Gefangen in der Wolfskuhle bei Hellental

Klaus A.E: Weber

 

Der Fiedler nächtens in der Fallgrube

Die im Solling verbreitete, örtlich variierende Sage vom "Fiedler in der Wolfsgrube" weist einen realen Bezug auf.[5]

Während des 17. Jahrhunderts wurden in den Sollingforsten zur Wolfsjagd mehrere Meter tiefe und breite Fallgruben – so genannte Wolfskuhlen - angelegt, um frei lebende Wölfe für den fürstichen Hof lebendig zu fangen.[4]

So sollen auch nahe der Forststraße von Mühlenberg-Silberborn-Hellental am „Vogelherd“ mehrere Wolfkuhlen gelegen haben.

Nach CREYDT [2] seien sie 1988 noch erhalten gewesen; sie sollen eine Tiefe von etwa 4 m und einen Durchmesser von etwa 10 m aufgewiesen haben.

Südwestlich des Bergdorfes Hellental, oberhalb des Westhanges vom „Hülsebruch“ und „Hasenlöffelborn“ im oberen Hellentaler Grund liegt noch heute erhalten die imposante, etwa 3–4 m tiefe „Wolfskuhle“, mit einem Durchmesser von etwa 10-15 m im anstehenden Buntsandstein angelegt.

Ihrer Gestaltung nach erinnert die Anlage an einen typischen aufgelassenen Solling-Sandsteinbruch.

Zu der kartografierten „Wolfskuhle“ führt die „Wolfskuhlenstraße“, ausgehend von der alten Forststraße von Silberborn nach Hellental, nahe am „Vogelherd“.

Wie noch heute im Hellentaler Dorf gerne in diesem Zusammenhang erzählt wird, soll sich im 19. Jahrhundert mit dieser „Wolfskuhle“ eine aufregende Anekdote der alt eingesessenen Hellentaler Familie Köke [1] verbinden.

 

Wolf im Gehege des Wildparks Neuhaus │ September 2021

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Erzählvariante 1

Eine Variation der Sage ist bei CREYDT [2] zu lesen:

"In alten Zeiten reichte nach Eingehen der Glashütte die Existenzgrundlage in Hellental nicht mehr aus.

Hellental war nämlich die Gemeinde im Solling, die „steinreich“ war, was „reich an Steinen“ bedeutete.

Deshalb wanderten die Einwohner auf die benachbarten Dörfer zur Kirmes oder einer Hochzeit, um dort zu musizieren.

So spielte man eines Tages wieder in Schönhagen oder Silberborn zum Tanze auf, woran auch der Vorfahre der Familie Köke teilnahm.

Als es nachts auf den Rückweg ging, wählte man den Weg am Moor vorbei, zum Ahrensberg, um von da nach Hellental zu marschieren.

Irgendwie in der Dunkelheit verlor Köke unterwegs seine Mitspieler und befand sich plötzlich allein im Gebiet der Wolfkuhlen.

Nun muß man wissen, daß der alte Weg von Silberborn nach Hellental direkt über die Kuhlen führt.

Ging man im Dunkeln nun den Weg geradeaus weiter, statt um die Kuhlen herumzugehen, fiel man unweigerlich in sie hinein.

Dies sollte auch Köke passieren.

Zu seinem Entsetzen mußte er feststellen, daß er nicht allein in der Grube saß.

Ein Wolf hatte sich ebenfalls hier gefangen und schien sich zum Sprung auf ihn zu ducken.

Fieberhaft überlegte er, was er in dieser Situation tun konnte.

Ein Entkommen von hier gab es nicht.

Nun hatte Köke mal gehört, daß Wölfe gern Musik hören würden.

Während ihm der Angstschweiß vom Gesicht runterlief, klappte er vorsichtig seinen Geigenkasten auf, entnahm ihm Geige und Bogen und begann vorsichtig, dem Instrument einige zarte Töne zu entlocken.

Tatsächlich, der Wolf gab seine Angriffshaltung auf.

Als er aber müde wurde und mit dem Geigenspielen aufhören wollte, duckte sich der Wolf sofort wieder, als wollte er zum Sprung ansetzen.

Ob Köke wollte oder nicht, er mußte die ganze Nacht weiterspielen.

Plötzlich durchlief es ihn siedendheiß - eine Saite war gerissen.

Was würde passieren, wenn ihn dieses Mißgeschick noch öfter treffen würde?

Mutig spielte er weiter.

Als der Morgen graute, hatte er nur noch eine Saite auf der Geige.

Ein zufällig vorbei schleichender Wilddieb aus Hellental hörte ihn spielen und wunderte sich, wo die Musik herkommen mochte.

Als er die Wolfskuhle entdeckt hatte und hineinschaute, erkannte er sofort die Situation und erschoß den Wolf.

In diesem Moment soll die letzte Saite gerissen sein!

 

Erzählvariante 2

Eine weitere  Variation der Sage findet sich bei PORATH [3] als „Der Fiedler in der Wolfsgrube“:

Bis Mitternacht hatten die Hellentaler Dorfmusikanten in Silberborn wieder einmal zum Tanz aufgespielt.

Musizieren macht durstig und so hatten die Herren dabei allerlei getrunken, bevor sie ihre Instrumente zusammen packten und sich unter den Arm klemmten, um gemeinsam durch den nächtlichen Wald nach Hause zu gehen.

Damals gab es im Wald allerdings noch keine gut ausbebauten Wanderwege und glatten Straßen.

Vielmehr stolperte man, besonders nachts, mehr schlecht als recht über schmale Trampelpfade und Fußsteige.

Als die Musikanten nun so hintereinander herstolperten und versuchten, den rechten Weg zu finden, gerieten sie ein wenig auseinander und jeder achtete mehr auf die eigennen Füße als auf seinen Vorder- oder Hintermann.

Keiner merkte also, dass ihnen plötzlich der letzte Mann fehlte.

Er war ein wenig vom Weg abgekommen und ehe er sich versah – plumps – mit allem, was er bei sich trug, in eine tiefe Fallgrube gestürzt.

Nun muss man dazu wissen, dass es zu dieser Zeit noch Wölfe im Solling gab, die in eben diesen Fallgruben gefangen wurden.

Wolfskuhlen hießen sie deshalb auch und waren tief und gefährlich.

Während unser Musikus noch zu sich kam und feststellte, dass alles rufen und versuchen nichts nutzte und er sich nicht selbst aus der Falle befreien konnte, durchfuhr der Schrecken seine Glieder mit Macht.

Er war nicht allein in der Kuhle!

Nein, ihm gegenüber, so nah, dass er seinen Atem spüren konnte, hockte ein Wolf und fletschte grausam die Zähne.

Fast schien es, als hätte er schon zum Sprung auf sein armes Opfer angesetzt!

Doch Alkohol kann ja auch mutig machen und so blileb der Mann bei allem Entsetzen ganz ruhig.

Unterm Arm trug er noch die Geige und das machte er sich jetzt zu Nutze.

Schließlich wusste er aus Erfahrung, dass man mit Musik die Leute fröhlich, aber auch ganz ruhig machen konnte.

Warum sollte diese Regel nicht auch für eine tierische Kreatur gelten?

Gedacht getan, und schon befand sich die Geige unter seinem Kinn und er begann, eine freundliche Melodie zu spielen.

Tatsächlich, der Wolf beruhigte sich und hörte ganz friedlich zu.

Auch dem Musikus ging das Herz ein bisschen ruhiger, aber kaum das er dachte, eine Pause im Spiel machen zu können, schon zeigte das Tier Anstalten, über ihn herzufallen.

Bald zitterten ihm die Finger, der Arm ward immer schwerer und – zack – zu allem Unglück riss eine Saite nach der anderen.

Die Dunkelheit wollte kein Ende nehmen und der Tag schien allzu fern.

Unser Musikus spielte um sein Leben.

Schließlich war an der Geige nur noch eine einzige heile Saite verblieben, als der Tag langsam anbrach und sein Hoffen auf Rettung endlich vergeblich schien.

Fast wäre es mit ihm vorbei gewesen, da hörte ein leise durch den Wald schleichender Wilddieb die zarte Musik und wunderte sich darüber.

Zögernd kam er näher, wollte er soch nicht entdeckt werden, und lugte über den Rand der Wolfskuhle.

Mit einem Blick erfasste er die fatale Situation und vergaß alle Heimlichkeit.

Genau in diesem Augenblick riss auch die letzte Saite der Geige.

In die Stille fiel der Schuss – ehe jener noch zum Sprung ansetzen konnte, hatte der Wilddieb den Wolf getötet und rettete dne Fiedler aus seiner Not."

 

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[1] Wenn überhaupt, so könnte es sich bei dem durch einen Hellentaler Wilddieb solchermaßen seltsam Erretteten um die Hellentaler „Musizi“ Georg Heinrich Köke (1798–1880) oder Karl Friedrich Anton Köke (1800–1845) gehandelt haben.

[2] CREYDT 1988.

[3] PORATH 2008, S. 72-73.

[4] BLIESCHIES 2007, S. 156-163.

[5] KIRCHHOFF 2020, S. 93.