Die alte „Merxhäuser Straße“ über den Solling

Klaus A.E. Weber

 

Durch Holzschilder an Eichen markierte „von Langen-Allee“ im Solling

 

Quer durch den nördlichen Solling verlief - einst als mittelalterliche Bergstraße angelegt - ein bedeutender Hauptverkehrsweg, die von Westfalen nach Leipzig führende Heer- und Handelsstraße Holzminden-Einbeck.

Diese von Holzminden ausgehende Straßenanlage diente vornehmlich dem Landfern- bzw. Handelsverkehr nach Einbeck–Seesen-Braunschweig und dem Brennholztransport nach Grünenplan und Delligsen.[11]

In der Literatur und in topografischen Karten finden sich unterschiedliche Bezeichnungen für die über den Solling von Holzminden nach Einbeck führende Heer- und Handelsstraße. die jedoch "niemals ganz fertig" wurde [2]:

  • Alte Einbecker Straße

  • Einbecker Heerstraße
  • Merxhäuser Straße

  • Merxhäuser Heerstraße │ "Merxhäuser Heer Straße"

  • "in recta linea fortgehender Weg"

Da eine günstige Verkehrsanbindung die wesentlichste Voraussetzung für eine Gewerbeansiedlung mit wirtschaftlicher Belebung "zur Beförderung des Commerciis" war, galt die besondere Aufmerksamkeit des klugen Hofjägermeisters und „Regionalplaners“ Johann Georg v. Langen auch dem Ausbau und der Anlage verbesserter Verkehrswege im Weserdistrikt im Rahmen der planmäßigen Forstwirtschaft und zur Verbesserung des Holztransportes.[5][8][12]

Eichenalleen säumten die Wegeführungen in der Sollingregion.

Zuvor hatte am 20. November 1745 hatte v. Langen dem Herzog ausführlich und klagend berichtet - zitiert bei KRETSCHMER [12]:

"Ich kann vor Ew. Durchlaucht nicht verbergen, daß der Verfall der inländischen Heer- oder Landstraßen dem hiesigen Commerce, auch allen Landzöllen einen großen Abbruch tut, indem die Reisenden einige Wege, wie die Landstraße aus Niedersachsen nach Hessen und Franken, die hier über Fürstenberg (und Herstelle) geht, gänzlich abandonnieren und kaum mehr zu Fuß und Pferd passieren können.

Die seltenen und wenigen reparationes, die daran geschehen, sind vergebens, indem kein rechter Grund zu den Wegen geleget, keine Gräben noch Abzüge gemacht, die Wege auch selbsten nicht breiter als ein Wagengeleise sind, welche verursachet, daß keine Besserung hilft.

Würden aber alle Jahre vorbesagte unnütze Kosten zu gewissen Distanzen, soweit dieselben reichten, angewandt, so würden die Wege nicht allein beständig, sondern auch mit der Zeit fertig, welche dem Lande und commerce ein Großes beitragen müßte."

Die erste straßenbauliche Maßnahme von v. Langen galt der Verlängerung der "Merxhäuser Straße" in gerader Richtung durch den verkehrstechnisch äußerst ungünstigen Querriegel des Sollings - durch Eichen markierte „von Langen-Alleen“ im Solling.[5]

 

 

In der frühneuzeitlichen topografischen Solling-Karte von 1603 wird die edeutende Fernhandelsstraße von dem braunschweigischen Katografen Johannes Krabbe ausgeweisen [1] als  

  • "Holzminischweg",

  • "Holzmindischer Weg". 

Die Straße verließ in jener Zeit die Stadt Holzminden durch das Obere Tor, um von "Altedorff" (Altendorf) über den "Holzmindischer Weg" auf die "Merxhäuser Heerstraße" abzuzweigen.

 

Ringförmige Maserung eines Eichenstamms │ Mai 2020

Um 1745 angelegte Eichenallee im Solling bei Schießhaus

 

Wichtigster Verkehrsweg im 18. Jahrhundert von Holzminden über den Solling nach Merxhausen

Mit dem für ihn zukunftsträchtigen "Versuch mit Anlegung eines verbesserten in recta linea fortgehenden Weges" gab der für den braunschweigischen Weserdistrikt der frühen Neuzeit zuständige Hofjägermeister v. Langen ein richtungsweisendes Beispiel seines Straßenbauprogramms.

Um dieses umzusetzen habe er, wie er am 07. August 1745 Herzog Carl I. berichtete, "die Merxhäuser Heerstraße vom Holzminder Felde durch diese bis an die Merxhäuser Forst vorgesehen".

Die Verlängerung der Merxhäuser Straße betreffend gab es am 20. November 1745 eine Eingabe von v. Langen und in Erwiederung ein Konzept des herzoglichen Erlasses vom 02. Dezember 1745, die "Merxhäuser Straße" in der beantragten Weise auszubauen.

Diese neu anzulegende Straße sollte ursprünglich 3 Ruten (= 13,7 m) „breit durch das Holz aufgehauen und an beiden Seiten mit Eichen, Buchen und anderen nützlichen Bäumen bepflanzt werden.“

Bereits im November 1745 zeigte v. Langen seinem Landesherren an, dass jener Straßenabschnitt fertig gestellt und nunmehr der verbleibende Abschnitt bis nach Merxhausen vorgesehen sei.

Dieser Streckenabschnitt blieb jedoch aus vielerlei Gründen halbvollendet liegen.

 

"Alte Einbecker Strasse" nahe Merxhausen │ Juni 2020

 

Von Holzminden über Schießhaus nach Merxhausen führende Heer- und Handelsstraße

Die Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel von Johann Heinrich Daniel Gerlach - "Die Gerlachsche Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel (1763-1775)" - lässt den baumbestandenen Verlauf der Heer- und Handelsstraße Holzminden-Einbeck anschaulich nachvollziehen.[7]

 

Auszug aus dem "Geometrischen Grundriss Der Merxhäuser-Forst. Wie selbiger in Anno 1745 aufgenommen worden von Ludwig August Müller"


Mit Baumreihen als (Eichen-)Allee („v. Langen-Allee“) markierte Heer- und Handelsstraße Holzminden-Einbeck  │ um 1775

Auszug aus der Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel von Johann Heinrich Daniel Gerlach

"Die Gerlachsche Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel (1763-1775)" [7]

 

Wie der Arbeit von TACKE [2] zu entnehmen ist, berichtete der Bau-Kondukteur Maertens über die „Merxhäuser Straße“ am 8. Dezember 1826:

"Früher, als noch alle Straßen in hiesiger Gegend unchaussiert gewesen, ist alles Fuhrwerk zwischen Holzminden und Einbeck über Merxhausen und über den Solling gegangen.

Nachdem aber die Holzminder Straße gebaut, hat sich dies sehr verändert, da sie jetzt größtenteils zwischen den beiden Orten benutzt wird.

Bei der nassen Jahreszeit wird die Merxhäuser Straße wenig oder nur von solchen Fuhrwerken befahren, die besondere Gründe haben, sie zu wählen.

Im Sommer ist die Passage etwas stärker, jedoch unbedeutend, und besteht das Fuhrwerk größtenteils aus solchen, die Branntwein oder Salz geladen haben, auch wohl aus Chaisen.

Dem Wege eine bessere Aufmerksamkeit zu schenken, erscheint mir daher nicht zweckmäßig, vielmehr glaube ich, daß es hinreichend ist, denselben fahrbar zu erhalten."

Nach TACKE [6] ist der als "in recta linea fortgehende Weg" beschriebene Straßenverlauf im Gelände zwar bis 1943 in seinem ganzen Streckenverlauf noch zu verfolgen gewesen, doch habe bereits 1769 der Landdrost von Meyern berichtet [3]:

"Der Weg von hier (Holzminden) nach Merxhausen ist zwar durch die vom Hofjägermeister v. langen angelegte Allee in gerader Linie gar nicht zu passieren, weil hier und da noch mitten in der Allee große Stöcke von umgehauenen Bäumen stehen, große Steine liegen und die an den Seiten gepflanzten Bäume ihre Äste sehr weit herunter und in den Weg hinein erstrecken, auch die Gräben nicht aufgeräumt, überhaupt aber dieser Weg zwar angefangen, jedoch bei weitem noch nicht in Stand gesetzt worden ist.

Die Fuhrleute können aber durch die an beiden Seiten gebrochenen Wege noch so ziemlich gut fortkommen, weil es meistens bergan gehet und der Boden mehrenteils fest und steinig ist und finden sich nur beim Eintritt in den Solling, beim Schießhause und vor dem Dorfe Merxhausen einige teils sehr nasse, teils sehr ausgefahrene, auf der einen Seite hohe, auf der anderen Seite tiefe Stellen mit Schlaglöchern, welche bei anhaltendem Regenwetter Gefährlichkeiten drohen und verursachen können, daß die Fuhrwerke stecken bleiben."

 

Sollingallee („von Langen-Allee“) │ Mai 2020

 

Die Merxhäuser Straße blieb letztlich unvollendet, nicht zuletzt aufgrund administrativen Mißlingens.

Zudem brachten die Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) schließlich das Verkehrswegevorhaben zum Erliegen.

Die fast geradlinig von Westen nach Osten verlaufende, Höhenlinien folgende historische Verkehrsroute ist noch heute als alte „Einbecker Heerstraße“ bzw. „Alte Einbecker Straße“ als Strecke Holzminden – Schießhaus – Merxhausen – Mackensen – Dassel - Einbeck weitgehend erhalten.

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] Blatt 11 und 12 der faksimilierten Sollingkarte von 1603 [ARNOLD/CASEMIR/OHAINSKI (Hg.), 2004 - StAWF K 202 Blatt 11 und 12.

[2] TACKE 1943, S. 151.

[3] TACKE 1943, S. 151: LHW. Geh. Rats Registr. Suppl. XI, 235.

[4] ARNOLDT/CASEMIR/OHAINSKI 2006.

[5] KRUEGER/LINNEMANN 2013, S. 42-43, 68-69.

[6] TACKE 1943, S. 74.

[7] NLA Staatsarchiv Wolfenüttebüttel K 3 Blatt 5.

[8] Aufstellung aller Land- und Heerstraßen im Weserdistrikt vom 08. Oktober 1751 [HEBBEL 1999, S. 29].

[11] HEBBEL 1999, S. 29.

[12] KRETSCHMER 1981, S. 196.