Geburt & Kindheit in der frühen Neuzeit – Harter Überlebenskampf für Mutter & Kind

Leitender Medizinaldirektor Dr. Klaus A.E. Weber

 

Nicht nur aus physiologischen Gründen war die Geburt vornehmlich eine Angelegenheit von Frauen.

Der Gebärenden standen meistens eine Hebamme und/oder Frauen der Nachbarschaft beiseite.

Erst im 18. Jahrhundert wurde es allmählich üblich, auch einen Arzt zur Geburt hinzuziehen (Arzt und Geburtrshelfer).

In der frühen Neuzeit führten Frauen bei der Geburt ihrer Kinder einen „harten Überlebenskampf“, da die Überlebenschancen von Mutter und Kind in jener Zeit relativ gering waren.

Sowohl bei der Geburt als auch im Kindbett war der frühe Tod den Frauen allgegenwärtig, ebenso den Neugeborenen.

So erwartete eine Familie nicht nur das Kind, sondern zugleich auch eine Todesgefahr für Mutter und Kind.

Es galt für Neugeborene die Lebensgefahren der ersten nachgeburtlichen Zeit (Tage, Monate) gesundheitlich unbeschadet zu überstehen.

Auf dieses oftmals schwere, auch schicksalhafte Leben von Hellentaler Dorfbewohnern im 19. Jahrhundert soll hier auf das besonders beeindruckende Beispiel der alten Hellentaler Brinksitzer-Familie Engelbrecht näher eingegangen werden, deren Nachkommen noch heute in Hellental am alten Dorfteich wohnen.

Noch heute trägt der Holzquerbalken der alten Toreinfahrt des Wohnhauses Am Teiche 9 (Ass.-№ 31│heute im Besitz der Familie Gobrecht) die Inschrift:

 

"Carl Engelbrecht. u. Louise gbr Meier. den 27sten November 1847"


Es handelt sich hierbei um das Wohnhaus des am 15. Februar 1815 in Hellental geborenen Brinksitzers Carl Friedrich Ludwig Daniel Engelbrecht.

Carl Engelbrecht heiratete 24-jährig im April 1839 in Hellental die 22-jährige Sophie Catharine Luise Meier.

Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, wobei das erste Kind 1838 vorehelich geboren wurde.

Das letztgeborene Kind verstarb 1851 knapp sechs Monate nach seiner Geburt an „Auszehrung“.

Zuvor war im Dezember 1850, nur wenige Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes, Luise Engelbrecht an „Kehlschwindsucht“ im Alter von 33 Jahren verstorben.

Carl Engelbrecht heiratete 36-jährig kurz darauf in zweiter Ehe im Mai 1851 Johanne Wilhelmine Luise Kuhlmann, die 26-jährige Tochter eines Schuhmachers aus Negenborn.

Aus der zweiten Ehe gingen drei Töchter hervor.

Die erste Tochter verstarb zwei Wochen nach ihrer Geburt 1852 an „Scheuerchen“, die dritte Tochter 1872 im Alter von vier Jahren an „Rachenbräune“ (Diphtherie).

Trotz dieser heute kaum noch vorstellbaren Problematik war die Geburt eines lebenden Kindes letztlich doch meist ein besonderes, ein großes Ereignis für die gesamte Familie.

Auch die Pflege von Säuglingen wie das Erziehen der Kleinkinder fiel traditionell in den Aufgabenbereich der Mutter.

Gleichwohl gibt es historische Belege dafür, dass zudem auch Väter eine nähere Bindung zu ihren Kindern hatten und sich auch zum Wohle ihrer Kinder engagierten.

Die in Kirchenbüchern verzeichnete Anzahl von Kindern pro Hellentaler Familie belief sich im Zeitraum von 1717-1903 von einem Kind bis zu maximal 13 Kindern mit einer relativen statistischen Häufung um etwa 4-8 Kinder.[1]

Im gleichen geschichtlichen Zeitraum verstarb eine Vielzahl von Kindern bereits wenige Wochen oder Monate nach der Geburt oder noch im Klein– bzw. Schulkindesalter.

Die Mortalitätsrate von Säuglingen war in der frühen Neuzeit regional enorm hoch, ebenso die von Kleinkindern.

Nur etwa 50-60 % der Lebendgeborenen erreichten das zeugungsfähige bzw. Erwachsenenalter.

 

Fotografie:

© Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] NÄGELER/WEBER 2004. Die Geburtenziffer (durchschnittliche Kinderzahl je Frau) betrug in jenem Zeitraum in Deutschland etwa 4,5–5,0 bei später deutlich sinkender Tendenz.