COVID-19 - Wie die Epidemie die Grenzen unserer Zivilisation offenlegt

Klaus A.E. Weber

 

"Und wenn sonst nichts weiter stabilisiert ist, so doch der Kapitalismus" [4]

 

Zeitenwende: Beginn einer neuen linearen Zeitrechnung?

  • B.C.: Before Coronavirus

  • A.C.: After Coronavirus

 

 

SARS-CoV-2 COVID-19-Pandemie

 

Ende November / Anfang Dezember 2019

  • Wuhan │ Wirtschafts- und Universitätsstadt, Hauptstadt der Provinz Hubei │ Volksrepublik China
  • erstmals ein neuartiges Coronavirus ("2019-nCoV")
  • Ausgangspunkt: „Huanan“- Lebendtiergroßmarkt ?
  • Provinz Hubei wird Risikogebiet

 

28. Januar 2020

  • 33-Jähriger Mann, international vernetzte Firma mit Sitz in Bayern (Landkreis Starnberg)

  • keine eigene Reiseanamnese in das Risikogebiet der Provinz Hubei

  • am 23. Januar 2020 akute respiratorische Symptome, produktiver Husten und Fieber

  • am 28. Januar 2020 erster laborbestätigter Fall mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland

  • Diagnostik mittels PCR aus Sputum und Nasenabstrichen

 

30. Januar 2020

 

11. März 2020

 

Im Stadtbild von Stadtoldendorf

18. April 2020


Worüber aber auch in der Stunde der freien Exekutive im Krisensturm angesichts einer "faktenfreien Zeit" zu sprechen gewesen wäre ...

Während von einer tickenden Zeitbombe für die öffentliche Gesundheit zu sprechen wäre, infolge

  • der fatalen marktwirtschaftlichen Strategien zuckerhaltige Getränke produzierenden Lebensmittelindustrie bzw. Junkfood-Konzernen öffentlich zu sprechen wäre, weil in den nächsten Jahren etwa die Hälfte der Weltbevölkerung übergewichtig oder fettleibig ist,
  • der weltweiten Adipositas für einen rasanten Anstieg von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sorgt,

  • einer zunehmenden, die Lungen und das Herz-Kreislauf-System belastenden Luftverschutzung mit Feinstaublastung die Gesundheit gefährdert,

wird hingegen eine andere gesundheitliche Herausforderung als "schwerstes Gesundheitsproblem" alleinig in den Vordergrund politischen Handelns gestellt: COVID-19-Pandemie │ SARS-CoV-2.

In vielfacher Hinsicht ist es spätestens seit Beginn des Jahres 2020 eine prekäre, bedrohliche und beklemmende Zeit, nicht nur im medizinischen, sondern vor allem im zivilgesellschaftlichen, demokratischen und ethischen Sinne - eingefroren im Gehorsam ohne öffentlichen Diskurs.

Es bestenen eine Reihe von Fragen, wie beispielsweise:

  • Da sich nun - auch im Gesundheitssystem, insbesondere im Öffentlichen Gesucheitsdienst, Versäumnisse der Vergangenheit zeigen, wäre deren zukünftsfähige Gestaltung neu zu denken.
  • Wie wahren wir hier demokratische Freiheitsrechte angesichts der Bündelung autoritärer Strukturen im östlichen EUropa?
  • Geht es um einen Verteidigungsfall gegen das Corona-Virus analog der deutschen Notstandsgesetzte?

  • Welche traumatischen Erfahrungen entstehen in dem Ausnahmezustand?

  • Wem nützt die COVID-19-Pandemie und mit welchen Vorteilen? Wer profitiert von der Epidemie oder mißbraucht sie gezielt? Wen benachteiligt die COVID-19-Pandemie?

So war die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, lohnabhängige Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hierbei entfaltete sich im 19. Jahrhundert eine breit angelegte, bürgerlich geprägte Hygienebewegung.

Die   "Hygiene" und ihre Einhaltung und Überwachung wurde gezielt auch zur Disziplinierung und Sanktionierung von Einzelpersonen und Personengruppen eingesetzt.

Hierbei drängt sich geradezu ein historischer Vergleich mit der derzeitigen "Corona-Krise" auf.

So werden momentan demokratische Freiheitsrechte massiv eingeschränkt und systematisch abgebaut - durch Kontaktverbote, "Isolierungen", Ausgangsbeschränkungen, Polizeikontrollen und durch Rechtsbeugung (z.B. § 30 Infektionsschutzgesetz: Quarantäne; rechtswidrige Übermittlung von Gesundheitsdaten an die Polizei und Justiz), Sanktionen und Strafbefehle.

Nach NOLTE geht es kulturwissenschaftlich betrachtet um ein Bedrohungsnarrativ, das bei realer Bedrohung erzeugt wird, um Sicherheitsmaßnahmen rechtfertigen zu lassen.[3]

Dabei sei zu beobachten, dasss die Zivilgesellschaft derzeit weitgehend untertänig und obrigkeitstreu reagiert und stumm bleibt, ohne kritische Analyse und ohne öffentliche Kontroverse bei einseitiger medizinischer Expertenherrschaft.

"Politische Entscheidungen lassen sich nicht aus medizinischem Wissen generieren oder aus physikalischem."[3]

In den letzten Wochen immer wieder zur „Corona-Krise“ - die eigentlich im Kern eine politisch-ökonomische Krise ist - angesprochen, kann kritisch seitens des Autors anhand von Zitaten aus einem Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 08. April 2020 zur FR-Serie „Die Welt nach Corona. Wie wollen wir morgen leben?“ geantwortet werden:[1]

  • „Die Corona-Krise ist keine bloß biologische Bedrohung: Ohne die chronische Unterfinanzierung der Gesundheitssysteme wäre das Virus nicht so eine Gefahr. Ohne weltweiten Handel und Tourismus wäre es sicher nicht so schnell verbreitet worden. Inzwischen wissen wir, dass die Abholzung des Regenwaldes, die Zerstörung von Ökosystemen und die Massentierhaltung generell Virus-Epidemien befördert.“

  • Als langjäöhriger Amtsarzt hat der Autor seit Jahren, wie Kollegen/Experten, vor der Gefahr einer Pandemie gewarnt. „So ging 2013 ein Bericht zur Risikoanalyse zu Pandemien durch den Bundestag. Seit Jahrzehnten haben wir den neoliberalen Raubbau am öffentlichen Gesundheitssystem beklagt.“

  • „Die jahrzehntelange Staatsphobie, die Schwarze Null, die Ellenbogen-Mentalität – all diese Dogmen aus der Hochzeit des Neoliberalismus sollten wir mutig und unwiderruflich infrage stellen. Inzwischen ist klar: Der Markt lebt von Bedingungen, die er selbst nicht schaffen kann, wie Bildung, Straßen, Sozialsysteme oder wissenschaftliche Innovationen.“

  • „Für privatisierte Krankenhäuser muss beispielsweise eine Entprivatisierungsstrategie entwickelt werden. Denn Privatisierung bedeutet, dass Geld für Profite abgezogen wird, das einfach fehlt – bei der Bezahlung der Beschäftigten oder für die Behandlung der Patientinnen und Patienten.“

  • Was derzeit erneut erlebt werden kann, ist die Vergesellschaftung der Verluste, während die Gewinne weiterhin privat bleiben - ausgerechnet in diesen Tagen zahlen Konzerne 44 Milliarden Euro an Dividende aus.

 

«Wir tragen ein Wissen über Angst in uns, und das ist kulturell und historisch geprägt»

Bettina Hitzer │ Expertin für Emotionsgeschichte

«Die Tatsache einer Pandemie in Europa – das ist ein Zustand, auf den wir emotional nicht vorbereitet sind»

Die Historikerin Bettina Hitzer forscht über den privaten und öffentlichen Umgang mit Gefühlen, die mit lebensbedrohlichen Krankheiten verbunden sind.

Interview von Daniel Graf (Text) und Jelka von Langen (Bilder) │ 13. April 2020 │ REPUBLIK republik.ch/2020/04/13, S. 1-10

 

▷ Die Welt nach Corona: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise vorbei ist

"Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn 'vorbei sein wird', und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals."

Es gebe historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändere, so der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx.

Seine außergewöhnliche und optimistische "Corona-Rückwärts-Prognose" veröffentlicht kress.de als Gastbeitrag │ 19. März 2020

 

Kollektive Verhaltens- & Denkmuster

Vor dem Hintergrund von Epidemieerfahrungen entwickelten sich alte kollektive Verhaltens- und Denkmuster, die über Jahrhunderte hinweg kulturell eingeübt wurden - und die gegenwärtig auch im vereinfachten Ablaufmuster der öffentlichen Wahrnehmung [2] bei der Corona-Epidemie zu beobachten sind:

1. Phase - Anfang

  • Annahme, dass die erkrankten Personen „ganz anders sind als man selbst“, weshalb die die Epidemie/Seuche keine Gefahr darstellt.

2. Phase - Die Epidemie kommt näher

  • Schuldzuschreibung und daraus folgende Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe, die von der dominierenden Bevölkerungsgruppe anders definiert wird.

  • Sozial stigmatisierte Bevölkerungsgruppen sind immer diejenigen, „die man als anders wahrnimmt“ - „Die Seuche haben immer die anderen.“

  • Dabei „hilft der Fingerzeig auf andere, vor sich selbst zu leugnen, dass man selbst auch betroffen sein kann“.

  • Es kommt zur pauschalen Beschuldigung, den Krankheitserreger nicht unter Kontrolle gebracht zu haben.

  • Vorurteil: Epidemien/Seuchen „kommen oft aus dem (uns eher fremden) Osten“

3. Phase

  • Schließlich führt die vorurteilsbeladene Stigmatisierung und Stereotypisierung zu einem rassistischen Verhalten, das eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert und benachteiligt.

  • „Offenlegen der Grenzen der Zivilisation“

 

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] KIPPING 2020.

[2] DÖRRHÖFER 2020.

[3] FRANKFURTER RUNDSCHAU 2020b.

[4] STERNBURG 2020b.