„Ernst! Du wolltest mich bestehlen“

Klaus A.E. Weber


Nach einer einst von Ernst Strohmeier in Hellental erzählten Geschichte [1] habe sich um 1943 folgende Begebenheit in Hellental ereignet:

 

„In der Lönsstraße, direkt neben dem Lönskrug, steht ein Haus, das damals eine Familie Meyer und eine Familie Pietrek bewohnte.

Ernst, ein Junge aus dem oberen Dorf, kam oft zu seiner Tante Minna in dieses Haus.

Eines Tages war Ernst mit zwei Freunden unterwegs.

Bei Herrn Pietrek im Garten erblickten die Freunde wunderbare Erdbeeren.

Der Garten lag schräg gegenüber dem Friedhof.

So, die Jungen lechzten nach diesen schönen Früchten.

Ja, wie aber an die leckeren Sachen kommen?

Vor Allem war ja auch Herr Pietrek noch im Garten.

Erst einmal losten die Jungen nun aus, wer denn nun die Erdbeeren holen sollte.

Das Los fiel auf Ernst.

Ja, Herr Pietrek war auch nicht mehr zu sehen.

Vorsichtshalber wurde noch einmal ganz genau geguckt.

Herr Pietrek war nirgens mehr zu sehen.

Ernst ging los.

Ganz wohl war ihm nicht dabei.

Als er nun so pflückte, spürte er plötzlich eine Hand im Genick.

Herr Pietrek kam aus einem Busch hervor.

„Ernst! Du wolltest mich bestehlen“, sagte Herr Pietrek entrüstet.

„Aber, aber“, stotterte Ernst, „ich wollte doch nur mal probieren.“

Herr Pietrek schickte Ernst mit seinem schlechten Gewissen nach Hause.

Ernst hatte seiner Mutter nichts erzählt.

Er ging aber auch im Moment nicht zu Tante Minna in die Lönsstraße.

Ungefähr eine Woche später.

Ernst saß übellaunig zu Hause am Fenster zur Straße.

Plötzlich wurde Ernst lebendig.

Der Polizist Horney aus Merxhausen kam die Dorfstraße hoch.

Ja, wo wollte der denn hin, wunderte sich Ernst.

Der Polizist kam direkt auf das Haus zu.

Ohje, dachte Ernst, der sieht aber gar nicht freundlich aus.

Schon klopfte es an der Tür und der Polizist trat ein.

Herr Horney war ein Freund von Herrn Pietrek.

Mit strenger Stimme fragte der Polizist nun Ernst, ob er der Ernst sei, der Herrn Pietrek seine Erdbeeren stehlen wollte.

Ernst stotterte wieder, daß er doch nur probieren wollte.

„Nun gut“, sagte der Polizist.

„Ich werde dir vier Tage Gefängnis geben.

Du kannst aber auch als Buße Herrn Pietrek den ganzen Winter Holz und Kohlen auffüllen.

Entscheide dich.“

Ernst sagte ganz ehrfürchtig, daß er gern die Winterfeuerung der Famiie Pietrek besorgen wollte.

Den ganzen Winter holte Ernst fleißig das Feuerungsgut.

Ab und zu bekam er von Frau Pietrek 2 DM geschenkt.

Als der Winter vorbei war, bekam Ernst sogar von Herrn Pietrk 5 DM.

So hatte Ernst am Ende des Winters 20 DM gespart.

Dafür kaufte er bei Bäcker Kempe ein und brachte dies zu seiner Mutter.

Die Mutter freute sich sehr, denn in dieser schlechten Zeit freuten sich die Menschen auch über einen Laib Brot.“

 


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[1] Von dem hiervon betroffenen Waldarbeiter Ernst Strohmeier am 13. Mai 2006 erzählt und von Jutta Graßhoff am 14. Juni 2006 niedergeschrieben (Textwiedergabe mit redaktioneller Veränderung durch den Autor).