Heimsuchung der Sollingregion - ab 1622

Klaus A.E. Weber

 

Das Wesertal wurde im Dreißigjährigen Krieg zum Durchzugsgebiet gegnerischer Kriegsparteien.

Spätestens zur Mitte des Jahres 1622 wurde auch der Solling und die DORF:REGION vom Kriegsgeschehen heimgesucht.

Am 14. Januar 1624 war es zu einem feindlichen Einfall des Feldherrn Tilly mit seinen kaiserlichen Truppen in das braunschweigische Holzminden gekommen.

Im Sommer des gleichen Jahres kam es durch Tillys Truppen der Katholischen Liga zur Besetzung, Plünderung und teilweisen Brandschatzung von Stadtoldendorf.

Für den 16. Oktober 1624 ist für Reileifzen vermerkt:

"... verschiedenes Jahr bei Michaelis seien das spamische Kriegsvolk Reileifzen ganz und gar ausgeplündert, Pferde und Vieh weggetrieben, alles zerschlagen, Mann und Weib, so sie haben erhaschen können dermaßen tractiret, daß etzliche des Todes gestorben."[1]

Auch das Amt Wickensen, zu dem Heinade zählte, wurde ausgeraubt.

Im Zeitraum 1625-1627 blieben letztlich kein Dorf und keine Stadt der Sollingregion vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen verschont.

So wird für den 17. Juli 1627 notiert, dass in Lobach "drei Einwohner abgebrannt sind" und darüber hinaus:

"Im Kloster und in den Dörfern Holenberg, Negenborn, Arholzen und Lobach vorm Jahr 60 Kühe und im vergangenen Herbst 107 Schweine auf einmal zugleich weggenommen."[1]

Auch ist gut dokumentiert, dass während dieser Zeit Waldglashütten im Hils und Vogler von marodierenden Soldaten überfallen und niedergebrannt wurden [5], möglicherweise auch die Glashütte im oberen Hellental im Solling.

Für den 15. Juli 1638 ist vermerkt, dass  die "Kayserlichn Völker " von Markoldendorf nach Dassel, Heinade, Deensen und Arholzen zogen.[6]

Auch drangen 1638 Dorfbewohner aus Holenberg, Negenborn und besonders aus Lobach mit Gewalt in drei Klosterscheunen ein und droschen das Korn aus.[1]

Voh dem Calenberg-Braunschweiger Georg (1582-1641), Herzog von Braunschweig und Lüneburg, erging am 08. Juni 1640 eine Aufforderung "an alle von Campes in Deensen":

"... die Gefahr je länger desto größer wird und allem Ansehn nach unserm Fürstentum und Landen sich nähern droht, dahero vonnöten sein will, daß man sich dergestalt gefaßt halte, damit soviel möglich dem vor Augen schwebenden Unheil mit gesamter Hand und Möglichkeit begegnet und das liebe Vaterland zum wenigsten in einem erträglichen Zustande erhalten und vor dem äußersten Untergang errettet werden möge, als ... begehren und wollen wir, daß ihr so viel wohl mundierte (ausgerüstete) Pferde, als ihr vermögt, mit guten, wahrhaften Dienern, auch Gewehr und anderer Notdurft der Gebühr versehen, auf den 13. d. Ms. bei unserer Stadt Gronau verordneten Sammelpletz unausbleiblich erscheint und fernere Verordnung erwartet".[7]

Über die personellen wie materiellen Kriegsschäden in den Bauerndörfern der DORF:REGION Heinade [8] und Merxhausen, wie insbesondere zu den Namen der Geschädigten, liegen bislang keine historisch ausreichend erschlossenen Berichte und Analysen vor.[2]

Bekannt ist aber, dass Heinade in den Kriegsjahren 1643-1646 keine Kirchenrechnung erstellt hat, "weil dieses Dorf durch den langwierigen Krieg fast gar verwüstet, daß nichts von den Kirchenintraden erhoben werden können".[6]

Nur wenige Tage vor dem Westfälischen Friedensschluss wurde Nolte Ebbecke aus Merxhausen am 12. Oktober 1648 von einem Kriegsgericht oder von einem einzelnen Richter („Militär-Profoß“) des katholischen Lagers auf der stahlischen Weserseite aus nicht bekannten Gründen zum Tode verurteilt.

Der Holzmindener General-Superintendent Christian Winichius soll Ebbecke auf dessen Bitten hin das Heilige Abendmahl gereicht haben.

Ebbeckes Hinrichtung war bereits auf den folgenden Tag festgesetzt worden.

Über das weitere Schicksal des Delinquenten ist hingegen nichts bekannt.[3]

Regionalhistorisch interessant ist auch, dass noch im Jahr 1685 in Corvey ein mehrmonatiger Hexenprozess geführt wurde.[4]

 

Grabplatte des „ehrbaren“ Jürgen Specht

Über den von 1608 bis 1681 lebenden Jürgen Specht ist genealogisch nur sehr wenig bekannt.

Sicher ist aber, dass Jürgen Specht seine „besten Jahre“ inmitten der Kriegswirren des verheerenden Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) verbrachte.

 

Literatur

Ausführliche und anschauliche Beschreibungen zu den regionalen und lokalen Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges sind u.a. zu entnehmen

  • der „Ortschronik Deensen“ von RAULS [1983, S. 87-101]

  • der „Ortschronik Wangelnstedt“ von ANDERS [2004, S. 228 ff.]. 

Von „Ackerleuten, Hexen und Söldnern, dem Bürgerleben in Holzminden vor und nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges“ (einschließlich einer Liste der Einwohner von Holzminden zwischen 1598-1673), berichtet das regionalhistorisch bedeutsame Buch von KIECKBUSCH [2004].



[1] Den von Wolfgang Anders 12/2020 überlassenen Aufzeichnungen von Wilhelm Rauls entnommen │ NLA WO, 11 Alt Amelungsborn Nr. 39. 

[2] Der „Deenser Ortschronik“ ist zu entnehmen, dass Heinade vom Dreißigjährigen Krieg besonders schwer betroffen war [RAULS 1983, S. 99 f.].

[3] KIECKBUSCH 2004, S. 311.

[4] SCHREGEL 1995. Zum finsteren Kapitel „Hexenwahn und Hexenprozesse“ wird auf die ausführlichen Darlegungen in der „Ortschronik Deensen“ von RAULS verwiesen [1983, S. 80 ff.].

[5] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015. S. 277-290.

[6] Den von Wolfgang Anders 12/2020 überlassenen Aufzeichnungen von Wilhelm Rauls entnommen │ Stadtoldendorf in der Spdtr. Holzminden. Ephoralarchiv Holzminden: Kirchenrechnungen Deensen.

[7] Den von Wolfgang Anders 12/2020 überlassenen Aufzeichnungen von Wilhelm Rauls entnommen │ Praes. Deensen 11. Juni 1640.

[8] RAULS 1983, S. 99-100.