Zum Seuchenbegriff

Klaus A.E. Weber

 

Als Menschen in der Jungsteinzeit (mit Ackerbau und Viehzucht) anfingen sich niederzulassen, sind Seuchen - Endemien und Epidemien - ihre ständigen Begleiter.

Dabei spielt das dichte Beisammensein von Mensch und Vieh (Reservoire) eine besondere Rolle.

Beginn des Zeitalters der Zoonosen mit erheblichem Selektionsdruck unter den Menschen ▷ bis heute: „new emerging infectious diseases“


Der Mensch

  • lebt seit seiner Existenz in einem ökologischen System seiner Mit-/Umwelt

  • ist ein Teil der Natur

  • steht in wechselseitiger natürlicher, komplexer Beziehung zu einer Vielzahl von Agenzien,

  • die als Krankheitserreger beim ihm Infektionen, übertragbare Krankheiten und auch Epidemien verursachen können.

  • produziert den Wandel (Anthropozän)

 

Modell veränderlicher Faktoren

  • Krankheitserreger (Virulenz, Kontagiosität, Tenazität)

  • Vektor (Immunlage des Zwischenwirts)

  • Infektion (Empfänglichkeit des Wirts)

  • übertragbare Krankheit

  • zusätzliche Faktoren (Ökologie, Temperatur, Bevölkerungsdichte etc.)

  • und am Ende eine Seuche mit Einfluss auf das private und öffentliche Leben

 

Dynamischer biologischer Anpassungsprozess und Konkurrenzverhältnis

Natürliche (ökologische) Wechselbeziehungen zwischen

  • Mensch

  • infektiösem Agens = Krankheitserreger

            ▷ verändern sich permanent und nicht vorhersehbar

            ▷ haben eine hohe Systemintelligenz

  • Mit-/Umwelt

            Boden-, Luft- und Wasserqualität, Flora und Fauna

  • Klima

Bei der Erreger-Empfänglichkeit (Disposition, Suszeptibilität) sind zu unterscheiden:

  • „äußere“ - aus der belebten oder unbelebten Umwelt kommende Faktoren (Exposition)

  • „innere“ - dem menschlichen Organismus selbst zuzuordnende Merkmale und Faktoren (genetische Faktoren, Immunitätslage)

 

Was kennzeichnet eine Seuche?

Eine Seuche wird allgemein definiert 

  • die mit hoher, teils progressiver Verbreitungsquote

  • zahlreiche Menschen in einem abgrenzbaren Gebiet betrifft

  • und mit Hunderten oder Tausenden von Toten einhergeht.

Dabei wird nach Art der zeitlichen und örtlichen Gebundenheit unterschieden in

Oft legten Seuchen den Alltag ganzer Städte und Landstriche lahm.

Historisch gesehen, waren Seuchen aber vornehmlich Phänomene und Folgen städtischer Infrastrukturen, mithin ein Produkt der menschlichen Gesellschaft.

  • enges Zusammenwohnen vieler Menschen - unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen

  • Hungersnöte/Mangelernährung

  • Globalisierung der Märkte mit länderübergreifenden, arbeitsteiligen Produktions- und Lieferbeziehungen

  • ständiger beruflich wie privat bedingter Ortswechsel einschl. Fernreisen

  • Kriege/Bürgerkriege

  • Terrorismus

  • Klimaveränderungen
  • (Natur-)Katastrophen

 

Kennzeichen historischer Seuchenentwicklung

Historisch gesehen, waren Seuchen vornehmlich Phänomene und Folgen städtischer Infrastrukturen, mithin ein Produkt der menschlichen Gesellschaft:

  • enges Zusammenwohnen vieler Menschen - unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen

  • Hungersnöte/Mangelernährung

  • Globalisierung der Märkte mit länderübergreifenden, arbeitsteiligen Produktions- und Lieferbeziehungen

  • ständiger beruflich wie privat bedingter Ortswechsel einschl. Fernreisen

  • Kriege/Bürgerkriege

  • Terrorismus

  • Klimaveränderungen bis hin Klimakatastrophen

  • (Natur-)Katastrophen

  • überfüllte Städte mit schlechtem Wasser

  • schlechter Siedlungshygiene

  • versagende Staatlichkeit

 

Globalhistorische Ausbreitung durch  "Seuchenzüge“ (Erreger/Krankheiten)

  • Handelsrouten │ Verkehrswege zu Land, Wasser und Luft

  • Reisen

  • Kriege │ Eroberungszüge

  • Vertreibungs-, Flucht- und Migrationswege

 

Neue, schnellere Transportmittel für Personen, Waren und Güter, Dienstleistungen

  • Eisenbahn

  • Eisen- und Dampfschiffe

  • Chausseebau

  • Luftfahrt/Flugzeuge

 

Zeitlicher Wandel von Infektionskrankheiten

  • Art der klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik)

  • Schweregrad (Erreger-Virulenz/-Pathogenität)

  • zeitliche und räumliche Verteilung (Epidemiologie)

  • bedingt durch genetische, ökologische, soziale, demografische, sozio-ökonomische, medizinische Faktoren

  • zunächst erstes epidemisches Auftreten mit besonders heftigem Verlauf („Seuche“), dann Wandel in endemische Infektionskrankheit

  • psycho-soziale Reaktionsmechanismen: Seuchenfurcht, Ängste und „resignative Sichtweisen“, z.B. bei Pest und Cholera

          - Ausgrenzung Erkrankter

          - Massenflucht

          - Selbstisolierung

          - Aufruhr und Proteste

          - Trunksucht  (Alkoholismus)

          - religiöse Inbrunst

          - Aggressionsobjekte (u.a. Mord und Totschlag)

            > mittelalterliche Pest: Außenseiter, Randgruppen, Hexen, Juden, Ausländer, „Aussätzige“ in der Stadt

            > 19. Jahrhundert: Staat, Regierungen, Ärzteschaft

  • demographische Krisen mit nachhaltigen Bevölkerungsverluste

  • sozialpolitischer Kontext

          - ökonomisches Einschränkung von Wirtschaft und Handel

          - soziales, politisches, religiöses Umfeld der Epidemien/Seuchen

 

Prävention │ Hygiene │ Soziale Disziplinierung

Die Prävention übertragbarer Krankheiten war gerade in der bürgerlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel - im Sinne des sich etablierenden Bürgertums - lohnabhängige Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist somit auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

 

Hygiene ist ein dynamischer Prozess.

Ihre ständige Weiterentwicklung bedarf daher zwingend der zeitgemäßen Auslegung nach

  • Stand der Erkenntnisse
  • Stand der Technik