Hüttenrevival mit neuen industriellen "Glasfabriken"

Klaus A.E. Weber

 

Schorborn 1896

mit "Schorborner Glasfabrik V. Remmert" mit Rauchfahnen (linker oberer Bildrand) [2][5]

 

"Glas(waren)fabriken" nach 1842 [1][3][4][6]

 

1843-1858

  • die alten Hüttengebäude stehen leer und drohen zu zerfallen [8]

 

1859

  • die Glashüttengebäude werden an den Kaufmann Abraham Sollinger (*1809) aus Deensen und an den Victualienhändler Jacob Heinrich Clemens (1815-1888) aus Schorborn verkauft │ auch Kaufhold aus Schorborn soll an dem Kauf beteiligt gewesen sein [8]

 

1859-1865

  • von den oben genannten Eigentümern werden Bauanträge auf Erweiterung der alten Glashütte gestellt │ die Frage ist ungeklärt, ob mit einer Produktion begonnen wurde [8]

 

~ 1865

  • 1865 Errichtung der Bahnstationen in Stadtoldendorf [14]von dort aus Transport der Kohle mit Pferdefuhrwerken nach Schorborn
  • Neubau einer Hütte an der Straße "Am Hüttenberg" gegenüber dem Herrenhaus │ nunmehr mit Steinkohle befeuert

 

1877-1881

  • Firma Heyser & Otto, Hohlglasfabrik in Schorborn │ Inhaber ist der Hüttenbesitzer Johann Heinrich Friedrich (Fritz) Heyser (*1840 Calvörde) aus Schorborn und Carl Otto aus Herzberg [8]

 

1886-1889

  • Firma Arthur Schrader, Hohlglasfabrik [9] │ bei drekter Kohlenbefeuerung mit 40 Hüttenarbeitern Herstellung von Parfümerieflakons in einem Glasofen und 10 verddeckten Glashäfen [4]

 

1889-1896

  • Schorborner Glasfabrik V. Remmert │ Inhaber ist der Kaufmann und Glasfabrikant Bernhard Gustav Rudolf Emil Victor Remmert [10]

 

1895-1902

  • Firma August Thon & Co. Glasfabrik │ Inhaber ist der Kaufmann August Thon aus Hannover, der Kaufmann Wilhelm Feindt aus Hannover und der Werk-/Hüttenmeister Adam Karl Otto Nicko aus Schorborn [11]

 

1898-1905

  • Firma Nicko & Tittelhoff oHg Glaswarenfabrik │ Inhaber waren Friederike Wilhelmine Luise Johanne Nicko geb. Schmidt und Kaufmann Otto Tittelhoff aus Schorborn [12]

 

Nach NÄGELER [1] erscheinen, vermutlich angeworben, zwischen 1887 und 1902 wieder Glasmacher von auswärts in Schorborn als

  • Glasmacher (23 Namen)

  • Glasrbeiter (2 Namen)

  • Glasschleifer (5 Namen)

  • Schürer (1 Name)

  • Hüttenbesitzer (2 Namen)

  • Hüttenmeister (3 Namen)

  • Hüttenarbeiter (4 Namen)

Ab dem Jahr 1905 konnte, wie NÄGELER [1] ausführt, in den Kirchenbüchern von Schorborn die Berufsbezeichnung "Glasmacher" nicht mehr gefunden werden.

 

1865-1905

Neue mit Steinkohle befeuerte Glasfabrik - mit Standortwechsel

Die Glasherstellung in Schorborn wieder aufgreifend, wurde die neue Glashütte in Schorborn am Ende der "Langen Reihe" gegenüber dem alten Herrenhaus an der damaligen Straße "Am Hüttenberg" als Industriebetrieb errichtet.

Heute sind an der Kurve des "Glashüttenweges" noch bauliche Reste des ehemaligen Hüttengebäudes gut erkennbar.

Die moderne Befeuerung der Glasofenanlage erfolgte mit Steinkohle, die allerdings von außerhalb erworben und kostenträchtig antransportiert werden musste.

Als begünstigend hierfür wird die 1865 fertig gestellte Eisenbahnverbindung zwischen Kreiensen und Holzminden mit Bahmstation in Stadtokdendorf [14] angesehen.

Zur Deckung des Wasserbedarfs wurde die "Wassergasse" benutzt, welche vom Brunnen hinter dem alten Kruggebäude (heute: Weg zum "Am Wasserwerk") hoch zur Hütte führte.[8]

Den Werksbetrieb einzustellen, ist vorwiegend zurückzuführen auf

  • die ungünstig gewordene Lage im Solling mit großer Entfernung zu Handelswegen

  • die hohen Transportkosten für Steinkohle und andere Rohstoffe vom Bahnhof Stadtoldendorf [14] mit Pferdefuhrwerken nach Schorborn

  • den Glaswarenmarkt mit schwierig gewordener Absatzsituation.

 

LGLN Historische Karte (um 1900)


Fotoausschnitt: Nordseite der "Schorborner Glasfabrik V. Remmert" │ 1896 [2][5]

 

Glashütte Schorborn "iut'n Sollje"

Die in plattdeutscher Mundart von STILLE (1886-1965) im Jahr 1936 verfassten Erzählungen "Wat Anton bai'n Fischefangen un in dä Glashütte arliwet" und "Anton werd Schür in dä Glashütte" beziehen sich auf die neue Glashütte Schorborn "iut'n Sollje".[7]

Der am 28. Mai 1886 in Schorborn geborene Fabrikarbeiter Otto Ernst August Stille [13] war in der Zeit um 1900-1903 Glasmacherlehrling in Schorborn und schließlich um 1919 Registrator in Stadtoldendorf; er verstarb am 10. Juli 1965 in Deensen.

In einem von OHLMS [4] zitierten Brief an Hermann Mittendorff in Stadtoldendorf benennt Otto Stille die Hüttenbeständer:

"Die Pächter der Hütte waren ein Herr Heise, der noch im Herrenhaus gewohnt hat.

Später folgten ein Herr Remmer, die Herren Ton und Feindt und als letzte die Herren Niko und Titelhoff.

Niko hatte die Glashütte käuflich erworben und Herrn Titelhoff ais Teilhaber aufgenommen.

Hergestellt wurden die ersten Tropfgläser, eine Erfindung des Herrn Niko, die dauernd in großen Mengen angefertigt wurden."

 


Nordseite der Gebäudereste der ehemaligen Glasfabrik und späteren Gaststätte │ ~ 1865-1905 │ Dezember 2020

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber


Durch den Konkursverkauf gelangte die stillgelegte Glashütte in Besitz von Herrn Dietz aus Lobach, der sie zur Gaststätte umbaute.[1]

 

_______________________________________________________________

[1] NÄGELER 2013.

[2] Originalfotografie ("Foto-Liebert", Holzminden) aus der Privatsammlung von Barbara Mickein, Hellental, bearbeitet von Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.  

[3] NÄGELER 2013.

[4] OHLMS 2006, S. 25.

[5] MITZKAT 2018, S. 152-153.

[6] BLOSS 1950a, S. 3-6.

[7] STILLE 1969, S. 13-14.

[8] NÄGELER 2013 │ NLA WO, 40 Neu 10 Fb 6 Zg 20/1994 Nr. 1621.

[9] NÄGELER 2013 │ NLA WO, 40 Neu 10 Fb 6 Zg 20/1994 Nr. 1733.

[10] NÄGELER 2013 │ NLA WO, 40 Neu 10 Fb 6 Zg 20/1994 Nr. 1731.

[11] NÄGELER 2013 │ NLA WO, 40 Neu 10 Fb 6 Zg 20/1994 Nr. 1448.

[12] NÄGELER 2013 │ NLA WO, 40 Neu 10 Fb 6 Zg 20/1994 Nr. 1736.

[13] NÄGELER 2013 Ziff. 1391.

[14] Der Bahnhof Deensen-Arholzen soll zu jener Zeit noch nicht bestanden haben.