Prächtige bunte Glasfenster

Klaus A.E. Weber

 

Zisterzienserklosterkirche Amelungsborn und die "grauen Mönche"

 

Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) Deutschland

Digitales Bildarchiv mit kunsthistorischer Einführung des CVMA Deutschland für ausgewählte Kirchen mit mittelalterlichen Glasmalereien in Deutschland

 

Inschriftenkatalog Amelungsborn, Klosterkirche [5]

 

Zurückhaltung bis in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts

"Ora et labora" und "Weniger ist mehr"

Zunächst war der Klosteralltag für die Zisterziensermönche, bestimmt durch das benediktinische Ideal der Schmucklosigkeit ("Bete und arbeite" als zentrales Motto des Heiligen Benedikt von Nursia) und die "Regula Benedicti" (Nahrung und Kleidung durch eigene Arbeit zu erwerben), von richtungsweisender Bedeutung für das meist stille und karge Mönchsleben - mit großer Zurückhaltung (forma ordinis) gegenüber Figuren, Bildern und Farben sowie gegenüber kostbaren Kirchenausstattungen. [31][32]

Daher sollten gemäß den hochmittelalterlichen Vorgaben des Ordens für Fensterfüllungen die Fenster der Kirchen mit farblosem Flachglas und ohne bildliche Darstellungen verglast sein, weshalb sie zunächst in schlichter Grisaille ausgeführt wurden.[20][28]

Mit der Normsetzung der Regeln von Berhard von Clairvaux (~1090-1153) und nach dem Generalkapitel von 1159 und 1182 (Bauordnung, 11. Kapitel) waren alle Abteien des Männerordens aufgefordert worden, nicht regelgerechten Fenster aus Buntglasscheiben, insbesondere solche mit figürlichen Darstellungen, binnen weniger Jahre zu entfernen; sie wurden ausdrücklich verboten:[27]

"Gemalte Glasfenster sollen binnen der Frist von zwei Jahren ersetzt werden; andernfalls fasten ab sofort Abt, Prior und Kellermeister jedem sechsten Tag bei Wasser und Brot, bis die Fenster ersetzt sind."[6]

Gemäß dem strikten Verdikt für Buntglasfenster des Männerordens [27] und daher für Zisterzienserkirchen geradezu typisch, kamen nach GÖHMANN [20] zu Beginn des 13. Jahrhunderts farblose Ornamentgläser, so genannte Grisaillemalerei [21], in den Gebrauch, mittels Verbleiung mit Ranken-, Zopf- und Flechtmustern zusammengesetzt aus farblosen bis leicht getönten Glasstücken.

Weiterhin führte GÖHMANN aus, dass auch mit Schwarzlot Bänder- und Blattmuster auf die Glasfelder gemalt wurden, eine geometrische Bildlichtkeit, die das ganze 13. Jahrhundert hinweg von "Graustimmungen beherrscht" worden sei.[20]

Das strenge Farb- und Bilderverbot der Anfangsjahre wurde allerdings ab dem Übergang zum Spätmittelalter gegen 1250, spätestens jedoch um die Mitte des 14. Jahrhunderts, nicht mehr konsequent weiter befolgt.[28][37]

 

Im Bleinetz zusammengefügte szenische Glasmalereien des gotischen, 1945 zerstörten Medaillion-Ostfensters [47] │ Oktober 2018

 Erhalten gebliebene mittelalterliche Fensterscheiben  ⃒  Entstehungszeit um 1360

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Beeindruckende figürliche "Glasmahlereyen" und ihr Schicksal

Chorverglasung mit hochgotischen Kirchenfenstern in der Klosterkirche von Amelungsborn

In der ehemaligen Zisterzienserklosterkirche Amelungsborn befanden sich einst - bis 08. April 1945 - imposante Glasgemälde der Entstehungszeit um 1360.

Allerdings blieben nur wenige Reste des einst größten mittelalterlichen Glasmalereizyklus in Niedersachsen erhalten.

Allein das große Chormittelfenster soll 72 Scheiben mit Szenen aus dem Marienleben, der Jugend und der Passion Christi enthalten haben - eine "Inkunabel der niedersächsischen Kunstgeschichte".[6]

Von gotischen Tabernakeln und Fialen begleitet befinden sich heute in drei Fenstern des nördlichen Seitenschiffes Scheibenreste, wobei noch erhaltene Scheiben so gut es möglich war, wieder zu sinnvollen Einheiten zusammengesetzt wurden:[6]

  • linkes Fenster: im Zentrum zwei nebeneinander stehende Figuren, die Verkündigung vom Tode Mariens,
  • mittleres Fenster mit ausgebesserten Scheiben: stark zerstörte Darstellung Christi vor Pilatus; darüber Teile einer Kreuzigungsszene: links Longinus mit der Lanze, rechts der gute Hauptmann,

Im Ostfenster des südlichen Chorseitenschiffes [47] wurden schließlich 12 von ehemals 60 noch vorhanden Scheiben wieder eingesetzt wobei der mittelalterlich weit verbreitete Bildtypus einer so genannten "Wurzel Jesse" zur Darstellung kommt, der Stammbaum Christi; Jesus als Erlöser wird "als oben thronender Herrscher gezeigt".

In der oberen Reihe im zweiten Fenster von links wird nicht im biblischen Kontext König David mit Krone und Harfe als "die hervorragende und beeindruckendste Figur"abgebildet.

 

Bemalte Glasscheiben im Durchlicht

Sitzende Figurentypen des gotischen Ostfensters │ Entstehungszeit um 1360 [2]


David  │ Oktober 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Enoch │ Oktober 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Jakob │ Oktober 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 


Obed │ Oktober 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Salomo │ Oktober 2018

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber


Das gotische Ostfenster

Einst ein herrlicher Kirchenschmuck

Nach HEUTGER [17] sei das ursprüngliche, einen "herrlichen Schmuck der Kirche" darstellende und aus 36 Bildfenstern bestehende Ostfenster um 1360 entstanden.

Dabei seien Szenen "aus dem Leben der Maria und Christi, mit der Verkündigung an Joachim beginnend und mit Christus als Weltenrichter endend" dargestellt gewesen.

Es sei theologisch bedeutsam gewesen, dass "von der ersten Lebenszeit Jesu gleich zur Passionsgeschichte übergegangen" worden sei.

"Auf den Kindermord von Bethlehem" sei "die Einsetzung des Heiligen Abendmahls" gefolgt.

Für jene Auswahl sei "einerseits das besondere mariologische Interesse der Zisterzienser und andererseits das Interesse an der Passion Christi, die der Mönch nachvollzog, entscheiden geworden".

Alle Szenen seien "auf die notwendigsten Figuren vereinfacht und vor besternte, blaue oder rote Teppiche gestellt" gewesen.

"Die schmalen Figuren" seien "ausdrucksvoll bewegt, die Gesichtstypen hager" gewesen.

"Das Rahmungssystem, die Baldachine über den Bildern und der Figurenstil" sollen an "kölnische Arbeiten" erinnert haben.[17]

HEUTGER [17] legte 1968 dar:

"Dieses gewaltige, in sich aber nicht einheitliche Fenster, war seinerseits nur der Rest eines noch 1637 bezeugten zwölfteiligen Zyklus, von dem selbst 1819 noch 9 ganze Fenster erhalten waren."

Hierzu führte HEUTGER weiter aus, dass "einige erhaltene Bruchstücke des zerstörten Ostfenserters, der Rest einer Kreuzigung, eine Ankündigung des Todes der Maria und ein jugendlicher König mit höfisch-femininen Gesichtszügen", seien in die drei östlichen Fenster des nördlichen Seitenschiffes des Langhauses eingefügt worden.

Das nach Profanierung der Kirche 1838 ausgebaute mittelalterliche Querhaus-Nordfenster gelangte über die Kapelle des herzoglich braunschweigisch-lüneburgischen Schlosses Blankenburg (Harz) vor dem Ende des Zweiten Weltkireges auf die Marienburg bei Nordstemmen und wurden schließlich vom Welfenhaus dem Kloster Amelungsborn 1964 zurückgegeben.[20]

Dieses zwölfteilige Fenster habe "in kräftiger Farbigkeit zwölf Vorfahren Christi" in Glasbildern dargestellt, "bärtige Männer, die in mit Weinlaub umrankten Medaillons thronen".

Die Glasbilder sollen einer Folge von rund alttestamentarischen 60 Figuren des Stammbaumes Christi nach den Evangelisten Lukas und Matthäus angehört haben, des "ausführlisten derartigen Zyklus der deutschen Glasmalerei".[17] [20]

Dem 1945 zerstörten Ostfenster sollen, stilistisch gesehen, die nach Amelungsborn zurückgekehrten zwölf, im 14. Jahrhundert entstandenen Medaillionfenster, welche 1966 in das rechte Seitenfenster des Chorraumes eingebaut worden seien, nahe gestanden haben.

"In dem Maßwerk des Querhaus-Nordfensters, also der ursprünglichen Stätte des Stammbaumes Christi, finden wir oben, höchst ungewöhnlich, zwei Vierpasse übereinander.

Ganz oben thronte hier Christus, darunter aber Maria, die also aus der Ahnenreihe Jesu herausgehoben wurde."[17]

Die "figürliche Art der Amelungsborner Fenster" stelle - ordenshistorisch betrachtet - "ein Anzeichen des Abgehens von der ursprünglichen Regelstrenge" gemäß der Generalkapitel von 1157 (§ 15f. + 21) und 1182 (§ 11) dar.[17]


Spekulative Frage zur Diskussion:

Kam das Fensterglas für die Maßwerkfenster der Zisterzienserklosterkirche aus dem Hellental - dem "Alten Tal der Glasmacher"?

Um 1129 gestiftet, wurde 1135 auf dem Odfeld bei Stadtoldendorf das Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich gegründet.

Es bestehen in der Fachliteratur "älteste Hinweise aus klösterlichem Milieu", so auch für das Kloster Amelungsborn.[10]

Obwohl nach dem Generalkapitel von 1157 und 1182 bunte Glasfenster ausdrücklich verboten waren, könnte dennoch ein klösterlicher Zusammenhang zwischen mittelalterlichen Waldglashütten im Hellental - Klosterland als Außenbesitzung im nördlichen Solling (?) - und dem nahe gelegenen Kloster bestanden haben.[38][10]

Die topografische Lage in Verbindung mit den zisterziennischen Bestrebungen zur Urbarmachung des Waldes legen einen Zusammenhang zwischen mittelalterlichen Waldglashütten im Hellental - Klosterland als Außenbesitzung im nördlichen Solling (?) - und dem Kloster Amelungsborn nahe.[38]

Dabei gilt es, auf die Grenzen der Klosterherrschaft Amelungsborn in der frühen Neuzeit hinzuweisen.[35]

Das Kloster Amelungsborn hatte seit dem 13. Jahrhundert in seinem Streubesitz auch Waldbesitz (Klosterforsten) am nördlichen Sollingrand - mit Grundbesitz/Grundrechten im Umfeld der Dörfer Heinade und Merxhausen/Holzberg.[22][23][35]

"Ungefer umb das jar Christi 1283" gab es nach LETZNER unter den handwerklich tätigen "Leien bruder" des "Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" auch fleißig arbeitende "kunstliche glaser" [14] - wahrscheinlich im Rahmen einer größeren klösterlichen Baumaßmahme bei den "vornehmsten Gebäude".[11]

In wahrscheinlich verlorenen gegangenen Kirchenfenstern sei, neben den beiden Wappen von "Albrechts des fetten, h: zu Brunschweig und Lunenborg und herr zu Gottinge, welchs gemhalin war Rixa Vn Wenden" die "Ebersteinischen und Homborgischen Wape zu sehen" gewesen.[13]

 

Zisterzienserkloster Doberan 1171-1552 │ Filiation mit großem Glasbedarf

Das Kloster Doberan nahe der Ostsee (bei Rostock) ist eine Tochtergründung des Klosters Amelungsborn (Filiation: Morimond - Kamp - Amelungsborn).[30]

Dessen Gründung/Besetzung wurde 1171 und nochmals 1176 durch den von Amelungsborn ausgehenden Wendenbekehrer Mönch Berno veranlasst.

Es war die erste Klostergründung in Mecklenburg durch Zisterzienser (Berno wurde 1158 erster Bischof von Mecklenburg).

Bei dem Kloster mit reichen spätmittelalterlichen Kirchenausstattungen und seinen zahlreichen Klosterhöfen war ein großer Bedarf an Glas vorhanden.

Wie sich hierzu aus einer Urkunde vom 17. Februar 1268, in welcher Fürst Waldemar von Rostock einige streitige Grenzen des Doberaner Klostergebietes festsetzte, ergibt, legten Mönche des Zisterzienserklosters bereits im 13. Jahrhundert Glashütten an.

Die frühe Aufhebung erfolgte im Jahr 1552.

Die Kirchenausstattung des Zisterzienserklosters weist kurz nach 1300 geschaffene Glasfenster auf.

 

Andere Zisterzienserklöster mit mittelalterlichen Glasmalereien

  • Zisterzienserinnenkloster Marienhausen bei Aulhausen (Rheingau) │ vor 1189-1811 │ Paternität: Eberbach │ Fensterfragment mit Glasmalerei in Bleiruten │ um 1220 (Mittelrhein) / 1. Hälfte 15. Jahrhundert (Köln) [27]

  • Zisterzienserabtei Pforta (Sachsen-Anhalt) │ mittelalterliche Chorverglasung der Klosterkirche │ Ornamentscheiben mit Teppichmuster │ um 1251-1268 │ farbloses Waldglas, rot, grün und blau gefärbte Punkte, rotes Überfangglas mit Ausschliff, schlichte Grisaillemalerei [28]

  • Abteikirche Altenberg │ 1133-1803 │ großer Bestand zisterzienischer Glasfenster: Kreuzgangverglasung, Westfenster [33]

  • Kloster Wienhausen bei Celle │ 1229-1531 │ mit Glasmalerei versehene Klausur [34]

 

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[1] LINGEN 2021, S. 5, 13.

[2] Datierung nach Angaben im digitalen Bildarchiv des Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland.

[4] Blog-Artikel des Schweizerischen Nationalmuseums vom 27. August 2021 von Alexander Rechsteiner, Kommunikation des Schweizerischen Nationalmuseums.

[5] Die Inschriften des Landkreises Holzminden │ Bearbeitet von Jörg H. Lampe und Meike Willing. DI 83, Landkreis Holzminden (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net.

[6] GROSSE BAUDENKMÄLER. Heft 338. 5. Aufl.. München, Berlin 1998, S. 12-14.

[10] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[11] nach LETZNER: "Kürtze Beschreibüng des Fürstlichen Stiffts Und Closters Amelüngsborn" in GÖHMANN 1991, S. 17.

[13] GÖHMANN 1991, S. 17-18.

[14] vermutlich Fensterglaser, aber auch (Roh-)Glasverarbeitende.

[17] HEUTGER 1968, S. 35-36 - mit Hinweis auf H. WENTZEL: Gotische Glasmalereien für Amelungsborn. Pantheon. Internat. Zeitschr. für Kunst III 1965, S. 139-145.

[20] GÖHMANN 1982, S. 50-51.

[21] Als "Grisaille" wird eine schlichte Malerei - auch Glasmalerei - bezeichnet, welche ausschließlich in den Farbtönen grau, weiß und schwarz ausgeführte wurde.

[27] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 109, 247 Kat. 81.

[28] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 109, 184 Kat. 7.

[30] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 308, 329.

[31] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 123-131.

[32] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 106-113.

[33] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 109-111, 304.

[34] LVR-LANDESMUSEUM BONN 2017, S. 100, 110, 326.

[35] LILGE 2000, S. 13-24.

[37] RAULS 1983, S. 34.

[38] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.

[47] LAMPE/WILLING 2012, S. 52-52 (Nr. 6), Tafel 2 Abb. 2.

[49] MÜLLER 1994, S. 5.

[51] KUNZE 2020, S. 33.