»ANSTECKEND!«

Klaus A.E. Weber

 

▷ [hmh MuseumSpecial »SEUCHEN«


„Foul Fashion“: Venezianische Pestmaske │ Nachbildung

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die Pest - Urbild einer Seuche

Im Irrglauben sich nicht mit der Pest anzustecken, tragen einige Ärzte in Italien und Frankreich während der Frühen Neuzeit eine „Schnabelmaske“.

Die ausgestellte Nachbildung zeigt eine vereinfachte Pestmaske, die in der Literatur zum unverwechselbaren Sinnbild eines „Pestdoktors“ avancierte.

 

Große Pest im 18. Jahrhundert im Braunschweiger Land

Zwischen 1350 und 1681 treten Pestepidemien in der Stadt Braunschweig auf.

Die Pestwellen in der Stadt gehen mit Verlustquoten von teils mehr als 30 % der Bevölkerung einher.

Für 1681 ist der letzte Ausbruch in Braunschweig belegt.

Während die Pestepidemie 1708-1714 das Königreich Preußen heimsuchte, wurde 1713 Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel geboren … und noch am selben Tag getauft.

 

Blattern │ Bald hier, bald dort ...

Grassierende Pocken

in der Regierungszeit von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1735-1780)

Der Krankheitserreger der Pocken oder Variola (auch Blattern) ist das Pockenvirus (Variola Major), das erst 1906 entdeckt wurde.

Seine Übertragung erfolgte direkt von Mensch zu Mensch, vornehmlich durch Tröpfchen.

Die hohe Ansteckungsfähigkeit war mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden.

Im Überlebensfall war oft die Entstellung bis zur Unkenntlichkeit die klinische Folge.

In Zentraleuropa kam es im 18. Jahrhundert zur epidemischen wie endemischen Pocken-Ausbreitung, die zu einer Kinderkrankheit mit enormer Sterblichkeit wurde.

Selbst das Habsburger Kaiserhaus blieb nicht verschont.

So erkrankte Maria Theresia (1717-1780) -  älteste Tochter von Kaiser Karl VI. und Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel - im Jahr 1767 an den Pocken, die sie überlebte.

Im selben Jahr erlag ihre 1751 geborene Tochter, die Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, einer Pockeninfektion.

Für die hiesige DORF:REGION wurden zwischen 1762–1872 insgesamt 26 Pocken-Sterbefälle in Kirchenbüchern dokumentiert, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

Während des 18./19. Jahrhunderts kam es zur Entwicklung und Durchsetzung der Pocken-Vakzination.

Während der "Franzosenzeit" (1806-1815) wurde die Pockenschutzimpfung als besonders fortschrittliche gesundheitspolitische Maßnahme im Braunschweiger Land durchgeführt.

1979 wurden die Pocken von der Welt­gesund­heits­organi­sation offiziell für ausgerottet erklärt.

 

Pädiatrische Impflanzetten

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 Pädiatrische Impffedern von Brause & Co. │ Iserlohn

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber


Anwendung von Pockenimpfstoffen │ Pockenschutzimpfung

 

Impflanzette & Impffeder

Ausgestellte pädiatrische Impflanzetten und Impffedern (Metall) zeigen, wie im Landkreis Holzminden um 1960 gegen die hochgradig ansteckenden Pocken geimpft wurde.

Bis 1970 war diese Impfung in Deutschland eine Pflicht, die am Oberarm eine typische Narbe hinterlassen hat.

  • Impffeder Nr. 850 von Brause & Co. │ Iserlohn

 

Bifurkationsnadel 

Die Bifurkationsnadel ist eine Impfnadel mit zweigeteilter Spitze, um die erforderliche Impfdosis des Pockenimpfstoffes auf ein Viertel zu verringern.

Sie wurde 1966-1977 beim WHO-Programm zur Eradikation der Pocken angewandt; um 2003 bevorratet wegen angeblich befürchteter bioterroristischer Anschläge mit Pockenerregern.

 

Reihenimpfungen

„Impfnadel-Karussell“ für Reihenimpfungen in den 1960er Jahren

  • ACUFIRM Injektionsnadeln │ aus rostfreiem V2A Krupp-Stahl │ Nirosta

 

„Impfnadel-Karussell“ für Reihenimpfungen in den 1960er Jahren

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Mehrweg-Glasspritzen mit Rekord-Ansatz und Kanülen (Injektionsnadeln)

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber


Syphilis (Lues)

Behandlung der Syphilis mit Asurol®

ASUROL® │ Antisyphilitikum │ um 1910

2 Medizinfläschchen ASUROL │ farbloses Glas │ 12 ccm │ Nr. Boden 7189 [2]

Aufprägung: ASUROL-WERK │ WEISSENSTADT/FICHTELGEB

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Quecksilbersalze wie das Asurol weit verbreitete Heilmittel zur Behandlung der Syphilis – einer sexuell übertragbaren, in mehreren klinischen Stadien verlaufenden Infektionskrankheit.[3]

 

Medizinfläschchen ASUROL® │ um 1910

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Seuchen-Equipment im Landkreis Holzminden │ um 1970 [1]

∎  Seuchen-Schutzkleidung

Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) wurde vom ehemals staatlichen Gesundheitsamt in Holzminden vorgehalten.

Die PSA der Firma SAEGER (Hospitalkleidung Essen) besteht aus drei Komponenten:

  • Unterkleidung aus Baumwollnessel

        1 Stoffhose mit Stoffgürtel │ 1 Stoffjacke│ 1 Stoffmütze

  • 1 Paar Gummischuhe
  • Wegwerf-Garnitur (Polytasche) zum einmaligen Gebrauch

        1 Polyglocke │ 1 Paar Handschuhe │ 1 Mundschutz

 

∎ Raumluftentkeimung & Flächendesinfektion

Bei dem Hochleistungs-Nebelgerät „MICROJET 109“ wurden zu vernebelnde Wirkstoffe eingesetzt - wie spezielle Nebelpräparate, Lösungsmittel, Emulsionen und andere Flüssigkeiten.

Das mobile Nebelgerät der Firma Defensor AG (Zürich) wurde im Mai 1970 vom damaligen staatlichen Gesundheitsamt in Holzminden angeschafft.

Verwendung fand der Nebelerzeuger bei der mechanischen Desinfektion und  Schädlingsbekämpfung.

 

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[1] Aus dem ehemals vorgehaltenen Bestand des staatlichen Gesundheitsamtes im Landkreis Holzminden.

[2] Bodenfund am Heukenberg bei Mackensen │ Michael Begemann │ April 2020.

[3] Literatur:

Bäumer: Ältere und neuere Methoden der Quecksilberbehandlung. Berliner Klinik 1910. Heft 264.

Bäumer: Zur Behandlung der Syphilis mit Asurol. Therapie der Gegenwart 1910. Nr. 10.

Fischer: Über Syphilisbehandlung. Dermatol. Zentralblatt 1910. Nr. 11.

Hauck: Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Syphilistherapie. Münch. med. Wochenschrift 1910. Nr. 27.

Hoffmann: Über Asurol zur Behandlung der Syphilis. Medizin. Klinik 1910. Nr. 27.

Hoffmann: Zur Injektionstherapie der Lues. Archiv für Dermatologie und Syphilis 1911. Bd. CV.

Jessner: Zur Injektionsbehandlung der Syphilis. Therapeutische Monatshefte 1910. Nr. 2.

Karwowski: Über Asurol. Przeglad Lekarski 1910. Nr. 24.

Kunreuther: Über die Wirksamkeit des Asurol. als Antisyphilitikum. Monatshefte f. prakt. Dermatol. 1911. Bd. LII. Nr. 5.

Lion, V.: Zur Syphilistherapie mit Asurol. Arch. f. Dermat. 113, 713–718 (1912). https://doi.org/10.1007/BF01825805.

Loeb, Otto: Neue Mittel. Über Asurol zur Behandlung der Syphilis. Von Dr. Hoffmann, aus d. Klinik f. Hautkrankheiten der Krankenanstalten der Stadt Düsseldorf. In: Medizinische Klinik. Band 6, 1910, S. 1054; auch in Therapeutische Monatshefte. Band 24, 1910, S. 553.

Mayer: Zur praktischen Bewertung des Asurols. Berliner klin. Wochenschr. 1911. Nr. 12.

Neisser: Asurol, ein neues Quecksilbersalz zur Syphilisbehandlung. Therapeutische Monatshefte 1909. Nr. 12.

Rock: Die Behandlung der Syphilis mit Asurol. Wiener klin. Wochenschrift 1910. Nr. 33.

Schöller/Schrauth: Zur Synthese des Asurol. Therapeutische Monatshefte 1909. Nr. 12.

Schönfeld, Walther: Über die einzeitig kombinierte intravenöse Quecksilbersalvarsanbehandlung der Syphilis unter besonderer Berücksichtigung von Novasurol-Silbersalvarsanmischungen. In: Münchener medizinische Wochenschrift. Band 68, 1921, S. 197–199.

Schrauth/Schöller: Biochemische Untersuchungen über aromatische Quecksilberverbindungen. Biochem. Zeitschr. 1911. Bd. XXXII. Heft 5–6.

Siebert: Die Praxis der modernen Syphilistherapie nebst ihren theoretischen Grundlagen. Jahreskurse f. ärztl. Fortbildung. 1911. Nr. 4.

v. Veress: Über den Wert der Asurolinjektionen bei der Therapie der Syphilis. Die Heilkunde 1910. Nr. 9.