Technik- & Personaltransfer

Klaus A.E. Weber

 

 

© [hmh, Grafik:Klaus A.E. Weber (2021-02)

 

Arbeitsmigration

Nachdem nach OHLMS [15] zur Mitte des Jahres 1744 das Hüttengebäude samt des Grünglasofens am Schorbornsteich fertiggestellt worden seien, habe man mit Hellentaler Personal und Gerätschaften die Grünglasherstellung aufgenommen. 

Die am Hellentaler Werkweiler verbleibenden Bewohner*innen wurden zunächst ihrem weiteren Arbeits- und Lebensschicksal überlassen, ebenso die schlichten Wohngebäude.

Der ab 1735 regierende Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel soll versucht haben, die Steinbeker Hüttenbelegschaft ("Gundelachsen Hütten Laboranten") durch

  • Gewährung sozialer Vorteile, wie die Errichtung ortsfester "Laborantenhäuser" (Fabrikantenhäuser = Arbeiterhäuser, Glasmacherwohnungen),
  • dauerhafte Ansiedlung
  • die Bestätigung ihrer alten Glasmachervorrechte

für das Betreiben der "Fürstlichen Glasmanufaktur am Schorborner Teich" zu gewinnen.[45]

 

1745/1746 │ Schorborn

Übersiedlung nach Schorborn an die Fürstliche Glasmanufaktur

Es kann davon ausgegangen werden, dass in den Jahren nach der Stilllegung der Glashütte Steinbeke - um 1745/1746 - fast alle Glasmacher bzw. Hüttenfacharbeiter mit ihren Familien ihre Werkssiedlung im Hellental verlassen haben, um angesichts der sozialen Vorteile und landesherrlich zugesagter privilegierter Stellung unmittelbar nach Schorborn an die dortige Fürstliche Glasmanufaktur oder auch an andere Hüttenstandorte im Weser-Leine-Bergland zu wechseln.

Nach BLOSS [8] - wie durch die genealogischen Forschungsergebnisse zum Hellentaler Ortsfamilienbuch belegt [48] - verschwinden „wie abgeschnitten” ab 1745 die ursprünglichen, traditionellen Glasmachernamen aus dem Kirchenbuch Heinade; letzte Erwähnung von Glasmacherrn im Heinader Kirchenbuch unter "Steinbeke" am 17. Dezember 1745.

Das Kirchenbuch "bei der Fürstlichen Glaßhütte bei den Schorborner Teich" beginnt am 09. Februar 1746 mit einer ersten Eintragung.[8][16][17]

Soweit die alten Hüttenarbeiter nicht auf der Glashütte in Hellental verblieben, übersiedelten sie Anfang 1746 nach Schorborn [5], so dass ab 1746 sie dann zum großen Teil im ersten Kirchenbuch von Schorborn wieder zu finden sind, wie u.a.

  • Stender

  • Seitz

  • Kaufhold

  • Schlieker.

Nach RAULS sei später der "Weißhohlglasmacher" Pfaff aus Thüringen hinzugekommen.[5]

Hlerbei handelt es sich wahrscheinlich um den Weißhohlglasmacher und Vorbläser Johann Bernhard Pfaff (~1717-1792).[6]

Daraus kann gefolgert werden, dass die einst als geschlossen imponierende Glasmachergesellschaft der Glashütte Steinbeke im Hellental sich allmählich durch Abwanderungen auflöste.

Die Hellentaler Glasmachernamen Brandt und Schlieker blieben zunächst nur durch die in Hellental geborenen Kinder im Kirchenbuch Heinade erhalten.

Es verblieben letztlich in der alten Werkssiedlung am ehemaligen Hüttenstandort Steinbeke, neben wenigen Glasmachern, Köhler, Holzhauer und Leinenweber.[49]

Von dem am 25. Juli 1756 in Hellental geborenen Johann Friedrich David Schütte ist bekannt, dass er als „Schürer“ tätig war, wahrscheinlich auf der Fürstlichen Glashütte in Schorborn.

Auch dieser Umstand stützt die These, dass nur ein, wenn auch sehr großer Teil der ehemaligen Glasmacher der Steinbeker Glashütte nach Schorborn wechselten, ein anderer, kleinerer Teil der Hüttenbelegschaft in der alten Werkssiedlung verblieb.

Johann Friedrich David Schütte war dann um 1814 als „Gemengemacher“ in der Mühlenberger Glashütte tätig und in seinem letzten Lebensjahr 1827 dort „Glasermacher“, wo er am 25. Juli verstarb.

Im Juni 1776 hatte er in Hellental Johanne Louise Catharine Meyer geheiratet.

Erst 11 Jahre nach Schorborn erhielt "Hellenthal" 1758 ein eigenes, vom Schulmeister Franke geführtes Kirchenbuch, in dem von den bekannten Glasmachernamen nur noch die Namen "Seitz" und "Kunkel" dokumentiert sind, die aber anderen Berufen nachgehen.[7]

 

Alter Glasmachernamen "Kunkel" im Sollingwald bei Hellental │ März 2007

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

1745/1746 │ Holzen

Übersiedlung des Glasermeisters Kauffeldt nach Holzen an die Fürstliche Glasmanufaktur

Nach dem Verkauf der Glashütte Zur Steinbeke siedelte der am 24. Februar 1722 auf der Glashütte im Hellental geborene Glasermeister Jobst Daniel Kauffeldt mit seiner Familie vom Hellental im Solling nach Holzen am Südosthang des Ith-Mittelgebirges über.

Da nach dem Glasmacher-Register von KUNZE [4] Jobst Daniel Kauffeldt noch 1743 als Bewohner der Hellentaler Glashütte geführt wird und ihm seine erste Ehefrau Sophia Elisabeth Hirschberger - welche er im Dezember 1743 in Deensen in erster Ehe geheiratet hatte - sechs Kinder zwischen Dezember 1745 – Juli 1758 "in der Holzener Hütte" gebar, ist anzunehmen, dass die arbeitslos gewordene Hellentaler Glasmacherfamilie um 1744/1745 nach Holzen zur dortigen neu gegründeten fürstlichen Glasmanufaktur übersiedelte.

Hier war am Renneberg vom Braunschweiger Herzog Carl I. 1744 die ortsfeste Glasmanufaktur zu Holtensen zur Flaschenproduktion (Bouteillen) gegründet worden.[1]

Kauffeldt wollte hier wieder eine neue berufsgerechte Anstellung als etwa 22-jähriger erfahrener Glasmacher finden.

Vormals auf der Glashütte Steinbeke als „Glasermeister“ bezeichnet, wurde Jobst Daniel Kauffeldt 1748 und 1761 als „Hohlbläser“ auf der Holzener Glashütte genannt.[2]

Als 39-Jähriger ehelichte Jobst Daniel Kauffeldt am 12. Januar 1762 in Holzen in zweiter Ehe Engel Regina Runge, die Tochter des dortigen Kistenmachers Hans Erhardt Runge.

Aus der Ehe gingen zwischen 1763–1765 zwei Kinder hervor, die beide in der "Capelle zu Holzen" getauft wurden.

 

Fürstliche Glasmanufaktur Holzen │ Juni 2020

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Im Jahre 1768 - nach 24 Jahren Betriebszeit - wurde das einst florierende Unternehmen der fürstlichen Bouteillen-Manufactur am Ith stillgelegt.[3]

Jobst Daniel Kauffeldt war damals 46 Jahre alt.

Die Eltern des Hellentaler Glasermeisters Jobst Daniel Kauffeldt waren der aus Mecklenburg zugewanderte Glasmacher Jürgen Christoph Kauffeldt und Anna Dorothea Margaretha Bartels, die 1721 in Mackensen geheiratet hatten.

Bemerkenswert für den Stand der Glasermacherfamilie Kauffeldt im Hellental ist, dass Jobst Henrich Gundelach als Glashüttenbesitzer im Hellental Taufpate (Gevattern) von Jobst Daniel Kauffeldt war, dem erstgeborenen Sohn des „Glasermeisters im Hellenthal“ Jürgen Christoph Kauffeldt.

 


[1] LEIBER 2005, S. 88 ff.; HENZE 2004, S.100 ff.

[2] NÄGELER, persönliche Mitteilungen 08/2005; HENZE 2004, S. 103.

[3] LEIBER 2005, S. 88 ff.

[4] KUNZE 2000.  

[5] RAULS 1983, S. 316.

[15] OHLMS 2006, S. 7.

[16] OHLMS 2006, S. 9.

[17] Hierzu wird auf das Ortsfamilienbuch "Schorborn mit Schießhaus" von Wolfgang F. Nägeler vom November 2013 verwiesen.

[45] OHLMS 2006;  SCHOPPE 1989; RAULS 1983; TACKE 1969; BLOSS 1961.

[48] NÄGELER/WEBER 2004.

[49] LILGE 1993; BLOSS 1950.