Epidemien & Gesellschaft

Klaus A.E. Weber

 

Seit dem 19. Jahrhundert besteht wiederkehrend der Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik: "Wie sehr darf man die Wirtschaft belasten und das öffentliche Leben einschränken, um die Gesundheit aller zu schützen?"[2]

 

PETTENKOFER (1873)

"Der freie Verkehr ist ein so großes Gut, daß wir es nicht entbehren könnten, selbst um den Preis nicht, daß wir von der Cholera und noch vielen anderen Krankheiten verschont blieben.

Eine Sperre des Verkehrs bis zu dem Grade, daß die Cholera durch denselben nicht mehr verbreitet werden könne, wäre ein viel größeres Unglück als die Cholera selbst … [3]

 

Seuchen als Attribute der Gesellschaft

Als Menschen anfingen sich niederzulassen, sind Epidemien ihre ständigen Begleiter.

Dabei spielt das dichte Beisammensein von Mensch und Vieh eine besondere Rolle.

 

Geflügelhaltung und Wohnräume in Beijing (Peking) │ 2007

 

VIRCHOW (1848/1849)

"Seuchen sind Attribute der Gesellschaft, Produkte der falschen oder nicht auf alle Klassen verbreiteten Kultur; sie deuten auf Mängel, welche durch die staatliche und gesellschaftliche Gestaltung erzeugt werden und treffen daher auch vorzugsweise diejenigen Klassen, welche die Vorteile der Kultur nicht mitgenießen."

 

Trotz beachtlicher Erfolge der Infektionshygiene und Seuchenbekämpfung - wie gerade auch die Erfolge von Desinfektionsmaßnahmen - sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historischen "Volksseuchen", genau genommen, nie gänzlich verschwunden und verbreiten heute - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung durch neue Epidemien - erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.

Mechanismen der Erregerevolution, allen voran molekulargenetische Mechanismen, und der immanente Selektionsdruck bestimmen - insbesondere bei Viren - das Auftreten, die Verbreitung und epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung von Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Seuchenhafte Infektionskrankheiten breiteten sich entlang von Handels- und Verkehrswegen oder durch Krieg aus.

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen - Seuchenfurcht, Ängste, resignierende Sichtweisen - begleiteten stets die Seuchenzüge - auch der Neuzeit und Moderne.

So kam es beispielsweise dazu, dass Erkrankte ausgegrenzt wurden, sich die Trunksucht (Alkoholismus) und Selbstisolierung ausbreitete oder besondere religiöse Inbrunst zum Tragen kam.

Es ist rund zwei Jahrhunderte her, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Europa wütete.

Dieser ersten Cholera-Welle von 1831/1832 folgten weitere Cholera-Epidemien unterschiedlicher regionaler Ausprägung.

Sie veränderten für einige Jahre vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.

Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der Hansestadt Hamburg auf und betraf vornehmlich die Gängeviertel der Kirchspiele St. Michaelis und St. Jacobi - die Cholera-Epidemie in Hamburg.

Im Jahr 1905 wurde in amtlicher Ausgabe eine „Anweisung zur Bekämpfung der Cholera“ in Berlin herausgegeben (Verlag Julius Springer), die auf Vorschlag des Kaiserlichen Gesundheitsamtes und des Reichs-Gesundheitsrates in der Sitzung des Bundesrates vom 28. Januar 1904 festgestellt worden war.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen und die geschichtlichen Ereignisse nur ansatzweise, eher fragmentarisch aufgearbeitet.

Dies gilt auch für die hier betrachtete DORF:REGION im alten braunschweigschen Weserdistrikt.

 

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen

Die bei großen Seuchenzügen historisch zu beobachtenden psycho-sozialen Reaktionsmechanismen waren vor allem gekennzeichnet von

  • Seuchenfurcht
  • Ängsten
  • resignierenden Sichtweisen - z.B. bei Pest und Cholera
  • Ausgrenzung von Erkrankten
  • Massenflucht
  • Selbstisolierung
  • Aufruhr und Proteste
  • Trunksucht
  • religiöse Inbrunst
  • der Fokussierung auf „Aggressionsobjekte“ - u.a. mit Mord und Totschlag.



"Vor einer Ansteckung ist niemand gefeit"

Das zeigt ein Blick in die Geschichte - und gilt bis heute, sagt der Medizinhistoriker Heiner Fangerau ⃒ Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf in einem Gespräch über begründete Ängste, vorschnelle Hysterie und warum Epidemien wie das Coronavirus die Grenzen der Zivilisation offenlegen.[1]

"Wir betreiben bis heute eine rein reaktive Gefahrenabwehr. Historisch gesehen befinden wir uns damit auf dem Niveau der Handelsstädte und Territorialstaaten der frühen Neuzeit."[3]

 

Phänomen gesellschaftlicher Gegenmodelle [1]

Romantisierung

  • Prototyp: Tod und Krankheit bei Tuberkulose

Skandalisierung

  • Prototypen skandalisierender Infektionskrankheiten: Syphilis, Cholera, HIV

 

Erklärungsmuster [1]

Im kollektiven Gedächtnis (bildnerisch/literarisch) verankertes Erklärungsmuster, um die Welt erklärbar zu halten:

Mittelalterliche Sicht

  • Das Auftreten von Infektionskrankheiten/Seuchen galt als Strafe Gottes für ein sündiges Leben, wobei Gott die Epidemien/Seuchen schickt und nimmt.

Neuzeitliche Sicht

  • Man brauchte an Stelle von Gott andere Schuldige und somit eine Zuschreibung von Schuld bei der Suche nach „Seuchenherden“.
  • So kam es zur Assoziation von bestimmten Infektionskrankheiten mit bestimmten Bevölkerungsgruppen und Anfeindungen gegen über einer (Volks-)Gruppe.
 

Vereinfachtes Ablaufmuster der öffentlichen Wahrnehmung [1]

Vor dem Hintergrund von Epidemieerfahrungen entwickelten sich alte kollektive Verhaltens- und Denkmuster, die über Jahrhunderte hinweg kulturell eingeübt wurden.

1. Phase - Anfang
  • Annahme, dass die erkrankten Personen „ganz anders sind als man selbst“, weshalb die die Epidemie/Seuche keine Gefahr darstellt.

 

2. Phase - Die Epidemie/Seuche kommt näher

  • Schuldzuschreibung und daraus folgende Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe, die von der dominierenden Bevölkerungsgruppe anders definiert wird.

  • Sozial stigmatisierte Bevölkerungsgruppen sind immer diejenigen, „die man als anders wahrnimmt“ - „Die Seuche haben immer die anderen.“

  • Dabei „hilft der Fingerzeig auf andere, vor sich selbst zu leugnen, dass man selbst auch betroffen sein kann“.

  • Es kommt zur pauschalen Beschuldigung, den Krankheitserreger nicht unter Kontrolle gebracht zu haben.

  • Vorurteil: Epidemien/Seuchen „kommen oft aus dem (uns eher fremden) Osten“

 

3. Phase

  • Schließlich führt die vorurteilsbeladene Stigmatisierung und Stereotypisierung  zu einem rassistischen Verhalten, das eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert und benachteiligt.
  • „Offenlegen der Grenzen der Zivilisation“ 

 

Epidemien hatten stets Auswirkungen auf den Postbetrieb

Ein Blick in die Archive der PTT zeigt, wie sich die Epidemie der „Spanischen Grippe“ 1918 auf den Postbetrieb in der Schweiz auswirkte.[4]

Als sich die „Spanische Grippe“ im Sommer 1918 auch in der Schweiz ausbreitete, fürchtete man sich vor ihrer Verbreitung über die Postwege.

Präventive Maßnahmen:

  • Auf Abstand gehen

  • Verbot, die Wohnungen von Erkrankten zu betreten

  • Empfehlungen zum häufigen Händewaschen

  • Anordnungen zur regelmäßigen Desinfektion von Diensträumen oder Bahnpostwagen.

 

 

Fotografie:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] DÖRHÖFER 2020a.

[2] DÖRHÖFER 2020b.

[3] FANGERAU/LABISCH 2020, S. 165.

[4] Blog-Artikel des Schweizerischen Nationalmuseums vom 05. Oktober 2020 von Jonas Veress, wissenschaftlicher Mitarbeiter im PTT-Archiv (Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe).