Nach 1945: "Kollektive Amnesie" und Komplizenschaft

Klaus A.E. Weber

 

Die Nürnberger Prozesse von 1945 [5]

Ganz Deutschland war vom Nationalsozialismus infiziert gewsen ("Nazi-Deutschland").

Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der 218 Tage währende Prozess gegen Hauptverantwortliche der monströsen NS-Verbrechen -auch "zur Belehrung für die Zukunft".

Die Nürnberger Prozesse und die sich anschließenden Nachfolgeprozesse richteten sich gegen gesellschaftliche Eliten des "Dritten Reiches" in Partei, Regierung, MIitär und Terrorapparat.

 

Beginn der Zeit der "kollektiven Amnesie" und der "Unschuld"

Nahe Berchtesgaden entdeckte am 09. Mai 1945 der Buchhändler aus Philadelphia und Angent des Counter Intelligence Corps der US-Armee Georg Allen (1920-1998) die Überreste der Besprechungsprotokolle Adolf Hitlers und seiner SS-Generäle (Lagebesprechungen von September 1942 bis April 1945) - "Ein Fund, der Geschichte schreiben sollte".[4]

 

Nichts Neues! -  Nur keine Fragen stellen!

Es beginnt in Deutschland jene Zeit der "kollektiven Amnesie" [1], in der der Vernichtungskrieg des faschistisch-nationalsozialistischen Deutschlands kein Thema war - und die Nationalsozialisten noch für lange Zeit allgegenwärtig präsent waren, wohl auch in der hiesigen Dorf:Region.

Man verdrängte und stellte sich gern als "Opfer" dar, während dem hingegen andere hoffend dachten:

"Den Nazi-Schweinen geht's nun an den Speck."

Noch in der Studentenzeit des Autors während der 1970er Jahre wurde öffentlich skandierend zu Recht der Slogan verwandt:

"Das Ordnungsrecht geht alle, alte Nazis drehen dran!".

Denn die so genannte Entnazifizierung war letztlich entgleist und die nationalsozialistische Vergangenheit längst nicht aufgearbeitet..

 

Das Bombenattentat vom 08. November 1939 - Die Tat von Georg Elsner beschämte

Ein weiteres Beispiel der "kollektiven Amnesie" begegnet uns in dem "einfachen" Gegner des Nationalsozialismus und Münchener Attentäter Johann Georg Elser (1903-1945) von der württembergischen Ostalp, der "in der Galerie deutscher Widerstandkämpfer" lange ein Schattendasein führte.[2]

Der mutige, pietistische Schreinergeselle wurde jahrelang ignoriert.

Hierzu konstatieren die Historiker Peter Steinbach und Johannes Teichel [3]:

"Georg Elsner war eine Herausforderung.

Er machte deutlich, dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte.

Er strafte all jene Lügen, die sich weiterhin einredeten, sie hätten dem Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen können."

 

Gewinnmaximierung - "Hauptsache: Geld, Geld, Geld" [6]

In der „politisch chaotischen Nachkriegszeit“ nahm die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) unter Vorsitz von Konrad Adenauer  (1876-1967) ihren Anfang.

Mit vielfältigen Verflechtungen mit der Wirtschaft in Verbindung mit ihren zahlreichen skandalösen Affären bei der Parteifinanzierung machen die Christdemokraten seither überwiegend Parteipolitik gemäß ihrer Wachstumslogig für Reiche und für gewinnorientierte Unternehmen.

 

"Das Ordnungsrecht geht alle an, alte Nazis drehen dran!" [8]

Erst nach 76 Jahren sollen 2021 mehrere juristische Standardwerke wegen ihrer nationalsozialistisch kontaminierten Herausgeberschaft umbenannt werden.[7]

ORTNER [7] schreibt über "Deutschlands braune Gesetzgeber":

"... Die Generation der Täter und die ihrer Nachfolger schlossen gewissermaßen einen generationsübergreifenden Pakt: eine Kompöizenschaft, die auf konsequente Ausgrenzung, Strafverfolgung und Verurteilung verzichtete: Die Ära Adenauer - der große Frieden mit den Tätern, Mitläufern und Wegsehern.

In Ministerien und Gerichtssälen hielten ehemalige Parteigänger und Funktionsträger (der NSDAP) wieder Einzug, auch in den juristischen Fakultäten.

Alles bekannt - und wird doch vergessen."

 


[1] Begriff von Dr. Angela Jannelli - Historisches Museum Frankfurt, Kuratorin Stadtlabor "Schwierige Dinge" und Bibliothek der Generationen.

[2] ORTNER 2019.

[3] zitiert bei ORTNER 2019.

[4] DAHMS 2020.

[5] ULLRICH 2020.

[6] ZETSCHE 2021.

[7] ORTNER 2021.

[8] "Zeitzeichen" aus dem studentischen Hochschulprotest an der Mainzer Universität zur Mitte der 1970er Jahre.