W|G|D: (Dorf-)Geschichte

Klaus A.E. Weber

 

Geschichte(n) & Exponate 1849-1945

 

Gescheitert in der Revolution von 1848/1849: Die „Frankfurter Reichsverfassung“

Die hier hinterlegte „Verfassung des deutschen Reiches“ wurde von der ersten verfassunggebenden Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche am 27. März 1849 verabschiedet und trat mit der Verkündung in Kraft – ausgegeben im Reichs-Gesetz-Blatt am 18. April 1849.

 

Faksimile des "Manifestes der Kommunistischen Partei". London: Februar 1848

 

Karl Marx (1818-1883)

Analyse ökonomischer Formen und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft - mit weitreichenden Wirkungen in der Arbeiterbewegung

  •  „Seit 1848 hat sich die kapitalistische Produktion rasch in Deutschland entwickelt“- Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. London: 1867

 

Angst, Flucht, Kälte & Hunger: Der Erste Weltkrieg (1914–1918)

Das Ende des Ersten Weltkriegs nach 51 Monaten stellt eine deutliche Zäsur in der Geschichte Europas dar und  markiert die Beendigung vieler Monarchien und der Bündnisarchitektur des 19. Jahrhunderts.

Es war der erste moderne hochtechnisierte Krieg, wie der am 09. September 1918 von der Siemens & Halske AG Wernerwerk hergestellte Röhrenverstärker zeigt.

Zu den „Relikten“ des Ersten Weltkriegs zählen unterschiedliche Erinnerungskulturen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts durch den Nationalsozialismus und den Kommunismus stark beeinflusst wurden.

Während des Ersten Weltkrieges militärisch erfolgreich aufgestiegen, wurde Paul von Hindenburg (Abbildung auf der Konfektschale) 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik.

Die Zeit des Nationalsozialismus (NS) begünstigend, ernannte er 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, der ihn mit NS-Münzprägungen 1935 und 1938 „würdigte“.

Über die Hellentaler Soldaten gibt zum einen das 1922 errichtete Ehrenmal Auskunft, hergestellt aus einem Buntsandsteinblock, zum anderen die ausgestellte „Ehrentafel Hellental  – Unseren im Weltkrieg Gefallenen u. Mitkämpfern gewidmet, 1914-1918".

Danach nahmen aus Hellental mindestens 81 Soldaten am Ersten Weltkrieg teil, 22 von ihnen kamen dabei ums Leben (27 %) - 59 % in den ersten Kriegsjahren, zwischen 1915/1916.

 

Zerstörung der ersten parlamentarischen Demokratie: Die Weimarer Republik (1918-1933)

Auch die Wahlergebnisse von Hellental bei den Reichstagswahlen- und Landtagswahlen (Land Freistaat Braunschweig) 1924-1933

belegen die sukzessive Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische und antirepublikanische Kräfte auf kommunaler Ebene.

 

Zeit des NS-Diktatur - Aufstieg der Nationalsozialisten in Hellental

Seit 1930 beherrschten Nationalsozialisten (NSDAP) das Land Braunschweig.

Auch die Hellentaler Dorfbevölkerung wurde mit dem sich etablierenden Nationalsozialismus und dem hieraus resultierenden staatlichen Antisemitismus mit seiner Agitation in ihrem Alltagserleben unmittelbar konfrontiert. 

So gab es 1932 eine Propaganda-Versammlung am Mühlenteich mit "Braunhemden" der SA und Nazigrößen - die Phase der menschenverachtenden Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus greift in Hellental um sich.

Am 03. April 1932 marschierten von Merxhausen aus „unter dem Vorantritt der SA-Kapelle Sievershausen (...) 160 SA- und SS-Leute sowie Angehörige der Hitlerjugend neben ebenso vielen Mitgliedern und Anhängern der Partei nach den Ortschaften Heinade und Hellental“ - möglicherweise „unter dem Vorantritt der Hakenkreuzfahne bei dem Gesange nationalsozialistischer Kampflieder“ oder „mit den üblichen Kampfliedern“.

Für Hellental ist als größere nationalsozialistische Propaganda-Veranstaltung ein "Deutscher Tag" mit politischen Reden für den 23. Oktober 1932  überliefert.

 

Hausdurchsuchungen 1933

Am 18. März 1933 führten im Zeichen des nationalsozialistischen Terrors drei Landjäger und 15 SS- und SA-Leute abends gegen 18 Uhr Hausdurchsuchungen bei SPD-Funktionären und SPD-Mitgliedern in Hellental durch - bei eher bescheidener Ausbeute.

Laut Angaben der Polizei seien neben sozialdemokratischen Schriften und Parteibüchern, eine schwarz-rot-goldene Fahne, einige Wimpel, zwei Trommeln, drei Flöten sowie ein Militärgewehr gefunden worden.

 

NSDAP-Mitgliedschaft 1933

Eines der wenigen versteckt erhalten gebliebenen, nicht (durch Verbrennen) beseitigten Dokumente der NSDAP-Mitgliedschaft eines Hellentaler Bürgers ist das hier ausgestellte Zeitzeugnis des Mitgliedsbuch des Forstwarts/Waldarbeiters und SA-Oberscharführers im Sturm 6/230 Karl Julius Hermann Greinert, eingetreten am 01. Mai 1933.

 

Der Zweite Weltkrieg (1939-1945) & das Kriegsende

Das ausgestellte  „Kriegs=Verdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“ von 1939 erinnert  als Kriegsauszeichnung an die frühe Beteiligung des Hellentaler Bürgers Hempel am Zweiten Weltkrieg. 

Die vom gleichen Bürger stammende Medaille „Winterschlacht im Osten 1941/42“ (Ostmedaille) wurde als „Anerkennung für Bewährung im Kampf gegen den bolschewistischen Feind und den russischen Winter

1941/1942“ an jene Soldaten der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS verliehen, die im Zeitraum vom 15. November 1941 bis zum 15. April 1942 an der Ostfront eingesetzt waren.

Eingemeißelt im Hellentaler Ehrenmal sind 30 gefallene und vermisste Soldaten aufgelistet - 10 Soldaten mehr als während des Ersten Weltkriegs (1914-1918).

 

Flucht in das versteckt liegende Hellental

Hannelore Siebers war 12 Jahre alt als das Stadtgebiet von Holzminden am 03. April 1945 durch mehrere anglo-amerikanische Flugangriffe nachmittags und frühabends bombardiert wurde.

Verwandte und Bekannte aus der Kreisstadt kamen samt Gepäck per Kleinlaster von Holzminden durch den Sollingwald in das versteckt liegende Hellental.

Der kleine Haushalt der Eltern von Hannelore Schulz wies daraufhin im Wohnhaus Ass.-№ 49 ungefähr 30 Personen auf.

Vom wesernahen Getreidespeicher in Holzminden war dort gelagerter Zucker nach der Bäckerei des Bäckermeisters Theodor  Kempe transportiert worden und sollte anfangs April 1945 unter den geflüchteten Holzmindenern verteilt werden.

Die Leute standen bis auf dem Dorfplatz Schlange, um ihre Zuckerration in Empfang zu nehmen.

 

Tieffliegerangriffe im Hellental

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sollte am Ostersamstag, 31. März 1945, die 25-jährige Hermine Engelbrecht im oberen Hellental beim Petersilienplacken auf einer höher im Wald gelegenen Wiese für ihren Vater Carl Engelbrecht Dünger streuen.

Er hatte die Düngesäcke mit seinem Kuhgespann dorthin gebracht und am Petersilienplacken deponiert.

Dann kamen US-amerikanische Jagdflugzeuge und schossen mit dem Bordmaschinengewehr auf die verteilten Düngesäcke - wohl in der irrigen Annahme, dass es sich dabei um deutsche Soldaten handelen würde.

Im oberen Hellental aufgefundene Patronenhülsen können als mögliche „stumme Zeugen“ des Tieffliegerangriffs im dortigen Areal interpretiert werden.

Hermine Engelbrecht ist um Leib und Leben fürchtend weggerannt und versteckte sich unversehrt in dem abgelegenen Sollingtal.

 

Die dreijährige Bärbel Kunkel spielte in einem auffällig roten, selbstgestrickten Kleidchen auf dem Dorfplatz unterhalb des alten Dorfteiches als plötzlich ein anglo-amerikanisches Jagdflugzeug aus dem langgestreckten Sollingtal anfliegend auf das kleine Mädchen mit dem Bordmaschinengewehr schoss.

Da die Maschinengewehrschüsse des Tieffliegers ihr Ziel verfehlten, blieb das heftig erschrockene Kind unverletzt.

 

Geborgte „Zivilsachen“

Wie desertierte deutsche Soldaten, so kamen auch verwundete Soldaten aus dem Holzmindener Lazarett nach Hellental.

Sie alle borgten sich Zivilkleidung von der Hellentaler Bevölkerung.

Wie dann um Hellental herum der Belagerungskessel im Mai 1945 geschlossen war, endete auch das maßlose menschliche Elend des Zweiten Weltkrieges  und die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

 

„Entdeckung" des abgelegenen Sollingdorfes in der „Englischen Zone“

Erst acht Tage nach Kriegsende wurde das entlegene Waldarbeiterdorf entdeckt, da zuvor der Wegweiser in Merxhausen entfernt worden war.

Hellental wurde dann Tag und Nacht auch mit Panzern bewacht, da die anglo-amerikanische „Besatzung“ gedacht haben soll, dass hier der „Werwolf“ ansässig sei - weil jemand im Dorf in seiner deutschen Militär-Uniformjacke als hinzu gekommener Soldat Holz gehackt habe.

Geflohen, da er verfolgt wurde, sei er nie wieder gesehen worden.

Im umgebenden Sollingforst („Mackensches Holz“) lagen zahlreich weggeworfene Waffen umher.

Dadurch waren im Dorf einige Wilddiebe zugegen, die sich der Schusswaffen bedienten.

In der „Englischen Zone“ gelegen, mussten später alle Waffen an die englischen Streitkräfte abgegeben werden.

 

Bewegte & Bewegende Zeugnisse - aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges (1939-1945)

 

 

Holzkoffer des „Letzten Heimkehrers“

Mit dem einfachen Sperrholzkoffer kam der 53-jährige schlesische Landwirt Wilhelm Schulz im Februar 1956 als Vertriebener und entlassener russischer Kriegsgefangener über das niedersächsische Grenzdurchgangslager Friedland direkt in die Gemeinde Hellental im Solling.

  • Wilhelm Schulz wurde am 09. Oktober 1902 in der Landgemeinde Lassek geboren │ Kreis Posen

  • Besitzer eines Bauernhofes in Heinzendorf (Skrzynka) in der Nähe der Stadt Patschkau (Paczków) │ preußische Provinz Schlesien

  • Spanndienste während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945)

  • 1945-1956 in russischer Kriegsgefangenschaft │ Arbeiten im Bergwerk

  • Oktober 1958 Kuraufenthalt in Bad Pyrmont

  • Verstorben am 02. März 1981 in Hellental

 

Breslauer „Postsack“ als „Reisesack“ bei der Flucht

Aufdruck: K. P. A. / Breslau. / 1913  [Königlich Preußische Postanstalt in Breslau, 1913 Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien]

Im Zweiten Weltkrieg benutzte Agnes Kopp den alten bedruckten Leinenpostbeutel bei ihrer Flucht aus dem Kreis Leobschütz (Głubczyce) bis in die Stadt Stadtoldendorf.

Am 24. März 1945 war Leobschütz von der Roten Armee besetzt und infolge von Kampfhandlungen zu 40 % zerstört worden.

  • Geboren am 13. Oktober 1896 als Agnes Fuchs im Kreis Leobschütz │ preußische Provinz Schlesien