Endemien, Epidemien & Seuchenzüge

Klaus A.E. Weber

 

Der Mensch lebt seit seiner Existenz in einem komplexen ökologischen System seiner Umwelt, wobei er auch individuell in wechselseitiger natürlicher Beziehung zu einer Vielzahl von Agenzien steht, die als Krankheitserreger (humanpathogene Erreger) beim ihm Infektionen und übertragbare Krankheiten verursachen können.[3]

Krankheitserreger unterschiedlicher Herkunft können auf recht verschiedenen Wegen und bei unterschiedlichen Bedingungen auf den Menschen mittelbar oder unmittelbar übertragen werden.

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Erregerübertragung durch den Kontakt von Mensch zu Mensch, die „Ansteckung“.

Ausgehend vom Ort der Erregerübertragung (Infektionsquelle) handelt es bei Ausbrüchen von Infektionserkrankungen „um ein dynamisches Geschehen in Raum und Zeit.“[4]

Als Seuchen gelten solche Infektionsausbrüche, die mit plötzlichem und massenhaftem Auftreten lebensbedrohlicher übertragbarer Erkrankungen bei zahlreichen Menschen (Massenerkrankungen) mit Hunderten oder Tausenden von Toten in einem abgrenzbaren Gebiet einhergehen.

Seuchen sind die Folge einer schweren, von Mensch zu Mensch übertragbaren Krankheit mit hoher, teils progressiver Verbreitungsquote (Epidemien).[5]

Seuchen legten oft den Alltag ganzer Städte und Landstriche lahm.

Historisch gesehen, waren Seuchen vornehmlich Phänomene und Folgen städtischer Infrastrukturen, mithin ein Produkt der menschlichen Gesellschaft.[6]

Die Verbreitung und Ausbreitung von Seuchen, das Wandern seuchenhafter Infektionskrankheiten, erfolgt bis heute entlang von Handels-, Migrations- und Verkehrswegen, Kriegen/Bürgerkriegen und Katastrophen.

Dabei gab es stets einen zeitlichen Wandel und Wechsel von Krankheitserregern und Infektionskrankheiten, insbesondere im klinischen Erscheinungsbild, Schweregrad und in der zeitlichen wie räumlichen Verteilung.

Zunächst kam es zu einem ersten epidemischen Auftreten mit besonders heftigem progressivem, Verlauf („Seuche“).

Es erfolgte dann meist ein Wandel in eine endemische Infektionsverbreitung.[7]

Epochen übergreifende „Volksseuchen“ bzw. Leitepidemien waren vom frühen bis späten Mittelalter (um 400-1500 n. Chr.) - neben sexuell übertragbaren Krankheiten - grippeähnliche Infekte, Lepra, Malaria (Wechselfieber), Masern, Pest („Schwarzer Tod“), Pocken („Schwarze Blattern“), wovon die Pest und die Pocken demografisch nachhaltig wirksam waren.

So haben humanpathogene Krankheitserreger, wie typischerweise

durch sie mit ausgelöste Infektionskrankheiten

und große Seuchen (Epidemien, „Volksseuchen“)

seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen, oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die

  • demografische

  • ethnische

  • politische

  • gesellschaftliche

  • ökonomische

  • soziale

  • religiös-ethische

  • kulturelle

Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt.[1]

Typischerweise erkranken bei einer Seuche zahlreiche Menschen in einem abgrenzbaren Gebiet plötzlich an einer schwerwiegenden Infektionskrankheit, die mit einer hohen Verbreitungsquote einhergeht (Massenerkrankung).

Seuchen können als Phänomen und Folge städtischer Infrastruktur und als Produkt der menschlichen Gesellschaft angesehen werden, vornehmlich bedingt durch

  • enges Zusammenwohnen vieler Menschen unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen,

Große Seuchen begleiteten häufig Hungersnöte und Kriege und führten hierbei zu "Auslese- und Anpassungsprozessen" bei der menschlichen Spezies.[2]

Die Ursachen seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren

  • Erkennung

  • Verhütung

  • Bekämpfung

waren und sind noch heute eng mit sozial-ökonomischen (Einschränkung von Wirtschaft und Handel), gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen historischen Epoche verknüpft.

So war beispielsweise die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18./19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, die lohnabhängigen Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie uns die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

 

Leitepidemien 

Als epochenübergreifende Leitepidemien des Früh- bis Spätmittelalters gelten, neben sexuell übertragbaren Krankheiten (STI/STD), wie der endemischen Syphilis

  • grippeähnliche Infekte
  • Pest ("Schwarzer Tod")

Davon waren zunächst die Pest und später die Pocken demografisch besonders einschneidend wirksam.

 

Im 19./20. Jahrhundert traten - begünstigt durch die Industrialisierung und Urbanisierung - als schwerwiegenden Leitepidemien in Europa zeitlich wie örtlich unterschiedlich dominierend auf

  • die Cholera ("Asiatische Brechruhr")[8]
  • die Ruhr

Aber auch sexuell übertragbare Krankheiten (Geschlechtskrankheiten, STI/STD), wie insbesondere die Syphilis, nahmen im 19./20. Jahrhundert bedeutende epidemische Ausmaße an.

 

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen

Die bei großen Seuchenzügen historisch zu beobachtenden psycho-sozialen Reaktionsmechanismen waren vor allem gekennzeichnet von

  • Seuchenfurcht
  • Ängsten
  • resignierenden Sichtweisen - z.B. bei Pest und Cholera
  • Ausgrenzung von Erkrankten
  • Massenflucht
  • Selbstisolierung
  • Aufruhr und Proteste
  • Trunksucht
  • religiöse Inbrunst
  • der Fokussierung auf „Aggressionsobjekte“ - u.a. mit Mord und Totschlag.

 

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchenhygiene und -bekämpfung sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts, waren die historisch alten „Volksseuchen“, genau genommen, nie gänzlich verschwunden.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Es ist beispielsweise gerade rund zwei Jahrhunderte her, dass erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Europa wütete.

Dieser ersten Cholera-Welle von 1831/1832 folgten weitere Cholera-Epidemien unterschiedlicher regionaler Ausprägung.

Sie veränderten für einige Jahre vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.

Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der Hansestadt Hamburg auf und betraf vornehmlich die Gängeviertel der Kirchspiele St. Michaelis und St. Jacobi.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen und die geschichtlichen Ereignisse nur ansatzweise aufgearbeitet.

Dies gilt auch für die hier betrachtete Dorf:Region im alten braunschweigschen Weserdistrikt.

Unter den vielfältigen Angaben zu Todesursachen finden sich in den genealogisch untersuchten Kirchenbüchern der Dorf:Region keine eindeutigen Hinweise auf Sterbefälle im Zusammenhang mit einer sexuell übertragbarer Krankheit ("Geschlechtskrankheiten" - STI/STD), wie beispielsweise der damals endemisch vorkommenden und ob ihrer organischen Spätschäden gefürchteten Syphilis (Lues).

Diese Feststellung erlaubt jedoch keinerlei Rückschlüsse auf das tatsächliche Nichtvorhandensein oder Vorhandensein sexuell übertragbarer Krankheiten bei Männern und Frauen in der Dorf:Region.

 

Gesundheitliche Situation & Schicksalhafte Krankheiten

Insbesondere in Hellental vollzog sich die gesundheitliche Versorgung sehr lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben und Mystizismus, persönlichem Schicksal und glücklicher Fügung.

Im Vergleich zu Städten war die ärztliche und chirurgische (wundärztliche) Versorgung, insbesondere aber die von Schwangeren, Müttern und Kindern, auf dem Lande weitaus ungünstiger, gerade auch im weit abgelegenen Hellental.

Mit anderen Sollingdörfern hat Hellental stets seine große Armut, Not und Bitterkeit geteilt.

Das Leben der Familien war einstmals über drei Jahrhunderte hinweg geprägt von großer Kargheit und materieller Armut, dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder sowie von immensen Kraftanstrengungen unter einfachsten Bedingungen bei Arbeiten in der staatlichen Forst, in Steinbrüchen und an den Steilhängen des Wiesentals.

Erschwerend kamen zeittypische, vor allem armutsassoziierte Gesundheitsstörungen und Krankheiten hinzu.

In den genealogisch herangezogenen Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts fanden sich alte Krankheitsbezeichnungen, wie beispielsweise Auszehrung und Entkräftung (bei über 100 Fällen) oder Brustkrankheit (bei über 220 Fällen), aber auch Hinweise auf gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten), Tumorerkrankungen und schwerste Verletzungen (Unfälle), z.T. mit Todesfolge.[21]

Krankheiten traten in jener Zeit saisonal gehäuft und epidemisch als „Volkskrankheiten” auf.

Es ist dabei anzunehmen, dass die in den Kirchenbüchern angegebenen „Todesursachen” (Mortalität) zugleich auch näherungsweise das mögliche Erkrankungsspektrum (Morbidität), die „inneren” wie „äußeren” Krankheiten und Unfallverletzungen in den damaligen Hellentaler Arbeiter- und Handwerkerfamilien abbilden.

Hinzu kamen, neben den rein organmedizinischen, gehäuft auch erhebliche psychische Gesundheitsstörungen („Gemütskrankheiten“).

Während eines Zeitraumes von gut 25 Jahren (1867–1893) kam es bei unklarem psycho-sozialen Hintergrund, in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einem Suizid (Selbsttötung).

Die Frage, ob die Suizidalität jener Zeit auch Frauen betraf, kann an Hand der vorliegenden genealogischen Untersuchungsergebnisse nicht hinreichend verlässlich beantwortet werden, da in den Kirchenbüchern entsprechende Angaben nicht ersichtlich waren.

Die schwierige und anstrengende Arbeit der Holzfäller in den Solling-Forsten erfolgte ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen völlig unbekannt.

Zudem waren die Holzhauer und Waldarbeiter im Solling ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt.

Sie waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt; im Winter gab es Erfrierungen.

Die forstwirtschaftliche Arbeit führte häufig zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu erheblichen chronisch-degenerativen rsp. chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen.

Immer wieder auftretende, meist klinisch schwer verlaufende bis hin gar tödliche infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Typhus abdominalis) können im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesehen werden.

Es ist anzunehmen, dass in Hellental zunächst vor allem die kräftig schüttende Bergquelle im Dorfzentrum als Schöpfbrunnen genutzt wurde.

Das Auftreten und die Weiterverbreitung aerogen übertragbarer und Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die engen Wohn- und Schlafverhältnisse begünstigt (z.B. Tuberkulose, Diphtherie, Pocken).

Im 18. und 19. Jahrhundert kam es dann zur epidemischen und endemischen Pockenausbreitung („Schwarze Blattern“) in Zentraleuropa.

Bereits während der gerade aufkommenden neuen Ära der Bakteriologie wies Rudolph Virchow 1885 in Berlin kritisch daraufhin, wie wir heute wissen, auch zurecht, dass mit dem bloßen mikrobiologischen Erkennen eines Erregers noch längst nicht dessen Verhütung und Bekämpfung gegeben ist und für eine wirksame Prävention andere Konzepte erforderlich sind.

Zu ihnen zählen nach wie vor auch die allgemeinen wie speziellen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen.

Sie sind nach wie vor tragende „klassische Säulen“ des Infektionsschutzes, auch im modernen Sinne.

Von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheitserreger – wie typischerweise Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten – verändern sich sich permanent und zudem auch oft nicht vorhersehbar.[28]

Durch Infektionserreger ausgelöste Krankheiten und große Seuchen haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die demographische, ethnische, politische wie gesellschaftliche, ökonomische, soziale, religiös-ethische und nicht zuletzt auch auf die kulturelle Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt.

Die Ursachen gerade seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennung, Verhütung und Bekämpfung waren und sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen Geschichtsepoche verknüpft.

Deutlich ist und bleibt gerade auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die der einst romantisch verklärten Lungentuberkulose, jener „weißen Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, im 19. Jahrhundert die „Krankheit der Proletarier“.

Die fachliche wie öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Infektionskrankheiten hat in den letzten Jahrzehnten wieder zugenommen, da u.a. „besiegt“ geglaubte klassische Krankheitserreger wieder zurückkehren und andere ihre Empfindlichkeit gegenüber antibakteriellen Wirkstoffen (Antibiotika) durch biogen wie anthropogen induzierte Resistenzentwicklungen zunehmend verlieren (z.B. bei Tuberkulose).

Ein weltweit nicht sachgerechter und unkontrollierter Einsatz antibakterieller Wirkstoffe leistet hierbei einen wesentlichen Vorschub.

Zudem kamen und kommen neu entdeckte oder gar neuartige vermehrungsfähige, transmissible Agenzien inzwischen hinzu.

Die beiden medizinischen Säulen der klassischen „Seuchenbekämpfung“ - Antibiotika und Schutzimpfungen - konnten bis heute die großen Seuchen der Vergangenheit tatsächlich - bis auf wenige bekannte Ausnahmen – nicht oder nur unzureichend „besiegen“.[29]

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten stets ihre geographische Verbreitung, Pathogenität und Virulenz bzw. die Art und den Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Mechanismen der Erreger-Evolution (allen voran molekulargenetische Mechanismen) und der immanente Selektionsdruck bestimmen, insbesondere bei Viren, das Auftreten, die Verbreitung und die epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung der Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

In den Jahren 1831/1832 wütete erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Mitteleuropa.

Für einige Jahre veränderte die Cholera vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen der Zeitepoche des 19. Jahrhunderts.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen.

Beispielsweise wurde im Jahr 1905 in amtlicher Ausgabe eine „Anweisung zur Bekämpfung der Cholera“ in Berlin herausgegeben (Verlag Julius Springer), die auf Vorschlag des Kaiserlichen Gesundheitsamtes und des Reichs-Gesundheitsrates in der Sitzung des Bundesrates vom 28. Januar 1904 festgestellt worden war.

Seuchenhafte Infektionskrankheiten breiteten sich entlang von Handels- und Verkehrswegen oder durch Krieg aus.

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen - Seuchenfurcht, Ängste, resignierende Sichtweisen - begleiteten stets die Seuchenzüge auch der Neuzeit.

So kam es beispielsweise dazu, dass Erkrankte ausgegrenzt wurden, sich die Trunksucht (Alkoholismus) und Selbstisolierung ausbreitete oder besondere religiöse Inbrunst zum Tragen kam.

Während Phase des Aufbruchs zur Industrialisierung (1735-1835) und der der ersten Industrialisierung mit der Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen entstanden Brennpunkte massenhafter sozialer Not („Proletarisierung“) und gesundheitlicher Gefahren.

  • Systemmängel in der Abwasser- und Fäkalienbeseitigung (fehlende Abwasserbeseitigung/Kanalisation),
  • mangelnde stabile und zentrale Frischwasser-Versorgung und deren Kontrolle,
  • Wohnungsnot,
  • Kinder- und Frauenarbeit,
  • niedriges Lohnniveau („Hungerlöhne“),
  • hohe Wochenarbeitszeit (> 90 Stunden/Woche) und Arbeitslosigkeit,
  • sozialer Abstieg und Verelendung,
  • Trunksucht (Alkoholismus),
  • Wandel tradierter Lebensgewohnheiten (industrielle Kleinfamilie, Bedürfnislosigkeit der Arbeiter),
  • Nahrungsmangel und Ernährungsdefizite,
  • unzureichende Kleidung,
  • Infektions- und Mangelkrankheiten (insbesondere bei Müttern und Kindern),
  • neue, schnellere Transportmittel für Personen und Güter

sind einige wesentliche Kennzeichen der sozialen und hygienischen Situation im Übergang Deutschlands von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Eine Wirtschaftsepoche mit zunehmenden sozialen und gesundheitlichen Problemverdichtungen, insbesondere in urbanen Ballungsräumen, aber auch im ländlichen Raum.

Im frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich die romantische Naturphiolosophie, die auch Ärzte und Naturforscher maßgeblich beeinflusste.

Nicht wenige Ärzte waren vor allem von den psychischen Phänomenen des „Somnambulus“ fasziniert.

Volksmedizinisch kamen magische Heilmethoden zum Tragen und Naturmystiker traten auf den Plan.

Die Ursachen seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren Erkennen, Verhüten und Bekämpfen, sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen historischen Epoche verknüpft.

So war beispielsweise die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums, lohnabhängige Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Hervorzuheben ist somit auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten.

Ein typisches Beispiel hierfür ist die einst romantisch verklärte Lungentuberkulose.

Die ansteckungsfähige Tuberkulose der Atmungsorgane ist jene „weiße Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, die im 19. Jahrhundert als die „Krankheit der Proletarier“ imponierte.

Wie die facettenreiche Geschichte der Lungentuberkulose lehrt, standen bei dieser übertragbaren Krankheit Medizin und Moral, Politik und Hygiene in einem engen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

Wie einst bei den Pestepidemien so wurde im 19. Jahrhundert bei der aufrüttelnden, schmutzigen Cholera staatlich intervenierend versucht, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit entwickelten Prinzipien der Quarantäne, Isolierung, Desinfektion, Handelssperre und des „Cordons sanitaire“ anzuwenden.

 

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[1] LEVEN 1997; WINKLE; 1997; WILDEROTTER, 1995; VASOLD 1991.

[2] MÜNCH 1990.

[3] WEBER 1993a, S. 68-73; WEBER 1993b, S. 80-165; WEBER 2006a, S. 73-83; WEBER 2006b, S. 83-96.

Die natürlichen Wechselbeziehungen (Interaktionen) zwischen „Mensch“, „infektiösem Agens“ (= Krankheitserreger) und Umwelt (z.B. Luft, Wasser, Flora und Fauna) haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in der Evolution sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch Intensität teilweise stark verändert, da „Mensch“, „infektiöses Agens“ und Umwelt permanent in einem dynamischen biologischen Anpassungsprozeß und Konkurrenzverhältnis stehen.

Bezogen auf Infektionen, übertragbare Krankheiten und ihre Entstehung gilt, dass sowohl „äußere“, aus der belebten oder unbelebten Umwelt kommende Faktoren (Exposition) als auch „innere“, dem menschlichen Organismus selbst zuzuordnende Merkmale und Faktoren (genetische Faktoren, Immunitätslage) für die Erreger-Empfänglichkeit (Disposition, Suszeptibilität) zu unterscheiden sind. Dabei können die üblichen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen anwendungsgemäß nur äußere Faktoren und Einflussgrößen der Umwelt und damit das individuelle Expositionsrisiko gegenüber dem „infektiösen Agens“ wirksam beeinflussen.

[4] NLGA 2012, S. 3.

[5] Nach Art der zeitlichen und örtlichen Gebundenheit kann zwischen Endemien, Epidemien und Pandemien unterschieden werden.

[6] Kennzeichen: enges Zusammenwohnen vieler Menschen unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen; Globalisierung der Märkte mit länderübergreifenden, arbeitsteiligen Produktions- und Lieferbeziehungen; ständiger beruflich wie pivat bedingter Ortswechsel einschl. Fernreisen; Kriege; Terrorismus.

[7] WEBER 1993b, S. 80-165.

[8] WEBER 2007, S. 163-190.

[21] Manche der nosologischen Quellenbegriffe gelten als Symptome und können nach heutiger medizinisch-ätiologischer Betrachtung nicht eindeutig heutigen modernen Krankheitsdefinitionen zugeordnet werden. Zeitgenössisch empirisch tätigen Ärzten war die Frage nach der Krankheitsursache (Ätiologie) fremd gewesen; dies sollte sich erst nach Einführung der Virchow’schen Zellularpathologie um 1858 ändern.

[28] NLGA 2012, S. 2.

[29] Inzwischen wird in diesem Zusammenhang sogar von einer „medizinischen Krise“ gesprochen; dies gerade auch im Hinblick auf die HIV/AIDS-Problematik, welche in Deutschland u.a. das Privatleben und Sexualverhalten in den beiden letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts bis heute stark beeinflusste.

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchenhygiene und -bekämpfung - wie gerade auch die Erfolge von Desinfektionsmaßnahmen - sowie der Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historisch „alten“ Volksseuchen, genau genommen, nie gänzlich verschwunden und verbreiten heute wieder - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung gerade durch neue Epidemien erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.