Dynamisch in Raum & Zeit: Cholera, Pestilenz & Co

Klaus A.E. Weber

 

Bereits während der gerade aufkommenden neuen Ära der Bakteriologie wies Rudolph Virchow 1885 in Berlin kritisch daraufhin, wie wir heute wissen, auch zurecht, dass mit dem bloßen mikrobiologischen Erkennen eines Erregers noch längst nicht dessen Verhütung und Bekämpfung gegeben ist und für eine wirksame Prävention andere Konzepte erforderlich sind.

Zu ihnen zählen nach wie vor auch die allgemeinen wie speziellen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen.

Sie sind nach wie vor tragende „klassische Säulen“ des Infektionsschutzes, auch im modernen Sinne.

Von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheitserreger – wie typischerweise Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten – verändern sich sich permanent und zudem auch oft nicht vorhersehbar.[28]

Durch Infektionserreger ausgelöste Krankheiten und große Seuchen haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die demographische, ethnische, politische wie gesellschaftliche, ökonomische, soziale, religiös-ethische und nicht zuletzt auch auf die kulturelle Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt.

Die Ursachen gerade seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennung, Verhütung und Bekämpfung waren und sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen Geschichtsepoche verknüpft.

Deutlich ist und bleibt gerade auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die der einst romantisch verklärten Lungentuberkulose, jener „weißen Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, im 19. Jahrhundert die „Krankheit der Proletarier“.

Die fachliche wie öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Infektionskrankheiten hat in den letzten Jahrzehnten wieder zugenommen, da u.a. „besiegt“ geglaubte klassische Krankheitserreger wieder zurückkehren und andere ihre Empfindlichkeit gegenüber antibakteriellen Wirkstoffen (Antibiotika) durch biogen wie anthropogen induzierte Resistenzentwicklungen zunehmend verlieren (z. B. bei Tuberkulose).

Ein weltweit nicht sachgerechter und unkontrollierter Einsatz antibakterieller Wirkstoffe leistet hierbei einen wesentlichen Vorschub.

Zudem kamen und kommen neu entdeckte oder gar neuartige vermehrungsfähige, transmissible Agenzien inzwischen hinzu.

Die beiden medizinischen Säulen der klassischen „Seuchenbekämpfung“ - Antibiotika und Schutzimpfungen - konnten bis heute die großen Seuchen der Vergangenheit tatsächlich - bis auf wenige bekannte Ausnahmen – nicht oder nur unzureichend „besiegen“.[29]

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten stets ihre

  • bzw. die Art und den Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Mechanismen der Erreger-Evolution (allen voran molekulargenetische Mechanismen) und der immanente Selektionsdruck bestimmen, insbesondere bei Viren, das Auftreten, die Verbreitung und die epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung der Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

 

Jahrhunderte lang der Schwarze Tod“

Die „Pestilenz“ gilt als eine der ältesten bekannten Infektionskrankheiten.

Sie führte im 14. Jahrhundert zum „Großen Sterben“ in Europa, auch in der hiesigen Region.[79]

Allerdings ist für die hiesige Region im Hinblick auf die Bedeutung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pest-Epidemien, bislang keine wissenschaftliche Forschung erfolgt.

Der bedeutendste Einschitt durch „den schwarzen Tod“ lag im 14. Jahrhundert als es um 1348–1352 zu einer explosionsartigen Pest-Ausbreitung mit hoher Natalität und Mortalität über ganz Europa gekommen war.

Etwa sechs Jahrhunderte nach der frühmittelalterlichen „Justinianischen Pest“ kam es während des 14.-18. Jahrhunderts (1348-1722) in West- und Mitteleuropa wiederholt zu heftigen Pest-Epidemien.

Der letzte große Pest-Einbruch ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zwischen 1663–1668. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts hörten schließlich die Pest-Epidemien in Europa ganz auf.[80]

In den Jahren 1350, 1358 und 1364/1366 suchten Ausläufer der europäischen Pestwelle auch die Stadt Braunschweig heim.

Zwei große Pest-Epidemien gab es auch während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Während der Pestwelle von 1625/26 sollen etwa 30–40 % der Bevölkerung verstorben sein, während der des Jahres 1636 etwa 25%.[81]

1625 soll es in Stadtoldendorf durch Einquartierungen zu einer Seuche gekommen sein, der 50 Personen zum Opfer gefallen seien.[82]

In keinem der herangezogenen Kirchenbücher ist ab 1648 für Heinade und Merxhausen die Todesursachenangabe „Pest“ oder eine vergleichbare Diagnoseformulierung dokumentiert worden.[83]

Diese Beobachtung erscheint insofern epidemiologisch als plausibel, als sich die letzten drei bevölkerungsrelevanten Pest-Epidemien (1613, 1625/1626, 1636, 1641) bereits vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ereigneten.

In Folge der Pest-Epidemien wurden Länder entvölkert, setzten Wüstungsprozesse mit Veränderung der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur ein, wurden Familien auseinander gerissen, fielen Felder brach, trat ein Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln auf, stiegen Preise und vor allem Löhne an.

Es wurde dabei das gesamte soziale Ordnungsgefüge zerstört und kriegerische Ereignisse setzten ein.

Nicht zuletzt wurden durch die mittelalterlichen Pest-Wellen auch Massenmorde an Juden gerechtfertigt, die man sie als „Brunnenvergifter“ verunklimpfte und ermordete.

Als Folgen der schweren Pest-Epidemien („Pestzüge“) des 14. bis 18. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa gelten

  • die Entvölkerung der Länder,
  • Wüstungsprozesse,
  • Veränderungen der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur,
  • das Auseinanderreißen von Familien,
  • Brachfallen von Feldern,
  • der Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln,
  • Hungersnöte,
  • der Anstieg von Preisen und Löhnen,
  • die Zerstörung des sozialen Ordnungsgefüges,
  • kriegerische Ereignisse,
  • die Rechtfertigung für Massenmorde an Juden (als „Brunnenvergifter“).

 

„Grassierende Pocken“ & die "Blattern"

Im 18. und 19. Jahrhundert kam es dann zur epidemischen und endemischen Ausbreitung der Pocken („Schwarze Blattern“) in Zentraleuropa.

Bei den Pocken handelt es sich um eine durch bestimmte Viren verursachte Infektionskrankheit.[84]

Vermutlich war es während des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer Virulenzsteigerung des Pockenvirus gekommen, wobei der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) eine epidemische Verbreitung der Pocken begünstigt haben könnte.

Während des 18. und 19. Jahrhunderts kam es zur Entwicklung und Durchsetzung der wirksamen „Blatternimpfung“ (Pocken-Vakzination).[85]

Das seuchenhistorisch hervorstechenste Merkmal der Pocken und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.[86][87]

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit im Alter von 1-7 Jahren, woraus schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum resultierte Landesherrlich war entscheidend, dass somit für das Militärwesen allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar waren.

Eine weitere Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit nicht nur die öffentliche, sondern auch die Aufmerksamkeit der herrschenden Eliten auf sich zog.

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen, wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten Ende des 18. Jahrhunderts (1788/1789 und 1792/1793) in südniedersächsischen Städten auf.[89]

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher; insbesondere waren Kinder im Alter von 1-5 Jahren betroffen.

Auch traten zusätzlich Windpocken (Varizellen) auf.[89]

Für Heinade, Merxhausen und Hellental konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 dokumentierte „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.[90]

 

Die verheerende Cholera-Pandemie in Mitteleuropa

In den Jahren 1831/1832 wütete erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Mitteleuropa.

Für einige Jahre veränderte die Cholera vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen der Zeitepoche des 19. Jahrhunderts.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen.

Beispielsweise wurde im Jahr 1905 in amtlicher Ausgabe eine „Anweisung zur Bekämpfung der Cholera“ in Berlin herausgegeben (Verlag Julius Springer), die auf Vorschlag des Kaiserlichen Gesundheitsamtes und des Reichs-Gesundheitsrates in der Sitzung des Bundesrates vom 28. Januar 1904 festgestellt worden war.

Seuchenhafte Infektionskrankheiten breiteten sich entlang von Handels- und Verkehrswegen oder durch Krieg aus.

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen - Seuchenfurcht, Ängste, resignierende Sichtweisen - begleiteten stets die Seuchenzüge auch der Neuzeit.

So kam es beispielsweise dazu, dass Erkrankte ausgegrenzt wurden, sich die Trunksucht (Alkoholismus) und Selbstisolierung ausbreitete oder besondere religiöse Inbrunst zum Tragen kam.

Während Phase des Aufbruchs zur Industrialisierung (1735-1835) und der der ersten Industrialisierung mit der Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen entstanden Brennpunkte massenhafter sozialer Not („Proletarisierung“) und gesundheitlicher Gefahren.

  • Systemmängel in der Abwasser- und Fäkalienbeseitigung (fehlende Abwasserbeseitigung/Kanalisation),
  • mangelnde stabile und zentrale Frischwasser-Versorgung und deren Kontrolle,
  • Wohnungsnot,
  • Kinder- und Frauenarbeit,
  • niedriges Lohnniveau („Hungerlöhne“),
  • hohe Wochenarbeitszeit (> 90 Stunden/Woche) und Arbeitslosigkeit,
  • sozialer Abstieg und Verelendung,
  • Trunksucht (Alkoholismus),
  • Wandel tradierter Lebensgewohnheiten (industrielle Kleinfamilie, Bedürfnislosigkeit der Arbeiter),
  • Nahrungsmangel und Ernährungsdefizite,
  • unzureichende Kleidung,
  • Infektions- und Mangelkrankheiten (insbesondere bei Müttern und Kindern),
  • neue, schnellere Transportmittel für Personen und Güter

sind einige wesentliche Kennzeichen der sozialen und hygienischen Situation im Übergang Deutschlands von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Eine Wirtschaftsepoche mit zunehmenden sozialen und gesundheitlichen Problemverdichtungen, insbesondere in urbanen Ballungsräumen, aber auch im ländlichen Raum.

Im frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich die romantische Naturphiolosophie, die auch Ärzte und Naturforscher maßgeblich beeinflusste.

Nicht wenige Ärzte waren vor allem von den psychischen Phänomenen des „Somnambulus“ fasziniert.

Volksmedizinisch kamen magische Heilmethoden zum Tragen und Naturmystiker traten auf den Plan.

Die Ursachen seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennen, Verhüten und Bekämpfen, sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen historischen Epoche verknüpft.

So war beispielsweise die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, lohnabhängige Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist somit auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

Wie einst bei den Pestepidemien so wurde im 19. Jahrhundert bei der aufrüttelnden, schmutzigen Cholera staatlich intervenierend versucht, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit entwickelten Prinzipien der Quarantäne, Isolierung, Desinfektion, Handelssperre und des „Cordons sanitaire“ anzuwenden.

Für die Obrigkeit war es wichtig, durch Bekanntmachungen, Reglements und Belehrungen über die gegen die Cholera anzuwendenden Schutz- und Verhaltensmaßregeln öffentlich zu informieren und auch zu sanktionieren.

Neben den Städten waren auch in den Dörfern unzulängliche Verhältnisse im sozial- und sanitärhygienischen Lebensumfeld als Voraussetzung für die epidemische Ausbreitung der Cholera weitgehend gemeinsam, wie vornehmlich mangelhafte Wasserversorgung und Trinkwasserqualität, fehlende Abwasserbeseitigung, Überbevölkerung und Wohnungsnot, Nahrungsmittelknappheit und das neuartige Phänomen des Pauperismus.

Die bei großen Seuchenzügen zu beobachtenden psycho-sozialen Reaktionsmechanismen waren vor allem gekennzeichnet von

  • Seuchenfurcht,
  • Ängsten,
  • resignierenden Sichtweisen,
  • Ausgrenzung von Erkrankten,
  • Massenflucht,
  • Selbstisolierung,
  • Aufruhr und Proteste,
  • Trunksucht,
  • religiöse Inbrunst
  • der Fokussierung auf „Aggressionsobjekte“ mit Mord und Totschlag.

Trotz Erfolge der Seuchenhygiene sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts, waren die historisch alten „Volksseuchen“, genau genommen, nie gänzlich verschwunden.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Aus dem Kampf gegen Seuchen, entwickelte sich letztlich die „Vorsorgemedizin“.[30]

 

Die „pandemisch-contagiöse Cholera“ des Jahres 1850

Die Dramatik der schweren, demografisch einschneidenden Pockenepidemien hinter sich lassend, wurde das Seuchengeschehen des 19. Jahrhunderts maßgeblich von der progressiven Verbreitung der „Cholera asiatica“ (Cholera Morbus) geprägt - der „Seuche der Armen”.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war es noch unbekannt und heftig umstritten, wodurch die Cholera ursächlich ausgelöst wurde und auf welchen Wegen sie sich weiterverbreitete.[36]

Die Cholera [37] verdeutlicht als Infektionskrankheit anschaulich den kausalen Zusammenhang und die komplexe Interaktion von Umwelt und Infektionskrankheiten.

Sie wurde bald zur dominierenden Krankheit der damaligen Seuchenlehre sowie im Diskurs über die öffentliche Gesundheitspflege.

Zugleich erlangte sie auch eine besondere sozialgeschichtliche Bedeutung.[38]

Wie eine „große Peitsche“ trat während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in europäischen Ländern plötzlich eine bis dahin völlig unbekannte Seuche in heftigen Epidemiewellen mit unterschiedlich rascher regionaler Verbreitung auf.

Das raumzeitlich dynamische Geschehen der „Cholera-Krankheit“ der 1830er Jahre wurde in jener Zeit auf „modernen“ thematischen (medizingeografischen) Karten dargestellt.[39]

Als „asiatisches Ungeheuer“ bezeichnet, trat die klinisch schwer verlaufende Cholera ihren Weg nach Westen in vier Pandemien an.[40]

Erneut sich von Hinterindien entlang moderner Handels- bzw. Eisenbahnlinien ausbreitend, erreichte die dritte Cholera-Pandemie der Jahre 1840-1862 [41] auch das Herzogtum Braunschweig, in dem sich für einige Jahre das politische, soziale und kulturelle Leben, aber auch das Rechtsgefüge und Medizinalwesen veränderte.[42]

Um 1849 wurde eine Kausalität zwischen dem gehäuften Auftreten der Cholera und der vorherrschenden "Elektricität in der Atmosphäre" diskutiert.[43]

Dem hingegen hatte 1831 Friedrich Wilhelm Anton Sertürner (1783-1841) [44] festgestellt, dass die Ursache der Cholera "ein giftiges, belebtes, also sich selbst fortpflanzendes Wesen" sei.[45]

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des Auftretens, verbunden mit hoher Letalität, Unkenntnis der Ätiologie und Übertragungswege, die körperlichen Verfallsprozesse und der enorme Gestank führten zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung der importierten Cholera.

Sozial- und sanitärhygienischen Mängel ausnutzend, forderte sie auch im Spätsommer und Herbst 1850 in zahlreichen Gemeinden des Kreises Holzminden ihr Opfer.[46]

Im Herzogtum Braunschweig bestand als Grundlage für seuchenbehördliche Entscheidungen die Auffassung, dass die Cholera hochkontagiös sei, mit Verweis auf die „in den benachbarten Staaten [Preußen] angeordneten kräftigen und zweckmäßigen Maßregeln“.

1831 wurde die Herzogliche Immediat-Commission zur Abwendung der Cholera eingesetzt die als als staatliche Sonderkommission über weitreichende Verwaltungs- und Vollzugsbefugnisse verfügte.

Den Polizeibehörden oblag es, die herzoglichen Seuchenreglements durchzusetzen, wofür auch vorgesehen war, unverzüglich Kreis- und Districts-Commissionen in örtlicher Zuständigkeit zu organisieren, an den Hauptzollämtern Contumazanstalten [47] „vorzurichten“ und ggf. „Nebenzoll-Aemter und Straßen auf der bedroheten Grenze“ – wie bei Merxhausen - zu schließen.

Zudem wurden alle Polizeibehörden und Grenzzollbeamte strikt angewiesen, "Personen, Waaren und andere Gegenstände, welche von Gegenden kommen, wo notorisch die Cholera herrscht, oder kürzlich geherrscht hat, also namentlich aus Russland, Polen, Gallizien und den Häfen von Danzig und Riga, zurückzuweisen, wenn nicht durch gehörig documentirte Gesundheitsatteste der benachbarten Staaten dargethan ist, daß sie den Ansteckungsstoff nicht mit sich führen".[48]

Die Seuchenabwehrpolitik von Herzog Wilhelm orientierte sich an der "von der Königlich Preußischen obern Medicinal-Behörde erprobt gefundene[n] Anweisung zur Erhaltung der Gesundheit und zur Verhütung der Ansteckung bei etwa eintretender Cholera-Epidemie".

Die herzogliche Allgemeinverordnung vom 17. Juni 1831 enthielt "eine Anweisung zur Erhaltung der Gesundheit und Verhütung der Ansteckung bei etwa eintretender Cholera-Epidemie".

Allgemeine und spezielle Handlungsvorgaben zur staatlichen Gefahrenabwehr umsetzend, wurde noch am gleichen Tage die "Verordnung über das bei der Annäherung der Cholera oder bei dem Ausbruche derselben in dem Herzogthume Braunschweig zu beobachtende Verfahren" erlassen.[49]

Die Spezialverordnung enthielt umfassende sanitätspolizeiliche Anordnungen (Schutzmaßnahmen) für die epidemische Lage, "daß die Cholera einem Orte innerhalb des Landes bis auf eine Entfernung von 10 Meilen sich nähert und des wirklich Statt gefundenen Ausbruchs der Cholera in einem Orte".

Vorgeschrieben wurde, dass nach erfolgter Genesung "die Krankgewesenen noch einer 20tägigen Contumaz" [50] in einem öffentlichen Kontumazgebäude zu unterwerfen sind.

Im gleichen Jahr wurde auch für den Weserdistrikt eine interdisziplinär besetzte sanitätspolizeiliche Expertenkommission mit sieben namentlich berufenen Mitgliedern eingerichtet, die Herzogliche "Districts-Commission" zu Holzminden.[51]

Für Heinade, Merxhausen und Hellental war die ihr untergeordnete dreiköpfige Ortskommission Stadtoldendorf zuständig.[52]

Durch eine zweite Spezialverordnung wurden weitergehende Cholera-Abwehrmaßnahmen veranlasst, so auch die Anlage von Contumaz-Anstalten [53] an den Sperrungslinien.[54]

Solche Contumazanstalten wurden im Weserdistrikt am 31. August 1831 von der Distriktskommission in Holzminden vorgesehen, vertreten durch den Distriktsoberhauptmann B. v. Campe und den Kreisphysikus Dr. med. C. Reinbeck.

Nach deren Vorsorgeplanung sollte auch ein Cholerahospital in Stadtoldendorf eingerichtet werden.[55]

Da die Besorgnis einer Choleraeinschleppung weiter zunahm, erließ Herzog Wilhelm am 16. September 1831 mit der "Verordnung, geschärfte polizeiliche Maßregeln wegen Abwendung der Cholera betreffend" deutlich härtere sanitätspolizeiliche, mit Geld- und Gefängnisstrafen bewehrte Maßnahmen hinsichtlich der Einreise in das von der Choleraepidemie bis dato verschont gebliebene Herzogtum und zum dortigen Aufenthalt.

Dabei wurde auch das übliche Wandern "einheimischer" und "fremder" Handwerksgesellen erheblich eingeschränkt.[56]

Vergleichbar mit dem preußischen Maßnahmenkatalog wurden im Land Braunschweig mit der "Verordnung, die Bestrafung der Vergehungen gegen die zur Abwendung der Cholera erlassenen Vorschriften betreffend" sanitätspolizeilich weiter verschärfend sogar "Strafen mit dem unbeschränkten Gebrauche der Waffen" und Strafmaße von bis zu 10 Jahren Freiheitsstrafe bis hin zur Todesstrafe angedroht.[57]

Am 20. September 1831 erließ Herzog Wilhelm eine "Authentische Declaration der Verordnung vom 9ten d. M., die geschärften polizeilichen Maßregeln wegen Abwendung der Cholera betreffend".[58]

Bei weiterer epidemischer Entspannung wurde mit der am 25. Oktober 1831 erlassenen "Verordnung, die Modifikationen verschiedener gesetzlicher Bestimmungen wegen Abwendung der Cholera betreffend" eine Reihe landesrechtlicher Bestimmungen an die neue epidemiologische Kenntnislage angepasst, gelockert oder gar völlig aufgehoben.[59]

Nach diesem warnenden, raumzeitlichen „Vorspiel“ breitete sich erneut eine Choleraepidemie vor allem entlang moderner Reise- und Handelslinien weiter westlich aus und erreichte auch das Landesinnere des Herzogtums Braunschweig.

Wie dem Braunschweigischen Magazin von 1849 [60] zu entnehmen ist, wurde in der Stadt Braunschweig die Cholera erstmals am 10. September 1848 beobachtet und am 24. November als erloschen erklärt.

Ärztlich wurde aber befürchtet, dass die „Braunschweiger bald von einem zweiten Besuche derselben“ überrascht werden könnten.

Zwei Jahre später überzog die Cholera das gesamte Herzogtum Braunschweig, der landesweit 10.475 Personen erlagen.[61]

Von Juli bis September 1850 verbreitete sich die Cholera entlang des Leinetals und forderte u. a. in Einbeck, Moringen, Sievershausen und Uslar zahlreiche Todesopfer.[62]

Aufgrund der regionalen Choleraausbreitung hielt es der Stadt-Magistrat von Holzminden, vertreten durch den Bürgermeister Friedrich Bock und das Magistratsmitglied Ludwig Dülfer, für zweckmäßig, durch die amtliche Bekanntmachung vom 14. August 1850 die Stadtbewohner umfassend auf "Schutz- und Verhaltungsmaaßregeln" und auf "Regeln für den Fall, daß Jemand an der Cholera erkrankt" hinzuweisen.[63]

Der städtischen Deklaration wurde die Bekanntmachung des Herzoglichen Braunschweigisch-Lüneburgischen Ober-Sanitäts-Collegiums vom 15. Juli 1850 beigegeben.

Der Holzmindener Magistrat favorisierte mit seiner Bekanntmachung das "vorsichtige Verhalten" in der Allgemeinbevölkerung.

Fünf Tage später trat am nordöstlichen Sollingrand - in der Gemeinde Heinade - der erste Choleratodesfall im Kreis Holzminden auf, später auch in der Gemeinde Merxhausen.

Die Altersspanne der in Heinade und Merxhausen an der Cholera Verstorbenen reicht über alle Altersstufen hinweg, vom ersten bis zum 79. Lebensjahr.

Die lokalen Cholerainfektionen wurden vermutlich über die Messestadt Braunschweig vom benachbarten Dorf Mackensen über die bewachte Landesgrenze hinweg aus dem Königreich Hannover eingeschleppt.[64]

Als Ende August 1850 die importierte Cholera in den rund 39.400 Einwohner zählenden Kreis Holzminden gelangte, begegneten die Kreiseinwohner erstmals der tückischen Seuche.[65]

Sofort nach Beginn des Choleraausbruchs sah sich Wilhelm Pockels, erster Kreisdirektor der herzoglichen Kreisdirektion, veranlasst, am 20. August 1850 eine amtliche Bekanntmachung herauszugeben.[66]

Wie den Berichten der Kreisdirektion und dem Hauptbericht des Herzoglichen Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig zu entnehmen ist, verstarben an der Cholera vom 19. August bis zum 21. Dezember - mit erkrankungstypischem Maximum in den Spätsommermonaten September und Oktober - insgesamt 352 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts und mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Status.[67]

Legt man die durchschnittliche Letalitätsrate zugrunde, so dürften schätzungsweise bis zu 700 Kreiseinwohner von der Cholera infiziert und/oder an ihr erkrankt gewesen sein.

Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Alt-Kreises Holzminden waren von der „pandemisch-contagiösen Cholera“ heimgesucht worden.

Ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen verstarb binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen.[68]

Ein epidemiologisch relevanter Faktor für die Choleraausbrüche im Kreis Holzminden kann vornehmlich in der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse nach 1830 gesehen werden.

Hierbei sind die zwischen größeren Orten angelegten Fernverkehrsstraßen, wie beispielsweise die zu Beginn des Jahres 1832 in Betrieb genommene neue Chaussee über den Solling als maßgeblich in Betracht zu ziehen.

In den Jahren 1842-1845 war der Ausbau der als Allee mit Hainbuchen bepflanzten „Sollingstraße“ von Arholzen über Deensen nach Heinade und Merxhausen erfolgt.

Dem amtlich bestellten Physikus oblagen bei der Feststellung, Überwachung und Bewältigung der Cholera besondere hoheitliche Aufgaben.

Hierbei erfüllte der Physikus die wesentliche Aufgabe der Gerichtsmedizin, Verstorbene zu beschauen und bei unklaren Todesfällen die ärztliche Obduktion durchzuführen.

Während der Cholerazeit von 1850 war in Stadtoldendorf Dr. med. Friedrich Eduard Leitzen (1805-1890) als Physikus tätig.

Bei den lokalen Choleraausbrüchen hatten die Gemeinden sowohl für die Arzneimittel als auch für die ärztlichen Behandlungen [69] ihrer teils sozial bedürftigen Dorfbewohner aufzukommen.

Da das für einige der ärmeren Kommunen eine erhebliche Mehrbelastung ihres Gemeindehaushaltes bedeutete, beantragten einige von ihnen über die Kreisdirektion Holzminden beim Herzoglichen Staatsministerium zu Braunschweig eine Beihilfe.[70]

Obgleich die clusterartige Choleraepidemie in der hier betrachteten Region keine materiell erkennbaren Spuren hinterließ, so führte sie dennoch zu mittelbaren Auswirkungen auf die wasserwirtschaftliche und technisch-hygienische Gestaltung der zentralen öffentlichen Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung - noch heute wesentliche Aufgaben der kommunalen Daseinsfürsorge.[71]

 

Die schmutzige Cholera-Epidemie von 1850 in Heinade & Merxhausen

Als ein epidemischer Brennpunkt des 1850er Cholera-Seuchenzugs können die lokalepidemischen Auswirkungen in Heinade und Merxhausen am nördlichen Sollingrand angesehen werden.

Das weit abgelegene Bergdorf Hellental blieb hingegen von der gemeingefährlichen Seuche verschont.

Im August 1850 trat am nordöstlichen Sollinrand - in Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf.

Nach Angaben in der lokalhistorischen Literatur [72] sei Heinade von der Choleraepidemie besonders schwer betroffen gewesen.

Wie RAULS ausführte, sei „im Verzeichnis der Begrabenen“ 26mal als Todesursache „Cholera“ angegeben worden.

Die amtliche Registrierung weist für den Zeitraum vom 19. August bis zum 23. September 27 Cholera-Sterbefälle aus, im Neugeborenenalter bis zu 60 Jahren.

Die Mortalitätsrate war 5 % mithin eine der höchsten im Kreisgebiet.[73]

Der früheste für Heinade dokumentierte Cholerasterbefall datiert vom 19. August 1850.

Allein am 01. September starben in Heinade 4 Personen den Choleratod, eine maximale Häufung täglicher Todesfälle in einem nördlichen Sollingranddorf.

Der Choleraausbruch hielt in Heinade über 36 Tage bis zum 23. September 1850 an.

Auch das unmittelbar benachbarte Bauerndorf Merxhausen wurde von der Choleraepidemie heimgesucht.

Genealogisch konnten für Heinade und Merxhausen insgesamt 31 Cholerasterbefälle ermittelt werden [74], nach der amtlichen Statistik traten hingegen 34 Sterbefälle auf.

Vom Landchirurgen Ahrt aus Stadtoldendorf waren Choleraerkrankte in den Gemeinden Heinade und Linnenkamp behandelt worden, die jedoch das Honorar in Höhe von 7 Reichstalern und 20 Groschen nicht begleichen konnten.

Mit ihrem Beihilfeantrag vom 28. März 1851 erbat die Gemeinde Heinade beim Braunschweiger Staatsministerium eine Gesamtkostenerstattung in Höhe von 31 Reichstalern und 6 Groschen.

Drei Monate später, am 24. Juni 1851, wurde der Gemeinde eine staatlich anteilige Erstattung von 15 Reichstalern bewilligt.

 

Verschonung des abgelegenen Waldarbeiterdorfes Hellental

Wie die epidemiologische Interpretation der Kreisdirektionsberichte zeigt, traten räumlich und zeitlich differenziert kleinere wie größere Cholera-Cluster auf.

Einige geografisch weit abgelegene Dörfer, wie beispielsweise Hellenthal im Nordsolling oder Emmerborn, blieben hingegen von Todesfällen infolge der Cholera verschont.

Da die äußerst schlechten siedlungshygienischen und damit Seuchen begünstigenden Lebensbedingungen in Hellental im Wesentlichen denen der anderen Sollingdörfern entsprochen haben dürften, wäre es zweifelsohne im Falle einer Einschleppung des „Cholera-Bacillus“ auch innerhalb dieses Dorfes zu einem heftigen Cholera-Ausbruch mit zahlreichen Todesfällen gekommen.

Das weit abgelegene Waldarbeiterdorf Hellental blieb aber von der Choleraepidemie verschont.

Dort habe jeweils nur dann die Kapellenglocke als „Sterbeschauer“ geläutet, wenn in Heinade oder Merxhausen ein Dorfbewohner seiner Choleraerkrankung erlegen war.

Die tiefe Abgeschiedenheit als vorteilhafte geografische Barriere und die nur mangelhafte verkehrsräumliche Erschließung des Hellentals, aber auch die Berglage des Sollingdorfes mit stagnationsfreiem Quellwasser wirkten sich gegenüber einem Import der Cholera offenbar primärpräventiv für die ansonsten Not leidenden Dorfbewohner aus.

Aus tiefem religiösem Dank heraus, dass durch „göttliche Fügung“ die fürchterliche Choleraepidemie keine Todesopfer forderte, fasste die Hellentaler Gemeindevertretung den Beschluss, für „ewige Zeiten“ jährlich für die Errettung von der Cholera zu danken.

Ab 1851 wurde der erste Mittwoch im September als örtlicher Buß-, Bet- und Gedächtnistag bestimmt.

Der „Choleratag“ wurde danach jährlich etwa 100 Jahre lang (bis um 1949) würdigend mit einem größeren gemeinsamen Abendmahlgang in der Hellentaler Dorfkapelle begangen.[75]

Noch bis um 1961 soll diese regional einmalige Hellentaler Tradition der großen dörflichen Feier des „Choleratages“ angehalten haben.[78]

Heute ist er bei der jüngeren Dorfbevölkerung aber längst in Vergessenheit geraten.

 

„Schwindsucht“ - die Tuberkulose

Als „Volksseuche“, „Weiße Pest“ und „Schwindsucht“ war die Tuberkulose [91] ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen des 19. und 20. Jahrhunderts - das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Armenkrankheit“ oder „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts.[92]

Regional unterschiedlich verteilt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die aerogen übertragbare Lungentuberkulose („Lungenschwindsucht“) eine der häufigsten Todesursachen im damaligen Deutschen Reich.[93]

Die durch eine bestimmte, trickreiche Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde durch ein geschwächtes Immunsystem, durch Unterernährung, Armut, mangelhafte, unhygienische Lebens- und Wohnbedingungen, Migration und medizinische Unterversorgung besonders begünstigt - also durch jene sozialen Faktoren, die ehemals auch in Heinade, Merxhausen und Hellental anzutreffen waren.

Es kann aus medizinhistorischen und infektionsepidemiologischen Gründen davon ausgegangen werden, dass im 18. und 19. Jahrhundert die Tuberkulose, insbesondere Lungentuberkulose, auch in den Dörfern Heinade, Merxhausen und Hellental weit und anhaltend verbreitet war.

Wie genealogische Daten belegen [94], zählte im 18. und 19. Jahrhundert insbesondere die „Lungenschwindsucht“ – also die Tuberkulose der Atmungsorgane – zu den häufigsten Infektionskrankheiten des einfachen dörflichen Lebens jener Zeit.

Viele Dorfbewohner von Heinade, Merxhausen und Hellental erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung und –bekämpfung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den Dorfkrügen des Sollings - in Heinade, Merxhausen und Hellental - darauf hingewiesen worden sein:

Nicht auf den Boden spucken!


Trichinose & Trichinenschau

Auch im Herzogtum Braunschweig trat in der Neuzeit die schmerzhafte „Wurmerkrankung“ Trichinose als parasitäre Infektionskrankheit [95] endemisch wie epidemisch auf.

Nach gesetzlicher Einführung der obligatorischen Trichinenschau bei Schlacht- und Jagdtieren hat die Trichinose nicht mehr die epidemische Bedeutung wie noch im 19. Jahrhundert.

Durch die amtliche Trichinenschau als Zweig der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen und in der Folgezeit weiterentwickelten Schlachtvieh- und Fleischbeschau verringerten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Neuerkrankungen.



[28] NLGA 2012, S. 2.

[29] Inzwischen wird in diesem Zusammenhang sogar von einer „medizinischen Krise“ gesprochen; dies gerade auch im Hinblick auf die HIV/AIDS-Problematik, welche in Deutschland u.a. das Privatleben und Sexualverhalten in den beiden letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts bis heute stark beeinflusste.

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchenhygiene und -bekämpfung - wie gerade auch die Erfolge von Desinfektionsmaßnahmen - sowie der Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historisch „alten“ Volksseuchen, genau genommen, nie gänzlich verschwunden und verbreiten heute wieder - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung gerade durch neue Epidemien erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.

[30] RUFFIE/SÒURNIA 2000, S. 204.

[31] NÄGELER/WEBER 2005.

[32] „Scheuerchen“, auch „Schäuerchen“, „Scheuerken“ oder „Schürchen“ genannt, ist eine seit langem medizinisch nicht mehr gebräuchliche Symptom- bzw. Krankheitsbezeichnung. Der Quellenbegriff ist nach MÜNCH (1990) als Sammelbegriff für klinisch schwerere Infektionserkrankungen der Atemwege und des Darmtraktes zu deuten, die offenbar mit Fieber-„Schauern“ (Schüttelfrost) bzw. Krämpfen einhergingen. Bei SOHNREY 1929: „Scheuerken“ = Krämpfe.

[33] NÄGELER/WEBER 2005.

[34] Hierbei handelt es sich um eine klinisch schwer verlaufende Erkrankung, die man heute so nicht mehr kennt. Das lebensbedrohliche klinische Krankheitsbild ging mit hohem Fieber („Frieselfieber“) einher. Korrespondierend kam es zum starken Schwitzen, das hirsekorngroße, wasserhelle, meist auch gerötete Hautbläschen („Frieselbläschen“) entstehen lies; auch als „Roter Hund“ bezeichnet.

[35] Im 16. Jahrhundert wütete in England eine als „englischer Schweiß“ bezeichnete Epidemie, gekennzeichnet durch Fieber und heftige Schweißausbrüche. Es war eine klinisch schwere Krankheit, die auch binnen weniger Tage zum Tode führen konnte. Symptome und klinischer Verlauf sollen denen einer echten Grippe (Influenza) geähnelt haben. Das „Schweißfieber“ griff von England schließlich auch auf das europäische Festland über, das hier „Frieselfieber“ oder „Miliarfieber“ genannt wurde (RUFFIE/SOURNIA 2000).

[36] NLGA 2012, S. 5, 9, 13; WEBER 1993b, S. 80-165; WEBER 2006b, S. 83-96.

Erstmals zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben, hervorgerufen durch ein 1883/1884 von Robert Koch isoliertes Bakterium (Vibrio cholerae).

WEBER 2007: Die Choleraepidemie des Jahres 1850 im Kreis Holzminden – Medizinhistorische und amtsärztliche Betrachtungen. In: Jahrbuch 2007 für den Landkreis Holzminden. Bd. 25. 2007, S. 163-190.

[37] Bei der vornehmlich fäkal-oral übertragbaren Cholera handelt es sich um eine hochansteckungsfähige akute bakterielle Infektion der Darmschleimhaut mit einer Inkubationszeit von 1–3 Tagen, einhergehend mit ständigem Erbrechen und schweren, reiswasserartigen Durchfällen.

Hinsichtlich des Quellenwertes zeitgenössischer Berichte und lokaler Daten zur „Cholera“ ist anzumerken, dass diese kritisch zu betrachten sind. Im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ärztlich zwischen der „wirklichen Cholera“ (Cholera morbus/asiatica/indica/epidemica – asiatische, morgenländische oder indische epidemische Brechruhr) und der endemischen „Cholera nostras“ („einheimische Gallenruhr“) resp. „sporadischen Cholera“ („Cholerine“) unterschieden. Auch Kirchenbücher wie die oft viele Jahre später durch Erinnerungen und Erzählungen angefertigten Aufzeichnungen geben keine eindeutige Auskunft darüber, welche der Choleraformen im Einzelfall tatsächlich auftrat bzw. zum Tode führte. Dennoch ist davon auszugehen, dass es sich in den meisten Fällen tatsächlich um die nach ihrer geographischen Herkunft „Cholera asiatica“ genannten Erkrankung gehandelt haben dürfte.

[38] VÖGELE 2000, S. 291 ff.

[39] NLGA 2012, S. 4-13.

[40] WILDEROTTER 1995, S. 204 ff.

[41] Das Auftreten der Cholera überraschte in einer Zeit europäischer Revolutionen und politischer Kämpfe bei zunehmender Industrialisierung und komplizierter werdenden Sozialstrukturen. Behördlich intervenierend wurde der Aufbau einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge maßgeblich beschleunigt (z.B. Sicherung der hygienisch einwandfreien Trinkwasserversorgung). Die Cholera betraf in jener Zeit mit hohem Anteil vornehmlich die proletarischen Elendsquartiere von Städten und neueren städtischen Ballungszentren; sie wurde zur „Seuche der Armen“ und verschärfte somit zugleich auch die heftigen politischen und sozialen Proteste und Unruhen. Die Cholera-Ausbreitung erfolgte auch aufgrund schlechter sozialer Verhältnisse der Armen, bei hoher Bevölkerungsdichte. Sie betraf in der Regel etwa 1 % aller Einwohner, wobei von den Cholera-Erkrankten etwa 50–60 % verstarben.

[42] NLGA 2012, S. 9; WINKLE 1997, S. 153 ff., 188 ff.; LEVEN 1996, S. 10; STICKL 1985, S. 222.

[43] Braunschweigisches Magazin 62. Bd. 1849, S. 249-254, 254-255, 257-263.

[44] 1809-1817 Apotheker in Einbeck; er gilt als Entdecker des Morphins.

[45] Internet-Homepage der Sertürner Gesellschaft Einbeck e.V.

[46] Wie für den Kreis Holzminden lokale Überlieferungen und achivalische Quellen erkennen lassen, verfielen Cholerakranke, soeben noch scheinbar völlig gesund, innerhalb weniger Stunden und verstarben nach Stunden oder Tagen qualvoll. Der Choleratod war beim plötzlichen Verlust der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion ein übelriechender, ein wahrhaft schmutziger Tod.

[47] „Contumanz“: 20tägige Isolierung von Personen (Quarantäne), mit Beobachtung und Untersuchung.

[48] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande No. 24, S. 159–165.

[49] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 8. Jahrgang 1831. Braunschweig: No. 14, S. 59–78.

[50] Quarantäne

[51] B. v. Campe (Oberhauptmann des Weserdistrikts, Stadtoldendorf), Körber (Kommissionsrat), Wolff (Forstmeister), Ludwig Haarmann (Kammer-/Kreisbaumeister), der Chef der Bürgergarde (ohne Namen), Eifert (Hütteninspektor), Physikus Dr. med. C. Reinbeck (Holzminden).

[52] StAWF 111 Neu Nr. 3185, Bd. 2: 21.1 S. 244-249.

[53] staatliche Cholerahospitäler zur Quarantäne

[54] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 15, S. 79–98.

StAWF 34 N Nr. 7604.

Angesichts der „Ungewissheit der Ereignisse“ und insbesondere der „bevorstehenden Versendungen der für die herannahende Sommermesse bestimmten Waaren“ folgte am 23. Juni 1831 die nächste Spezialverordnung mit einschneidenden Einreisebestimmungen, nach denen spezifizierte Gesundheits-Atteste für Personen (Reisende und ihr Bagage), Waaren und Thiere verlangt wurden, ausgestellt von den Ortspolizeibehörden.

[55] Für ein Cholerahospital in Stadtoldendorf ist eine kleine, allerdings wenig aussagefähige Grundrissskizze erhalten. Es konnten in den Archivakten keine Hinweise dafür gefunden werden, dass die geplante Kontumazanstalt errichtet wurde (StAWF 34 N Nr. 7604).

[56] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig (e) No. 21, S. 143–145.

[57] StadtAHOL: „Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 22, S. 149–154.

[58] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande“. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 23, S. 157–158.

[59] StadtAHOL: Verordnungs-Sammlung für die Herzogl. Braunschweigischen Lande. 18. Jahrgang 1831. Braunschweig No. 24, S. 159-165.

[60] Braunschweigisches Magazin 1849, S. 258 f.

[61] GERBERT 1982, S. 110; Braunschweigisches Magazin 63. Bd. 1850, S. 214-216, 277-292.

[62] HARTJE 2000; WALTER 1960, S. 116 f.

[63] StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

[64] Nach SOHNREY (1929) habe ein Bauer aus Merxhausen auf der Einbecker Straße einen schwer kranken Handwerksburschen, der im Chausseegraben lag, auf seinem Wagen mitgenommen. Als der Bauer Merxhausen erreichte, sei der Handwerksbursche bereits tot gewesen. Es sei, so würde gesagt, der erste Cholerakranke im Solling gewesen. Die Cholera sei dann durch den ganzen Solling gezogen und habe Hunderte und Tausende hingerafft.

[65] Die Choleraepidemie grassierte clusterartig in 29 angesteckten Orten mit insgesamt ca. 19.500 Einwohnern. Knapp 40 % der 74 Ortschaften des Kreises wurden von der Choleraepidemie heimgesucht, wobei ein erheblicher Anteil der von der Infektionskrankheit Ergriffenen binnen weniger Stunden und Tagen oder wenige Monate später an körperlichen Spätfolgen verstarb.

[66] StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

[67] StAWF 12 Neu 4 Nr. 1005; StAWF 130 Neu 1 Nr. 521/I-IV.

Die im StAWF geführten Akten zur Speciellen Uebersicht der Cholera-Sterbefälle im Kreise Holzminden und der Hauptbericht des Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig erlauben eine kleinräumige epidemiologische Auflösung der Sterbehäufigkeit und der zeitlichen wie räumlichen Dimension in den von der Cholera betroffenen Gemeinden der Amtsbezirke Holzminden, Stadtoldendorf, Eschershausen und Ottenstein. Die für den Kreis Holzminden epidemiologisch ausgewerteten Archivdaten legen nahe, dass die Cholera während etwa 4½ Monate wellenartig mit räumlich unterschiedlicher Dauer, Verbreitung und Intensität auftrat.

[68] WEBER 2007, S. 163-190.

[69] Zur Beurteilung und Behandlung der „epidemischen Brechruhr (cholera morbus)“ sei auf die Veröffentlichung von WEBER 2007, S. 163-190, verwiesen.

[70] Wenn kommunale Eingaben vom Braunschweiger Staatsministerium nicht von vornherein schlichtweg ad acta gelegt wurden, so wurde eine staatliche Beihilfe nur anteilig gewährt und aus Mitteln des Braunschweiger Klosterfonds beglichen.

[71] Es war Robert Koch (1843-1910), nunmehr Leiter des neu geschaffenen preußischen Reichsgesundheitsamtes in Berlin, dem es mit seinen hoch entwickelten mikrobiologischen Untersuchungsverfahren 1883/1884 gelang, den bakteriellen Erreger der Cholera-Erkrankung nachzuweisen. Mit dem Erregernachweis (Vibrio cholerae) und der Erkenntnisse über dessen Weiterverbreitung begann zugleich auch die wirksame Bekämpfung der Cholera. Als sicherster Schutz gegen eine Cholera-Infektion wurde 1894 die „Gesundung der Städte und Ortschaften“ durch verbesserte „Beseitigung der Abfallstoffe“ und „durch reichliche Versorgung mit reinem Trinkwasser“ angesehen. Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der alten Hansestadt Hamburg auf.

[72] ANDERS 2004; RAULS 1983, S. 169.

[73] Anhand der amtlich festgehaltenen Sterbefälle kann für den Kreis Holzminden von einer landesunterdurchschnittlichen Mortalitätsrate ausgegangen werden. Dem hingegen aber lag die Gemeinde Heinade deutlich über der landesdurchschnittlichen Cholera-Sterbefallrate.

[74] NÄGELER/WEBER 2005, S. 165 f.

[75] Nach mündlicher Auskunft von Hannelore Schulz (Hellental) habe zuletzt Pastor Wilhelm Friedrich Ernst JEREMIAS (1939–1949) am ersten Mittwoch im September noch den „Choleratag“ in der Hellentaler Dorfkapelle begangen. Danach sei in Hellental die Tradition des örtlichen Gedächtnistages nicht weiter fortgesetzt worden.

[76] WEBER 2005; S. 378 ff.; QUERFURTH 1913

[77] Vielleicht war auch das im Dorf damals weit verbreitete Branntweintrinken infektionspräventiv?

[78] LESSMANN 1984; RAULS 1983.

[79] Die Pesterkrankung kommt auch im beginnenden 21. Jahrhundert global noch endemisch vor. Der Erreger der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis, welches 1894 namensgebend von dem Schweizer Bakteriologen und Pasteur-Schüler Alexandre Yersin (1863-1943) in Hong Kong identifiziert werden konnte [MOLLARET/BROSSOLLET 1987, S. 161 ff.].

Der Pesterreger wird hauptsächlich durch Rattenfloh- und Zeckenstiche auf den Menschen übertragen, wodurch es bei ihm zur „Bubonenpest2 (Beulenpest) kommen kann. Bei an „Lungenpest“ erkrankten Personen erfolgt die Erregerübertragung durch Tröpfcheninfektion, was ungleich schwerwiegender für eine epidemische Weiterverbreitung ist.

Einerseits als pestis conclusa, als „eingeschlossene“ oder „verheilte“ Seuche, andererseits als contagium conclusum, als „Pestzunder“ an Gegenständen anhaftend beschrieben, wurde die Pest als Mythos zum Inbegriff der Seuche schlechthin. Als „Geißel Gottes“ steht die Pest metaphorisch für Katastrophen und auch stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Die Pest oder „Pestilenz“ meint in der volkssprachlichen Überlieferung daher allgemein jede folgenschwere pandemisch auftretende Seuche, die aus heutiger infektionshistorischer Sicht nicht in jedem Falle gleichgesetzt werden kann mit der medizinisch klar definierten Beulen- oder Lungenpest.

[80] 1742 wurde in Köln das „Eau de Cologne“ kreiert, ursprünglich hergestellt zur Desodorierung gegen die als krankheitserzeugend angesehenen Ausdünstungen bei Pesterkrankten (übelriechender „Pesthauch“).

[81] JARCK/SCHILDT 2000, S. 260, 529.

[82] RAULS 1983, S. 79 f.

[83] NÄGELER/WEBER 2005.

[84] WEBER 2006c, S. 444-450.

Der Krankheitserreger ist das Variola-Pockenvirus (Variola Major), das erst 1906 von Enrique Paschen entdeckt wurde. Die Übertragung des Pockenvirus erfolgte direkt von Mensch zu Mensch, vornehmlich durch einatembare Tröpfchen.

[85] Das Prinzip der Pocken-Vakzination wurde am 14. Mai 1796 von dem englischen Wundarzt Edward Jenner (1749–1823) durch eine Arm-zu-Arm-Vakzination eingeführt. Jenner übertrug bei seinem legendären Versuch frisches Kuhpockensekret von der kuhpockeninfizierten Kuhmagd Sarah Nelmes auf den pockengesunden Jungen James Phipps.

[86] hoher Kontagionsindex: 95-100 % bei nicht-immunen Personen; hohe Mortalität: 30–80 %.

[87] noch in den 1950er und 1960er Jahren traten in Europa Pockenepidemien auf; der letzte Pockenfall in Deutschland trat 1972 in Hannover auf.

[88] beispielsweise in Einbeck und Duderstadt.

[89] In jener Zeit wurde bei den Blatter-Ausschlägen klinisch zwischen „echter Menschenpocke”, auch „Menschenblatter“ (Variola) genannt, „Kuhpocke”, „Schutzpocke” und „unechter Menschenpocke” („Wasserblatter”) unterschieden.

[90] Inwieweit es sich hierbei im Einzelfall zweifelsfrei um die richtige medizinisch Diagnosestellung einer echten Pockeninfektion (Variola) handelte, ist nicht hinreichend nachvollziehbar.

[91] Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die alle Organe und Systeme des Menschen befallen kann. Sie wird durch einen spezifischen bakteriellen Erregerkomplex verursacht, der vornehmlich durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen (Aerosole) oder Staubpartikel übertragen wird. In dem hier betrachteten Zeitraum konnte zudem auch durch die orale Aufnahme von tuberkulös infizierter Milch oder von tuberkulös infiziertem Rindfleisch eine Erregerübertragung erfolgen.

Das Krankheitsbild wurde ehemals mit recht unterschiedlichen Sammelbegriffen belegt („Auszehrung”, „Phthisis pulmonalis“, „Schwindsucht”), die im historischen Rückblick nicht völlig exakt unter dem erst um 1834 eingeführten Fachterminus „Tuberkulose“ subsumiert werden können.

Der in Clausthal im Oberharz geborene Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) konnte am 24. März 1882 der Berliner Physiologischen Gesellschaft seinen gelungenen Nachweis des Tuberkulose-Erregers Mycobakterium tuberculosis demonstrieren; in einer Zeit, in der die politische und administrative Aufmerksamkeit gegenüber der sich weiter ausbreitenden Lungentuberkulose und ihrer Verhütung und Bekämpfung angewachsen war.

[92] WILDEROTTER 1995, S. 278 ff.

[93] NLGA 2012, S. 14-15:

bis zu 120.000 Todesfälle pro Jahr; im Durchschnitt der Jahre 1900/1904 war die Tuberkulose in der Altersgruppe zwischen 15-60 Jahren für mehr als ein Drittel der Todesfälle ursächlich verantwortlich. Im Alter von 15-60 Jahren lag je 10.000 Personen 1892/1893 die höchste Sterblichkeit bei 48,2 - die gerinsgte bei 17,6.

[94] NÄGELER/WEBER 2005.

[95] Die Trichinose („Trichinenkrankheit“, Trichinellose, Trichinelliasis) ist eine Infektionskrankheit des Menschen, verursacht durch die parasitische Lebensweise der Fadenwürmer (Nematoden) des Genus Trichinella. Neben Trichinella spiralis, dem für den Menschen wichtigsten pathogenen Vertreter, konnten weitere verwandte Fadenwurmarten nachgewiesen werden. Bei breitem Wirtsspektrum besteht in Mitteleuropa sowohl ein „silvatischer“ (Wildschwein, andere Wildtiere) als auch ein „domestischer“ Zyklus (Hausschwein). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden „Muskeltrichinen“ erstmals erkannt und als mikroskopisch kleine Faden-/Rundwürmer in menschlichen Skelettmuskeln identifiziert. Wenige Jahrzehnte später konnten der zoologische Lebenszyklus mit den beiden Entwicklungsstufen „Muskeltrichine“ und „Darmtrichine“ sowie der parasitäre Infektionskreislauf des Eingeweidewurms entschlüsselt werden.