Wasserhygiene: mangelhaft

Klaus A.E. Weber

 

∎ Historische Silberungsanlage zur chemischen Trinkwasserdesinfektion │ noch 2001 in einem Wasserwerk betrieben

HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

Trinkwasserversorgung & Abwasserentsorgung

Immer wieder traten während des 18. und 19. Jahrhunderts wassergebundene Infektionskrankheiten auf, wie vornehmlich

  • Ruhr

  • Cholera

  • Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung in jener Zeit gesehen werden.

Zeittypisches Beispiel hierfür ist die als „asiatische Brechruhr“ bezeichnete Cholera, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals als verheerende Epidemie in Europa wütete.

 

Die Cholera als wassergebundene Infektionskrankheit

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des dramatischen Auftretens der Cholera führte zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung der Infektionskrankheit.

Der ersten europäischen Cholera-Welle folgten weitere in unterschiedlicher regionaler Ausprägung, wie 1850 im Alt-Kreis Holzminden.

Von Juli bis September 1850 verbreitete sich die Cholera entlang des Leinetals und forderte beispielsweise in der Stadt Uslar und in dem Sollingdorf Sievershausen zahlreiche Todesopfer.

Am 19. August 1850 trat am nordöstlichen Sollingrand – im Bauerndorf Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf.

Auch das benachbarte Sollingranddorf Merxhausen wurde von der Cholera-Epidemie heimgesucht.

Für Heinade und Merxhausen konnten insgesamt 34 Cholerasterbefälle ermittelt werden.

Der schlimmste Cholera-Tag in dem Walddorf Sieverhausen sei der 26. August 1850 gewesen, an dem „nicht weniger als 37 Tote“ gezählt wurden.

Wie Berichten der Kreisdirektion und dem Hauptbericht des Herzoglichen Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig zu entnehmen ist, verstarben an der Cholera vom August bis zum Dezember 1850 - mit erkrankungstypischem Maximum in den Spätsommermonaten September und Oktober - insgesamt 352 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts und mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Status.

Legt man die durchschnittliche Sterblichkeitsrate der schweren Infektionskrankheit zugrunde, so dürften schätzungsweise bis zu 700 Kreiseinwohner an der Cholera erkrankt gewesen sein.

Die tiefe Abgeschiedenheit mit mangelhafter verkehrsräumlicher Erschließung erwies sich für Hellental in jenem Jahr der schweren Cholera-Epidemie als vorteilhafte geografische Barriere gegenüber einer Infektionseinschleppung.

ie geografische Isolierung führte zu einem infektionsepidemiologischen Sonderstatus gegenüber benachbarten, verkehrsräumlich besser erschlossenen Bauerndörfern am nördlichen Sollingrand.

Aber auch die Berglage des Sollingdorfes mit stagnationsfreiem Quellwasser wirkte sich gegenüber einem Import der Cholera offenbar vorbeugend für die ansonsten Not leidenden Dorfbewohner aus.

Aus tiefem religiösem Dank heraus, dass durch „göttliche Fügung“ die fürchterliche Choleraepidemie keine Todesopfer gefordert hatte, fasste die Hellentaler Gemeindevertretung den Beschluss, für „ewige Zeiten“ jährlich für die Errettung von der Cholera zu danken.

Ab 1851 wurde der erste Mittwoch im September als örtlicher Buß-, Bet- und Gedächtnistag bestimmt.

Der angelobte „Cholerafeiertag“ wurde danach jährlich etwa 100 Jahre lang würdigend mit einem Abendmahlgang in der Hellentaler Dorfkapelle begangen.

 

Fotografie:

Archiv HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL