Das Umschlagen von Zivilisation in Barbarei

Klaus A.E. Weber

 

Preußen & Deutsches Reich (1871-1945)

 

Gescheitert in der Revolution von 1848/1849:

∎ Die „Frankfurter Reichsverfassung“

Die ausgestellte „Verfassung des deutschen Reiches“ wurde von der ersten verfassunggebenden Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche am 27. März 1849 verabschiedet und trat mit der Verkündung in Kraft – ausgegeben im Reichs-Gesetz-Blatt am 18. April 1849.

 

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Andenkenbecher Kaiser Friedrich III. │ um 1888

Bleilegierung

Friedrich III. Deutscher Kaiser/König von Preußen (Potsdam, 1831-1888)

 

∎ Anstecknadel in Form des preußischen Adlers mit Kaiserkrone │ um 1900

Metall │ vergoldet │ Swarovskisteine

Replik als Sonderedition des Hauses Hohenzollern

 

Angst, Flucht, Kälte & Hunger: Der Erste Weltkrieg (1914–1918)

Das Ende des Ersten Weltkriegs nach 51 Monaten stellt eine deutliche Zäsur in der Geschichte Europas dar und  markiert die Beendigung vieler Monarchien und der Bündnisarchitektur des 19. Jahrhunderts.

Es war der erste moderne hochtechnisierte Krieg, wie der am 09. September 1918 von der Siemens & Halske AG Wernerwerk hergestellte Röhrenverstärker zeigt.

Zu den „Relikten“ des Ersten Weltkriegs zählen unterschiedliche Erinnerungskulturen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts durch den Nationalsozialismus und den Kommunismus stark beeinflusst wurden.

Während des Ersten Weltkrieges militärisch erfolgreich aufgestiegen, wurde Paul von Hindenburg (Abbildung auf der Konfektschale) 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik.

Die Zeit des Nationalsozialismus (NS) begünstigend, ernannte er 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, der ihn mit NS-Münzprägungen 1935 und 1938 „würdigte“.

Über die Hellentaler Soldaten gibt zum einen das 1922 errichtete Ehrenmal Auskunft, hergestellt aus einem Buntsandsteinblock, zum anderen die ausgestellte „Ehrentafel Hellental  – Unseren im Weltkrieg Gefallenen u. Mitkämpfern gewidmet, 1914-1918".

Danach nahmen aus Hellental mindestens 81 Soldaten am Ersten Weltkrieg teil, 22 von ihnen kamen dabei ums Leben (27 %) - 59 % in den ersten Kriegsjahren, zwischen 1915/1916.

 

Zerstörung der ersten parlamentarischen Demokratie: Die Weimarer Republik (1918-1933)

Auch die Wahlergebnisse von Hellental bei den Reichstagswahlen- und Landtagswahlen (Land Freistaat Braunschweig) 1924-1933

belegen die sukzessive Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische und antirepublikanische Kräfte auf kommunaler Ebene.

 

Aufstieg der Nationalsozialisten in Hellental 1933-1945

Seit 1930 beherrschten Nationalsozialisten (NSDAP) das Land Braunschweig.

Auch die Hellentaler Dorfbevölkerung wurde mit dem sich etablierenden Nationalsozialismus und dem hieraus resultierenden staatlichen Antisemitismus mit seiner Agitation in ihrem Alltagserleben unmittelbar konfrontiert. 

So gab es 1932 eine Propaganda-Versammlung am Mühlenteich mit "Braunhemden" der SA und Nazigrößen - die Phase der menschenverachtenden Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus greift in Hellental um sich.

Am 03. April 1932 marschierten von Merxhausen aus „unter dem Vorantritt der SA-Kapelle Sievershausen (...) 160 SA- und SS-Leute sowie Angehörige der Hitlerjugend neben ebenso vielen Mitgliedern und Anhängern der Partei nach den Ortschaften Heinade und Hellental“ - möglicherweise „unter dem Vorantritt der Hakenkreuzfahne bei dem Gesange nationalsozialistischer Kampflieder“ oder „mit den üblichen Kampfliedern“.

Für Hellental ist als größere nationalsozialistische Propaganda-Veranstaltung ein "Deutscher Tag" mit politischen Reden für den 23. Oktober 1932  überliefert.

 

Hausdurchsuchungen 1933

Am 18. März 1933 führten im Zeichen des nationalsozialistischen Terrors drei Landjäger und 15 SS- und SA-Leute abends gegen 18 Uhr Hausdurchsuchungen bei SPD-Funktionären und SPD-Mitgliedern in Hellental durch - bei eher bescheidener Ausbeute.

Laut Angaben der Polizei seien neben sozialdemokratischen Schriften und Parteibüchern, eine schwarz-rot-goldene Fahne, einige Wimpel, zwei Trommeln, drei Flöten sowie ein Militärgewehr gefunden worden.

 

NSDAP-Mitgliedschaft 1933

Eines der wenigen versteckt erhalten gebliebenen, nicht (durch Verbrennen) beseitigten Dokumente der NSDAP-Mitgliedschaft eines Hellentaler Bürgers ist das ausgestellte Zeitzeugnis des Mitgliedsbuch des 1891 in Hellental geborenen Forstwarts/Waldarbeiters und SA-Oberscharführers im Sturm 6/230 Karl Julius Hermann Greinert.

Der „Forstwart“ Julius Greinert trat am 01. Mai 1933 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bei.

1939 Mitgliedschaft in der SA-Gruppe (Sturmabteilung) Niedersachsen mit dem Dienstgrad eines „Oberscharführers“ im Sturm 6/230

Mitgliedsbuch Nr. 31 82746 │ in München bestätigt am 25. November 1935 │ zugleich Personal-Ausweis, ausgestellt am 01. Februar 1936 von der Ortsgruppe Heinade mit Sitz der Ortsgruppenleitung in Braak

 

Parteiabzeichen der NSDAP │ Ø 18 mm │ Kupfer

Umschrift: NATIONAL-SOZIALISTISCHE-D.A.P.-

Fundort: Hellental 12/2019

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Folgen der von der Bevölkerung mehrheitlich getragenen NS-Diktatur


Teilnahme am Zweiten Weltkrieg (1939-1945)

∎ Das "Im Namen des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht" am 01. Dezember 1942 verliehene „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“ erinnert als Kriegsauszeichnung an die Beteiligung des Hellentaler Bürgers Friedrich Hempel als Gefreiter am Zweiten Weltkrieg

∎ Die am 15. August 1942 im selben Namen von einem Oberfeldarzt und Chefarzt an den gleichen Hellentaler Bürger, nunmehr Obergefreiter, verliehene "Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42 (Ostmedaille)" erfolgte als „Anerkennung für Bewährung im Kampf gegen den bolschewistischen Feind und den russischen Winter 1941/1942“, bei dem Soldaten der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS im Zeitraum vom 15. November 1941 bis zum 15. April 1942 an der Ostfront eingesetzt waren.

Friedrich Hempel wurde am 14. August das "Eiserne Kreuz 2. Klasse" verliehen.

Eingemeißelt im Hellentaler Ehrenmal sind 30 gefallene und vermisste Soldaten aufgelistet - 10 Soldaten mehr als während des Ersten Weltkriegs (1914-1918).

 

In einem russischen Lager-Lazaret an "Lungenentzündiung" am 05. Dezember 1944 verstorben

© Historisches Museum Hellental

 

Flucht in das versteckt liegende Hellental

Hannelore Siebers war 12 Jahre alt als das Stadtgebiet von Holzminden am 03. April 1945 durch mehrere anglo-amerikanische Flugangriffe nachmittags und frühabends bombardiert wurde.

Verwandte und Bekannte aus der Kreisstadt kamen samt Gepäck per Kleinlaster von Holzminden durch den Sollingwald in das versteckt liegende Hellental.

Der kleine Haushalt der Eltern von Hannelore Schulz wies daraufhin im Wohnhaus Ass.-№ 49 ungefähr 30 Personen auf.

Vom wesernahen Getreidespeicher in Holzminden war dort gelagerter Zucker nach der Bäckerei des Bäckermeisters Theodor  Kempe transportiert worden und sollte anfangs April 1945 unter den geflüchteten Holzmindenern verteilt werden.

Die Leute standen bis auf dem Dorfplatz Schlange, um ihre Zuckerration in Empfang zu nehmen.

 

Tieffliegerangriffe im Hellental

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sollte am Ostersamstag, 31. März 1945, die 25-jährige Hermine Engelbrecht im oberen Hellental beim Petersilienplacken auf einer höher im Wald gelegenen Wiese für ihren Vater Carl Engelbrecht Dünger streuen.

Er hatte die Düngesäcke mit seinem Kuhgespann dorthin gebracht und am Petersilienplacken deponiert.

Dann kamen US-amerikanische Jagdflugzeuge und schossen mit dem Bordmaschinengewehr auf die verteilten Düngesäcke - wohl in der irrigen Annahme, dass es sich dabei um deutsche Soldaten handelen würde.

Im oberen Hellental aufgefundene Patronenhülsen können als mögliche „stumme Zeugen“ des Tieffliegerangriffs im dortigen Areal interpretiert werden.

Hermine Engelbrecht ist um Leib und Leben fürchtend weggerannt und versteckte sich unversehrt in dem abgelegenen Sollingtal.

 

Die dreijährige Bärbel Kunkel spielte in einem auffällig roten, selbstgestrickten Kleidchen auf dem Dorfplatz unterhalb des alten Dorfteiches als plötzlich ein anglo-amerikanisches Jagdflugzeug aus dem langgestreckten Sollingtal anfliegend auf das kleine Mädchen mit dem Bordmaschinengewehr schoss.

Da die Maschinengewehrschüsse des Tieffliegers ihr Ziel verfehlten, blieb das heftig erschrockene Kind unverletzt.

 

Geborgte „Zivilsachen“

Wie desertierte deutsche Soldaten, so kamen auch verwundete Soldaten aus dem Holzmindener Lazarett nach Hellental.

Sie alle borgten sich Zivilkleidung von der Hellentaler Bevölkerung.

Wie dann um Hellental herum der Belagerungskessel im Mai 1945 geschlossen war, endete auch das maßlose menschliche Elend des Zweiten Weltkrieges  und die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

 

„Entdeckung" des abgelegenen Sollingdorfes in der „Englischen Zone“

Erst acht Tage nach Kriegsende wurde das entlegene Waldarbeiterdorf entdeckt, da zuvor der Wegweiser in Merxhausen entfernt worden war.

Hellental wurde dann Tag und Nacht auch mit Panzern bewacht, da die anglo-amerikanische „Besatzung“ gedacht haben soll, dass hier der „Werwolf“ ansässig sei - weil jemand im Dorf in seiner deutschen Militär-Uniformjacke als hinzu gekommener Soldat Holz gehackt habe.

Geflohen, da er verfolgt wurde, sei er nie wieder gesehen worden.

Im umgebenden Sollingforst („Mackensches Holz“) lagen zahlreich weggeworfene Waffen umher.

Dadurch waren im Dorf einige Wilddiebe zugegen, die sich der Schusswaffen bedienten.

In der „Englischen Zone“ gelegen, mussten später alle Waffen an die englischen Streitkräfte abgegeben werden.