W|G|D 0.2 Scheune│Tenne von 1884

Klaus A.E. Weber

 

Auf dem Weg zur Scheune: „Hab mein Wage vollgelade[1]

Zum Einfahren des Heues und Getreides bzw. Strohs wurde ein von Kühen gezogener Leiterwagen benutzt (Kuhgespann).

Die Einlagerung von Heu und Stroh erfolgte über die Ladeluke des Zwerchgiebels auf dem großen Dachboden des heutigen Museumshauses.

Wurde die Scheune vormals als Speicher-Gebäude und als überdachter Arbeitsraum landwirtschaftlich genutzt, so dient der ehemalige Arbeits- und Lagerraum nun als Ausstellungraum für das HISTORISCHE MUSEUM HELLENTAL.

 

Vollbeladener Heuwagen mit Kuhgespann im oberen Hellental auf dem Wege zur Scheune im Dorf

Heu-Einlagerung über die Ladeluke des Zwerchgiebels auf dem Dachboden eines „Sollinghauses”

1940er Jahre

 

Ausdruck des kleinbäuerlichen Wirtschaftens in Hellental

Baulich formal vom imposanten Wohngebäude abgesetzt, wurde um 1884 die Scheune als Wirtschaftsgebäude angebaut, bestehend aus

  • Bruchsteinmauerwerk

  • Holzarchitektur "Tannen-Steinfachwerk"

  • schlicht ausgemauertes Backsteinmauerwerk

  • Holzbalkendecke

  • "Sollinger Sandsteinplatten"

  • Satteldach

Die Bauakte von 1930 weist für die Scheune nunmehr als verbindendes Gebäudeteil zum Stallgebäude, eine Raumnutzung als Tenne aus.[2]

Der befestigte Fußboden besteht aus dickeren "Solling-Sandsteinplatten".

Bislang ist allerdings die Frage ungeklärt, ob im Winter in der Tenne tatsächlich Korn gedroschen wurde.

 

Blicke in die Scheune von 1884 mit bäuerlichen Arbeitsgeräten und dem Altbestand eines Ackerwagens │ Mai/August 2020


 

Alter Leiterwagen für Heu & Getreide

Das aus dem alltagskulturellen Altbestand des „Sollinghauses“ in Teilen vorgefundene Ackerwagengestell [3] mit ehemals Ernteaufbau wurde noch in den 1960er Jahren zum Einbringen von Heu und Getreide (Roggen, Hafer) in Hellental eingesetzt.

 

Großer Leiterwagen in Heinade │ Postkartenausschnitt │ März 1918

 

Ackerlandnutzung im Kreis Holzminden (KH) und im braunschweigischen Weserbergland (WBL) nach TACKE [6]:

Roggen

KH     1856: 5.435 ha         25,7 %

WBL   1878: 6.957 ha         24,1 %

         1927: 5.303 ha         19,5 %

Hafer

KH     1856: 3.892 ha         18,4 %

WBL   1878: 6.426 ha         22,3 %

         1927: 5.309 ha         19,5 %

 

Mit Getreidesäcken beladener Leiterwagen (Kastenwagen)

 Freilichtmuseum Hessenpark │ Oktober 2017

 

Leiterwagen

Der landwirtschaftlich genutzte Leiterwagen war ein hölzerner, zweiachsiger, vierrädriger Kastenwagen mit Deichsel für zwei oder drei Kühe als Zugtiere.

Die Seitenwände des „Leiter-Wagens“ bildeten schräg stehende Holzleitern, die nach unten mit steckbaren Rungen an den Radachsen abgestützt wurden.

Hierdurch war es möglich, durch einfachen Umbau bzw. durch Aufrüstung den Leiterwagen als vielseitiges Transportmittel zu nutzen.

Vermutlich wurde der Leiterwagen vom benachbarten Hellentaler Stellmacher (Wagenbauer, Wagner) [4] in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts handwerklich gefertigt.

 

Zwei Kinder sitzen auf dem abgelegten "Wiesenbaum" │ Heuladen bei Familie Sturm

Hellental │ 1940er Jahre

 

"Wiesenbaum"

Der aus einem Fichtenstamm hergestellte, lange "Wiesenbau" diente als oben aufliegende, mit Seilen fixierte Befestigung der hoch aufgetürmten Heuladung auf dem Leiterwagen.

 

∎ Wagenräder

»Das Rad«

Die Ackerwagenräder mit Eisenreifen (Dorfschmied) bestehen aus Holz. Sie  haben eine Holznabe, 12 Holzspeichen und einen Radkranz aus sechs hölzernen Felgen.

Die Hinterräder sind im Durchmesser größer als die Vorderräder (⦰ 78 / 96 / 106 cm).

 

Holzleitern

Leitern, gefertigt aus den Hälften eines längs gespaltenen Fichtenstammes

 

Anspannung & Zuggeschirr

Bei dem Leiterwagen dienten Kühe als Zugtiere, die zwei- und dreispännig ein Zuggeschirr trugen (2-3 Kühe "vor dem Wagen").[5]

Handwerklich waren bei der Geschirrherstellung folgende Werkstätten beteiligt:

 

Ortscheite/Schwengel

Ausgestellt sind mehrere kurze und längere bewegliche (Kuh-)Schwengel in Kombination als Teil eines Gespannes von zwei bis drei Kühen als Zugtiere (Zwei-/Dreispänner) │ Holz, Eisen.

 

∎ Stirnjoch

Zu sehen ist einzeln hergestelltes „Kuhjoch“.

Das unverzierte hölzerne, kräftig grün bemalte und glänzend lackierte Stirnjoch für eine Kuh besteht aus einem gefülltem Lederpolster, Lederriemen mit Schnallen und Jochbeschlag.

 

Kuhketten

Eiserne Anbindeketten (Kuhhalsketten) mit "Trog-Enden".

 

Von der Sau zur Wurst

Im vorderen Bereich der Tenne erfolgte bei offenem Scheunentor die jährliche Hausschlachtung.


"Windenbaum"

Der runde Fichtenstamm weist eine Länge von 3,26 m auf.

Oberhalb des Scheunentors in der Tenne befestigt, diente der „Windenbaum“ bei der Hausschlachtung zum Hochziehen eines bis zu vier Zentner (200 kg) schweren, geschabten Schweins mit Seilen für das folgende Ausnehmen.

 

 

Fotografien:

© HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] Aus dem Text eines Volksliedes │ Anfang 20. Jahrhundert.

[2] Auszug aus der Bauakte Landkreis Holzminden, Aktenzeichen: 257/30, Antragsbeschreibung: Stallgebäude, Gemarkung, Hellental, Lönsstr. 6 │ Bauherr: Hempel, Friedrich │ eingesehen am 22. Juli 2013.

[3] SIUTS 2002, S. 128-131, Tafel 69.

[4] SIUTS 2002, S. 263-271.

[5] SIUTS 2002, S. 112-128.

[6] TACKE 1943, S. 39 Tab. 5.