Arbeiter-Reihenhaussiedlung "einerlei Größe"

Klaus A.E. Weber

 

Anwerben von "Gundelachsen Hütten Laboranten"

Der ab 1735 regierende Herzog Carl I.von Braunschweig-Wolfenbüttel soll versucht haben, die Steinbeker Hüttenbelegschaft - die "Gundelachsen Hütten Laboranten" - für das Betreiben der neuen Fürstlichen Glasmanufactur am Schorborner Teich zu gewinnen [4] durch

  • Gewährung sozialer Vorteile, wie die Errichtung ortsfester "Laborantenhäuser" (Fabrikantenhäuser = Glasmacherwohnungen)

  • dauerhafte Ansiedlung

  • die Bestätigung ihrer alten Glasmachervorrechte

Mit der wohnungsbauliche Anlage der "Langen Reihe" und durch die Gewährung von kostenlosem Bauholz und Steuererleichterungen sind die ersten Glasmacherhäuser 1745 "auf Rechnung der Kammer erbaut" worden.[3][4][5]

Diese landesherrlich ehemals großzügigen Bauvergünstigungen wurden in Folge des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) bei späteren Neuanbauern erheblich beschnitten, in Schorborn wie in Hellental.

Nach BLOSS [3] waren noch 1753 bauwillige Anbauer zeitlebens von allen "oneribis publicis" (öffentlichen Lasten) freigestellt, so wurden die nun die Freijahre auf 22 bzw. 14 Jahre zurückgefahren.

Die freie Bauholzabgabe wurde ganz fallen gelassen, bestenfalls der Forstzins reduziert.

Die erste Eintragung in das Kirchenbuch "der fürstlichen Glaßhütte bei den Schorborner Teich" vom 09. Februar 1746 legt nahe, dass die neuen Laborantenhäuser zu Beginn des Jahres 1746 bezogen wurden.[7]

 

1774

Im Jahr 1774 bestanden 32 Häuser, in denen 216 Personen wohnten; um 1785 280 Personen.[5]

Vergleichbare Häuseranlagen einer "Reihenhaussiedlung" der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestehen in

 

In gleicher Fluchtlinie errichtete Häuserreihen in Hellental │ um 1792

NLA WO, 2 Alt Nr. 11 104 / K 3344

 

Privat- und Fabricanten-Wohnungen│ um 1795

50 Jahre nach Errichtung der ersten Glasmacherhäuser ("Laboranteenhäuser")

1748 übernahm der braunschweigische Hof-Jägermeister Johann Georg v. Langen die Oberinspektion über die landesherrliche Schorborner Glasmanufaktur.

Hierbei soll er auch die Siedlung mit ihrem schachbrettartigen Grundriss und die Hausanlage der "Fabrikantenhäuser" persönlich entworfen haben mit "einerlei Größe und gleicher Einrichtung", vorgesehen für zwei Familien (Hauswirt und Mietsleute).[3]

 

Bauphase 1 - Die Arbeiterhäuser der "Langen Reihe"

Als erste Siedlungsanlage beginnt die "Lange Reihe" mit dem "Herrenhaus", der Schule und dem Arbeiterhaus mit der Ass.-№ 1, charakterisiert durch eine auf der Westseite gleiche Fluchtlinie.[1]

 

In gleicher Fluchtlinie errichtete Häusergruppe der "Arbeiter-Reihenhaussiedlung" │ Haus-№ 1-13 │ um 1795

Auszug aus dem "Plan der Glashütte zu Schorborn 1795"

NLA WO, 50 Neu 4 Nr. 3637

 

Hausbewohner*innen │ Ass.-№ 1-13

  • 1. Christian Kauffold

  • 2. Christian Jürgens

  • 3. Batholomaeus Seitz

  • 4. Christoph Schlieker

  • 5. Ludwig Wiegels Wittwe

  • 6. Joh. (Johann) Jürg. (Jürgen) Hirschbergers Wittwe

  • 7. Franz Beckers Wittwe

  • 8. Friedrich Kauffolds Erben

  • 9. Christoph Kronen Wittwe

  • 10. Christoph Runge

  • 11. Friedrich Jürgens

  • 12. Lotte Kunkel

  • 13. Christoph Runge

 

Die planmäßige Anlage der Glasarbeitersiedlung ist in der mit dem "Herrenhaus" und der Schule beginnenden Häusergruppe "Lange Reihe" gut nachvollziehbar zu erkennen (Ass.-№ 1-13).

Ursprünglich waren die Arbeiterhäuser eingeschossig und von gleichen Abmessungen.[1]

Die "Lange Reihe" war nach TACKE [2] für 36 Familien eingerichtet.

 

Planmäßig angelegte Arbeiterhäuser der "Langen Reihe" mit Plattenweg

© Zeichnung von Curt Sauermilch │ um 1950 [37]


   Arbeiterhäuser in der "Langen Reihe", deren gleiche Fluchtlinie noch heute erkennbar ist 

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber │ Oktober 2014 │ Dezember 2020

 

Häusergruppe Ass.-№ 19-24 │ Einzelhäuser Ass.-№ 25-28 

Bauphase 2 - Die Arbeiterhäuser der "Lüttjen Reihe"

Mit ebenfalls gemeinsamer Fluchtlinie wurden als "Pendant" zur "Langen Reihe" in der "Kleinen Reihe" (heute: Am Falle / Lange Grund) ursprünglich sechs gleichförmige Arbeiterhäuser (Ass.-№ 19-24) am Westrand von Schorborn angelegt.

 

Häuser und Häusergruppe der Arbeitersiedlung │ Haus-№ 1-13 │ um 1795

Auszug aus dem "Plan der Glashütte zu Schorborn 1795"

NLA WO, 50 Neu 4 Nr. 3637

 

Hausbewohner*innen │ Ass.-№ 19-24

 

Hausbewohner*innen │ Ass.-№ 25-28

  • 25. Christoph Utermöhle

  • 26. Christoph Paffe

  • 27. Jürgen Christoph Stender

  • 28. Friedrich Seitz

 

Bauphase 3

Dem Bericht des Forstrates Trabert vom 01. Juni 1765 folgend, begann im Laufe des Jahres 1765 der dritte Bauabschnitt in Schorborn.

Wie BLOSS [1] ausführt, habe der Verwalter des Hüttengerichts, der Gerichtsschultheiß Laurentius einen Platz am Arholzer Kollieberg (Heidbrink)[9] "zu einem neuen Anbau" für sechs Glasmacher vorgeschlagen.

 

Der "Heid Brink" zwischen "Ahrholzen" und Schorborn │ 1768

Auszug aus der "Gerlachschen Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel (1763-1775)" [8]

NLA WO, K 3 Blatt 5


Gegen diesen Plan gab es Einwendungen einerseits vom Kloster Amelungsborn als Grundherren. andererseits vom Dorf Arholzen als Besitzer des Kollieberges:

"... weil sie aber aus der unzeitigen Einbildung, daß der ganze Kollieberg bebaut und zu Gärtens aptiret, mithin ihnen Hut und Weide entzogen, auch ihrem Vieh der Zugang zu der Tränke am Schorborner Teiche gäntzlich versperret werden sollte, zu solchem Widerspruch veranlaßet wurden, so standen sie davor an, als nach breitere Anzeige ... ihnen der Ungrund dieser vorgefaßten Meinung gezeiget und dargethan wurde, daß es nur eine Kleinigkeit, nämlich 48 Quadrat Ruthen, anbeträfe, welche zu sechs Baustellen ihrer Weide entzogen werden und daß vor und zwischen solchen Bau Stellen ein hinlänglich großer Zugang und Raum zur Tränkung ihres Viehes in dem Schorborner Teiche offen gelaßen werden könnte und sollte".

Nach BLOSS [1] kam es nun darauf an, dass

  • dem Kloster Amelungsborn als Grundherren "ein billiger, von denen Anbauern jährlich zu entrichtender Grund Zinß vorbehalten würde"

  • zur unentbehrlichen Tränke für das Vieh aus Arholzen die beschriebene Straße unbebaut bleibt

  • die Trift nicht beengt wird

  • jeder Anbauer nur einen vier Ruthen langen und zwei Ruthen breiten Garten bekommt

  • das Vieh der Anbauer nicht über die Anhöhe auf das Arholzer Feld läuft.

Im Gegenzug wurde argumentiert, dass die Fläche von 48 Quadratruthen "auf einem steinigen und unfruchtbaren Berge" dem Arholzer Hudebezirk "keinen solchen Abgang oder Verminderung machen ..., der einer Achtung wehrt, am wenigsten aber gegen dem durch 6 neue Anbauer dem gemeinen Wesen und gnädigster Herrschaft zu erwachsenden Vortheilen zu rechnen seyn dürfte".

Bei seinem Besuch der vorgesehenen Bebauungsfläche hatte Forstrat Trabert festgestellt, dass der Boden "ehe dem durch das Schürfen und Graben nach Sollinger Steinen schon hin und wieder aufgewühlet und durch die ausgegrabenen Steine an verschiedenen Orten verschüttet und noch mehr verdorben" sei.

Daher müssten die Gärten für die Glasmacher alle neue Anbauer "auf der anderen Seite der Grund, wo Schorborn lieget, angewiesen werden".

 

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[1] BLOSS 1950a, S. 17-19.

[2] TACKE 1943, S. 137.

[3] BLOSS 1950a, S. 20-21.

[4] OHLMS 2006;  SCHOPPE 1989; TACKE 1969; BLOSS 1961.

[5] RAULS 1983, S. 317.

[6] RAULS 1983, S. 318-319.

[7] BLOSS 1977, S. 6.

[8] ARNOLDT/CASEMIR/OHAINSKI 2006, Blattschnitt 15.

[9] Zur Namensgebung "Kollieberg" wird auf BLOSS 1950a, S. 20, verwiesen.