Glasforschung im Umfeld des Hellentals│Solling

Klaus A.E. Weber

 

Die Standortwahl und damit der Bau und wirtschaftliche Betrieb früher Glashütten war abhängig von topographischen Rahmenbedingungen und verschiedener Standortfaktoren:

  • Vorkommen von Roh- und Brennstoffen,

  • Verfügbarkeit feuerfester Gesteine und

  • von (Fließ-)Gewässern.

Im südniedersächsischen Weserbergland gilt auch der waldreiche Solling als eine bereits im hohen bis späten Mittelalter wichtige rohstofforientierte Glashüttenregion.[35]

Wie die Vielzahl archäologischer Relikte identifizierter Glashüttenanlagen belegt, dürfte in ihr das sozialräumlich abgelegene, agrarisch kaum nutzbare, hingegen aber wasser- und holzreiche Hellental ein bedeutendes Glasherstellungsgebiet im ansonsten wirtschaftlich unattraktiven Hinterland des Sollings gewesen sein.[36]

Im Umfeld des Hellentals gab es fernab der nächsten Siedlungen sowohl gute topografische Rahmenbedingungen als auch ausreichend verfügbare Roh- und Brennstoffe sowie Wasser für eine langjährige Glasproduktion.

Der vor Ort direkt anstehende Solling-Buntsandstein konnte zudem zum Bau von Ofenanlagen verwendet werden.

So verwundert es nicht, dass in unterschiedlichen Zeiträumen Glasmacher auch in das lang gestreckte, weiträumige Hellental zogen, um, wenn auch zeitlich befristet, hier ihre Hüttenbetriebe zu gründen und zu entwickeln.

Die frühesten Hinweise auf die Glasherstellung in dem Sollingtal lassen sich archäologisch in das späte 12. bis 13./14. Jahrhundert datieren.

Neben eindeutigen Hohl- und Flachglasfunden fehlen indes weitgehend auch primäre schriftliche Zeugnisse (Archivalien) zur tatsächlichen Glasproduktion im Umfeld des Hellentals; die archäologische Befund- und Fundlage gestaltet sich hingegen inzwischen allmählich etwas günstiger.[38]

Dennoch bleibt kritisch festzuhalten, dass das Umfeld des Hellentals bislang archäologisch wie historisch völlig unzureichend erforscht ist.

Dabei blieben erkennbare Glasproduktionsstandorte weitgehend ohne professionelle Prospektion mit naturwissenschaftlicher Erkundung, insbesondere ohne archäologisch gezielt freilegende Forschungsgrabung.

Teils wurden aber landesdenkmalpflegerische Vermessungen durchgeführt.

Bis heute sind nur noch einige wenige Spuren aufgelassener Hellentaler Waldglashütten unter einer schützenden Wald- und insbesondere Grasbedeckung mehr oder minder gut erhalten geblieben.

Zumindest für eine der beiden im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts im oberen Hellental betriebenen Hüttenanlagen ist die Fertigung von Hohl- und Fensterglas hinreichend differenziert belegt.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden im Hellental letztmals Glaswaren hergestellt und zugleich auch das Ende der traditionellen Waldglashüttenzeit in den Solling-Forsten eingeläutet.

Hervorgegangen aus dem allmählich zerfallenden Werkweiler einer stillgelegten Privatglashütte entstand mit Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den vom Braunschweiger Staat geförderten „Neuen Anbau auf dem Lande“ das planmäßig angelegte Sollingdorf Hellental.

 

Geländespuren wüstgefallener Glashütten

Die abgelegenen, oft nur mühsam erkundbaren, wüstgefallenen Glasproduktionsstätten fallen zunächst als Geländerelikte in Form unnatürlicher Hügelbildungen auf.

Meist sind es kleinere, künstlich entstandene längsovale oder eher rundliche Bodenerhebungen, die richtungsweisende Hinweise auf eingefallene Glasöfen (Ofenreste) oder Schutthalden (Produktionsabfälle) geben.[39]

Seit dem Jahr 2003 systematisch aufgenommene, konventionelle Geländeprospektionen im Umfeld des Hellentals erbrachten inzwischen den Nachweis, dass dort erstmals seit dem späten 12. bis 13. Jahrhundert Glashütten sowohl zur Glaserzeugung als auch zur Glasverarbeitung betrieben wurden.

Wie archäologische Zeugnisse, gelegentlich auch schriftliche und kartografische Quellen belegen, wurden in dem abgelegenen, siedlungsfreien Hellentaler Landschaftsraum nur phasenweise Glaswaren hergestellt.[40]

Die relativen Höhenlagen der im Umfeld des Hellentals lokalisierten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Glashüttenstandorte variieren mit rund 260-430 m üNN vergleichsweise auffallend stark.[43]

Die Entfernung zwischen den mittelalterlichen Glashüttenplätzen im Umfeld des Hellentals schwankt zwischen 140 m und 380 m.

Zwischen den beiden, möglicherweise zeitgleich im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts produzierenden frühneuzeitlichen Waldglashütten beträgt hingegen der Abstand rund 1.600 m.

Für Glashütten der Zeit um 1450-1550 gibt es Umfeld des Hellentals im nördlichen Solling keinen archäologischen Nachweis.[44]

Für die archäologisch hinreichend sicher identifizierten Standorte der im Wiesengelände oder unter Waldbedeckung lokalisierten mittelalterlichen und neuzeitlichen Glashüttenanlagen ist im Wesentlichen gemeinsam kennzeichnend, dass

  • die Glasherstellung diskontinuierlich erfolgte mit einer archäologischen „Fundlücke“ im Zeitraum des 14./15.-16. Jahrhunderts
  • vermutlich eher geomorphologisch als territorial bedingt, alle im Gelände fassbaren mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Glashütten im ehemals braunschweigischer Anteil des Sollings errichtet wurden (westliche Talseite)
  • die hydrogeografische Situation der Hüttenstandorte stets eine Gewässerlage zeigt, konzentriert zumeist entlang von Bachniederungen und nahe von Hangquellen
  • die mittelalterlichen Glashütten fern von Besiedlungsräumen lagen
  • alle mittelalterlichen Glashütten stark verflachte, teils kaum erkennbare Hügelstrukturen aufweisen
  • im Mittelalter sowohl Ein-Ofen-Anlagen (Erschmelzen von Rohglasmasse) als auch Mehr-Ofen-Anlagen (kombinierte Glaserzeugung und -verarbeitung) betrieben wurden
  • frühneuzeitliche Glashütten als Mehr-Ofen-Anlagen einen deutlich flächengrößeren Werksbereich benötigten als mittelalterliche, vermutlich verbunden mit differenzierteren Arbeitsprozessen und ausgedehnten Wohnbereichen außerhalb der Werkszone.

Glashistorisch besonders interessant ist der hoch- bis spätmittelalterliche Komplex dreier relativ nahe benachbarten Glashütten entlang eines heute nur noch periodisch Wasser führenden Fließgewässers.

Unter der Annahme eines engen zeitlichen Betriebszusammenhangs des „Glashüttentrios“ könnten nacheinander oder miteinander auf einer Strecke von 380 m zwei Glas erzeugende wie zugleich auch verarbeitende Mehr-Ofen-Anlagen bestanden haben, gefolgt von einer 140 m weiter talabwärts am gleichen Fließgewässer betriebenen Ein-Ofen-Anlage zur Rohglaserzeugung als Nebenofen zur nächst benachbarten Mehr-Ofen-Anlage als Haupthütte.[48]

Nach der von STEPHAN [46] veröffentlichten Waldglashüttenübersicht für den Nordsolling konnten insgesamt 24 mittelalterliche und frühneuzeitliche Waldglashütten nachgewiesen werden.

Hierbei ist zwischen den im Solling nicht untypischen mittelalterlichen Haupthütten mit Mehr-Ofen-Anlage zur Hohl- und Flachglasherstellung und den kleineren Nebenhütten bzw. saisonalen Kleinhütten mit Ein-Ofen-Anlage zum Erschmelzen von Rohglas oder glastechnischen Vorprodukten („Fritten“) zu unterscheiden.[47]

 

Arbeitsmigration von Glasmacherfamilien

Die Glasmacherfamilien gelangten durch Arbeitsmigration in das Umfeld des wirtschafts- wie sozialräumlich abgelegenen Sollingtals.

Anzunehmen ist, dass für sie - neben der landesherrlichen Zustimmung und der Gewährung lebens- wie produktionsnotwendiger Privilegien – naturräumlich durch ressourcenreiches Wasser-, Wald-, Kalk- und Buntsandsteinvorkommen begünstigt, ideale Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Hüttenbetrieb im Umfeld des „Alten Tals der Glasmacher“ gegeben waren.[41]

 

Voraussetzungen zur Glaserzeugung

Noch heute besteht ganzjährig ein kontinuierliches Wasservorkommen, gespeist von vielen, das Sollingtal entwässernden Bachläufen und Hangquellen.

Die für die Glasherstellung wichtige Voraussetzung, ortsnah über quarzhaltigen Sand und Kalk für das Glasgemenge sowie für die Werköfen über feuerfeste Bausteine zu verfügen, war im Umfeld des Hellentals gegeben.

Eisenarmer weißer Tertiärsand wurde vermutlich aus Sandgruben vor Ort und/oder grenzüberschreitend aus Sandvorkommen bei Neuhaus im Hochsolling („Sandwäsche“) oder bei Lenne bezogen.

Ungeklärt bleibt die Frage nach der Herkunft des feuerfesten Tons für die Glashäfen und nach dem Ort ihrer Fertigung.[42]

Umfangreiche Tonlagerstätten und Töpfereien befinden sich bis heute im Raum Fredelsloh am Solling sowie im „Pottland“ rund um Duingen, einer historisch bedeutenden Töpferregion zwischen Weser und Leine.

 

Drei Phasen der Glasherstellung

Zusammengefasst lassen sich für das Umfeld des Hellentals chronologisch drei Phasen der Glasherstellung in größeren Hütten und/oder kleineren Nebenhütten schematisierend beschreiben:[45]

 

Die während des späten 12. Jahrhunderts bis zum 13. Jahrhundert betriebenen Glashütten dürften zumeist „Wanderglashütten“ gewesen sein, also dem Holzvorkommen nachwandernde, eigenständige saisonale Produktionsstätten mit/ohne Kleinsiedlungen auf Zeit.

Dem hingegen waren sie aber keine pionierartigen Wegbereiter für dauerhafte agrarische Ansiedlungen (Dorfentstehung); entsprechende Siedlungs- bzw. Wüstungsspuren fehlen.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sollte aus der ortsgebundenen, später aufgelassenen Werkssiedlung einer stillgelegten Privatglashütte das Landhandwerker- und Waldarbeiterdorf Hellental durch den „Neuen Anbau auf dem Lande“ des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel hervorgehen.

So verdankt letztendlich das heutige Bergdorf Hellental seine noch recht junge Existenz maßgeblich der Glashüttengeschichte vom 12./13. bis 18. Jahrhundert in den gleichnamigen „Solling-Forsten“ - und dem fürstlichen Landesausbau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (reg. 1735-1780).

 

Lang gestreckter, umgrenzter "Kahleberg" im Gebiet des "Hellenthaler Berges" im Verlauf des oberen Hellentals [18]

Möglicher kartografischer Hinweis auf holzkonsumierende Glashütten im Hellental

 

Im archäologischen „Bodenarchiv“ des Hellentaler Umfeldes liegen wahrscheinlich noch weitere Informationen zur Glasherstellung im Solling unter Grünland und Waldflächen verborgen.

So dürfte im weiteren Umfeld des Sollingtals noch längst nicht die tatsächliche Anzahl der hier ehemals während des Mittelalters betriebenen Glashütten identifiziert worden sein.

Obgleich bislang grabungslos geblieben, sind die erfassten Standorte der mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Waldglashütten dennoch wertvolle „Bodenarchive“ und schutzbedürftige technische Bodendenkmale von regional- und kulturhistorischer Bedeutung in Niedersachsen.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert.

- Teil I   Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2012, S. 14-21.

- Teil II  Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals - 12.-14- Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2012, S. 8-17.

- Teil III Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 17. Jahrhundert.  Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 3/2012, S. 13-22.

- Teil IV  Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.



[18] Ausschnit aus TK 4123, Karte Nr. 20.

[35] BLOSS 1977, S. 85-122; LEIBER 1994, S. 18.

[36] Ein detaillierter Überblick zum aktuellen Stand der systematischen Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals wurde im Jahr 2012 in vier Heften der „Sollinger Heimatblätter“ von dem Hellentaler Ortsheimatpfleger Dr. Klaus A.E. Weber veröffentlicht: WEBER 2012b–2012e. Zudem auch ergänzend das zusammenfassende Kapitel Glashüttenstandorte des 12.-18. Jahrhunderts im Bramwald, Reihardswald und Solling bei STEPHAN 2010, S. 507-527.

[38] WEBER 2012b.

[39] Genaue Befund-/Funddaten zu den Glashütten im Umfeld des Hellentals sind bei WEBER 2012b–2012e veröffentlicht. Vergl. STEPHAN 2010, S. 510; LEIBER 1994, S. 18.

[40] vergl. STEPHAN 2010, S. 515 Abb. 225.

[41] LEIBER 2007, S. 139.

[42] STEPHAN 2003, S. 162.

[43] WEBER 2012b, S. 18; vergl. STEPHAN 2010, S. 514.

[44] STEPHAN 2010, S. 515.

[45] WEBER 2012b, S.14-21; mit Phaseneinteilung nach STEPHAN 2010, S. 507

[46] STEPHAN 2010. S. 507, Abb. 194.

[47] STEPHAN 2010, S. 136.

[48] LEIBER 2011; STEPHAN 2010, S. 134; LEIBER 2009, S. 90; LEIBER 1994, S. 18.