1761 – Das "Schreckensjahr" im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Im Verlauf des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) gilt insbesondere das Jahr 1761 als das Schreckensjahr für die hiesige Region im Solling, wohin im Frühsommer französische Truppen über die Weser vordrangen.

Brandschatzungen und Plünderungen kennzeichneten die regional überhand nehmende Kriegssituation.

Die Truppendurchzüge und Streifzüge im Land zogen jeweils Not und Elend auch in der Landbevölkerung, bei den „kleinen Leuten“, hinter sich her.

In den folgenden Monaten gingen die Wogen des Krieges hin und her, wobei immer wieder die Gemeinden Kontributionen zu leisten hatten und insbesondere die Folgen der „Beschlagnahme“ des gesamten Viehs die bäuerlichen Dorfbewohner enorm schädigten.[6]

Während das Vorjahr verhältnismäßig ruhig verlaufen war, durchzogen 1761 erneut französische Truppen den Solling.

Sie hatten im Frühsommer 1761 bei Höxter über die Weser gesetzt und waren von dort aus abermals auf braunschweigsches Territorium vorgedrungen.

Am 05. August 1761 zog zudem der französische General Belsunce mit 6.000 Soldaten in Dassel ein.

Daraufhin kam es am 14. August zur Schlacht bei Markoldendorf, in welcher der General Johann Nikolaus Graf Luckner (1722-1794), der 1757 als Major in hannoversche Dienste eingetreten war, mit seinem Husarenkorps die französischen Truppen besiegte.

 

Nõ: 40. PLAN der ACTION, [10]

welche d. 15. Aug: 1761. zwischen einem Aliirten Hannöverischen und einem Königlich Französischen Corps bey ERRICHSBURG ohnweit Eimbeck vorgefallen.

Erklaerung derer Buchstaben.

a.  Königlich Französisches Corps unter Commando des Vicomte de Belsunce, welches theils bey Wickensen, theils bei Hundesrück [Hunnesrück] gestanden und sich nach Uslar ziehen wollen, das Magazin dasebst zu bedecken.

b.  Vorposten deßselben bey und in Markoltendorf, welche von einem Detachement des Lucknerischen Corps attaquiret und mehrentheils zu Kriegs-Gefangenen gemacht worden.

c.  Hannöversche leichte Trouppen und Jäger von Freytagischen Corps [Freytag'sche Corps], welche das Belsuncische Corps angegriffen.

d.  Aliirtes Hannöversches Corps unter Commando des Generals von Luckner, welches selbigem zu gleicher Zeit in die Flanque gefallen, wodurch das Belsuncische Corps genöthiget  worden, sich nach Göttingen zu ziehen.

e.  Retraite deßselben durch den Sollinger Wald in die Gegend von Göttingen, auf welcher es von dem gegenseitigen Corps verfolgt worden und wobey das Schweitzer Regiment von Jenner [63e régiment d’infanterie] sehr gelitten und einige hundert Mann zu Kriegs-Gefangenen gemacht worden.

 

Doch bereits am 19. August zogen zur Verstärkung weitere französische Truppen über Höxter, den Solling und Dassel nach Einbeck, wo sie 14 Wochen blieben und plünderten.

So trafen in der Nacht vom 13./14. September 1761 im Solling auf einem Gefechtsfeld in der Nähe von Neuhaus braunschweigisch-hannoversche und französische Truppen aufeinander.

In diesen Monaten wurde den Bewohnern der weit umliegenden Dörfer das gesamte Vieh genommen.[7]

Erst Mitte November 1761 konnte die französische Armee bis nach Uslar endgültig zurückgedrängt werden.

Ein halbes Jahr später, am 16. Juli 1762, fielen deren letzten Festungen Hann. Münden und Göttingen.

Das Kriegsende am 15. Februar 1763 wurde überall mit Glockengeläut und Dankgottesdiensten gefeiert.

Die vielfachen militärischen Truppendurchzüge und Streifzüge zogen jeweils Not und Elend auch in der Landbevölkerung - bei den „kleinen Leuten” - hinter sich her.

Die damit verbundene landwirtschaftliche und soziale Krise dauerte auch nach dem Kriegsende im Februar 1763 im Herzogtum Braunschweig fort und bedarf dabei auch die Dörfer Heinade und Merxhausen schwer.

So trat in jenen Jahren auch in Hellental eine sehr große Hungersnot auf.

Beispielhaft wird in jenen Tagen über den Schulmeister Burghard Ludwig Stempel berichtet, dass er seit drei Tagen keinen Bissen Brot mehr im Mund gehabt habe.[8]

In jenen Kriegsjahren trat auch in Hellental eine große Hungersnot auf.

So wird beispielhaft hierfür über den Schulmeister Burghard Ludwig Stempel (1719-1794) in jenen Tagen berichtet, dass er seit drei Tagen keinen Bissen Brot mehr im Mund gehabt habe.

Als nicht ganz unbedeutend sollte es sich während des Siebenjährigen Krieges erweisen, dass Hellental das entlegenste Dorf und damit "sicherste Dorf" des Kirchspiels Deensen war.

Hierher floh 1761 der Deenser Pastor Carl Friedrich Spohr (1732-1809), als dessen Wohnhaus in Deensen von französischen Soldaten, die im Frühsommer über die Weser vorgedrungen waren, völlig ausgeplündert worden war.

Dabei wurde der Pastor auch gewahr, dass er von den französischen Soldaten als Geisel zur Eintreibung der Brandschatzgelder mitgenommen werden sollte.

Da er, wie er versprochen hatte, seinen Gemeindebezirk aber nicht verlassen wollte, suchte er Zuflucht im weit abgeschiedenen Arbeiterdorf Hellental, wo er solange blieb, bis die Brandschatzgelder von Deensen aufgebracht waren. [9]

 

Abschuss einer französischen Kanonenkugel - dorfnah bei Hellental

Der Fund einer am ehesten von französischen Soldaten abgeschossenen Kanonenkugel aus Eisen durch ein 4-pfündiges Geschütz dorfnah bei Hellental stammt wahrscheinlich aus der Zeit 1757-1761 - jener "Schreckenszeit" des Siebenjährigen Krieges im Solling.[2]

Am Osthang des mittleren Hellentals, unweit des heutigen Dorfeinganges, soll am dort verlaufenden Mittelweg einst ein tief abgesenkter "Franzosengraben" [11] bestanden haben.

Ob hierbei möglicherweise ein historischer Zusammenhang mit Kampfereignissen des Siebenjährigenn Krieges gesehen werden kann, ist bislang nicht abschließend geklärt.




[2] Die Eisenkugel wurde 2015 von Susanne Meyer (Hellental) dorfnah in der Helle gefunden. │ Untersuchung und Zuordnung durch Magnus Kliewe (Einbeck).

[6] ANDERS 2004, S. 31; RAULS 1983, S. 116 ff.

[7] RAULS 1983, S. 123.

[8] LESSMANN 1984.

[9] RAULS 1983, S. 142.

[10] Auszug aus der Kartereproduktion: Archiv des HGV-HHM.

[11] Franzosengraben ist ein häufig gebrauchter Gewässername.