschrieben, wie auch plötzliche Todesfälle infolge der „Friesel”.

Das ehemals erkrankungsschwere Frieselfieber, möglicherweise auch als Masernerkrankung zu deuten, grassierte in jener Zeit auf dem Lande recht häufig mit „Frieselepidemien”.

Solche „Frieselausbrüche“ betrafen nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und junge Erwachsene.

Bereits im 16. Jahrhundert wütete in England eine als „englischer Schweiß“ bezeichnete Epidemie, gekennzeichnet durch Fieber und heftige Schweißausbrüche.

Es war eine klinisch schwere Krankheit, die auch binnen weniger Tage zum Tode führen konnte.

Symptome und klinischer Verlauf sollen denen einer Grippe (Influenza) geähnelt haben.

Das „Schweißfieber“ griff von England schließlich auch auf das europäische Festland über, das hier „Frieselfieber“ oder „Miliarfieber“ genannt wurde.

Noch im 19. Jahrhundert soll es in Frankreich kleinere, lokal eng begrenzte epidemische Spitzen gegeben haben [119].

Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer regionalen Häufung von durch Tröpfchen übertragenem „Keichhusten” ("Stickhusten", Keuchhusten, Pertussis) unter den Kindern, von denen viele an "Auszehrung" verstarben.

 

Epidemien & Seuchenzüge

Den Menschen krank machende Erreger (humanpathogene Erreger, wie typischerweise Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten), durch sie mit ausgelöste Infektionskrankheiten und große Seuchen (Epidemien/Pandemien, „Volksseuchen“) haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen, oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die demografische, ethnische, politische, gesellschaftliche, ökonomische, soziale, religiös-ethische und nicht zuletzt auch auf die kulturelle Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt.[118]

Typischerweise erkranken bei einer Seuche zahlreiche Menschen in einem abgrenzbaren Gebiet plötzlich an einer schwerwiegenden Infektionskrankheit, die mit einer hohen Verbreitungsquote einhergeht (Massenerkrankung).

Seuchen können als Phänomen und Folge städtischer Infrastruktur und als Produkt der menschlichen Gesellschaft angesehen werden, vornehmlich bedingt durch enges Zusammenwohnen vieler Menschen unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen, durch „Globalisierung“ von Märkten und Handelsbeziehungen, durch Kriege und durch Migration.

Große Seuchen begleiteten häufig Hungersnöte und Kriege; sie führten hierbei zu Auslese- und Anpassungsprozessen bei der menschlichen Spezies [120].

Die Ursachen seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennung, Verhütung und Bekämpfung waren und sind noch heute eng mit sozial-ökonomischen (Einschränkung von Wirtschaft und Handel), gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen historischen Epoche verknüpft.

So war beispielsweise die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18./19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, die lohnabhängigen Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie uns die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

 

Als epochenübergreifende Leitepidemien des Früh- bis Spätmittelalters gelten, neben sexuell übertragbaren Krankheiten (STD),

  • grippeähnliche Infekte,
  • Lepra,
  • Malaria ("Wechselfieber"),
  • Masern,
  • Pest ("Schwarzer Tod"),

Davon waren zunächst die Pest und später die Pocken demografisch besonders einschneidend wirksam.

Im 19./20. Jahrhundert traten, begünstigt durch die Industrialisierung und Urbanisierung, auf

  • die Cholera ("Asiatische Brechruhr"),
  • die Diphtherie,
  • das Fleckfieber ("Fleck-" oder "Hungertyphus"),
  • die Ruhr,
  • der Typhus abdominalis.

Die bei großen Seuchenzügen historisch zu beobachtenden psycho-sozialen Reaktionsmechanismen waren vor allem gekennzeichnet von
  • Seuchenfurcht,
  • Ängsten,
  • resignierenden Sichtweisen (z.B. bei Pest und Cholera),
  • Ausgrenzung von Erkrankten,
  • Massenflucht,
  • Selbstisolierung,
  • Aufruhr und Proteste,
  • Trunksucht,
  • religiöse Inbrunst
  • und nicht zuletzt von der Fokussierung auf „Aggressionsobjekte“ (u.a. mit Mord und Totschlag).

 

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchenhygiene und -bekämpfung sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts, waren die historisch alten „Volksseuchen“, genau genommen, nie gänzlich verschwunden.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Es ist beispielsweise gerade 184 Jahre her, dass erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Europa wütete.

Dieser ersten Cholera-Welle von 1831/1832 folgten weitere Cholera-Epidemien unterschiedlicher regionaler Ausprägung.

Sie veränderten für einige Jahre vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.

Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der Hansestadt Hamburg auf und betraf vornehmlich die Gängerviertel der Kirchspiele St. Michaelis und St. Jacobi.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen und die geschichtlichen Ereignisse nur ansatzweise aufgearbeitet.

Dies gilt auch für die hier betrachtete Region im alten braunschweigschen Weserdistrikt.

 

Sexuell übertragbare Krankheiten - "Geschlechtskrankheiten" (STI/STD)

Unter den vielfältigen Angaben zu Todesursachen finden sich in den genealogisch untersuchten Kirchenbüchern keine eindeutigen Hinweise auf Sterbefälle im Zusammenhang mit einer sexuell übertragbaren Krankheit (STD), wie beispielsweise der damals endemisch vorkommenden und ob ihrer organischen Spätschäden gefürchteten Syphilis (Lues).

Diese Feststellung erlaubt jedoch keinerlei Rückschlüsse auf das tatsächliche Nichtvorhandensein oder Vorhandensein sexuell übertragbarer Krankheiten bei Männern und Frauen in Heinade, Hellental und Merxhausen.

 

Krankheiten & Verletzungen von „A“ bis „Z”

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr und nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

Das Alter war gesundheitlich von hochgradig degenerativen Veränderungen gekennzeichnet, möglicherweise infolge ernährungsbedingter Stoffwechselstörungen.

In jener Zeit war Roggen das Brotgetreide schlechthin, das alltägliche Grundnahrungsmittel.

Die Zusammenschau der in den genealogisch ausgewerteten Kirchenbüchern angegebenen Bezeichnungen zu Symptomen, Todesursachen oder –umständen ergibt im 18./19. Jahrhundert für Heinade, Hellental und Merxhausen die im Kapitel „Volksmedizin im Solling“ dargestellten alten Krankheits- bzw. Verletzungsbezeichnungen, die „Krankheiten des Landvolks“ der nördlichen Sollingregion.

Die alten Beschreibungen konnten nur eingeschränkt, wenn überhaupt, heutigen medizinischen Diagnosen eindeutig zugeordnet werden [121].

 

Aufgespielt: Klosterfrau Thekla mit ihrer Schwester Barbara - im Pestjahr 1349 in Gelnhausen [112]

 

Auch die Bevölkerung des alten brauschweigischen „Weserdistrikts“ war ehemals von der Angst und Schrecken verbreitenden Trias „Hunger/Krieg/Seuchen“ wiederholt betroffen. Seuchenzüge legten den Alltag ganzer Städte und Landstriche lahm.

Vornehmlich Infektionsgeschehnisse[1] und schwerwiegende Epidemien, mystifizierend als Seuchen[2] bezeichnet, zählten einst im Mittelalters und in der Neuzeit zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion, während des 18. und 19. Jahrhunderts übertragbare Krankheiten, aber auch Unfälle und Invalidität, Unterernährung, Altersarmut und früher Tod.[3]

Hinzu trat der schwerwiegende Mangel an ortsnaher ärztlicher Grundversorgung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wütete erstmals eine verheerende Cholera-Epidemie in Europa.

Dieser ersten europäischen Cholera-Welle folgten weitere in unterschiedlicher regionaler Ausprägung, wie 1850 im Alt-Kreis Holzminden.

Die Cholera-Epidemien veränderten für einige Jahre das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.[4]

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des dramatischen Auftretens der Cholera führte zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung dieser Infektionskrankheit.

So wurde die sich progressiv verbreitende Cholera schließlich zur dominierenden Krankheit in der Seuchenlehre und öffentlichen Gesundheitspflege, zur großen Leitseuche des 19. Jahrhunderts.

Zugleich verschärfte die Cholera auch vorbestehende politische und soziale Unruhen und Proteste.

Durch ihren oft foudroyanten klinischen Verlauf mit einer hohen Letalität, wurde die Cholera für die Menschen des beginnenden Industriezeitalters zum Inbegriff der „tödlichen Seuche“ schlechthin.

In jener neuzeitlichen Epoche, in der sich zum einen eine breit angelegte bürgerliche Hygienebewegung entfaltete, zum anderen nach wie vor Wasser zugleich als Versorgungsgut und als Entsorgungsbahn diente, wurde weitgehend übersehen, dass es riskante trinkwasserassoziierte Infektionskrankheiten gibt und daher kommunal besondere hygienisch-präventive Anforderungen an die Qualität der Trinkwasserversorgung und korrespondierend an die sachgerechte Abwasserentsorgung zu stellen sind.[5]

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein Wandel vom mittelalterlichen „Profei“ über das englische „Wasser-Closett“ (WC) bis hin zur öffentlichen Abwasserkanalisation und öffentlichen Trinkwasserversorgung.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts konnten bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten erreicht werden.

Hinzu kamen Verbesserungen beim allgemeinen Lebensstandard und insbesondere bei der Hygiene, der Einsatz wirksamer Schutzimpfungen und antibakterieller Wirkstoffe (Antibiotika) gegen bestimmte Krankheitserreger.

Einhergehend mit gesundheitspolitischen und sanitätspolizeilichen Bestimmungen veränderten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Wohn- und Hygieneverhältnisse, aber auch Ernährungs- und Kleidungsgewohnheiten.

Dabei nahmen behördliche Eingriffe in Belange der öffentlichen Gesundheit stetig zu.

In den Sollingdörfern war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit, Not und Bitterkeit, von materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

So betrug vor rund 100 Jahren die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

 

Gesundheitliche Verhältnisse der Dorfbewohner in der Sollingregion

Die soziale und gesundheitliche Fürsorge und Krankenpflege „armer siechen“ wurde im Mittelalter von Nonnen in Klöstern ausgeübt.

An der Schwelle zur frühen Neuzeit begann eine gemeinnützige landesherrliche Fürsorge in Verklammerung mit der sozialen Verantwortung der politischen Macht.

Eine Krankenbehandlung erfolgte, neben der durch bestallte Ärzte, auch durch Barbiere ("Balbiere")[6], welche Wundbehandlungen und kleinere Operationen durchführten.

Dem „unaufgeklärten“ Mittelalter entspringend war in früherer Zeit das Gesundheitswissen eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken, denen die Verhütung gesundheitlichen Unheils im Allgemeinen mehr zugetraut wurde als einer „aufgeklärten“ medizinisch-ärztlichen Beratung und Intervention.

Dieses gesundheitliche Grundverhalten dürfte in Heinade, Merxhausen und Hellental nicht anders gewesen sein als in den anderen Dörfern im und am Solling.

Sozialmedizinisch ist davon auszugehen, dass die früheren „kleinen Leute“ von Heinade, Merxhausen und Hellental in einer sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit lebten,[7] wobei es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren sowie beim gesundheitlichen „Outcome“ gab.[8]

Im Vergleich zu benachbarten Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung weitaus ungünstiger, insbesondere die von Schwangeren, Müttern und Kindern in den Sollingranddörfern Heinade und Merxhausen sowie im abgelegenen Sollingdorf Hellental.[9]

Ihre Existenz sicherten sich die Menschen fast ausschließlich durch körperliche Arbeit.

Das bedeutete vielfach eine immense Kraftanstrengung unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten – beispieslweise im staatlichen Forst, in Steinbrüchen oder an den Steilhängen des Sollings.

Dabei teilten die „kleinen Landleute“ stets ihre große Armut, Not und Bitterkeit, aber auch den noch heute spürbaren, besonderen Überlebenswillen miteinander.

Das Leben der meisten Familien war einstmals über Jahrhunderte hinweg von großer Kargheit und materieller Armut, armutsassoziierten Krankheiten, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder geprägt.

Hinzu kamen die immensen Kraftanstrengungen, unter einfachsten Bedingungen u.a. im staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an Steilhängen des Holzbergs, Heukenbergs und der Wiesentäler zu arbeiten.

Erst ab 1746 war es im Herzogtum Braunschweig allgmein verpflichtend, für statistische Informationen sowohl das Alter der Verstorbenen und Begrabenen als auch die Ursache des Todes in den gemeindlichen Kirchenbüchern zu vermerken.[10]

Dadurch sind erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts individuelle Einblicke in die Lebensschicksale und in die besonderen sozialen wie gesundheitlichen Verhältnisse der Sollingbewohner zu erhalten.

So finden sich in den Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts alte Krankheitsbezeichnungen, die für verstorbene Gemeindemitglieder tatsächliche oder vermeintliche Todesursachen benennen und somit ggf. Aussagen zur Morbidität und Mortalität herleiten lassen.[11]

Die gesundheitliche Situation des 18. und 19. Jahrhunderts kennzeichnend, waren klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten, Traumen (Unfälle) und Tumore (gut-/bösartige Neubildungen, Geschwulste) häufig, aber auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen („Gemütskrankheiten“), bis hin Suizide (Selbsttötungen).[12]

Im 19. und 20. Jahrhundert traten dann die Cholera, die Diphtherie, das Fleckfieber, die Grippe, die Ruhr, die Tuberkulose und der Typhus abdominalis auf.

In dieser Zeit nahmen auch sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten („Geschlechtskrankheiten“), wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an.

Pocken-Erkrankungen, auch Pocken-Epidemien, traten Ende des 18. Jahrhunderts sporadisch in Südniedersachsen auf.

In zugänglichen Kirchenbüchern[13] der Region finden sich für verstorbene Dorfbewohner von Heinade, Merxhausen und Hellental alte Krankheits- und Todesumstandsbezeichnungen, die auf verschiedene „auszehrende“ akute wie chronische Krankheitsausprägungen innerer Organe (Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber, Niere) und des Zentralnervensystems (Gehirn, Rückenmark) hindeuten, aber auch auf schwerste Verletzungen (Arbeitsunfälle durch Stürze) mit Todesfolge bei dramatischen Arbeitsunfällen.

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung, im Kind- oder Wochenbett, verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

Ebenso dramatisch war auch ein unglücklicher Sturz vom Baum oder „Hahnebalken“, von oben aus der Scheune durch die ungesicherte Luke in der Mitte des Hausbodens oder bei Arbeiten im Steinbruch.

Eine bemerkenswerte dörfliche Unfallvariante war das Ertrinken, so beispielsweise in Heinade in Friedrich Teiwes Brunnen oder im Teich von Heinrich Specht.

Bemerkenswert ist, dass sich unter den vielfältigen Angaben zu Todesursachen in den Kirchenbüchern keine eindeutigen Hinweise auf Sterbefälle im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren Krankheiten[14] ergaben, wie beispielsweise der ehemals endemisch vorkommenden und ob ihrer organischen Spätschäden gefürchteten Syphilis (Lues).

Diese Feststellung erlaubt jedoch keine Rückschlüsse auf das tatsächliche Nichtvorhandensein oder Vorhandensein sexuell übertragbarer Krankheiten bei Männern und Frauen in Heinade, Merxhausen oder Hellental.

Zahlreiche Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Dabei ist anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum, die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen, in den damaligen Familien und bei den „kleinen Leuten“ abbilden (Morbidität).

Wie es manche Todesursachen erahnen lassen, sind neben organmedizinischen zudem gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen zu verzeichnen gewesen.

Die Zunahme von „Gemütskrankheiten“ und Selbstmorden ist nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den oft schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen und den schweren wirtschaftlichen Krisen jener Jahre zu verstehen.

Es kam zu Selbsttötungen durch Erschießen, "Selbstvergiftung" oder "Selbsterhängen".

Immer wieder traten epidemisch akute Magen-Darm-Erkrankungen als fäkal-oral bzw. alimentär übertragbare Infektionskrankheiten auf, wie Ruhr, Cholera, Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im kausalen Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen[15] übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt (z.B. Lungentuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität[16] auch in der Dorfbevölkerung von Hellental gelten.

1791 wurde in der ersten Auflage des „Hausbuches” des Landphysikus Heinrich Felix Pauliky berichtet,[17] dass die Krankheiten der Landleute weniger complicirt seien als bey Leuten, die keine so einfache Lebensart führen.

Die Landleute seien aber nicht in der Lage gewesen, sich zu jeder Stunde eines ärztlichen Raths erfreuen zu können, zudem hätten sie des Beystandes eigentlicher Aerzte entbehren müssen.

In den Folgeauflagen wurden landärztlich auch die Ursachen der gewöhnlichen Krankheiten des Landvolks[18] und die Ursachen, welche Krankheiten des Landvolks verschlimmern zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschrieben.[19]

Die üblichen therapeutischen Maßnahmen der Schulmedizin des späten 18. Jahrhunderts und des 19. Jahrhunderts bestanden vornehmlich im Aderlass, der Eingabe von Brech- und Abführmitteln oder sonstiger Arzeneyen.

In der präantibiotischen Ära des 19. Jahrhunderts, also zu jener Zeit, in der der Medizin bei bakteriellen Infektionskrankheiten noch keine antibakteriell wirksamen Chemotherapeutika (Antibiotika) zur Verfügung standen, entfaltete sich eine breit angelegte, bürgerlich geprägte Hygienebewegung.

Erstmals 1890 entwickelten der deutsche Mediziner Emil v. Behring (1854–1917) und der japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato (1853–1931)[20] die Serumtherapie der Diphtherie.

Diese Serumtherapie führte bei nicht-immunen Menschen sowohl in der Prävention als auch in der Therapie zu einer antitoxischen Immunität.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, vornehmlich aber seit der Entwicklung der antibakteriell wirkenden Chemotherapeutika Sulfonamide (Gerhard Domagk, 1895–1964) und Penicilline (Alexander Fleming, 1881-1955) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, schienen die alten epidemischen Infektionskrankheiten zunächst besiegt zu sein.

Inwieweit Einwohner von Heinade, Merxhausen und Hellental von der schweren Influenza-Pandemie von 1918/1919 betroffen waren, konnte nicht festgestellt werden.

Obgleich aus epidemiologischen Gründen Influenza-Todesfälle in den drei Dörfern zu erwarten gewesen wären, wurde bei den Todesursachenfeststellungen in den Kirchenbüchern kein Grippe-Sterbefall für diesen Zeitraum dokumentiert.

 

Gesundheitliche Situation & Schicksalhafte Krankheiten

In Hellental vollzog sich die gesundheitliche Versorgung sehr lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben und Mystizismus, persönlichem Schicksal und glücklicher Fügung.

Im Vergleich zu Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung, insbesondere aber die von Schwangeren, Müttern und Kindern, auf dem Lande weitaus ungünstiger, gerade auch im weit abgelegenen Hellental.

Mit anderen Sollingdörfern hat Hellental stets seine große Armut, Not und Bitterkeit geteilt.

Das Leben der Familien war einstmals über drei Jahrhunderte hinweg geprägt von großer Kargheit und materieller Armut, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder sowie von immensen Kraftanstrengungen unter einfachsten Bedingungen bei Arbeiten in der staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an den Steilhängen des Wiesentals.

Erschwerend kamen zeittypische, vor allem armutsassoziierte Gesundheitsstörungen und Krankheiten hinzu.

In den genealogisch herangezogenen Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts fanden sich alte Krankheitsbezeichnungen, wie beispielsweise Auszehrung und Entkräftung (bei über 100 Fällen) oder Brustkrankheit (bei über 220 Fällen), aber auch Hinweise auf gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten), Tumorerkrankungen und schwerste Verletzungen (Unfälle), z.T. mit Todesfolge.[21]

Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft und epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Es ist dabei anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” (Mortalität) zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum (Morbidität), die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen in den damaligen Hellentaler Arbeiter- und Handwerkerfamilien abbilden.

Hinzu kamen, neben den rein organmedizinischen, gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen („Gemütskrankheiten“).

Während eines Zeitraumes von gut 25 Jahren (1867–1893) kam es bei unklarem psycho-sozialen Hintergrund, in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einem Suizid (Selbsttötung).

Die Frage, ob die Suizidalität jener Zeit auch Frauen betraf, kann an Hand der vorliegenden genealogischen Untersuchungsergebnisse nicht hinreichend verlässlich beantwortet werden, da in den Kirchenbüchern entsprechende Angaben nicht ersichtlich waren.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt.

Zudem waren die Holzhauer und Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.

Sie waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt; im Winter gab es Erfrierungen.

Die forstwirtschaftliche Arbeit führte häufig zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu erheblichen chronisch-degenerativen rsp. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen.

Immer wieder auftretende, meist klinisch schwer verlaufende bis hin gar tödliche infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Typhus abdominalis) können im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Es ist anzunehmen, dass in Hellental zunächst vor allem die kräftig schüttende Bergquelle im Dorfzentrum als Schöpfbrunnen genutzt wurde.

Das Auftreten und die Weiterverbreitung aerogen übertragbarer und Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die engen Wohn- und Schlafverhältnisse begünstigt (z.B. Tuberkulose, Diphtherie, Pocken).

 

Dynamische Geschehnisse in Raum & Zeit: Infektionskrankheiten, Epidemien & Seuchen

Der Mensch lebt seit seiner Existenz in einem komplexen ökologischen System seiner Umwelt, wobei er auch individuell in wechselseitiger natürlicher Beziehung zu einer Vielzahl von Agenzien steht, die als Krankheitserreger (humanpathogene Erreger) beim ihm Infektionen und übertragbare Krankheiten verursachen können.[22]

Krankheitserreger unterschiedlicher Herkunft können auf recht verschiedenen Wegen und bei unterschiedlichen Bedingungen auf den Menschen mittelbar oder unmittelbar übertragen werden. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Erregerübertragung durch den Kontakt von Mensch zu Mensch, die „Ansteckung“.

Ausgehend vom Ort der Erregerübertragung (Infektionsquelle) handelt es bei Ausbrüchen von Infektionserkrankungen „um ein dynamisches Geschehen in Raum und Zeit.“[23]

Als Seuchen gelten solche Infektionsausbrüche, die mit plötzlichem und massenhaftem Auftreten lebensbedrohlicher übertragbarer Erkrankungen bei zahlreichen Menschen (Massenerkrankungen) mit Hunderten oder Tausenden von Toten in einem abgrenzbaren Gebiet einhergehen. Seuchen sind die Folge einer schweren, von Mensch zu Mensch übertragbaren Krankheit mit hoher, teils progressiver Verbreitungsquote (Epidemien).[24]

Seuchen legten oft den Alltag ganzer Städte und Landstriche lahm.

Historisch gesehen, waren Seuchen vornehmlich Phänomene und Folgen städtischer Infrastrukturen, mithin ein Produkt der menschlichen Gesellschaft.[25]

Die Verbreitung und Ausbreitung von Seuchen, das Wandern seuchenhafter Infektionskrankheiten, erfolgt bis heute entlang von Handels-, Migrations- und Verkehrswegen, Kriegen/Bürgerkriegen und Katastrophen.

Dabei gab es stets einen zeitlichen Wandel und Wechsel von Krankheitserregern und Infektionskrankheiten, insbesondere im klinischen Erscheinungsbild, Schweregrad und in der zeitlichen wie räumlichen Verteilung.

Zunächst kam es zu einem ersten epidemischen Auftreten mit besonders heftigem progressivem, Verlauf („Seuche“).

Es erfolgte dann meist ein Wandel in eine endemische Infektionsverbreitung.[26]

Epochen übergreifende „Volksseuchen“ bzw. Leitepidemien waren vom frühen bis späten Mittelalter (um 400-1500 n.Chr.) - neben sexuell übertragbaren Krankheiten - grippeähnliche Infekte, Lepra, Malaria (Wechselfieber), Masern, Pest („Schwarzer Tod“), Pocken („Schwarze Blattern“), wovon die Pest und die Pocken demografisch nachhaltig wirksam waren.

Im 19. und 20. Jahrhundert - in der Phase von Industrialisierung und Urbanisierung - traten als schwerwiegenden Leitepidemien in Europa zeitlich wie örtlich unterschiedlich dominierend auf

  • die Cholera („asiatische Brechruhr“)[27],
  • die Diphtherie,
  • das Fleckfieber („Fleck- oder Hungertyphus“),
  • die Ruhr,
  • die Tuberkulose („Weiße Seuche“, „Schwindsucht“)
  • der Typhus abdominalis.

Aber auch sexuell übertragbare Krankheiten (Geschlechtskrankheiten, STI/STD), wie insbesondere die Syphilis, nahmen im 19./20. Jahrhundert bedeutende epidemische Ausmaße an.

 

Als Folgen der schweren Pest-Epidemien („Pestzüge“) des 14. bis 18. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa gelten

  • die Entvölkerung der Länder,
  • Wüstungsprozesse,
  • Veränderungen der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur,
  • das Auseinanderreißen von Familien,
  • Brachfallen von Feldern,
  • der Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln,
  • Hungersnöte,
  • der Anstieg von Preisen und Löhnen,
  • die Zerstörung des sozialen Ordnungsgefüges,
  • kriegerische Ereignisse,
  • die Rechtfertigung für Massenmorde an Juden (als „Brunnenvergifter“).

 

Im 18. und 19. Jahrhundert kam es dann zur epidemischen und endemischen Pockenausbreitung („Schwarze Blattern“) in Zentraleuropa.

Bereits während der gerade aufkommenden neuen Ära der Bakteriologie wies Rudolph Virchow 1885 in Berlin kritisch daraufhin, wie wir heute wissen, auch zurecht, dass mit dem bloßen mikrobiologischen Erkennen eines Erregers noch längst nicht dessen Verhütung und Bekämpfung gegeben ist und für eine wirksame Prävention andere Konzepte erforderlich sind.

Zu ihnen zählen nach wie vor auch die allgemeinen wie speziellen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen.

Sie sind nach wie vor tragende „klassische Säulen“ des Infektionsschutzes, auch im modernen Sinne.

Von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheitserreger – wie typischerweise Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten – verändern sich sich permanent und zudem auch oft nicht vorhersehbar.[28]

Durch Infektionserreger ausgelöste Krankheiten und große Seuchen haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die demographische, ethnische, politische wie gesellschaftliche, ökonomische, soziale, religiös-ethische und nicht zuletzt auch auf die kulturelle Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt.

Die Ursachen gerade seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennung, Verhütung und Bekämpfung waren und sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen Geschichtsepoche verknüpft.

Deutlich ist und bleibt gerade auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die der einst romantisch verklärten Lungentuberkulose, jener „weißen Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, im 19. Jahrhundert die „Krankheit der Proletarier“.

Die fachliche wie öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Infektionskrankheiten hat in den letzten Jahrzehnten wieder zugenommen, da u.a. „besiegt“ geglaubte klassische Krankheitserreger wieder zurückkehren und andere ihre Empfindlichkeit gegenüber antibakteriellen Wirkstoffen (Antibiotika) durch biogen wie anthropogen induzierte Resistenzentwicklungen zunehmend verlieren (z.B. bei Tuberkulose).

Ein weltweit nicht sachgerechter und unkontrollierter Einsatz antibakterieller Wirkstoffe leistet hierbei einen wesentlichen Vorschub.

Zudem kamen und kommen neu entdeckte oder gar neuartige vermehrungsfähige, transmissible Agenzien inzwischen hinzu.

Die beiden medizinischen Säulen der klassischen „Seuchenbekämpfung“ - Antibiotika und Schutzimpfungen - konnten bis heute die großen Seuchen der Vergangenheit tatsächlich - bis auf wenige bekannte Ausnahmen – nicht oder nur unzureichend „besiegen“.[29]

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten stets ihre geographische Verbreitung, Pathogenität und Virulenz bzw. die Art und den Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Mechanismen der Erreger-Evolution (allen voran molekulargenetische Mechanismen) und der immanente Selektionsdruck bestimmen, insbesondere bei Viren, das Auftreten, die Verbreitung und die epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung der Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

In den Jahren 1831/1832 wütete erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Mitteleuropa.

Für einige Jahre veränderte die Cholera vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen der Zeitepoche des 19. Jahrhunderts.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen.

Beispielsweise wurde im Jahr 1905 in amtlicher Ausgabe eine „Anweisung zur Bekämpfung der Cholera“ in Berlin herausgegeben (Verlag Julius Springer), die auf Vorschlag des Kaiserlichen Gesundheitsamtes und des Reichs-Gesundheitsrates in der Sitzung des Bundesrates vom 28. Januar 1904 festgestellt worden war.

Seuchenhafte Infektionskrankheiten breiteten sich entlang von Handels- und Verkehrswegen oder durch Krieg aus.

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen - Seuchenfurcht, Ängste, resignierende Sichtweisen - begleiteten stets die Seuchenzüge auch der Neuzeit.

So kam es beispielsweise dazu, dass Erkrankte ausgegrenzt wurden, sich die Trunksucht (Alkoholismus) und Selbstisolierung ausbreitete oder besondere religiöse Inbrunst zum Tragen kam.

Während Phase des Aufbruchs zur Industrialisierung (1735-1835) und der der ersten Industrialisierung mit der Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen entstanden Brennpunkte massenhafter sozialer Not („Proletarisierung“) und gesundheitlicher Gefahren.

  • Systemmängel in der Abwasser- und Fäkalienbeseitigung (fehlende Abwasserbeseitigung/Kanalisation),
  • mangelnde stabile und zentrale Frischwasser-Versorgung und deren Kontrolle,
  • Wohnungsnot,
  • Kinder- und Frauenarbeit,
  • niedriges Lohnniveau („Hungerlöhne“),
  • hohe Wochenarbeitszeit (> 90 Stunden/Woche) und Arbeitslosigkeit,
  • sozialer Abstieg und Verelendung,
  • Trunksucht (Alkoholismus),
  • Wandel tradierter Lebensgewohnheiten (industrielle Kleinfamilie, Bedürfnislosigkeit der Arbeiter),
  • Nahrungsmangel und Ernährungsdefizite,
  • unzureichende Kleidung,
  • Infektions- und Mangelkrankheiten (insbesondere bei Müttern und Kindern),
  • neue, schnellere Transportmittel für Personen und Güter

sind einige wesentliche Kennzeichen der sozialen und hygienischen Situation im Übergang Deutschlands von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

 

Eine Wirtschaftsepoche mit zunehmenden sozialen und gesundheitlichen Problemverdichtungen, insbesondere in urbanen Ballungsräumen, aber auch im ländlichen Raum.

Im frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich die romantische Naturphiolosophie, die auch Ärzte und Naturforscher maßgeblich beeinflusste.

Nicht wenige Ärzte waren vor allem von den psychischen Phänomenen des „Somnambulus“ fasziniert.

Volksmedizinisch kamen magische Heilmethoden zum Tragen und Naturmystiker traten auf den Plan.

Die Ursachen seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennen, Verhüten und Bekämpfen, sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen historischen Epoche verknüpft.

So war beispielsweise die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, lohnabhängige Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist somit auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

Wie einst bei den Pestepidemien so wurde im 19. Jahrhundert bei der aufrüttelnden, schmutzigen Cholera staatlich intervenierend versucht, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit entwickelten Prinzipien der Quarantäne, Isolierung, Desinfektion, Handelssperre und des „Cordons sanitaire“ anzuwenden.

Für die Obrigkeit war es wichtig, durch Bekanntmachungen, Reglements und Belehrungen über die gegen die Cholera anzuwendenden Schutz- und Verhaltensmaßregeln öffentlich zu informieren und auch zu sanktionieren.

Neben den Städten waren auch in den Dörfern unzulängliche Verhältnisse im sozial- und sanitärhygienischen Lebensumfeld als Voraussetzung für die epidemische Ausbreitung der Cholera weitgehend gemeinsam, wie vornehmlich mangelhafte Wasserversorgung und Trinkwasserqualität, fehlende Abwasserbeseitigung, Überbevölkerung und Wohnungsnot, Nahrungsmittelknappheit und das neuartige Phänomen des Pauperismus.

Die bei großen Seuchenzügen zu beobachtenden psycho-sozialen Reaktionsmechanismen waren vor allem gekennzeichnet von

  • Seuchenfurcht,
  • Ängsten,
  • resignierenden Sichtweisen,
  • Ausgrenzung von Erkrankten,
  • Massenflucht,
  • Selbstisolierung,
  • Aufruhr und Proteste,
  • Trunksucht,
  • religiöse Inbrunst
  • und nicht zuletzt von der Fokussierung auf „Aggressionsobjekte“ mit Mord und Totschlag.

 

Trotz Erfolge der Seuchenhygiene sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts, waren die historisch alten „Volksseuchen“, genau genommen, nie gänzlich verschwunden.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Aus dem Kampf gegen Seuchen, entwickelte sich letztlich die „Vorsorgemedizin“.[30]

 

Schwere kindliche Infektionskrankheiten

Von übertragbaren Krankheiten waren vormals wie heute hauptsächlich anfällige, unterernährte und biologisch am wenigsten gerüstete Personen besonders häufig und klinisch schwer betroffen, wie immuninkompetente alte Menschen und vor allem Säuglinge und (Klein-)Kinder.

 

„Scheuerchen“

Bei den durch Kirchenbucheinträge[31] dokumentierten Todesfällen in den Dörfern Heinade, Merxhausen und Hellental wurde häufig die Todesursache „Scheuerchen“ angegeben.

Das verwundert medizinhistorisch insofern nicht, als im 18. und 19. Jahrhundert „Scheuerchen“ die häufigste Todesursache bei Kindern vornehmlich in den ersten Lebenswochen und Lebensmonate darstellten. Aber auch bei Kleinkindern bis etwa zum 4. Lebensjahr waren „Scheuerchen“ noch recht häufig anzutreffen.[32]

 

„Friesel“

Auch findet sich in den Kirchenbucheinträgen[33] zur Todesursache oftmals der Vermerk „Frieseln“.[34]

Der „Friesel” - auch als „echter Schweiß- oder Schwitzfriesel” bezeichnet - trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Hautausschlag bzw. lokale Hautentzündung auf, mit und ohne Fieber, meist aber in Begleitung einer anderen Krankheit. Die Beteiligung innerer Organe (u.a. Herz) wurde beschrieben, wie auch plötzliche Todesfälle infolge der „Friesel”.

Das ehemals erkrankungsschwere Frieselfieber, möglicherweise auch als Masernerkrankung zu deuten, grassierte in jener Zeit auf dem Lande recht häufig mit „Frieselepidemien”. Solche „Frieselausbrüche“ betrafen nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und junge Erwachsene.[35]

 

„Keichhusten”

Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer regionalen Häufung von durch Tröpfchen übertragenem „Keichhusten” (Stickhusten, Keuchhusten, Pertussis) unter den Kindern, von denen viele an Auszehrung verstarben.

 

Die „pandemisch-contagiöse Cholera“ des Jahres 1850

Die Dramatik der schweren, demografisch einschneidenden Pockenepidemien hinter sich lassend, wurde das Seuchengeschehen des 19. Jahrhunderts maßgeblich von der progressiven Verbreitung der „Cholera asiatica“ (Cholera Morbus) geprägt - der „Seuche der Armen”.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war es noch unbekannt und heftig umstritten, wodurch die Cholera ursächlich ausgelöst wurde und auf welchen Wegen sie sich weiterverbreitete.[36]

Die Cholera[37] verdeutlicht als Infektionskrankheit anschaulich den kausalen Zusammenhang und die komplexe Interaktion von Umwelt und Infektionskrankheiten.

Sie wurde bald zur dominierenden Krankheit der damaligen Seuchenlehre sowie im Diskurs über die öffentliche Gesundheitspflege. Zugleich erlangte sie auch eine besondere sozialgeschichtliche Bedeutung.[38]

Wie eine „große Peitsche“ trat während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in europäischen Ländern plötzlich eine bis dahin völlig unbekannte Seuche in heftigen Epidemiewellen mit unterschiedlich rascher regionaler Verbreitung auf.

Das raumzeitlich dynamische Geschehen der „Cholera-Krankheit“ der 1830er Jahre wurde in jener Zeit auf „modernen“ thematischen (medizingeografischen) Karten dargestellt.[39]

Als „asiatisches Ungeheuer“ bezeichnet, trat die klinisch schwer verlaufende Cholera ihren Weg nach Westen in vier Pandemien an.[40]

Erneut sich von Hinterindien entlang moderner Handels- bzw. Eisenbahnlinien ausbreitend, erreichte die dritte Cholera-Pandemie der Jahre 1840-1862[41] auch das Herzogtum Braunschweig, in dem sich für einige Jahre das politische, soziale und kulturelle Leben, aber auch das Rechtsgefüge und Medizinalwesen veränderte.[42]

Um 1849 wurde eine Kausalität zwischen dem gehäuften Auftreten der Cholera und der vorherrschenden Elektricität in der Atmosphäre diskutiert.[43]

Dem hingegen hatte 1831 Friedrich Wilhelm Anton Sertürner (1783-1841)[44] festgestellt, dass die Ursache der Cholera ein giftiges, belebtes, also sich selbst fortpflanzendes Wesen sei.[45]

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des Auftretens, verbunden mit hoher Letalität, Unkenntnis der Ätiologie und Übertragungswege, die körperlichen Verfallsprozesse und der enorme Gestank führten zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung der importierten Cholera.

Sozial- und sanitärhygienischen Mängel ausnutzend, forderte sie auch im Spätsommer und Herbst 1850 in zahlreichen Gemeinden des Kreises Holzminden ihr Opfer.[46]

Im Herzogtum Braunschweig bestand als Grundlage für seuchenbehördliche Entscheidungen die Auffassung, dass die Cholera hochkontagiös sei, mit Verweis auf die „in den benachbarten Staaten [Preußen] angeordneten kräftigen und zweckmäßigen Maßregeln“.

1831 wurde die Herzogliche Immediat-Commission zur Abwendung der Cholera eingesetzt die als als staatliche Sonderkommission über weitreichende Verwaltungs- und Vollzugsbefugnisse verfügte.

Den Polizeibehörden oblag es, die herzoglichen Seuchenreglements durchzusetzen, wofür auch vorgesehen war, unverzüglich Kreis- und Districts-Commissionen in örtlicher Zuständigkeit zu organisieren, an den Hauptzollämtern Contumazanstalten[47] „vorzurichten“ und ggf. „Nebenzoll-Aemter und Straßen auf der bedroheten Grenze“ – wie bei Merxhausen - zu schließen.

Zudem wurden alle Polizeibehörden und Grenzzollbeamte strikt angewiesen, Personen, Waaren und andere Gegenstände, welche von Gegenden kommen, wo notorisch die Cholera herrscht, oder kürzlich geherrscht hat, also namentlich aus Russland, Polen, Gallizien und den Häfen von Danzig und Riga, zurückzuweisen, wenn nicht durch gehörig documentirte Gesundheitsatteste der benachbarten Staaten dargethan ist, daß sie den Ansteckungsstoff nicht mit sich führen.[48]

Die Seuchenabwehrpolitik von Herzog Wilhelm orientierte sich an der von der Königlich Preußischen obern Medicinal-Behörde erprobt gefundene[n] Anweisung zur Erhaltung der Gesundheit und zur Verhütung der Ansteckung bei etwa eintretender Cholera-Epidemie. Die herzogliche Allgemeinverordnung vom 17. Juni 1831 enthielt eine Anweisung zur Erhaltung der Gesundheit und Verhütung der Ansteckung bei etwa eintretender Cholera-Epidemie. Allgemeine und spezielle Handlungsvorgaben zur staatlichen Gefahrenabwehr umsetzend, wurde noch am gleichen Tage die Verordnung über das bei der Annäherung der Cholera oder bei dem Ausbruche derselben in dem Herzogthume Braunschweig zu beobachtende Verfahren erlassen.[49]

Die Spezialverordnung enthielt umfassende sanitätspolizeiliche Anordnungen (Schutzmaßnahmen) für die epidemische Lage, daß die Cholera einem Orte innerhalb des Landes bis auf eine Entfernung von 10 Meilen sich nähert und des wirklich Statt gefundenen Ausbruchs der Cholera in einem Orte. Vorgeschrieben wurde, dass nach erfolgter Genesung die Krankgewesenen noch einer 20tägigen Contumaz[50] in einem öffentlichen Kontumazgebäude zu unterwerfen sind.

Im gleichen Jahr wurde auch für den Weserdistrikt eine interdisziplinär besetzte sanitätspolizeiliche Expertenkommission mit sieben namentlich berufenen Mitgliedern eingerichtet, die Herzogliche Districts-Commission zu Holzminden.[51]

Für Heinade, Merxhausen und Hellental war die ihr untergeordnete dreiköpfige Ortskommission Stadtoldendorf zuständig.[52]

Durch eine zweite Spezialverordnung wurden weitergehende Cholera-Abwehrmaßnahmen veranlasst, so auch die Anlage von Contumaz-Anstalten[53] an den Sperrungslinien.[54]

Solche Contumazanstalten wurden im Weserdistrikt am 31. August 1831 von der Distriktskommission in Holzminden vorgesehen, vertreten durch den Distriktsoberhauptmann B. v. Campe und den Kreisphysikus Dr. med. C. Reinbeck. Nach deren Vorsorgeplanung sollte auch ein Cholerahospital in Stadtoldendorf eingerichtet werden.[55]

Da die Besorgnis einer Choleraeinschleppung weiter zunahm, erließ Herzog Wilhelm am 16. September 1831 mit der "Verordnung, geschärfte polizeiliche Maßregeln wegen Abwendung der Cholera betreffend" deutlich härtere sanitätspolizeiliche, mit Geld- und Gefängnisstrafen bewehrte Maßnahmen hinsichtlich der Einreise in das von der Choleraepidemie bis dato verschont gebliebene Herzogtum und zum dortigen Aufenthalt.

Dabei wurde auch das übliche Wandern "einheimischer" und "fremder" Handwerksgesellen erheblich eingeschränkt.[56]

Vergleichbar mit dem preußischen Maßnahmenkatalog wurden im Land Braunschweig mit der "Verordnung, die Bestrafung der Vergehungen gegen die zur Abwendung der Cholera erlassenen Vorschriften betreffend" sanitätspolizeilich weiter verschärfend sogar "Strafen mit dem unbeschränkten Gebrauche der Waffen" und Strafmaße von bis zu 10 Jahren Freiheitsstrafe bis hin zur Todesstrafe angedroht.[57]

Am 20. September 1831 erließ Herzog Wilhelm eine "Authentische Declaration der Verordnung vom 9ten d. M., die geschärften polizeilichen Maßregeln wegen Abwendung der Cholera betreffend"[58]

Bei weiterer epidemischer Entspannung wurde mit der am 25. Oktober 1831 erlassenen "Verordnung, die Modifikationen verschiedener gesetzlicher Bestimmungen wegen Abwendung der Cholera betreffend" eine Reihe landesrechtlicher Bestimmungen an die neue epidemiologische Kenntnislage angepasst, gelockert oder gar völlig aufgehoben.[59]

Nach diesem warnenden, raumzeitlichen „Vorspiel“ breitete sich erneut eine Choleraepidemie vor allem entlang moderner Reise- und Handelslinien weiter westlich aus und erreichte auch das Landesinnere des Herzogtums Braunschweig.

Wie dem Braunschweigischen Magazin von 1849[60] zu entnehmen ist, wurde in der Stadt Braunschweig die Cholera erstmals am 10. September 1848 beobachtet und am 24. November als erloschen erklärt.

Ärztlich wurde aber befürchtet, dass die „Braunschweiger bald von einem zweiten Besuche derselben“ überrascht werden könnten.

Zwei Jahre später überzog die Cholera das gesamte Herzogtum Braunschweig, der landesweit 10.475 Personen erlagen.[61]

Von Juli bis September 1850 verbreitete sich die Cholera entlang des Leinetals und forderte u.a. in Einbeck, Moringen, Sievershausen und Uslar zahlreiche Todesopfer.[62].

Aufgrund der regionalen Choleraausbreitung hielt es der Stadt-Magistrat von Holzminden, vertreten durch den Bürgermeister Friedrich Bock und das Magistratsmitglied Ludwig Dülfer, für zweckmäßig, durch die amtliche Bekanntmachung vom 14. August 1850 die Stadtbewohner umfassend auf "Schutz- und Verhaltungsmaaßregeln" und auf "Regeln für den Fall, daß Jemand an der Cholera erkrankt" hinzuweisen.[63]

Der städtischen Deklaration wurde die Bekanntmachung des Herzoglichen Braunschweigisch-Lüneburgischen Ober-Sanitäts-Collegiums vom 15. Juli 1850 beigegeben.

Der Holzmindener Magistrat favorisierte mit seiner Bekanntmachung das "vorsichtige Verhalten" in der Allgemeinbevölkerung.

Fünf Tage später trat am nordöstlichen Sollingrand - in der Gemeinde Heinade - der erste Choleratodesfall im Kreis Holzminden auf, später auch in der Gemeinde Merxhausen.

Die Altersspanne der in Heinade und Merxhausen an der Cholera Verstorbenen reicht über alle Altersstufen hinweg, vom ersten bis zum 79. Lebensjahr.

Die lokalen Cholerainfektionen wurden vermutlich über die Messestadt Braunschweig vom benachbarten Dorf Mackensen über die bewachte Landesgrenze hinweg aus dem Königreich Hannover eingeschleppt.[64]

Als Ende August 1850 die importierte Cholera in den rund 39.400 Einwohner zählenden Kreis Holzminden gelangte, begegneten die Kreiseinwohner erstmals der tückischen Seuche.[65]

Sofort nach Beginn des Choleraausbruchs sah sich Wilhelm Pockels, erster Kreisdirektor der herzoglichen Kreisdirektion, veranlasst, am 20. August 1850 eine amtliche Bekanntmachung herauszugeben.[66]

Wie den Berichten der Kreisdirektion und dem Hauptbericht des Herzoglichen Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig zu entnehmen ist, verstarben an der Cholera vom 19. August bis zum 21. Dezember - mit erkrankungstypischem Maximum in den Spätsommermonaten September und Oktober - insgesamt 352 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts und mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Status.[67]

Legt man die durchschnittliche Letalitätsrate zugrunde, so dürften schätzungsweise bis zu 700 Kreiseinwohner von der Cholera infiziert und/oder an ihr erkrankt gewesen sein.

Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Alt-Kreises Holzminden waren von der „pandemisch-contagiösen Cholera“ heimgesucht worden.

Ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen verstarb binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen.[68]

Ein epidemiologisch relevanter Faktor für die Choleraausbrüche im Kreis Holzminden kann vornehmlich in der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse nach 1830 gesehen werden.

Hierbei sind die zwischen größeren Orten angelegten Fernverkehrsstraßen, wie beispielsweise die zu Beginn des Jahres 1832 in Betrieb genommene neue Chaussee über den Solling als maßgeblich in Betracht zu ziehen.

In den Jahren 1842-1845 war der Ausbau der als Allee mit Hainbuchen bepflanzten „Sollingstraße“ von Arholzen über Deensen nach Heinade und Merxhausen erfolgt.

Dem amtlich bestellten Physikus oblagen bei der Feststellung, Überwachung und Bewältigung der Cholera besondere hoheitliche Aufgaben.

Hierbei erfüllte der Physikus die wesentliche Aufgabe der Gerichtsmedizin, Verstorbene zu beschauen und bei unklaren Todesfällen die ärztliche Obduktion durchzuführen.

Während der Cholerazeit von 1850 war in Stadtoldendorf Dr. med. Friedrich Eduard Leitzen (1805-1890) als Physikus tätig.

Bei den lokalen Choleraausbrüchen hatten die Gemeinden sowohl für die Arzneimittel als auch für die ärztlichen Behandlungen[69] ihrer teils sozial bedürftigen Dorfbewohner aufzukommen.

Da das für einige der ärmeren Kommunen eine erhebliche Mehrbelastung ihres Gemeindehaushaltes bedeutete, beantragten einige von ihnen über die Kreisdirektion Holzminden beim Herzoglichen Staatsministerium zu Braunschweig eine Beihilfe.[70]

Obgleich die clusterartige Choleraepidemie in der hier betrachteten Region keine materiell erkennbaren Spuren hinterließ, so führte sie dennoch zu mittelbaren Auswirkungen auf die wasserwirtschaftliche und technisch-hygienische Gestaltung der zentralen öffentlichen Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung - noch heute wesentliche Aufgaben der kommunalen Daseinsfürsorge.[71]

 

Die schmutzige Cholera-Epidemie von 1850 in Heinade & Merxhausen

Als ein epidemischer Brennpunkt des 1850er Cholera-Seuchenzugs können die lokalepidemischen Auswirkungen in Heinade und Merxhausen am nördlichen Sollingrand angesehen werden.

Das weit abgelegene Bergdorf Hellental blieb hingegen von der gemeingefährlichen Seuche verschont.

Im August 1850 trat am nordöstlichen Sollinrand - in Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf.

Nach Angaben in der lokalhistorischen Literatur[72] sei Heinade von der Choleraepidemie besonders schwer betroffen gewesen.

Wie RAULS ausführte, sei „im Verzeichnis der Begrabenen“ 26mal als Todesursache „Cholera“ angegeben worden.

Die amtliche Registrierung weist für den Zeitraum vom 19. August bis zum 23. September 27 Cholera-Sterbefälle aus, im Neugeborenenalter bis zu 60 Jahren.

Die Mortalitätsrate war 5 % mithin eine der höchsten im Kreisgebiet.[73]

Der früheste für Heinade dokumentierte Cholerasterbefall datiert vom 19. August 1850.

Allein am 01. September starben in Heinade 4 Personen den Choleratod, eine maximale Häufung täglicher Todesfälle in einem nördlichen Sollingranddorf.

Der Choleraausbruch hielt in Heinade über 36 Tage bis zum 23. September 1850 an.

Auch das unmittelbar benachbarte Bauerndorf Merxhausen wurde von der Choleraepidemie heimgesucht.

Genealogisch konnten für Heinade und Merxhausen insgesamt 31 Cholerasterbefälle ermittelt werden[74], nach der amtlichen Statistik traten hingegen 34 Sterbefälle auf.

Vom Landchirurgen Ahrt aus Stadtoldendorf waren Choleraerkrankte in den Gemeinden Heinade und Linnenkamp behandelt worden, die jedoch das Honorar in Höhe von 7 Reichstalern und 20 Groschen nicht begleichen konnten.

Mit ihrem Beihilfeantrag vom 28. März 1851 erbat die Gemeinde Heinade beim Braunschweiger Staatsministerium eine Gesamtkostenerstattung in Höhe von 31 Reichstalern und 6 Groschen.

Drei Monate später, am 24. Juni 1851, wurde der Gemeinde eine staatlich anteilige Erstattung von 15 Reichstalern bewilligt.

 

Verschonung des abgelegenen Waldarbeiterdorfes Hellental

Wie die epidemiologische Interpretation der Kreisdirektionsberichte zeigt, traten räumlich und zeitlich differenziert kleinere wie größere Cholera-Cluster auf.

Einige geografisch weit abgelegene Dörfer, wie beispielsweise Hellenthal im Nordsolling oder Emmerborn, blieben hingegen von Todesfällen infolge der Cholera verschont.

Da die äußerst schlechten siedlungshygienischen und damit Seuchen begünstigenden Lebensbedingungen in Hellental im Wesentlichen denen der anderen Sollingdörfern entsprochen haben dürften, wäre es zweifelsohne im Falle einer Einschleppung des „Cholera-Bacillus“ auch innerhalb dieses Dorfes zu einem heftigen Cholera-Ausbruch mit zahlreichen Todesfällen gekommen.

Das weit abgelegene Waldarbeiterdorf Hellental blieb aber von der Choleraepidemie verschont.

Dort habe jeweils nur dann die Kapellenglocke als „Sterbeschauer“ geläutet, wenn in Heinade oder Merxhausen ein Dorfbewohner seiner Choleraerkrankung erlegen war.

Die tiefe Abgeschiedenheit als vorteilhafte geografische Barriere und die nur mangelhafte verkehrsräumliche Erschließung des Hellentals, aber auch die Berglage des Sollingdorfes mit stagnationsfreiem Quellwasser wirkten sich gegenüber einem Import der Cholera offenbar primärpräventiv für die ansonsten Not leidenden Dorfbewohner aus.

Aus tiefem religiösem Dank heraus, dass durch „göttliche Fügung“ die fürchterliche Choleraepidemie keine Todesopfer forderte, fasste die Hellentaler Gemeindevertretung den Beschluss, für „ewige Zeiten“ jährlich für die Errettung von der Cholera zu danken.

Ab 1851 wurde der erste Mittwoch im September als örtlicher Buß-, Bet- und Gedächtnistag bestimmt.

Der „Choleratag“ wurde danach jährlich etwa 100 Jahre lang (bis um 1949) würdigend mit einem größeren gemeinsamen Abendmahlgang in der Hellentaler Dorfkapelle begangen.[75]

Mehr als 60 Jahre nach der schweren Choleraepidemie versuchte Pastor Querfurth in einer eindrucksvoll gestalteten Erzählung die lokalen Umstände und Auswirkungen jener Choleratage des Sommers 1850 aus seiner Erinnerung heraus nachzuzeichnen.

Hierin kommen illustrierend u.a. auch interessante klinische wie epidemiologische Beschreibungen zum Tragen.[76]

"Es war im Hochsommer des Jahres 1850. Glühend brannte die Sonne von dem bleichfarbenen Himmel hernieder, einen Tag wie den andern, ohne Aufhören, ohne Unterbrechung. Den glutheißen Tagen folgten dumpfschwüle Nächte, und der Landmann, durch den unruhigen Schlummer nur wenig gestärkt, begab sich mit Seufzen wieder an die Arbeit des neuen Tages. Eine schwere, drückende Luft lag über den Tälern des Sollings. Wochenlang war kein Regen gefallen, und die Blätter an den Buchenbäumen, sonst um diese Jahreszeit, besondres in den höher gelegenen Waldungen, noch im frischen Grün prangend, färbten sich gelb, und das welke, abgefallene Laub bedeckte an manchen Stellen bereits den Waldboden wie im Spätherbst. Wiesen und Weiden verdorrten; das Vieh fand nur kärgliche Nahrung und kehrte des Abends hungrig in die Ställe zurück. Ja sogar die Quellen versiegten, und in den höher gelegenen Gebirgsdörfern entstand hie und da ein empfindlicher Wassermangel. Alt und jung sehnte sich nach Regen, nach Abkühlung.

Auch der Wanderer, der an einem dieser Tage die steinige Straße dahinzog, die von Gandersheim nach Holzminden durch den Solling führt, seufzte unter der Last der drückenden Hitze. Seines Handwerks ein Schuhmacher, hatte er bis vor kurzem in Braunschweig in Arbeit gestanden. Nun aber hatte er Sehnsucht nach seiner westfälischen Heimat ihn fortgetrieben aus der großen Stadt, und er malte sich schon im Geist seine zukünftige Werkstätte aus in dem trauten Heimatdörflein, wo er nach so langen Lehr- und Wanderjahren als ehrsamer Meister sich niederlassen wollte. Aber noch ein anderes war es, was ihn veranlasst hatte, plötzlich seine gute und lohnende Arbeit in Braunschweig niederzulegen und sich auf die Heimfahrt zu begeben. Ein unheimlicher Gast war nämlich in der Stadt eingezogen – die CHOLERA!

Bald in dieser, bald in jener Straße war die tückische Krankheit aufgetreten, hatte bereits unter allen Volksklassen, zumeist allerdings unter der arbeitenden Bevölkerung, ihre Opfer gefordert, und von Tag zu Tag mehrten sich die Todesfälle. Da verließen viele, die nicht in der Stadt ansässig waren, ihre Stellen, um so schnell als möglich dem Seuchenherd zu entfliehen und sich in Sicherheit zu bringen.

Unser Schustergesell’ war nicht so ängstlicher Natur; als er aber eines Tages das Gespenst sich auf den Schemel ihm gegenüber setzte und ihn mit verzerrten Mienen angrinste, als zwei seiner Nebengesellen und auch der Meister plötzlich erkrankten und in wenigen Stunden eines qualvollen Todes starben, da packte auch ihn das Entsetzen. Und so war denn in Wirklichkeit die Cholera die Ursache gewesen, daß er so urplötzlich die Stadt verlassen hatte und sich nun auf dem Wege zur Heimat befand.

Auf einem Steinhaufen am Weg ließ sich der Handwerksbursche erschöpft nieder. Sein Felleisen legte er neben sich, und mit einem rotgeblümten baumwollenen Taschentuche wischte er sich die dicken Schweißperlen von der Stirn. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen vor Durst. „Wasser, Wasser!“ seufzte er; aber der Bach, der sonst munter plätschernd an der Seite der Straße dahinfloß, war vertrocknet, und die weißen Kiesel, die darin lagen, glichen Totengebeinen. Sein Kopf schmerzte ihn zum Zerspringen; eine unendliche Mattigkeit, Schwindel und Übelkeit befiel ihn, während er dort auf dem Steinhaufen saß. Und plötzlich überkam es ihn mit lähmendem Entsetzen. Sollte er, vor der Seuche fliehend, dennoch den Todeskeim mit sich fortgetragen haben, so daß er hier an der Straße, fern von jeder menschlichen Hilfe, elend umkommen musste?

Das Haar sträubte sich ihm vor Schrecken, eine unsägliche Angst kam über ihn und legte sich wie ein Alp auf seine keuchende Brust. Mit einem dumpfen Wehelaut sank sein Haupt auf das Felleisen und eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.

Etwa eine Stunde später kam ein Bauer aus dem Dorfe Heinade mit seinem Fuhrwerk an der Stelle vorbei, wo der der wandernde Schuhmachergesell ohnmächtig auf dem Steinhaufen lag. Der Bauer hielt den Wagen an und trat zu dem Armen, dessen Züge von den heftigen Schmerzen verzerrt waren. „Hierher, Jan“ sagte er zu seinem Knechte, der bei den Pferden zurückgeblieben war, „faß an, der Mann ist krank. Wir wollen ihn auf den Wagen laden und mitnehmen.“ „O Herr,“ erwiderte der Knecht, „Tut es nicht; wer weiß, ob der kranke nicht die „Böse Krankheit“ hat, und wie leicht könnte es sein, daß er die Seuche auch in unser Dorf brächte!“ Aber der Bauer antwortete: „Schäme dich, Jan. Was würdest du sagen, wenn du hier krank auf dem Steinhaufen lägest und niemand dir helfen wollte? Kennst du nicht mehr die Geschichte vom barmherzigen Samariter? Wir dürfen den Mann nicht hier liegen lassen – und was Gott über uns beschlossen hat, das kommt doch!“ Der Knecht machte keine weiteren Einwendungen; sie luden den kranken Handwerksburschen auf den Wagen, legten ihn behutsam auf eine Strohschütte und fuhren mit ihm langsam dem Dorfe zu. Auf dem Hofe angekommen, wollten sie ihn ins Haus tragen; da aber fanden sie, daß er bereits gestorben war. Noch an demselben Abend kam der Gerichtsarzt aus Stadtoldendorf, und die Untersuchung ergab, daß der Handwerksbursche tatsächlich an der Cholera gestorben war.

Das war der erste Cholerafall im Solling im Jahre 1850! Leider blieb es nicht der einzige. Schon nach wenigen Tagen hörte man bald hier, bald dort von Erkrankungen, von denen nur zu viele mit dem Tode endigten. In der ganzen Gegend forderte die Cholera ihre Opfer; sie verschonte kein Alter, kein Geschlecht. Es war schwer zu sagen, ob die Seuche wirklich durch den wandernden Handwerksburschen eingeschleppt worden war; das sprunghafte Auftreten der Krankheit bald in diesem, bald in jenem Orte schien diese Annahme zu widerlegen. Aber grauenhaft war die Ernte, die der Tod damals in den Sollingdörfern hielt.

In Heinade, einem Dorfe von damals kaum 400 Einwohnern, starben in der schlimmsten Zeit täglich etwa 5 Personen; in Wangelnstedt erwies sich der Friedhof als zu klein, um die vielen Leichen aufzunehmen, und es mußte eingerichtet werden, der heute noch im Volksmunde den Namen ”Cholerakirchhof” führt. Nicht besser war es in Merxhausen, in Mackensen, in Sievershausen und den anderen in dieser Gegend liegenden Dörfern.

Jeden Tag tönten die Totenglocken über die Höhen des Gebirges - ein eindringliches memento mori den Überlebenden. Oft genug geschah es, daß derjenige, der soeben einem Freunde, Verwandten oder Nachbarn das letzte Geleit gegeben hatte, noch an demselben Tage sich niederlegte, um nicht wieder aufzustehen. Ärzte, Schreiner und Totengräber hatten eilige Zeit. Damals zeigte es sich auch, dass Not beten lehrt. Wohl sind die Sollingbewohner von jeher gut kirchlich gewesen; aber so besucht wie in dieser bösen Zeit waren die Gotteshäuser doch nur selten. Wusste doch niemand, ob es nicht der letzte Gottesdienst war, den er mit der Gemeinde feiern konnte!

Nur ein einziges Dorf blieb von der Seuche verschont, obgleich im meilenweiten Umkreise der Tod überall überreiche Ernte hielt; das war das kleine Hellental. Wie eine Fügung Gottes war es anzusehen, dass auch kein einziger Bewohner dieses Dorfes an der Cholera erkrankte. Es erfüllte sich, wie es im Psalmwort heißt: ”Ob Tausend fallen zu deiner Seite und Zehntausend zu deiner Rechten, so soll es doch dich nicht treffen.”

Und als nun endlich der Würgeengel ermüdete, als mit dem Eintritt der kühleren Jahreszeit die Seuche allmählich nachließ und endlich ganz aufhörte, da konnten die Einwohner von Hellental rühmen und preisen: ”Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich!” Und dankbaren Herzens beschlossen sie, für ewige Zeiten jährlich einen Tag Gott zu geloben, um ihm zu danken für diese Errettung aus der großen Gefahr und Not.

Und so wurde denn der  e r s t e  M i t t w o c h  i m  S e p t e m b e r  für alle Zeiten dazu bestimmt, für Hellental ein Buß-, Bet- und Gedächtnistag zu sein, um noch bei den späten Nachkommen die Erinnerung an die Cholerazeit des Jahres 1850 wach zu erhalten. Einstimmig wurde solches von der Gemeindevertretung gelobt, und die kirchliche Oberbehörde in Wolfenbüttel gab gern und freudig dazu ihre Zustimmung.

Im Jahre 1851 wurde dieser „Choleratag“, wie er von der Zeit an genannt wurde, zum ersten Male gefeiert. Als die Glocken zum Gotteshause riefen, füllte sich dieses bald bis auf den letzten Platz; aber ebenso viele Menschen, wie drinnen waren, standen noch vor den Türen.

Um aber alle, die gekommen waren, an dem Gottesdienst teilnehmen zu lassen, begab sich die ganze Gemeinde auf den Kirchhof, und hier unter Gottes freiem Himmel, angesichts der bewaldeten Bergkuppen, wurde nun von dem damaligen Pastor Brauns aus Deensen die Predigt gehalten, an die sich, ebenfalls unter freiem Himmel an einem schnell aufgebauten Altar die Feier des heiligen Abendmahls anschloß. Es war eine ergreifende Feier, dergleichen in der ganzen Umgegend niemals gesehen worden war, und noch heute [Anm.: um 1913] reden die ältesten Leute aus Hellental, die damals an ihr teilgenommen haben, von dem gewaltigen Eindruck, den dieser eigenartige Gottesdienst auf sie machte.

So ist es in Hellental geblieben bis auf den heutigen Tag [Anm.: 1913]; noch alljährlich am ersten Mittwoch im September wird dort der Choleratag gefeiert. Der Fremde, der durch den Solling wandert, ist erstaunt, wenn er unversehens ins Dorf kommt und ihm mitten in der Woche an einem Werktage sonntäglich gekleidete Leute begegnen und die Glocken des Kirchleins zur Andacht rufen. „Wir feiern heute unseren Choleratag“, wird ihm dann wohl auf seine Frage erwidert; und erkundigt er sich weiter, so wird man ihm die Geschichte des Tages erzählen.

Zu bedauern ist, daß sich weder im Pfarrarchiv in Heinade, wo der zuständige Pfarrer von Hellental wohnt, noch in den Akten des Ortsvorstehers, noch sonst irgendwo eine Aufzeichnung über die Entstehung des Choleratages findet; das hindert aber nicht, daß er im Dorfe für den höchsten Festtag des Jahres gehalten wird.

Noch heute ist es Sitte, daß an  d e m  Tag eine große Abendmahlsfeier stattfindet, und wir wollen hoffen, daß dieser schöne Brauch sich auch in Zukunft erhalten möge, und daß die Feier dieses Tages auch noch den Nachkommen ein Beweis sein möge für den frommen Sinn der Vorfahren.

Heinrich Sohnrey beschrieb in seinem 1928 verfassten Solling-Werk „Tchiff, tchaff, toho!” ebenfalls eindrucksvoll „Die Cholera”, wobei auch er auf die Besonderheit des Hellentaler Sollingdorfes hinwies:

Ein außerordentlicher Fall war es gewiß, daß das Leineweber- und Holzhauerdorf Hellenthal, obgleich es nur eine halbe Stunde von Merxhausen entfernt ist, von der Cholera vollkommen verschont blieb, auch nicht einen einzigen Krankheitsfall dieser Art hatte. Die Hellenthaler glaubten, glauben auch heute noch fest, daß sie diese denkwürdige Verschonung nur dem fleißigen Branntweintrinken zu verdanken hätten. Sie wurden aber deswegen nicht übermütig und undankbar gegen Gott, sondern gelobten feierlich, fortan solle der erste Mittwoch im September Feiertag sein und ein Gottesdienst mit Abendmahl abgehalten werden. Was denn auch bis heute treu bewahrt wurde. Es gehen aber nur die Verheirateten zum Abendmahl. Als zum erstenmal der angelobte Cholerafeiertag gefeiert wurde, war ein solcher Andrang zum Abendmahle, daß die Feier nicht in der Kapelle, sondern auf dem Friedhofe stattfand. Man hat in Hellenthal auch einen Hagelfeiertag, wie im Solling überhaupt, aber der Choleratag steht den Hellenthalern höher."

 

Der 1850 angelobte „Choleratag“ von Hellental

Die tiefe geografische Abgeschiedenheit und die infrastrukturell nur mangelhafte Erschließung des Hellentals, vor allem seine schlechte Erreichbarkeit bei eingeschränkter Verkehrsanbindung, aber auch die Berglage mit steil abfließendem Quellwasser (ohne Stagnation) wirkten sich gegenüber der Cholera des Jahres 1850 offenbar infektionspräventiv für die ansonsten Not leitenden und damit eher immungeschwächt disponierten Dorfbewohner aus.[77]

Der verkehrstechnisch eher ungünstige Wirtschaftsstandort Hellental erwies sich in jenem Jahr der schweren Cholera-Epidemie als vorteilhafte geografische Barriere gegenüber einer bis hin letalen Infektionseinschleppung.

Diese geografische Isolierung führte zu einem infektionsepidemiologischen Sonderstatus gegenüber benachbarten, verkehrsräumlich besser erschlossenen Bauerndörfern am nördlichen Sollingrand.

Wie sich epidemiologisch zeigte, hatten Heinade und Merxhausen gegenüber der Cholera ein weitaus höheres Expositionsrisiko zu tragen.

Aus tiefem religiösem Dank heraus, dass durch „göttliche Fügung“ die „fürchterliche Würgerin” zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Hellental keine Todesopfer forderte, wurde von der Gemeindevertretung Hellental beschlossen, für „ewige Zeiten“ jährlich für die Errettung von der Cholera zu danken.

Ab 1851 wurde der erste Mittwoch im September als örtlicher Feiertag (Buß-, Bet- und Gedächtnistag)- der „Choleratag“ – bestimmt.

Er wurde dann jährlich durch einen gemeinsamen Abendmahlgang in der Hellentaler Dorfkapelle würdig begangen.

Noch bis um 1961 soll diese regional einmalige Hellentaler Tradition der großen dörflichen Feier des „Choleratages“ angehalten haben.[78]

Heute ist er bei der jüngeren Dorfbevölkerung aber längst in Vergessenheit geraten.

 

Jahrhunderte lang der Schwarze Tod“

Die „Pestilenz“ gilt als eine der ältesten bekannten Infektionskrankheiten.

Sie führte im 14. Jahrhundert zum „Großen Sterben“ in Europa, auch in der hiesigen Region.[79]

Allerdings ist für die hiesige Region im Hinblick auf die Bedeutung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pest-Epidemien, bislang keine wissenschaftliche Forschung erfolgt.

Der bedeutendste Einschitt durch „den schwarzen Tod“ lag im 14. Jahrhundert als es um 1348–1352 zu einer explosionsartigen Pest-Ausbreitung mit hoher Natalität und Mortalität über ganz Europa gekommen war.

Etwa sechs Jahrhunderte nach der frühmittelalterlichen „Justinianischen Pest“ kam es während des 14.-18. Jahrhunderts (1348-1722) in West- und Mitteleuropa wiederholt zu heftigen Pest-Epidemien.

Der letzte große Pest-Einbruch ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zwischen 1663–1668. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts hörten schließlich die Pest-Epidemien in Europa ganz auf.[80]

In den Jahren 1350, 1358 und 1364/1366 suchten Ausläufer der europäischen Pestwelle auch die Stadt Braunschweig heim.

Zwei große Pest-Epidemien gab es auch während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Während der Pestwelle von 1625/26 sollen etwa 30–40 % der Bevölkerung verstorben sein, während der des Jahres 1636 etwa 25%.[81]

1625 soll es in Stadtoldendorf durch Einquartierungen zu einer Seuche gekommen sein, der 50 Personen zum Opfer gefallen seien.[82]

In keinem der herangezogenen Kirchenbücher ist ab 1648 für Heinade und Merxhausen die Todesursachenangabe „Pest“ oder eine vergleichbare Diagnoseformulierung dokumentiert worden. [83]

Diese Beobachtung erscheint insofern epidemiologisch als plausibel, als sich die letzten drei bevölkerungsrelevanten Pest-Epidemien (1613, 1625/1626, 1636, 1641) bereits vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ereigneten.

In Folge der Pest-Epidemien wurden Länder entvölkert, setzten Wüstungsprozesse mit Veränderung der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur ein, wurden Familien auseinander gerissen, fielen Felder brach, trat ein Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln auf, stiegen Preise und vor allem Löhne an.

Es wurde dabei das gesamte soziale Ordnungsgefüge zerstört und kriegerische Ereignisse setzten ein.

Nicht zuletzt wurden durch die mittelalterlichen Pest-Wellen auch Massenmorde an Juden gerechtfertigt, die man sie als „Brunnenvergifter“ verunklimpfte und ermordete.

 

„Grassierende Pocken“ & die "Blattern"

Bei den Pocken handelt es sich um eine durch bestimmte Viren verursachte Infektionskrankheit.[84]

Vermutlich war es während des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer Virulenzsteigerung des Pockenvirus gekommen, wobei der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) eine epidemische Verbreitung der Pocken begünstigt haben könnte.

Während des 18. und 19. Jahrhunderts kam es zur Entwicklung und Durchsetzung der wirksamen „Blatternimpfung“ (Pocken-Vakzination).[85]

Das seuchenhistorisch hervorstechenste Merkmal der Pocken und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.[86] [87]

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit im Alter von 1-7 Jahren, woraus schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum resultierte Landesherrlich war entscheidend, dass somit für das Militärwesen allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar waren.

Eine weitere Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit nicht nur die öffentliche, sondern auch die Aufmerksamkeit der herrschenden Eliten auf sich zog.

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen, wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten Ende des 18. Jahrhunderts (1788/1789 und 1792/1793) in südniedersächsischen Städten auf.[88]

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher; insbesondere waren Kinder im Alter von 1-5 Jahren betroffen.

Auch traten zusätzlich Windpocken (Varizellen) auf.[89]

Für Heinade, Merxhausen und Hellental konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 dokumentierte „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.[90]

 

Tuberkulose „Nicht auf den Boden spucken!“

Als „Volksseuche“, „Weiße Pest“ und „Schwindsucht“ war die Tuberkulose[91] ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen des 19. und 20. Jahrhunderts - das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Armenkrankheit“ oder „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts.[92]

Regional unterschiedlich verteilt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die aerogen übertragbare Lungentuberkulose („Lungenschwindsucht“) eine der häufigsten Todesursachen im damaligen Deutschen Reich.[93]

Die durch eine bestimmte, trickreiche Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde durch ein geschwächtes Immunsystem, durch Unterernährung, Armut, mangelhafte, unhygienische Lebens- und Wohnbedingungen, Migration und medizinische Unterversorgung besonders begünstigt - also durch jene sozialen Faktoren, die ehemals auch in Heinade, Merxhausen und Hellental anzutreffen waren.

Es kann aus medizinhistorischen und infektionsepidemiologischen Gründen davon ausgegangen werden, dass im 18. und 19. Jahrhundert die Tuberkulose, insbesondere Lungentuberkulose, auch in den Dörfern Heinade, Merxhausen und Hellental weit und anhaltend verbreitet war.

Wie genealogische Daten belegen[94], zählte im 18. und 19. Jahrhundert insbesondere die „Lungenschwindsucht“ – also die Tuberkulose der Atmungsorgane – zu den häufigsten Infektionskrankheiten des einfachen dörflichen Lebens jener Zeit.

Viele Dorfbewohner von Heinade, Merxhausen und Hellental erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung und –bekämpfung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den Dorfkrügen des Sollings - in Heinade, Merxhausen und Hellental - darauf hingewiesen worden sein:

Nicht auf den Boden spucken!

 

Trichinose im Herzogtum Braunschweig

Auch im Herzogtum Braunschweig trat in der Neuzeit die schmerzhafte „Wurmerkrankung“ als parasitäre Infektionskrankheit[95] endemisch wie epidemisch auf.

Nach gesetzlicher Einführung der obligatorischen Trichinenschau bei Schlacht- und Jagdtieren hat die Trichinose nicht mehr die epidemische Bedeutung wie noch im 19. Jahrhundert.

Durch die amtliche Trichinenschau als Zweig der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen und in der Folgezeit weiterentwickelten Schlachtvieh- und Fleischbeschau verringerten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Neuerkrankungen.

 

„Trichinenschauzwang“ im Herzogtum Braunschweig[96]

In den 1860er-Jahren hatte die Trichinenkrankheit als Infektionskrankheit mit epidemischem Potential auch im Herzogtum Braunschweig eine hervorgehobene gesundheitliche Bedeutung, wobei der hohe Verbreitungsgrad vor allem beim Schweinefleisch eine entscheidende bevölkerungsmedizinische Rolle.

Schließlich wurde im Herzogtum Braunschweig zur allgemeinen Vorbeugung die Fleischbeschau mit Untersuchung auf Trichinella-Larven zunächst beim Schweinefleisch, später auch beim Wildschweinfleisch und bei hausgeschlachteten Hunden verpflichtend.

Gleichwohl eine Trichineninfektion beim Haus- und Wildschwein in der Regel nur als Einzeltiererkrankung auftritt, wurde es im Herzogtum Braunschweig als erforderlich erachtet, vorsorglich jedes geschlachtete Schwein amtlich sorgfältig auf Trichinella-Larven untersuchen zu lassen.

Da bekannt war, dass gut durchblutete Muskeln bevorzugt befallen werden und dort verkapselt vorkommende „Muskeltrichinen“ nur mit einem Mikroskop zu erkennen waren, wurde das Lichtmikroskop bei der amtlichen Trichinenschau als Untersuchungsinstrument eingeführt.

Nachdem zunächst durch Ortsstatut in einzelnen Städten und Ortschaften die lichtmikroskopische Untersuchung von Schweinefleisch eingeführt worden war, trat flächendeckend im gesamten Herzogtum Braunschweig das am 15. März 1866 von Herzog Wilhelm (1806–1884) erlassene Gesetz[97]betreffend den Schutz des Publikums gegen den Genuss trichinenhaltigen Schweinefleisches“ am 01. Oktober 1866 in Kraft[98].

Somit war auch in den Gemeinden Heinade, Merxhausen und Hellental des Kreises Holzminden jedes geschlachtete Hausschwein vor seiner Zerlegung am Schlachtort von einem Sachverständigen (Trichinenschauer) mit Hilfe eines Mikroskops auf Trichinenfreiheit zu untersuchen.[99]

Die Gemeinden Heinade, Merxhausen und Hellental waren verpflichtet, die zur Trichinenuntersuchung benötigten Mikroskope aus der Gemeindekasse zu finanzieren, wenn nicht über deren Beschaffung mit den bestellten Trichinenschauern ein anderes Übereinkommen getroffen worden war.

In den Gemeinden Heinade, Merxhausen und Hellental des herzoglichen Kreises Holzminden war mindestens am Vortag das Schlachten eines Hausschweins gegenüber dem örtlichen Trichinenschauer anzeigepflichtig.

Über die Untersuchung des als trichinenfrei befundenen Hausschweins war vom Trichinenschauer eine schriftliche Bescheinigung zu erteilen.

Fleischteile, welche der Trichinenuntersuchung zu unterwerfen waren, hatte der Trichinenschauer selbst zu entnehmen oder in seinem Beisein entnehmen zu lassen.

Erklärte der Trichinenschauer der Gemeinden Heinade, Merxhausen und Hellental ein Hausschwein als „trichinenhaltig“, so war er verpflichtet, die Polizeibehörde "sogleich in Kenntnis zu setzen".

Darüber hinaus war die sichere Aufbewahrung "des krank befundenen Schweines anzuordnen".

Die Polizeibehörde ihrerseits verfügte die Vernichtung und hinreichend tiefe Verscharrung aller Teile des Schweines und des Inhalts der Eingeweide.

War dem hingegen orgesehen, durch das Auskochen des Fleisches auf gefahrlose Weise Fett zu gewinnen, so war "dasselbe von der Polizeibehörde zuzulassen und unter deren Kontrolle sowie mit Befolgung der Anordnungen auszuführen, welche wegen der ausgekochten Masse von der Polizeibehörde getroffen werden“.

Gleiches galt auch für jene Gewerbetreibende, die in den Gemeinden Heinade, Merxhausen und Hellental vom Ausland bezogenes Schweinegut in den Verkehr brachten.

Die Landesverordnung vom 18. März 1866 zur Ausführung des herzoglichen „Verbraucherschutzgesetzes“ regelte dann detailliert verwaltungsrechtliche wie untersuchungstechnische Belange zum Schutz des Menschen vor trichinenhaltigem Schweinefleisch.  

"Damit die Ermittelung der Befähigung zur Trichinenuntersuchung in der raschesten und am wenigsten kostspieligen Weise geschehen könne, hat Herzogliches Obersanitätskollegium in den verschiedenen Kreisen des Landes eine genügende Anzahl geeigneter Ärzte mit dem Prüfungsverfahren zu beauftragen, dieselben amtlich auf eine ihnen zu erteilende spezielle Instruktion zu verpflichten und deren Namen in den Braunschweigischen Anzeigen bekannt zu machen."

In der Stadt Braunschweig war vom Obersanitätskollegium ein überregionales Depot für die bei der Trichinenuntersuchung anzuwendenden Mikroskope anzulegen.

Dadurch konnten Gemeindebehörden von Heinade, Merxhausen und Hellental durch Vermittlung der herzoglichen Kreisdirektion in Braunschweig bei der Herzoglichen Polizeidirektion den lokal nötigen Bedarf beziehen.

Einen weiterentwickelten Qualitätsstandard zur Untersuchung und gesundheitspolizeilichen Behandlung von Fleisch für den menschlichen Verzehr formulierte am 10. Mai 1905 die Bekanntmachung des Herzoglichen Staatsministeriums, betreffend die Trichinenschau, als Ausführungsbestimmung zum Gesetz,"betr. die Trichinenschau", vom 01. Mai 1905 Nr. 26.[100]

Mit den herzoglichen Verordnungen vom 06. Juni 1877 und 12. Februar 1878 wurden einzelne Vorschriften der ursprünglichen Verordnung aus dem Jahre 1866 modifiziert.

Am 04. Juni 1893 wurde das Gesetz Nr. 31, "betreffend den Schutz des Publikums gegen den Genuss trichinenhaltigen Wildschweinefleisches", erlassen, mit der Anordnung der mikroskopischen Untersuchung des Fleisches erlegter Wildschweine.

Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Deutschen Reich zwar die Anzahl trichinöser Schweine gegenüber früheren Jahren erheblich zurückgegangen war, sie aber immer noch eine bevölkerungsmedizinisch relevante Größenordnung erreichte, traten mit dem Reichsgesetz vom 03. Juni 1900 und den hierzu ergangenen Ausführungsbestimmungen, betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau (Reichsfleischgesetz), auch rahmengesetzliche Neuregelungen zur amtlichen Trichinenschau in Kraft.

Regelungen der Ausbildung, Prüfung und Bestellung von Trichinenschauern waren nach dem Reichsfleischgesetz den jeweiligen Landesregierungen vorbehalten, ebenso solche zur Durchführung der Trichinenschau.[101]

Im Land Braunschweig löste Albrecht (1837–1906), Prinz von Preußen und Regent des Herzogtums Braunschweig, die bisherigen Bestimmungen ab, indem er im Kontext des Reichsfleischgesetzes das Landesgesetz, betreffend die Trichinenschau, vom 01. Mai 1905 Nr. 26 in Verbindung mit der entsprechenden Bekanntmachung des Herzoglichen Staatsministeriums vom 10. Mai 1905 erließ.

Hiermit wurde die Trichinenschau in Anlehnung an die allgemeine Fleischbeschau im Herzogtum Braunschweig neu geregelt und zugleich auch der „Trichinenschauzwang“ bei hausgeschlachteten, aber nicht fleischbeschaupflichtigen Hunden eingeführt.[102]

Somit waren im Herzogtum Braunschweig alle Haus- und Wildschweine, "deren Fleisch zum Genusse für Menschen verwendet werden soll", auf Trichinen hin zu untersuchen.[i]

Praxisorientiert wurde im Herzogtum Braunschweig vom Landesmedizinalkollegium für die Trichinenschauer eine besondere Anleitung erlassen.

 

Schuhmacher & Trichinenschauer in Merxhausen: Wilhelm Schattenberg (1873–1956)

Der Schuhmacher Heinrich Wilhelm Eduard Schattenberg (1873–1956) aus Merxhausen war nebenberuflich im Schaubezirk Merxhausen als Fleischbeschauer und Trichinenschauer eingesetzt.[103]

Um 1900 nebenberuflich als amtlicher Fleischbeschauer und Trichinenschauer im Schaubezirk Merxhausen tätig, weisen dessen Fleischbeschauerunterlagen 1903–1946 - neun „Tagebücher für Beschauer“ – einen Tuberkulose-Nachweis als die häufigste Beanstandung aus; jedoch keinen Trichinennachweis. Befundabhängig wurden beanstandete Schlachttiere entweder verbrannt oder vergraben.

In der Regel auf Gemeindeebene waren von der Landespolizeibehörde für die Untersuchungen nach Anhörung der Gemeindebehörde[104] Trichinenschaubezirke zu bilden.[105]

So bestanden Trichinenschauerstellen auch in den Schaubezirken Heinade, Merxhausen und Hellental.

Als nicht tierärztlich approbierte „Laien-Trichinenschauer“ wurden sie von der Landespolizeibehörde beaufsichtigt und unterstanden der dauernden Kontrolle und dreijährigen Nachprüfung durch den herzoglichen Kreistierarzt.

Wilhelm Schattenberg im Schaubezirk Merxhausen wurde in den Jahren um 1900 vom Kreistierarzt Dr. Fischer beaufsichtigt.

Die amtliche Trichinenschau sollte in der Regel nicht später als sechs Stunden nach der ordnungsgemäßen Anmeldung erfolgen.

Wenn ein Laien-Trichinenschauer - wie Wilhelm Schattenberg - hierbei trichinöses Fleisch feststellte oder vermutete, so war er zwar verpflichtet, sich für unzuständig zu erklären, da nur dem approbierten tierärztlichen Fleischbeschauer die wirkliche Entscheidung darüber zustand, gleichwohl hatte er aber das Schlachttier vorläufig zu beschlagnahmen, zu kennzeichnen und der Ortspolizeibehörde Anzeige zu erstatten.

Nach erfolgter amtlicher Trichinenschau mit trichinenfreiem Untersuchungsbefund war vom Trichinenschauer Wilhelm Schattenberg das Fleisch für genusstauglich zu erklären und mit einem rechteckigen Farb- oder Brandstempel (Aufschrift: „Trichinenfrei“, Schaubezirksname) zu kennzeichnen.

Andernfalls galt das Fleisch "als untauglich zum Genusse für Menschen", erhielt den „Fleischbeschau-Untauglichkeitsstempel“ und war der Behandlung nach dem Reichsfleischgesetz zu unterziehen.

Da die Trichinenschau eine öffentliche Aufgabe war, fielen die durch sie entstandenen Kosten jeweils den Gemeinden zur Last.

Zur Kostendeckung konnten von den Gemeinden Beschaugebühren erhoben werden, deren Festsetzung sich nach den von der Kreisdirektion oder von der betreffenden Gemeinde im Ortsstatut erlassenen Gebührentarifen richtete.[106]

Wilhelm Schattenberg war als bestellter Trichinenschauer verpflichtet, die Ergebnisse seiner Trichinenuntersuchung in einem zu führenden „Tagebuch“ nach einem verordneten Muster zu dokumentieren.

Wie aus den von Wilhelm Schattenberg 1903 bis 1912 geführten „Tagebüchern für Beschauer“ hervorgeht, führte er während dieses Zeitraumes im Schaubezirk Merxhausen jahresdurchschnittlich bei 188 Schlachttieren die Fleischbeschau und damit auch die Trichinenschau durch.

In den erhalten gebliebenen Beschauer-Tagebüchern (1903-1946) finden sich keine Beanstandungen wegen eines Trichinen-Nachweises.

Zur Ausführung einer amtlichen Trichinenuntersuchung waren verschiedene Geräte und Hilfsinstrumente vorgeschrieben, die allesamt, einschließlich der Drucksachen und Farbstempel, von der Gemeinde zu beschaffen und zu finanzieren waren.

Auch für Wilhelm Schattenberg waren obligatorisch ein vom herzoglichen Kreistierarzt geprüftes und für geeignet befundenes Lichtmikroskop, das eine 30- bis 40-fache sowie eine etwa 100-fache Vergrößerung ermöglichte, des Weiteren als Objektträger zwei „Kompressorien“ aus zwei durch Schrauben gegeneinander zusammendrückbaren Glasplatten, eingeteilt in 24 gleiche Felder, sowie eine „kleine krumme Schere“ zum Anfertigen der Schaupräparate, zwei Präpariernadeln, eine Pinzette und ein Messer zum Ausschneiden der Fleischproben.

Darüber hinaus sollten nummerierte kleine Blechbüchsen zur Probenaufnahme, eine Tropfpipette und je ein Gläschen mit Essigsäure und Kalilauge zur Verfügung stehen.

Vom Trichinenschauer Wilhelm Schattenberg waren persönlich bei dem Schlachttier (Schwein) bohnen- bis walnussgroße Fleischproben aus vier verschiedenen Körperstellen[107] zu entnehmen.

Zur mikroskopischen Untersuchung waren aus diesen Probestücken jeweils sechs haferkorngroße Stückchen vorzubereiten, um gleichmäßige Quetschpräparate mittels Kompressorien anzufertigen.

Hiernach war jedes Präparat langsam und sorgfältig durchzumustern und die Untersuchungsergebnisse der Fleischproben zu dokumentieren.

Das um 1903 vom Fleischbeschauer und Trichinenschauer Wilhelm Schattenberg verwendete „Reise-Trichinen-Mikroskop“[108] weist auf der Innenseite des mit blauer Stempelfarbe befleckten oberen Kastendeckels Inschriften auf, aus denen hervorgeht, dass das Mikroskop von H. Schulze in Stadtoldendorf bezogen und am 05. November 1899 vom herzoglichen Kreistierarzt Dr. Fischer für „gut“ befunden und damit zugelassen wurde.

 

Geburt & Kindheit in der frühen Neuzeit – Harter Überlebenskampf für Mutter & Kind

Nicht nur aus physiologischen Gründen war die Geburt vornehmlich eine Angelegenheit von Frauen.

Der Gebärenden standen meistens eine Hebamme und/oder Frauen der Nachbarschaft beiseite.

Erst im 18. Jahrhundert wurde es allmählich üblich, auch einen Arzt zur Geburt hinzuziehen (Arzt und Geburtrshelfer).

In der frühen Neuzeit führten Frauen bei der Geburt ihrer Kinder einen „harten Überlebenskampf“, da die Überlebenschancen von Mutter und Kind in jener Zeit relativ gering waren.

Sowohl bei der Geburt als auch im Kindbett war der frühe Tod den Frauen allgegenwärtig, ebenso den Neugeborenen.

So erwartete eine Familie nicht nur das Kind, sondern zugleich auch eine Todesgefahr für Mutter und Kind.

Es galt für Neugeborene die Lebensgefahren der ersten nachgeburtlichen Zeit (Tage, Monate) gesundheitlich unbeschadet zu überstehen.

Auf dieses oftmals schwere, auch schicksalhafte Leben von Hellentaler Dorfbewohnern im 19. Jahrhundert soll hier auf das besonders beeindruckende Beispiel der alten Hellentaler Brinksitzer-Familie Engelbrecht näher eingegangen werden, deren Nachkommen noch heute in Hellental am alten Dorfteich wohnen.

Noch heute trägt der Holzquerbalken der alten Toreinfahrt des Wohnhauses Am Teiche 9 (Ass.-№ 31; heute im Besitz der Familie Gobrecht) die Inschrift: Carl Engelbrecht.u. Louise gbr Meier. den 27sten November 1847

Es handelt sich hierbei um das Wohnhaus des am 15. Februar 1815 in Hellental geborenen Brinksitzers Carl Friedrich Ludwig Daniel Engelbrecht. Carl Engelbrecht heiratete 24jährig im April 1839 in Hellental die 22jährige Sophie Catharine Luise Meier.

Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, wobei das erste Kind 1838 vorehelich geboren wurde.

Das letztgeborene Kind verstarb 1851 knapp sechs Monate nach seiner Geburt an „Auszehrung“.

Zuvor war im Dezember 1850, nur wenige Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes, Luise Engelbrecht an „Kehlschwindsucht“ im Alter von 33 Jahren verstorben.

Carl Engelbrecht heiratete 36jährig kurz darauf in zweiter Ehe im Mai 1851 Johanne Wilhelmine Luise Kuhlmann, die 26-jährige Tochter eines Schuhmachers aus Negenborn.

Aus der zweiten Ehe gingen drei Töchter hervor.

Die erste Tochter verstarb zwei Wochen nach ihrer Geburt 1852 an „Scheuerchen“, die dritte Tochter 1872 im Alter von vier Jahren an „Rachenbräune“ (Diphtherie).

Trotz dieser heute kaum noch vorstellbaren Problematik war die Geburt eines lebenden Kindes letztlich doch meist ein besonderes, ein großes Ereignis für die gesamte Familie.

Auch die Pflege von Säuglingen wie das Erziehen der Kleinkinder fiel traditionell in den Aufgabenbereich der Mutter.

Gleichwohl gibt es historische Belege dafür, dass zudem auch Väter eine nähere Bindung zu ihren Kindern hatten und sich auch zum Wohle ihrer Kinder engagierten.

Die in Kirchenbüchern verzeichnete Anzahl von Kindern pro Hellentaler Familie belief sich im Zeitraum von 1717-1903 von einem Kind bis zu maximal 13 Kindern mit einer relativen statistischen Häufung um etwa 4-8 Kinder.[109]

Im gleichen geschichtlichen Zeitraum verstarb eine Vielzahl von Kindern bereits wenige Wochen oder Monate nach der Geburt oder noch im Klein– bzw. Schulkindesalter.

Die Mortalitätsrate[110] von Säuglingen war in der frühen Neuzeit regional enorm hoch, ebenso die von Kleinkindern.

Nur etwa 50-60 % der Lebendgeborenen erreichten das zeugungsfähige bzw. Erwachsenenalter.

 

Das Hellentaler Armenhaus mit „Karenz-Zimmer“

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Hellental zu den ärmsten Dörfern des Herzogtums Braunschweig.

Neben dem Schul-, Spritzen- und Gemeindebackhaus war das so genannte Armenhaus und spätere Gemeindehaus eines der wenigen Gebäude im Eigentum der ehemals selbständigen Gemeinde Hellental.[111]

Da für die ordnungsgemäße Beschulung der zahlreichen Hellentaler Kinder das Schulhaus Ende des 19. Jahrhunderts nicht ausreichte, wurde das später als „Gemeindehaus“ geführte kommunale Gebäude auch als Dorfschule mitgenutzt.

Wie im Dorf erzählt wurde, habe sich im ersten Geschoss des Gemeindehauses ein volkstümlich „Karenz-Zimmer“ genannter Wohnraum befunden, in dem Dorfbewohner mit schwerwiegenden Infektionskrankheiten zur Absonderung (Quarantäne) einquartiert worden seien.

Im Jahr 1962/1963 sei das Gemeindehaus unter dem Bürgermeister Meyer durch die Gemeinde Hellental an eine Privatperson außerhalb von Hellental verkauft worden, wobei mit Hilfe des erzielten Verkaufserlöses die heutige Friedhofkapelle am südwestlichen Ortsausgang in dörflicher Eigenleistung errichtet worden sei.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] WEBER 2006a, S. 73-83.

[2] Seuchen sind besondere Ausbrüche von Infektionskrankheiten mit plötzlichem und massenhaftem Auftreten von lebensbedrohlichen übertrabaren Erkrankungen mit Hunderten oder Tausenden von Toten (Epidemien, Pandemien, „Volksseuchen“).

Medizinhistorische Literatur bei NLGA 2012; RUFFIE/SOURNIA 2000; LEVEN 1997; WINKLE 1997; WILDEROTTER 1995; VASOLD 1991.

[3] Eine umfassende, in sich geschlossene wissenschaftliche Darstellung des Gesundheitswesens im ehemaligen braunschweigischen Weserdistrikt wurde bislang nicht erarbeitet. Somit kann nur fragmentarisch auf überregionale und wenige lokale medizinhistorische Betrachtungen zurückgegriffen werden.

[4] Gab es zunächst im Mittelalter bis in die heutige Zeit hineinreichend die „Intervention“ als allgemeine Gesundheitsmaßnahme bei vorbestehendem Krankheitsgeschehen, so tritt heute zunehmend die „Prävention“ in den Vordergrund moderner sozial- und gesundheitspolitischer Bemühungen.

[5] WEBER 2007, S. 163-190.

[6] Noch bis um 1800 galten sie als Chirurgen („Wundärzte“).

[7] Bei jenen Faktoren, die den Gesundheitszustand einer Bevölkerung bestimmen, handelt es sich um eine Vielzahl demografischer, sozio-ökonomischer, struktureller, individueller wie medizinischer Größen. Diese moderne Erkenntnis dürfte auch auf die gesundheitliche Situation hiesiger Dorfbewohner des 17.-20. Jahrhunderts übertragbar sein.

[8] individueller und systembedingter Variablen.

[9] Ergebnisse zahlreicher Studien belegen, dass Personen mit niedrigem Einkommen, niedriger schulischer Ausbildung oder niedriger Stellung im Beruf (niedriger sozial-ökonomischer Status) ungünstigere Gesundheitschancen aufweisen.

[10] JARCK/SCHILDT 2000; RAULS 1983, S. 150.

[11] Hierzu ist kritisch anzuführen, dass die Zusammenschau angegebener Bezeichnungen zu vermeintlichen Symptomen, Todesursachen oder Todesumständen, aber auch alte Krankheits- oder Verletzungsbezeichnungen ergibt, die nur eingeschränkt, wenn überhaupt, heutigen modernen medizinischen Diagnosen zugeordnet werden können. Wie medizingeschichtlich bekannt ist, können manche nosologische Quellenbegriffe einerseits zwar als mögliche Symptome (klinische Krankheitszeichen) gelten, andererseits nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung aber nicht mehr eindeutig modernen Krankheitsdefinitionen resp. medizinisch-systematischen Diagnosen zugeordnet werden.  Empirisch tätigen Ärzten war einst die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) völlig fremd gewesen. Dies sollte sich erst beginnend mit der Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 allmählich ändern.

Nach RUFFIE/SOURNIA (2000, S. 186) ist ohnehin jede (rationale) Klassifikation von Krankheiten zwangsläufig eine erkenntnistheoretische Vereinfachung, letztlich mit der Konsequenz, dass es keine Krankheiten, sondern nur Kranke gibt.

[12] Auskünfte zu kongenitalen (angeborenen) Fehl- oder Missbildungen liegen nicht vor.

[13] NÄGELER/WEBER 2005; NÄGELER/WEBER 2004.

[14] so genannte Geschlechtskrankheiten (STI/STD).

[15] durch erregerhaltiges Aerosol in der Atemluft.

[16] Erkrankungsrate/Sterblichkeitsrate.

[17] PAULIKY 1836

[18] Wirkungen der Luft (heiße Luft, plötzliche Abkühlung, veränderliche Witterung, Kälte), ungesunde Lage und Einrichtung der Wohnung, Dünste der Mistlachen und Unreinlichkeit in den Wohnstuben, Nahrungsmittel (ungesunde Speisen, Brot aus neuem, verdorbenem und unreinem Getreide, Mehlspeisen, Backwerk, Fleisch kranker Tiere), schlechte Küchen- und Tischgeräte, Unmäßigkeit im Wein- und Branntweintrinken, Verfälschung von Getränken (Bier, Essig), schlechtes Wasser, unmäßiges Tabakrauchen, ausschweifende Gemütsbewegungen, Ansteckung und äußerliche Beschädigungen.

[19] Benannt wird im einzelnen das Versäumnis einer ordentlichen Heilung, Vernachlässigung einer guten Lebensordnung, ungeschickliches Verhalten, unüberlegter Gebrauch schädlicher Arzneien, üble Diät und schlechte Speisen, Missbrauch wirksamer Heilmittel, Unreinlichkeit in Krankenstuben, verdorbene Luft, Anhänglichkeit an Pfuscher und abergläubige Meinungen sowie Abneigung vor ordentlichen Ärzten und Unfolgsamkeit.

[20] Schüler des Mediziners und Bakteriologen Robert Koch (1843-1910).

[21] Manche der nosologischen Quellenbegriffe gelten als Symptome und können nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung nicht eindeutig heutigen modernen Krankheitsdefinitionen zugeordnet werden. Zeitgenössisch empirisch tätigen Ärzten war die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) fremd gewesen; dies sollte sich erst nach Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 ändern.

[22] WEBER 1993a, S. 68-73; WEBER 1993b, S. 80-165; WEBER 2006a, S. 73-83; WEBER 2006b, S. 83-96.

Die natürlichen Wechselbeziehungen (Interaktionen) zwischen „Mensch“, „infektiösem Agens“ (= Krankheitserreger) und Umwelt (z.B. Luft, Wasser, Flora und Fauna) haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in der Evolution sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch Intensität teilweise stark verändert, da „Mensch“, „infektiöses Agens“ und Umwelt permanent in einem dynamischen biologischen Anpassungsprozeß und Konkurrenzverhältnis stehen.

Bezogen auf Infektionen, übertragbare Krankheiten und ihre Entstehung gilt, dass sowohl „äußere“, aus der belebten oder unbelebten Umwelt kommende Faktoren (Exposition) als auch „innere“, dem menschlichen Organismus selbst zuzuordnende Merkmale und Faktoren (genetische Faktoren, Immunitätslage) für die Erreger-Empfänglichkeit (Disposition, Suszeptibilität) zu unterscheiden sind. Dabei können die üblichen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen anwendungsgemäß nur äußere Faktoren und Einflussgrößen der Umwelt und damit das individuelle Expositionsrisiko gegenüber dem „infektiösen Agens“ wirksam beeinflussen.

[23] NLGA 2012, S. 3.

[24] Nach Art der zeitlichen und örtlichen Gebundenheit kann zwischen Endemien, Epidemien und Pandemien unterschieden werden.

[25] Kennzeichen: enges Zusammenwohnen vieler Menschen unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen; Globalisierung der Märkte mit länderübergreifenden, arbeitsteiligen Produktions- und Lieferbeziehungen; ständiger beruflich wie pivat bedingter Ortswechsel einschl. Fernreisen; Kriege; Terrorismus.

[26] WEBER 1993b, S. 80-165.

[27] WEBER 2007, S. 163-190.

[28] NLGA 2012, S. 2.

[29] Inzwischen wird in diesem Zusammenhang sogar von einer „medizinischen Krise“ gesprochen; dies gerade auch im Hinblick auf die HIV/AIDS-Problematik, welche in Deutschland u.a. das Privatleben und Sexualverhalten in den beiden letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts bis heute stark beeinflusste.

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchenhygiene und -bekämpfung - wie gerade auch die Erfolge von Desinfektionsmaßnahmen - sowie der Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historisch „alten“ Volksseuchen, genau genommen, nie gänzlich verschwunden und verbreiten heute wieder - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung gerade durch neue Epidemien erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.

[30] RUFFIE/SÒURNIA 2000, S. 204.

[31] NÄGELER/WEBER 2005.

[32] „Scheuerchen“, auch „Schäuerchen“, „Scheuerken“ oder „Schürchen“ genannt, ist eine seit langem medizinisch nicht mehr gebräuchliche Symptom- bzw. Krankheitsbezeichnung. Der Quellenbegriff ist nach MÜNCH (1990) als Sammelbegriff für klinisch schwerere Infektionserkrankungen der Atemwege und des Darmtraktes zu deuten, die offenbar mit Fieber-„Schauern“ (Schüttelfrost) bzw. Krämpfen einhergingen. Bei SOHNREY 1929: „Scheuerken“ = Krämpfe.

[33] NÄGELER/WEBER 2005.

[34] Hierbei handelt es sich um eine klinisch schwer verlaufende Erkrankung, die man heute so nicht mehr kennt. Das lebensbedrohliche klinische Krankheitsbild ging mit hohem Fieber („Frieselfieber“) einher. Korrespondierend kam es zum starken Schwitzen, das hirsekorngroße, wasserhelle, meist auch gerötete Hautbläschen („Frieselbläschen“) entstehen lies; auch als „Roter Hund“ bezeichnet.

[35] Im 16. Jahrhundert wütete in England eine als „englischer Schweiß“ bezeichnete Epidemie, gekennzeichnet durch Fieber und heftige Schweißausbrüche. Es war eine klinisch schwere Krankheit, die auch binnen weniger Tage zum Tode führen konnte. Symptome und klinischer Verlauf sollen denen einer echten Grippe (Influenza) geähnelt haben. Das „Schweißfieber“ griff von England schließlich auch auf das europäische Festland über, das hier „Frieselfieber“ oder „Miliarfieber“ genannt wurde (RUFFIE/SOURNIA 2000).

[36] NLGA 2012, S. 5, 9, 13; WEBER 1993b, S. 80-165; WEBER 2006b, S. 83-96.

Erstmals zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben, hervorgerufen durch ein 1883/1884 von Robert Koch isoliertes Bakterium (Vibrio cholerae).

WEBER 2007: Die Choleraepidemie des Jahres 1850 im Kreis Holzminden – Medizinhistorische und amtsärztliche Betrachtungen. In: Jahrbuch 2007 für den Landkreis Holzminden. Bd. 25. 2007, S. 163-190.

[37] Bei der vornehmlich fäkal-oral übertragbaren Cholera handelt es sich um eine hochansteckungsfähige akute bakterielle Infektion der Darmschleimhaut mit einer Inkubationszeit von 1–3 Tagen, einhergehend mit ständigem Erbrechen und schweren, reiswasserartigen Durchfällen.

Hinsichtlich des Quellenwertes zeitgenössischer Berichte und lokaler Daten zur „Cholera“ ist anzumerken, dass diese kritisch zu betrachten sind. Im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ärztlich zwischen der „wirklichen Cholera“ (Cholera morbus/asiatica/indica/epidemica – asiatische, morgenländische oder indische epidemische Brechruhr) und der endemischen „Cholera nostras“ („einheimische Gallenruhr“) resp. „sporadischen Cholera“ („Cholerine“) unterschieden. Auch Kirchenbücher wie die oft viele Jahre später durch Erinnerungen und Erzählungen angefertigten Aufzeichnungen geben keine eindeutige Auskunft darüber, welche der Choleraformen im Einzelfall tatsächlich auftrat bzw. zum Tode führte. Dennoch ist davon auszugehen, dass es sich in den meisten Fällen tatsächlich um die nach ihrer geographischen Herkunft „Cholera asiatica“ genannten Erkrankung gehandelt haben dürfte.

[38] VÖGELE 2000, S. 291 ff.

[39] NLGA 2012, S. 4-13.

[40] WILDEROTTER 1995, S. 204 ff.

[41] Das Auftreten der Cholera überraschte in einer Zeit europäischer Revolutionen und politischer Kämpfe bei zunehmender Industrialisierung und komplizierter werdenden Sozialstrukturen. Behördlich intervenierend wurde der Aufbau einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge maßgeblich beschleunigt (z.B. Sicherung der hygienisch einwandfreien Trinkwasserversorgung). Die Cholera betraf in jener Zeit mit hohem Anteil vornehmlich die proletarischen Elendsquartiere von Städten und neueren städtischen Ballungszentren; sie wurde zur „Seuche der Armen“ und verschärfte somit zugleich auch die heftigen politischen und sozialen Proteste und Unruhen. Die Cholera-Ausbreitung erfolgte auch aufgrund schlechter sozialer Verhältnisse der Armen, bei hoher Bevölkerungsdichte. Sie betraf in der Regel etwa 1 % aller Einwohner, wobei von den Cholera-Erkrankten etwa 50–60 % verstarben.

[42] NLGA 2012, S. 9; WINKLE 1997, S. 153 ff., 188 ff.; LEVEN 1996, S. 10; STICKL 1985, S. 222.

[43] Braunschweigisches Magazin 62. Bd. 1849, S. 249-254, 254-255, 257-263.

[44] 1809-1817 Apotheker in Einbeck; er gilt als Entdecker des Morphins.

[45] Internet-Homepage der Sertürner Gesellschaft Einbeck e.V.

[46] Wie für den Kreis Holzminden lokale Überlieferungen und achivalische Quellen erkennen lassen, verfielen Cholerakranke, soeben noch scheinbar völlig gesund, innerhalb weniger Stunden und verstarben nach Stunden oder Tagen qualvoll. Der Choleratod war beim plötzlichen Verlust der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion ein übelriechender, ein wahrhaft schmutziger Tod.

[47] „Contumanz“: 20tägige Isolierung von Personen (Quarantäne), mit Beobachtung und Untersuchung.

[48] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande No. 24, S. 159–165.

[49] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 8. Jahrgang 1831. Braunschweig: No. 14, S. 59–78.

[50] Quarantäne

[51] B. v. Campe (Oberhauptmann des Weserdistrikts, Stadtoldendorf), Körber (Kommissionsrat), Wolff (Forstmeister), Ludwig Haarmann (Kammer-/Kreisbaumeister), der Chef der Bürgergarde (ohne Namen), Eifert (Hütteninspektor), Physikus Dr. med. C. Reinbeck (Holzminden).

[52] StAWF 111 Neu Nr. 3185, Bd. 2: 21.1 S. 244-249.

[53] staatliche Cholerahospitäler zur Quarantäne

[54] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 15, S. 79–98.

StAWF 34 N Nr. 7604.

Angesichts der „Ungewissheit der Ereignisse“ und insbesondere der „bevorstehenden Versendungen der für die herannahende Sommermesse bestimmten Waaren“ folgte am 23. Juni 1831 die nächste Spezialverordnung mit einschneidenden Einreisebestimmungen, nach denen spezifizierte Gesundheits-Atteste für Personen (Reisende und ihr Bagage), Waaren und Thiere verlangt wurden, ausgestellt von den Ortspolizeibehörden.

[55] Für ein Cholerahospital in Stadtoldendorf ist eine kleine, allerdings wenig aussagefähige Grundrissskizze erhalten. Es konnten in den Archivakten keine Hinweise dafür gefunden werden, dass die geplante Kontumazanstalt errichtet wurde (StAWF 34 N Nr. 7604).

[56] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig (e) No. 21, S. 143–145.

[57] StadtAHOL: „Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 22, S. 149–154.

[58] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 23, S. 157–158.

[59] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 24, S. 159-165.

[60] Braunschweigisches Magazin 1849, S. 258 f.

[61] GERBERT 1982, S. 110; Braunschweigisches Magazin 63. Bd. 1850, S. 214-216, 277-292.

[62] HARTJE 2000; WALTER 1960, S. 116 f.

[63] StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

[64] Nach SOHNREY (1929) habe ein Bauer aus Merxhausen auf der Einbecker Straße einen schwer kranken Handwerksburschen, der im Chausseegraben lag, auf seinem Wagen mitgenommen. Als der Bauer Merxhausen erreichte, sei der Handwerksbursche bereits tot gewesen. Es sei, so würde gesagt, der erste Cholerakranke im Solling gewesen. Die Cholera sei dann durch den ganzen Solling gezogen und habe Hunderte und Tausende hingerafft.

[65] Die Choleraepidemie grassierte clusterartig in 29 angesteckten Orten mit insgesamt ca. 19.500 Einwohnern. Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Kreises wurden von der Choleraepidemie heimgesucht, wobei ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen verstarb.

[66] StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

[67] StAWF 12 Neu 4 Nr. 1005; StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

Die im StAWF geführten Akten zur Speciellen Uebersicht der Cholera-Sterbefälle im Kreise Holzminden und der Hauptbericht des Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig erlauben eine kleinräumige epidemiologische Auflösung der Sterbehäufigkeit und der zeitlichen wie räumlichen Dimension in den von der Cholera betroffenen Gemeinden der Amtsbezirke Holzminden, Stadtoldendorf, Eschershausen und Ottenstein. Die für den Kreis Holzminden epidemiologisch ausgewerteten Archivdaten legen nahe, dass die Cholera während etwa 4½ Monate wellenartig mit räumlich unterschiedlicher Dauer, Verbreitung und Intensität auftrat.

[68] WEBER 2007, S. 163-190.

[69] Zur Beurteilung und Behandlung der „epidemischen Brechruhr (cholera morbus)“ sei auf die Veröffentlichung von WEBER 2007, S. 163-190, verwiesen.

[70] Wenn kommunale Eingaben vom Braunschweiger Staatsministerium nicht von vornherein schlichtweg ad acta gelegt wurden, so wurde eine staatliche Beihilfe nur anteilig gewährt und aus Mitteln des Braunschweiger Klosterfonds beglichen.

[71] Es war Robert Koch (1843-1910), nunmehr Leiter des neu geschaffenen preußischen Reichsgesundheitsamtes in Berlin, dem es mit seinen hoch entwickelten mikrobiologischen Untersuchungsverfahren 1883/1884 gelang, den bakteriellen Erreger der Cholera-Erkrankung nachzuweisen. Mit dem Erregernachweis (Vibrio cholerae) und der Erkenntnisse über dessen Weiterverbreitung begann zugleich auch die wirksame Bekämpfung der Cholera. Als sicherster Schutz gegen eine Cholera-Infektion wurde 1894 die „Gesundung der Städte und Ortschaften“ durch verbesserte „Beseitigung der Abfallstoffe“ und „durch reichliche Versorgung mit reinem Trinkwasser“ angesehen. Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der alten Hansestadt Hamburg auf.

[72] ANDERS 2004; RAULS 1983, S. 169.

[73] Anhand der amtlich festgehaltenen Sterbefälle kann für den Kreis Holzminden von einer landesunterdurchschnittlichen Mortalitätsrate ausgegangen werden. Dem hingegen aber lag die Gemeinde Heinade deutlich über der landesdurchschnittlichen Cholera-Sterbefallrate.

[74] NÄGELER/WEBER 2005, S. 165 f.

[75] Nach mündlicher Auskunft von Hannelore Schulz (Hellental) habe zuletzt Pastor Wilhelm Friedrich Ernst JEREMIAS (1939–1949) am ersten Mittwoch im September noch den „Choleratag“ in der Hellentaler Dorfkapelle begangen. Danach sei in Hellental die Tradition des örtlichen Gedächtnistages nicht weiter fortgesetzt worden.

[76] WEBER 2005; S. 378 ff.; QUERFURTH 1913

[77] Vielleicht war auch das im Dorf damals weit verbreitete Branntweintrinken infektionspräventiv?

[78] LESSMANN 1984; RAULS 1983.

[79] Die Pesterkrankung kommt auch im beginnenden 21. Jahrhundert global noch endemisch vor. Der Erreger der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis, welches 1894 namensgebend von dem Schweizer Bakteriologen und Pasteur-Schüler Alexandre Yersin (1863-1943) in Hong Kong identifiziert werden konnte [MOLLARET/BROSSOLLET 1987, S. 161 ff.].

Der Pesterreger wird hauptsächlich durch Rattenfloh- und Zeckenstiche auf den Menschen übertragen, wodurch es bei ihm zur „Bubonenpest2 (Beulenpest) kommen kann. Bei an „Lungenpest“ erkrankten Personen erfolgt die Erregerübertragung durch Tröpfcheninfektion, was ungleich schwerwiegender für eine epidemische Weiterverbreitung ist.

Einerseits als pestis conclusa, als „eingeschlossene“ oder „verheilte“ Seuche, andererseits als contagium conclusum, als „Pestzunder“ an Gegenständen anhaftend beschrieben, wurde die Pest als Mythos zum Inbegriff der Seuche schlechthin. Als „Geißel Gottes“ steht die Pest metaphorisch für Katastrophen und auch stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Die Pest oder „Pestilenz“ meint in der volkssprachlichen Überlieferung daher allgemein jede folgenschwere pandemisch auftretende Seuche, die aus heutiger infektionshistorischer Sicht nicht in jedem Falle gleichgesetzt werden kann mit der medizinisch klar definierten Beulen- oder Lungenpest.

[80] 1742 wurde in Köln das „Eau de Cologne“ kreiert, ursprünglich hergestellt zur Desodorierung gegen die als krankheitserzeugend angesehenen Ausdünstungen bei Pesterkrankten (übelriechender „Pesthauch“).

[81] JARCK/SCHILDT 2000, S. 260, 529.

[82] RAULS 1983, S. 79 f.

[83] NÄGELER/WEBER 2005.

[84] WEBER 2006c, S. 444-450.

Der Krankheitserreger ist das Variola-Pockenvirus (Variola Major), das erst 1906 von Enrique Paschen entdeckt wurde. Die Übertragung des Pockenvirus erfolgte direkt von Mensch zu Mensch, vornehmlich durch einatembare Tröpfchen.

[85] Das Prinzip der Pocken-Vakzination wurde am 14. Mai 1796 von dem englischen Wundarzt Edward Jenner (1749–1823) durch eine Arm-zu-Arm-Vakzination eingeführt. Jenner übertrug bei seinem legendären Versuch frisches Kuhpockensekret von der kuhpockeninfizierten Kuhmagd Sarah Nelmes auf den pockengesunden Jungen James Phipps.

[86] hoher Kontagionsindex: 95-100 % bei nicht-immunen Personen; hohe Mortalität: 30–80 %.

[87] noch in den 1950er und 1960er Jahren traten in Europa Pockenepidemien auf; der letzte Pockenfall in Deutschland trat 1972 in Hannover auf.

[88] beispielsweise in Einbeck und Duderstadt.

[89] In jener Zeit wurde bei den Blatter-Ausschlägen klinisch zwischen „echter Menschenpocke”, auch „Menschenblatter“ (Variola) genannt, „Kuhpocke”, „Schutzpocke” und „unechter Menschenpocke” („Wasserblatter”) unterschieden.

[90] Inwieweit es sich hierbei im Einzelfall zweifelsfrei um die richtige medizinisch Diagnosestellung einer echten Pockeninfektion (Variola) handelte, ist nicht hinreichend nachvollziehbar.

[91] Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die alle Organe und Systeme des Menschen befallen kann. Sie wird durch einen spezifischen bakteriellen Erregerkomplex verursacht, der vornehmlich durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen (Aerosole) oder Staubpartikel übertragen wird. In dem hier betrachteten Zeitraum konnte zudem auch durch die orale Aufnahme von tuberkulös infizierter Milch oder von tuberkulös infiziertem Rindfleisch eine Erregerübertragung erfolgen.

Das Krankheitsbild wurde ehemals mit recht unterschiedlichen Sammelbegriffen belegt („Auszehrung”, „Phthisis pulmonalis“, „Schwindsucht”), die im historischen Rückblick nicht völlig exakt unter dem erst um 1834 eingeführten Fachterminus „Tuberkulose“ subsumiert werden können.

Der in Clausthal im Oberharz geborene Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) konnte am 24. März 1882 der Berliner Physiologischen Gesellschaft seinen gelungenen Nachweis des Tuberkulose-Erregers Mycobakterium tuberculosis demonstrieren; in einer Zeit, in der die politische und administrative Aufmerksamkeit gegenüber der sich weiter ausbreitenden Lungentuberkulose und ihrer Verhütung und Bekämpfung angewachsen war.

[92] WILDEROTTER 1995, S. 278 ff.

[93] NLGA 2012, S. 14-15:

bis zu 120.000 Todesfälle pro Jahr; im Durchschnitt der Jahre 1900/1904 war die Tuberkulose in der Altersgruppe zwischen 15-60 Jahren für mehr als ein Drittel der Todesfälle ursächlich verantwortlich. Im Alter von 15-60 Jahren lag je 10.000 Personen 1892/1893 die höchste Sterblichkeit bei 48,2 - die gerinsgte bei 17,6.

[94] NÄGELER/WEBER 2005.

[95] Die Trichinose („Trichinenkrankheit“, Trichinellose, Trichinelliasis) ist eine Infektionskrankheit des Menschen, verursacht durch die parasitische Lebensweise der Fadenwürmer (Nematoden) des Genus Trichinella. Neben Trichinella spiralis, dem für den Menschen wichtigsten pathogenen Vertreter, konnten weitere verwandte Fadenwurmarten nachgewiesen werden. Bei breitem Wirtsspektrum besteht in Mitteleuropa sowohl ein „silvatischer“ (Wildschwein, andere Wildtiere) als auch ein „domestischer“ Zyklus (Hausschwein). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden „Muskeltrichinen“ erstmals erkannt und als mikroskopisch kleine Faden-/Rundwürmer in menschlichen Skelettmuskeln identifiziert. Wenige Jahrzehnte später konnten der zoologische Lebenszyklus mit den beiden Entwicklungsstufen „Muskeltrichine“ und „Darmtrichine“ sowie der parasitäre Infektionskreislauf des Eingeweidewurms entschlüsselt werden.

[96] Übersicht bei WEBER 2012a.

[97] Gesetz- und Verordnungs-Sammlung No. 25, Braunschweig, den 5. April 1866, S. 79–85.

[98] mit unterzeichnet vom Staatsminister Karl Ferdinand von Campe (1808–1874), Deensen.

[99] Mittels eines Ausweises erteilte die herzogliche Kreisdirektion Holzminden die gebührenpflichtige Befugnis, geschlachtete Schweine amtlich auf Trichinen untersuchen zu dürfen. Die Befugnis zur amtlichen Trichinenuntersuchung durfte nur an jene Personen übertragen werden, die zuverlässig waren und über die dazu erforderliche Befähigung verfügten. Darüber hinaus hatte sich die Kreisdirektion zur Konstatierung der Befähigung mit dem Herzoglichen Obersanitätskollegium in Kommunikation zu setzen, welches erforderlichen Falls durch eines seiner ärztlichen Mitglieder oder einen damit beauftragten Physikus oder Arzt die Befähigung ermitteln und attestieren lässt. Bestellte Trichinenschauer waren amtlich zu verpflichten oder auf ihre schon bestehende Amtspflicht zu verweisen und öffentlich bekannt zu machen.

[100] Während Gewerbetreibende („Fleischer, Hoken usw.“) ein sechs Rubriken umfassendes „Fleischbuch“ zu führen hatten, war es Nichtgewerbetreibenden freigestellt, eine solche Buchdokumentation zu halten; ansonsten bedurfte es eines „besonderen Attestats“. Zur Trichinenuntersuchung waren die arteriell gut durchbluteten Fleischteile vom „Bauchmuskel, vom muskulösen Teile des Zwerchfells und vom Halsmuskel“ zu entnehmen. Hierzu wurden sowohl die Probenahme als auch die lichtmikroskopische Untersuchung vom Herzoglichen Obersanitätskollegium durch spezielle Instruktion standardisiert einheitlich vorgegeben. Ein „geeignetes Lokal“ sowie Wasser zum Reinigen der Gläser waren dem untersuchenden Trichinenschauer am Schlachtort „zur Disposition zu stellen“.

[101] Als selbständige Einrichtung war die amtliche Trichinenschau bei Schweinen vornehmlich in den in norddeutschen Bundesstaten eingeführt worden; so im Herzogtum Braunschweig.

[102] Die Trichinenschau bei Hunden wurde deshalb erforderlich, da diese Tiere ein besonderes Erregerreservoir für Trichinella bildeten und gegenüber Hausschweinen bei ihnen häufiger Trichinella-Larven zu finden waren.

[103] Von dessen Enkelsohn Günter Schattenberg (Heinade-Merxhausen) wurden Fleischbeschauerunterlagen („Tagebücher für Beschauer“, 1903–1946) und das Mikroskop der Sammlung des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V. übereignet.

[104] Gemeinderat.

[105] Für jeden Schaubezirk war mindestens ein „eidlich verpflichteter“ Trichinenschauer und ein Stellvertreter vorzusehen, mit widerruflicher Bestellung und Präsenzpflicht im zugeordneten Schaubezirk. Legte ein Bewerber nach erfolgter kostenpflichtiger Ausbildung seine Prüfung vor dem Kreistierarzt erfolgreich ab, so erfolgten unter bestimmten Voraussetzungen seine amtliche Bestellung durch die Landespolizeibehörde und die Zuordnung zu einer Trichinenschauerstelle in einem Schaubezirk.

[106] Um 1906 betrug beispielsweise für ein Hausschwein die amtliche Gebühr für die Fleischbeschau und Trichinenschau zusammen 0,80 Mark, die Trichinenschau bei einem gewerblich geschlachteten Hund 0,50 Mark.

[107] „Zwerchfellpfeiler (Nierenzapfen), Rippenteile des Zwerchfells (Kronfleisch), Kehlkopf- und Zungenmuskeln“, alternativ Bauchmuskeln.

[108] 17,5 cm hohes Lichtmikroskop mit kleinem Objekttisch  (Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V.

[109] NÄGELER/WEBER 2004. Die Geburtenziffer (durchschnittliche Kinderzahl je Frau) betrug in jenem Zeitraum in Deutschland etwa 4,5–5,0 bei später deutlich sinkender Tendenz.

[110] Sterblichkeitsrate.

[111] Das heutige, zweistöckige Wohnhaus Hauptstraße 23 ist aus dem ehemaligen „Armenhaus“ und späteren „Gemeindehaus“ hervorgegangen. Das zunächst als Armenhaus errichtete, massive und relativ große Gebäude steht am steilen Berghang, gelegenen am westlichen Ortsausgang und somit - wie zeittypisch - außerhalb des bewohnten Kernbereiches des Hellentaler Oberdorfes.

[112] "Die Klosterfrau Thekla" - Erlebnisführung am 7. August 2015 im Rahmen der Erlebnisführungen durch die Gelnhäuser Geschichte ("Mittendrin statt nur dabei").

[113] JAHNS 2005, S. 89 f.

[114] JARCK/SCHILDT 2000; RAULS 1983, S. 150.

[115] RAULS 1983, S. 151.

[116] HOFMANN 2005.

[117] zit. in HOFMANN 2005.

[118] LEVEN 1997; WINKLE; 1997; WILDEROTTER, 1995; VASOLD 1991.

[119] RUFFIE/SOURNIA 2000, S. 186.

[120] MÜNCH 1990.

[121] MÜNCH 1990, VERDENHALVEN 1969.