Arme Leute auf dem rauen Solling & armutsassoziierte Schicksale

Klaus A.E. Weber


Wenden wir uns nun jenen armen Leuten auf dem rauen Solling zu, die in einer enormen sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit lebten und arbeiteten.

Mit seinen beiden regionalen Volkstumswerken „Die Sollinger“ und „Tchiff, tchaff, toho!“ veröffentlichte SOHNREY 1924 und 1929 eine bunte volkskundliche Sammlung zu „Brauch und Glaube“ und zum „Abergläubischen Allerlei“, der für den Solling auch volksmedizinische Überlieferungen zur diätetischen Ernährung, zu Besprechungsformeln, Bautesprüchen und Gebeten zu entnehmen sind.

Bei den Sollingbewohnern gab es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren.

Im Vergleich zu benachbarten Städten an den Sollingrändern war die landärztliche Grundversorgung in den abgelegenen Sollingsdörfern weitaus prekärer, insbesondere die von

  • Schwangeren

  • Müttern

  • Kindern.

 

Trostlose Lebens- & Arbeitsbedingungen in den kleinen Walddörfern des Sollings

Im Solling war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg geprägt von

  • großer Kargheit

  • Not und Bitterkeit

  • materieller Armut

  • armutsassoziierten Krankheiten

  • dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung 

  • den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder.

Insbesondere in den kleinen Walddörfern des Sollings dominierten während der 1830er und 1840er Jahre trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen.

In Kirchenbüchern des 18.und 19. Jahrhunderts fanden sich hierzu passend alte Krankheitsbezeichnungen, wie „Auszehrung“ und „Entkräftung“ bei über 100 Fällen oder „Brustkrankheit“ bei über 220 Fällen, aber auch Hinweise auf gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten), Tumorerkrankungen und schwerste Verletzungen.

In den Sollingdörfern entfalteten sich erhebliche psychische Gesundheitsstörungen.

In der Folge ereigneten sich Selbsttötungen durch Erschießen, „Selbstvergiftung” oder „Selbsterhängen“.

Von 1867 bis 1893 kam es in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einer Selbsttötung.

Ein Dorfbewohner „hat sich aus Verdüsterung des Lebens selbst den Hals abgeschnitten“, wie es ein Kirchbucheintrag ausweist.

In der 1929 von SOHNREY veröffentlichten Wilddiebserzählung „Die Branntweinsbuddel auf dem Sarge“ aus „dem im braunschweigischen Teile des Sollings gelegenen Walddorfe Hellenthal“ geht es um den äußerst derben Hellentaler Wilddieb, den Brinksitzer Karl Greinert.

Einem Leineweber, der bei ihm wohnte und sich erhängt hatte, setzte er zum Spaß eine Branntweinbuddel auf den Sarg, weil der Leineweber gern einen getrunken hatte.

45-jährig tötete sich Greinert im August 1868 „mittels Erschießens“ selbst - mit jener Flinte, mit der er unzählige Hirsche und Rehe erlegt hatte.

 

Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion

Während des 18. und 19. Jahrhunderts zählten neben den Infektionskrankheiten auch

  • Unfälle, insbesondere Arbeitsunfälle

  • Erwerbsunfähigkeit (Invalidität)

  • Unterernährung

  • Altersarmut

  • früher Tod

zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion.

Hinzu trat der schwerwiegende Mangel an ausreichender zeit- und ortsnaher hausärztlicher Grundversorgung.

Ärzte und Tierärzte praktizierten nur in weit entfernten Kleinstädten – beispielsweise in Uslar, Stadtoldendorf oder in Dassel.

Bei schweren Krankheiten oder Unfällen waren Ärzte nur schwer und wenn überhaupt erst spät erreichbar.

Das Vertrauen der armen Leute auf dem rauen Solling in die überlieferte Volks- und Dorfmedizin war Jahrhunderte lang ausgeprägt, zumal sie vor Ort in den Dörfern rasch und meist kostengünstig verfügbar war.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

Vor rund 100 Jahren betrug die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung im Wochenbett verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

 

Epidemien des 19. & 20. Jahrhunderts

Führende Ursachen für Morbidität & Letalität in der Dorfbevölkerung des Sollings

Im 19. und 20. Jahrhundert waren epidemisch besonders imponierend

Zudem nahmen auch sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten, wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an.

Von den Infektionskrankheiten waren hauptsächlich anfällige, unterernährte und biologisch am wenigsten gerüstete Personen besonders häufig und klinisch schwer betroffen, wie immuninkompetente alte Menschen und vor allem Säuglinge und Kinder.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt.

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität auch in der Dorfbevölkerung des Sollings gelten.

 

Pocken ("Blattern")

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten Ende des 18. Jahrhunderts in südniedersächsischen Städten auf, beispielsweise in Einbeck und Duderstadt.

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher; insbesondere waren Kinder im Alter von 1 - 5 Jahren betroffen.

Das seuchenhistorisch hervorstechendste Merkmal der Pocken - auch „Blattern“ genannt - und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.

Eine weitere Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit nicht nur die öffentliche, sondern auch die Aufmerksamkeit der herrschenden Eliten auf sich zog.

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Säuglings- und Kindersterblichkeit im Alter von 1 - 7 Jahren.

Daraus resultierte schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum.

Landesherrlich gesehen war es strategisch aber entscheidend, dass dadurch für das Militärwesen allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar waren.

Für Heinade, Merxhausen und Hellental konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 dokumentierte „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

 

Keuchhusten („Stickhusten“)

Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer regionalen Häufung von durch Tröpfchen übertragenem „Keichhusten” („Stickhusten“, Keuchhusten, Pertussis) unter den Kindern, von denen viele an „Auszehrung“ verstarben.

In den Kirchenbucheinträgen von Heinade, Merxhausen, Hellental und Schorborn findet sich zur Todesursache auch oftmals der Vermerk „Frieseln“.

 

„Frieselfieber”

Der „Friesel” - auch als „echter Schweiß- oder Schwitzfriesel” bezeichnet - trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Hautausschlag bzw. als lokale Hautentzündung auf, mit und ohne Fieber, meist aber in Begleitung einer anderen Krankheit.

Die Beteiligung innerer Organe wurde beschrieben, wie auch plötzliche Todesfälle infolge der „Friesel”.

Das ehemals erkrankungsschwere Frieselfieber - möglicherweise auch als Masernerkrankung zu deuten - grassierte in jener Zeit auf dem Lande recht häufig mit „Frieselepidemien”.

Solche „Frieselausbrüche“ betrafen nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und junge Erwachsene.

 

„Nicht auf den Boden spucken“ & der „Blaue Heinrich“ - Die Tuberkulose

Wenn man Sie nun unverblümt auffordern würde, „nicht auf den Boden zu spucken“, so wären Sie sicherlich ziemlich irritiert.

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den Wirtshäusern des Sollings darauf hingewiesen worden sein, nicht auf den Boden zu spucken.“

Für an Tuberkulose erkrankte Patienten kam Abhilfe durch das eiförmige Glasgefäß in Form des „Blauen Heinrichs“ – die „Geheimrath Dr. Dettweiler's Taschenflasche für Hustende“ aus Falkenstein im Taunus - patentiert von der Firma Gebrüder Noelle in Lüdenscheid.

Die in unterschiedlicher Größe – mal groß, mal diskret klein produzierte gläserne Taschenspucknäpfe wiesen ein aus kobaltblauem Glas hergestelltes Unterteil auf mit einem mit einem mit Gummidichtung versehenen Sprungdeckel.

Als „Volksseuche“, „Weiße Pest“ oder als „Schwindsucht“ bezeichnet, war die Tuberkulose ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen des 19. und 20. Jahrhunderts - das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Armenkrankheit“ oder „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts.

Regional unterschiedlich verteilt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lungentuberkulose eine der häufigsten Todesursachen im damaligen Deutschen Reich.

Die durch eine trickreiche Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde

  • durch ein geschwächtes Immunsystem

  • durch Unterernährung

  • Armut

  • mangelhafte, unhygienische Lebens- und Wohnbedingungen

  • Migration

  • medizinische Unterversorgung

besonders begünstigt - also durch jene sozialen Faktoren, die ehemals auch im Solling anzutreffen waren.

Wie auch genealogische Daten belegen, zählte im 18. und 19. Jahrhundert die Tuberkulose der Atmungsorgane zu den häufigsten Infektionskrankheiten der armen Leute im Solling jener Zeit.

Viele Dorfbewohner erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Neben den prekären Lebensbedingungen spielten auch die schlimmen Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle, denn es verstarben viele Arbeiter an der Lungentuberkulose.

Gegen die Tuberkulose der Atmungsorgane wurde auch im Solling bis in das 20. Jahrhundert hinein Hundefett verkauft.

Wenig Ansehen genießende, meist im Verborgenen tätige Hundeschlachter gewannen noch in den 1950er Jahren jenes Fett von mehr oder minder heimlich getöteten herrnlosen oder altersschwachen Hunden.