Weg aus der Dorf:Region │ Ausgewanderte

Klaus A.E. Weber

 

Auswanderungen im 19. Jahrhundert

Trotz der wirtschaftlichen Strukturkrise im 18. Jahrhundert, einhergehend mit allgemeiner Not, Armut und wirtschaftlichem Verfall, wanderten zunächst kaum Menschen aus dem Weserbergland - namentlich aus Solling - nach (Nord-)Amerika aus.

Auswanderungswillige der Sollingregion konnten dort schlichtweg nicht die hohen Passagekosten erwirtschaften.

Zunächst hatten selbst wirtschaftlich schwächere Dörfer, wie die der hiesigen Dorf:Region, noch größere Wanderungsgewinne als –verluste.

Dies änderte sich aber in den 1850er Jahren, in denen die Auswanderung ein solch hohes Maß erreichte, dass der Geburtenüberschuss von der Auswanderungsziffer deutlich übertroffen wurde.

Mit der Einführung der Weserdampfschifffahrt um 1842/1843 und später mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie Holzminden-Kreiensen-Hannover-Bremen um 1865 öffnete sich auch das „Tor zur Auswanderung“ für zahlreiche Einzelpersonen und Familien aus dem Solling.

So wanderten zwischen 1853-1872 etwa 6 % der Bevölkerung des Sollings aus.[11]

Die Auswanderung wurde auf dem Dorfe eher als Einzelschicksal von Personen oder Familien angesehen, dem hingegen war sie – aus heutiger Sicht – vielmehr Teil eines dramatischen, längerfristigen sozialen Prozesses.[12]

Es kann heute vortrefflich darüber spekuliert werden, wie viele ursprüngliche Einwohner*innen der Dorf:Region inzwischen in Nordamerika (USA, Kanada) leben und auch darüber, ob nicht mehr Nachfahren von Auswanderen in Nordamerika beheimatet sind als die drei Dörfer heute Einwohner*innen zählen.

Anhand der vorliegenden genealogischen Forschungsdaten kann u.a. auch nachvollzogen werden, dass es zudem vereinzelt zu Rückwanderungen aus dem überseeischen Ausland nach der ursprünglichen dörflichen Heimat zwischen nördlichem Solling und Holzberg kam.

 

Heinade

Zur Auswanderung aus Heinade ist den „Braunschweigischen Anzeigen“ zu entnehmen [13], dass

  • am 17. April 1866 der Schmiedemeister Heinrich Knop, 43 Jahre alt, nach Amerika ausgewanderte.
  • Etwa ein halbes Jahr später, am 10. Oktober 1866, folgte ihm seine 10 Jahre jüngere Ehefrau Luise Knop, geb. Sparkuhle.
  • Der Interimswirt Wilhelm Humme, 32 Jahre alt, wanderte am 04. Juni 1866 ebenfalls nach Amerika aus.
  • Ihm folgte am 21. September 1866 der Ackerknecht Christian Flotho, 21 Jahre alt.

Trotz der Auswanderungen stieg aber die Zahl der Dorfbewohner in Heinade stetig an, wobei allerdings der bäuerliche Anteil ständig zurückging.

 

Hellental 

Wie heutigen Erzählungen und Nachweisen in Hellental zu entnehmen ist, waren vom ständigen Strom der Auswanderung nach Übersee im 19. Jahrhundert auch einige Hellentaler Familien bzw. Einzelpersonen erfasst worden.

Die Gesamtzaht der Wegzüge aus Hellental ist nur teilweise quellenmäßig belegbar.

Für insgesamt 21 „offizielle“ Auswanderer, Männer und Frauen sowie 3 Familien, aus Hellental konnten im Staatsarchiv Wolfenbüttel Auswanderungsdaten genealogisch für den Zeitraum von 1856-1870 ermittelt werden.

Die Hellentaler Auswanderer emigrierten über das zuständige Amt Stadtoldendorf, soweit angegeben, nach Amerika (Nordamerika).

Sie waren zwischen 19-62 Jahre alt (Durchschnittsalter: 29 Jahre).

Es dürfte tatsächlich aber deutlich mehr Auswanderer aus Hellental gegeben haben.[14]

Die Ortschronik Deensen berichtet darüber, dass ein Einwohner von Hellental 1847 in Deensen polizeilich angehalten worden sei, da er unverzollten Tabak aus dem Ausland (Preußen, Hannover?) mit sich geführt habe.

Zur Gerichtsverhandlung beim Amtsgericht in Stadtoldensorf sei er aber nicht erschienen, da er inzwischen ausgewandert sei.[15]

Die Brinksitzerstelle Ass.-№ 27 in Deensen sei 1863 im Auftrag des Großköters und Schmiedemeisters Christian Reinecke (Ass.-№ 30), der mit seiner Familie 1853 nach Amerika ausgewandert war, vom Bürgermeister und Rechtsanwalt Seebaß in Stadtoldendorf an Wilhelm Müller aus Hellental verkauft worden [21].

Hierbei dürfte es sich am ehesten um den am 04. November 1831 in Braak geborenen Georg Heinrich Friedrich Wilhelm Müller gehandelt haben, der am 10. März 1859 in Hellental Hanne Schmidtmann geheiratet hatte. 

 

August Brömer

Im Jahr 1881 erfolgte die Auswanderung des unehelichen 18jährigen August Broemer aus „Hellenthal“ in die Vereinigten Staaten von Amerika – nach Baltimore/Maryland.

August Brömer – nunmehr August Broemer – heiratete als 27-Jähriger im Jahr 1890 Hermine Bo[e]ning aus Erzhausen (heute Ortsteil der Stadt Einbeck).

Bereits zuvor war sein Onkel Karl Friedrich Wilhelm Broemer (* 03. Juli 1855) 1874 nach Baltimore emigriert (William Broemer).

Die Emigration nach Übersee in die Vereinigten Staaten von Amerika - wie die des unehelichen 18jährigen Emigranten Ernst August Theodor Brömer (* 04. November 1863) aus Hellental von 1881 [3] - zählt im südniedersächsischen Raum zu den demografisch einschneidenden Ereignissen des 18./19. Jahrhunderts – in der Epoche des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

 

Merxhausen

Von überseeischen Auswanderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war auch die kleine Landgemeinde Merxhausen betroffen.

So wurden beispielsweise in den „Braunschweigischen Anzeigen“ die folgenden „beabsichtigten Auswanderungen“ von Merxhausen nach „Amerika“öffentlich angezeigt:

 

März 1866 [Braunschweigische Anzeigen, April 1866, 79. Stück, 4438]:

  • der Leineweber Georg BECKER, 33 Jahre alt, mit seiner Ehefrau, Louise geb. Bremer, 23 Jahre alt, und seiner Tochter Johanne, 18 Wochen alt
  • die Witwe des Schneiders Carl DÖRRIES, Louise geb. Wagener, 31 Jahre alt, mit ihrem Sohne Carl, 4 Jahre alt
  • die unverehelichte Caroline BREMER, 19 Jahre alt

 

August 1872 [Braunschweigische Anzeigen, August 1872, 199. Stück, 10482; 200. Stück, 10530]:

  • der Leineweber Heinrich Wilhelm August BAUMANN, 23 Jahre alt
  • der Leineweber Wilhelm FLOTO, 18 Jahre alt
  • die unverehelichte Louise KREITER, 17 Jahre alt; ohne Ortsangabe (aus Merxhausen?)

 

Zu einer Auswanderung nach Amerika soll es auch bei Personen namens Kreiter aus Merxhausen gekommen sein.

Zu den Emigranten liegen bislang allerdings nur ungenaue Angaben vor.

Einerseits konnten bei derzeit noch nicht abgeschlossenen genealogischen Datenrecherchen die nachstehenden Daten und Angaben [16] nicht in den Kirchenbüchern von Heinade aufgefunden bzw. nachvollzogen werden.

Gleiches gilt auch für genealogische Recherchen im Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel.

Andererseits kann ein familiärer Zusammenhang mit dem Dorf Merxhausen jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden.

Möglicherweise handelt es sich um so genannte heimliche Auswanderungen ohne schriftliche Registrierung (ohne „Auswanderungskonsens“). 


Karl Kreiter

Eine Angabe [17] bezieht sich auf Karl Kreiter, der am 15. August 1828 oder 15. Juni 1829 in Merxhausen geboren worden sein soll.

Auch sei hinterlegt, dass Karl Kreiter im „Deutsch-dänischen Krieg“ (1848–1850) als Soldat gedient habe (1847/48?).

Er sei danach am 15. Oktober 1849 über „the Port of Bremen“ in die USA ausgewandert.

„Charles“ Kreiter habe sich zunächst in West Virginia niedergelassen, um später in den Staat Iowa umzusiedeln.

Offenbar gibt es noch heute sowohl in West Virginia als auch im Staat Iowa den Familiennamen Kreiter. 

 

Rachel Kreiter

Einer weiteren Angabe zu einer Auswanderung nach USA [18] ist im Zusammenhang mit „Kreiters of Merxhausen“ zu entnehmen, dass Rachel Kreiter am 28. Dezember 1827 (in Merxhausen?) geboren und am 14. Januar 1899 in Wheeling im Staat West Virginia verstorben sein soll.

Möglicherweise lebte sie auch eine zeitlang in Bellaire im Staat Ohio.

Rachel Kreiter habe Heinrich Fischer geheiratet, der am 21. Februar 1836 in Scharfoldendorf bei Eschershausen geboren wurde und am 12. März 1900 ebenfalls in Wheeling (West Virginia) verstarb.

Rachel Kreiter und Heinrich Fischer sollen am 08. Januar 1861 in Wheeling geheiratet haben.

Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor, wobei der jüngste Sohn der Schwiegervater von Carl Geese gewesen sei, welcher aus Lobach stammte.

Die älteste Tochter, Louisa Fischer, ist die Großmutter der heute in Sturgis im Staat Michigan (USA) lebenden Louise [Green/Gruen] Schuster.

Louisa Fischer hatte Carl Pape geheiratet, der am 22. Juni 1844 in Lobach geboren wurde.

Dessen Mutter war Johanne Müller, die am 27. September 1807 in Deensen geboren worden war.

Sie war mit ihrer Familie aus Deensen ausgewandert und im Juli 1865 nach Wheeling im Staat West Virginia gekommen.

Louisa Müller, die jüngere Schwester von Johanne Müller, heiratete den aus Holenberg ausgewanderten Carl Jäger, dessen Familie sich bereits vor 1865 in Wheeling angesiedelt habe.  

Anny Pape, geborene Specht aus Heinade, heiratete den Sohn von Carl Papes Neffen, Heinrich Pape aus Lobach.

Die Tochter von Anny und Heinrich Pape heißt Anni Pape Albrecht.

Sie lebt heute im Elternhaus in Lobach.

 


[3] TACKE 1943, S. 28.

[11] SCHUBERT 1997.

[12] SCHUBERT 1997.

[13] HAHNE 1972.

[14] NLA WO, 39 S Slg Band 7 Amt Stadtoldendorf.

Das Ergebnis einer Indexsuche (05.01.2004) im Findbuch für Auswanderungsquellen im Nds. Staatsarchiv Wolfenbüttel ergab für Hellental eine Findmenge von 42 Datensätzen.

[15] RAULS 1983, S. 174.

[16] persönliche Mitteilung von Nancy Kreiter aus Baltimore (USA, Maryland); Karl Kreiter aus Merxhausen soll ihr Ur-Ur-Großvater gewesen sein (lt. Todesanzeige: * 15.08.1828; lt. US-Staatsangehörigkeitsurkunde: * 15.06.1829);

persönliche Mitteilung von Louise (Green/Gruen) Schuster aus Sturgis (USA, Michigan).

[17] persönliche Mitteilung von Nancy Kreiter aus Baltimore (USA, Maryland); Karl Kreiter aus Merxhausen soll ihr Ur-Ur-Großvater gewesen sein (lt. Todesanzeige: * 15.08.1828; lt. US-Staatsangehörigkeitsurkunde: * 15.06.1829)

[18] persönliche Mitteilung von Louise (Green/Gruen) Schuster aus Sturgis (USA, Michigan).

[21] RAULS 1983, S. 175.