Volkskrankheiten & Schicksale

Klaus A.E. Weber

 


Medizingeschichte des Landvolks im HISTORISCHEN MUSEUM HELLENTAL

Exkurs zur Ausstellung im shw]

 

Insbesondere in der Arbeitersiedlung Hellental im Solling vollzog sich die gesundheitliche Versorgung sehr lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben und Mystizismus, persönlichem Schicksal und glücklicher Fügung.

Im Vergleich zu Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung, insbesondere aber die von Schwangeren, Müttern und Kindern, auf dem Lande weitaus ungünstiger, gerade auch im weit abgelegenen Hellental.

Mit anderen Sollingdörfern hat Hellental stets seine große Armut, Not und Bitterkeit geteilt.

Das Leben der Familien war einstmals über drei Jahrhunderte hinweg geprägt von großer Kargheit und materieller Armut, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder sowie von immensen Kraftanstrengungen unter einfachsten Bedingungen bei Arbeiten in der staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an den Steilhängen des Wiesentals.

Erschwerend kamen zeittypische, vor allem armutsassoziierte Gesundheitsstörungen und Krankheiten hinzu.

In den genealogisch herangezogenen Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts fanden sich alte Krankheitsbezeichnungen, wie beispielsweise

  • Auszehrung und Entkräftung - bei über 100 Fällen

  • Brustkrankheit - bei über 220 Fällen

  • gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten)

  • Tumorerkrankungen

  • schwerste Verletzungen/Unfälle, z.T. mit Todesfolge.[1]

Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft und epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Es ist dabei anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” (Mortalität) zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum (Morbidität), die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen in den damaligen Hellentaler Arbeiter- und Handwerkerfamilien abbilden.

Hinzu kamen, neben den rein organmedizinischen, gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen („Gemütskrankheiten“).

Während eines Zeitraumes von gut 25 Jahren (1867–1893) kam es bei unklarem psycho-sozialen Hintergrund, in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einem Suizid (Selbsttötung).

Die Frage, ob die Suizidalität jener Zeit auch Frauen betraf, kann an Hand der vorliegenden genealogischen Untersuchungsergebnisse nicht hinreichend verlässlich beantwortet werden, da in den Kirchenbüchern entsprechende Angaben nicht ersichtlich waren.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt.

Zudem waren die Holzhauer und Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.

Sie waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt; im Winter gab es Erfrierungen.

Die forstwirtschaftliche Arbeit (Waldarbeit) führte häufig

  • zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen

  • zur frühzeitigen Invalidität

  • zu erheblichen chronisch-degenerativen rsp. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates

  • zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen.

Immer wieder auftretende, meist klinisch schwer verlaufende bis hin gar tödliche infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Typhus abdominalis) können im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Es ist anzunehmen, dass in Hellental zunächst vor allem die kräftig schüttende Bergquelle im Dorfzentrum als Schöpfbrunnen genutzt wurde.

Das Auftreten und die Weiterverbreitung aerogen übertragbarer und Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die engen Wohn- und Schlafverhältnisse begünstigt (z.B. Tuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Im 18. und 19. Jahrhundert kam es zur epidemischen und endemischen Pockenausbreitung („Schwarze Blattern“) in Zentraleuropa.

 

Dramatische Lebensschicksale: Unfälle│Arbeitsunfälle│Erwerbsunfähigkeit

Die Menschen des Sollings sicherten ihre Existenz fast ausschließlich durch ihre körperliche Arbeit.

Das bedeutete vielfach eine immense Kraftanstrengung unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten – beispielsweise in der Landwirtschaft, im staatlichen Forst, in den Sandsteinbrüchen oder an den Steilhängen des Sollings.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt.

Zudem waren die Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters in dem rauen Mittelgebirge ausgesetzt.

Die Waldarbeiter waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt.

Im Winter gab es Erfrierungen.

Ein harter Winter mit hohem Schneefall konnte im Solling geradezu lebensgefährlich sein.

So verunglückte 1829 der Schorborner „Schürer“ und späterer „Tonstampfer“ Wilhelm Schlue als 53-Jähriger tödlich „im Holz unterm tiefen Schnee.“

Ebenso schicksalhaft wie dramatisch waren in den Solling-Steinbrüchen schwere Arbeitsunfälle, die unmittelbar oder in der Folge zum Tode führten oder eine Invalidität hinterließen.

1867 erlitt der 72-jährige Schorborner „Glasschürer“ und spätere Steinbrecher Ferdinand Helmer „in Folge einer Überschüttung“ im Steinbruch eine „Gehirnquetschung“, an der er verstarb.

Der 52-jährige Schorborner Steinbrecher Heinrich Weper verstarb 1873 nach einer Beinverletzung durch den „kalten Brand in Folge einer Fußamputation.“

Gerade die forstwirtschaftliche Arbeit führte häufig zu folgenschweren Arbeitsunfällen mit erheblichen Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu schmerzhaften chronisch-degenerativen bzw. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu schwerwiegenden internistischen Krankheitsbildern, wie Lungenerkrankungen.

Friedrich Meyer verstarb 1858 als 43-jähriger Leineweber in Hellental an den Folgen einer „beim Holzhauen sich zugefügten Kopfwunde“.

Der 1842 in Hellental geborene Forstarbeiter und Holzhauer August Bartels wurde als junger Mann - vermutlich im Wald bei Mühlenberg - schwer verletzt als ein Baumstamm über ihn hinweg rollte.

August Bartels erlitt dabei „schwere Beinbrüche“.

Sein Transport nach Hellental dauerte eine „dicke Stunde“, wobei er von drei Holzhauer-Kollegen abwechselnd getragen wurde.

Dieser einfache „Huckepack-Transport“ war für August Bartels deshalb besonders schmerzhaft, da der eine Träger zu groß, der andere zu klein und der dritte humpelte.

Zuhause wurde dann das Bein mit Brettern und Zigarrenkisten geschient.

August Bartels musste die Zeit von Martini bis „Faselabend“ – also etwa 16 Wochen lang - fest liegend im Bett verbringen.

Tödliche Verletzungen infolge von Stürzen von oben aus der Scheune oder durch die ungesicherte Luke in der Mitte des Hausbodens sind der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuordnen, wie auch

  • 1776 der Tod des Kirchenvorstehers Johann Heinrich Tacke in Heinade in Folge eines „Schlages von seinem Pferd“
  • 1826 der „Sturz in der Scheune“ des 18-jährigen Carl Friedrich Wilhelm Appel aus Heinade
  • 1853 der „Sturz von einem Apfelbaum“ des 56-jährigen Hellentaler Waldarbeiters Carl Gehrmann

Eine weitere dörfliche Unfallvariante war das Ertrinken, so beispielsweise in Heinade „in Friedrich Teiwes Brunnen“ oder „in Heinrich Spechts Teich“.

1867 erstickte die erst 2-jährige Caroline Louise Dorette Köke in Merxhausen „in Folge Ertrinkens im Wasser“.

 

Aufzeichnungen in Kirchenbüchern - ab 1746

Erst ab 1746 wurde es im Herzogtum Braunschweig allgemein verpflichtend, sowohl das Alter der Verstorbenen und Begrabenen als auch die Ursache des Todes in den Kirchenbüchern zu vermerken.

Dadurch sind erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts individuelle Einblicke in die Lebensschicksale und in die besonderen sozialen wie gesundheitlichen Verhältnisse der Sollingbewohnern zu erhalten.

In zugänglichen Kirchenbüchern finden sich für verstorbene Dorfbewohner*innen der DORF:REGION und Schorborn alte Krankheits- und Todesumstandsbezeichnungen, die auf verschiedene, „auszehrende“ akute wie chronische Krankheitsausprägungen innerer Organe und des Zentralnervensystems hindeuten, aber auch auf schwerste Verletzungen bei dramatischen Unfällen.

Die gesundheitliche Situation des 18. und 19. Jahrhunderts kennzeichneten allgemein klinisch schwer verlaufende „Fieber“, insbesondere Infektionskrankheiten, Traumen und Tumore.

Wie es manche Todesursachen erahnen lassen, sind neben organmedizinischen zudem gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen zu verzeichnen gewesen.

Die Zunahme von „Gemütskrankheiten“ und Suiziden ist nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den prekären sozio-ökonomischen Verhältnissen und den schweren wirtschaftlichen Krisen jener Jahre zu verstehen.

Es kam zu Selbsttötungen durch Erschießen, „Selbstvergiftung” oder „Selbsterhängen“.



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[1] Manche der nosologischen Quellenbegriffe gelten als Symptome und können nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung nicht eindeutig heutigen modernen Krankheitsdefinitionen zugeordnet werden. Zeitgenössisch empirisch tätigen Ärzten war die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) fremd gewesen; dies sollte sich erst nach Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 ändern.