Glas der "Villanova-Zeit" und des Orientalizzante

Klaus A.E. Weber

 

Glas im Land der Etrusker

Der Beginn der Eisenzeit für Etrurien liegt um 900 v. Chr., der Beginn der italienischen Früheisenzeit etwa in der Mitte des 10. Jahrhunderts v. Chr. und der Beginn des Orientalizzante (orientalizzante etrusco) in der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr.⦋42⦌

Niederlassungen phönikischer Glasmacher entstanden u.a. auch in Etrurien, gleichwohl Werstattfunde nicht nachgewiesen werden konnten.⦋53⦌

Kulturgeschichtlich wird im Hinblick auf früheisenzeitliches Glas und Glasfunde Mittelitaliens auf die aktuelle wissenschaftliche Übersichtsstudie von KOCH verwiesen ⦋37⦌, die sich mit der Zeit von der Villanovazeit bis zum Orientalizzante (datiert vom letzten Viertel des 8. bis zum ersten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr., an anderer Stelle: zweite Hälfte des 8. und des 7. Jahrhunderts v. Chr.) befasst, ergänzt durch eine Analyse der Glasperlen als Grabbeigabe des Gräberfeldes Quattro Fontanili in Veji.

Ergänzend zu villanova- und Orientalizzante-zeitlichen Glasperlen und anderen Glasobjekten im Umfeld Etruriens werden von KOCH zusätzlich glasverwandte Gegenstände wie Fayencen, Bergkristall und glasierte Gefäße betrachtet und Fragen zu Herstellungsorten und überregionalen Kontakten nachgegangen.

Danach lassen sich in der frühen Eisenzeit Glasobjekte mit hoher Präsenz und ästhetischer Variabilität in italienischen Fundkontexten belegen, wobei der exzeptionelle archäologische Fundort Frattesina di Fratta Polesine bei Rovigo hervorsticht, ein Handelsplatz mit Zugang zur adriatischen Küste an einem Nebenarm des Po (Provinz Rovigo in Venetien), wo u.a. auch Waren aus dem Ostmittelmeerraum verhandelt wurden.⦋37⦌

Ab dem späten 9. Jahrhundert v. Chr. bestanden bedeutende Seehandelsplätze mit Anschluss sowohl an die tyrrhenischen Küsten von Mittel- und Unteritalien als auch an die adriatische Küste.

In dem spätbronzezeitlichen Frattesina, dessen Besiedlung und handwerkliche Aktivität zu Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr. endete, lag ein wichtiges norditalienisches Werkstattzentrum der spät- bis endbronzezeitlichen Glasherstellung (Rohglas) und Glasverarbeitung; die frühe Eisenzeit ist, wenn auch schwach, belegt.[37][38]

Hierzu liegen endbronzezeitliche Glasperlen (zumeist unverzierte Ringperlen) aus Gräbern (Nekropolen) und Siedlungen vor; ungewöhnlich ist die Verzierung von Keramikgefäßen mit Glas.⦋43⦌

Nach KOCH treten die großen Küstenzentren Tarquinia, Cerveteri und Vulci quatitativ wie auch in zeitlicher Tiefe unter den Fundorten etruskischer Glasverarbeitung deutlich hervor.⦋50⦌

Früheisenzeitliche Glasperlen liegen in überschaubaren Form-, Farb- und Verzierungsvarianten vor; Aufzählung und Darstellung bei KOCH. ⦋41⦌

 

Fundorte endbronze- bis früheisenzeitlicher Glasperlen in Etrurien - nach KOCH ⦋44⦌

  • Frattesina di Fratta Polesine bei Rovigo (Veneto)

  • Bologna (Emilia-Romagna)

  • Este (Veneto)

  • Verucchio (Rimini; Emilia-Romagna)

  • Tarquinia

  • Cerveteri

  • Vetralla

  • Bisenzio

  • Vulci

  • Vetulonia

  • Pontecagnano, San Antonio-Nekropole

Auch hinsichtlich des Werkstoffes Glas (Größe, Form, Farbe, Verzierung, Glasart, Herstellungstechnik) bestehen spätestens seit dem letzten Viertel des 8. Jahrhunderts v. Chr. aus der Ägäis und dem östlichen Mittelmeerraum kommende Einflüsse, welche besonders im 7. Jahrhundert v. Chr. mit neuen Perlenformen, Gefäßen und Gebrauchsgegenständen einhergehen.[37]

Die meisten der bekannten prähistorischen Glasobjekte sind im Grabkontext überliefert - mit weiten Bezügen in den Vorderen Orient und den östlichen Mittelmeerraum (Vogelperlen, Dreikantperlen, Kerngefäße, Fayence-Figürchen).[37]

So fanden sich sechs farblose Glasperlen (Perlen aus Glaspaste mit 1 cm Durchmesser) und eine honigfarbene Glasperle (Perle aus Glaspaste mit 2 cm Durchmesser) als Grabbeigabe im Grabinventar einer Frau 750-730 v. Chr. (Pontecagnano, San Antonio-Nekropole, drittes Viertel 8. Jh. v. Chr.).[64]

Wie KOCH 2011 ausführt, sind die am häufigsten überlieferten Glasperlen der frühen Villanovazeit "unverzierte kleine kugelige oder ringförmige, blaue oder schwarze Perlchen".⦋46⦌

So wurden in einem der "Villanova-Kultur" zugeordeneten, reich ausgestatteten Grab der Nekropole (Gräberfeld) der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. von Quattro Fontanili in Veji bei einer Mädchenbestattung u.a. auch 14 farbige Glasperlen (Schmuck) ägyptischer Herkunft als Grabbeigaben gefunden.⦋21⦌

Auch in diesem Zusammenhang wird nach wie vor der Frage nachgegangen, ob es eine indigene Glasverarbeitung in Etrurien (7. Jh. v. Chr.) in Glaswerkstätten mit eigenständiger handwerklicher Tradition an hervorgehobenen italienischen Seehandelsplätzen oder im Landesinneren ("Werkstattzentrum" in Murlo im Stammland der Etrusker (Gemeinde in der Provinz Siena) gab oder ob Glasobjekte als Fertigprodukte generell oder nur Rohglas oder nur bestimmte Formen importiert wurden.[38⦌

Als gesichert angesehen wird hingegen das Auftreten von auf italienischem Boden hergestellten Fibeln vom Typ mit verkleidetem Bügel - auf einem Kern gefertigte Glasbügelfibeln - als Schmuck im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts v. Chr. erstmals auftretend verbreitet im späten 8. und 7. Jahrhundert v. Chr.[38]

Nach KOCH lässt sich festhalten, "dass in Italien zur mittleren Bronzezeit (...) und ausgehenden Bronzezeit (...) gläserne Materialien verarbeitet und sehr wahrscheinlich in einer für Europa spezifischen Technik auch hergestellt wurden - das LMHK-Glas".⦋39⦌

Im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde das endbronzeseitliche LMHK-Glas ⦋40⦌ von so genanntem Natron-Glas der Eisenzeit abgelöst (Glassortenwechsel).

Ab der zweiten Hälfte des 8. und besonders im 7. Jahrhundert v. Chr. muss mit Glasobjekten gerechnet werden, die einerseits importiert oder andererseits auch nach fremden Vorbildern gefertigt sein können; etruskische Glasneuschöpfungen (Glasbügelperlen) treten auf.

 

Kerngefäße (Hohlglasgefäße)

Nachweislich wurden in Etrurien im 7. Jahrhundert v. Chr. erstmals mittels der alten mesopotamischen Herstellungstechnik des Kernverfahrens Glasgefäße hergestellt, also keine in einer Form geschmolzene Hohlglasgefäße, teils mit Fischgrätenverzierung.

Insbesondere gelten die kleinen, so genannten Stachelfläschchen ("Igelgefäße") aus klarem blauem, seltener gelbem Glas in Form einer Oinochoe als originäre lokale etruskische Glasobjekte, welche seit Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. (mittlere Orientalizzante) bis mindestens noch während der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. (als Salbgefäße) archäologisch belegbar sind.⦋48⦌

In Etrurien sind die ältesten Kerngefäße zwei fadenverzierte Kännchen um 700 v. Chr. oder aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr., die als Importe gelten.⦋49⦌

 

Perlensorten und Glasanhänger in Etrurien - nach KOCH ⦋44⦌

Verschiedene Perlenformen, Verzierungen durch andersfarbige Glasauflagen, Glasfadenauflagen, Verziehen der gewickelten Glasfäden zu Mustern, große Perlen zur Verzierung von Fibelbügeln und Nadeln/Spindeln in etruskischen Gebieten:

  • Transluzide Perlen ("Kristallperlen")

  • Melonenperlen (gerippte Perlen)

  • Wellenbandperlen

  • Dreikantperlen

  • Zylindrische Perlenformen (Zylinderperlen mit und ohne Fadenauflagen, "Stabperlen", "Röhrenperlen")

  • Augenperlen mit konzentrischen Ringen ⦋51⦌

  • Schichtaugenperlen

  • Reticellaperlen

  • Vogelperlen, Importe im frühen Orientalizzante

  • Glasfigürchen

  • Gegenständliche und figürliche Anhänger

  • Anhänger

In Città della Pieve bei Chiusi fand sich eine Halskette aus der Zeit um 500 v. Chr., die sich aus Glasperlen im Wechsel mit Goldgliedern zusammensetzte.⦋69⦌

 

Glasfunde des Orientalizzante in Etrurien - nach KOCH ⦋45⦌

Das "Orientalizzante" bezeichnet für Etrurien die zweite Stufe der Eisenzeit, datiert vom letzten Viertel des 8. bis zum ersten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr.

Neben Objekten aus Bergkristall sind nachweisbar:

  • Glasbügelfibeln, frühestes Orientalizzante

  • Spinnwirtel, spätes 8. bis 6. Jh. v. Chr.

  • Größere Glasstäbe mit einer Metallseele (Spinnrocken)

  • Stachelfläschchen und andere Kerngefäße Etruriens

  • Schalen und andere Gefäße aus klarem Glas

  • Fayencen: Fayencefigürchen und Skarabäen, Fayencegefäße

  • Glasierte Gefäße (kugelige Flaschen, Henkelgefäß, Alabastron. Kanne)

Weiteres Glasobjekt nach CAMPBELL ⦋61⦌:

  • gerade Gewandnadel aus Gold mit roter Glasperle als Schmuck - spätes 6. Jahrhundert

 

Ostmediterrane und vorderorientalische Glasimporte in Etrurien

Etruskische Importe des kostbaren Handelsguts Glas gelangten aus den Zentren früher Glaserzeugung im östlichen Mittelmeerraum und Vorderen Orient im Schiffshandelsverkehr bis in das antike Italien. möglicherweise auch gebündelt über phönizische und/oder griechische Handelsstützpunkte.

Dabei ist zugleich auch die umgekehrte, noch unzulänglich untersuchte Frage nach etruskischen Glas-Exporten in den Mittelmeerraum und Vorderorient zu diskutiren.

Bereits für das 9. Jahrhundert v. Chr. sind anhand von Dreikantperlen sporadische Kontakte in den Ostmittelmeerraum belegt sowie Glasobjekte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.⦋47⦌

Die in Etrurien gefundenen, teils figürlich verzierten Fayencegefäße zählen zu den Importen, ebenso glasierte Gefäße (Glasur aus gemahlenem Glas) aus dem Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr.

Zahlreiche Glasgefäße wurden im 1. Jahrtausend v. Chr. in Syrien, Phönizien und Assyrien erzeugt und mit den Importströmen gelangten Exporte typischer halbkugeliger Schalen auch bis nach Etrurien.[4]

  • Beispiel: In großen Teilen erhaltene, reliefierte Schale aus klarem, hellblauem Glas mit gerippter Außenfläche, einem darüberliegenden glatten Rand und einem glatten Boden (Rippenschale) aus dem Tumulus von Montefortini (Tomba A) in Comeana, ca. Mitte 7. Jahrhundert v. Chr. (Soprintendenza Archeologica della Toscana)[1]

 

Rippenschale aus dunkelblauem Glas │ Italien │ 30-60 v. Chr.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

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[1] PALLOTTINO 1992, S. 58, KOCH 2011, S. 122.

[4] EINE WELT AUS GLAS - Buchbesprechung zu Christiane Herb und Nina Willburger, Glas. Von den Anfängen bis ins Frühe Mittelalter; KOCH 2011, S.96.

⦋21⦌ BUBENHEIMER-ERHARDT 2017, S. 53.

⦋37⦌ KOCH 2011.

⦋38⦌ KOCH 2011, S. 13-16, 103-108.

⦋39⦌ KOCH 2011, S. 23

⦋40⦌ Spezielle "europäische" Glas-Gruppe mit geringem Magnesium- und hohem Kalium-Anteil - LMHK-Glas im 12.-10. Jh. v. Chr.

⦋41⦌ KOCH 2011, S. 28-37.

⦋42⦌ KOCH 2011, S. 38-43.

⦋43⦌ KOCH 2011, S. 43-45 (Abb. 22).

⦋44⦌ KOCH 2011, S. 43-94.

⦋45⦌ KOCH 2011, S. 94-137.

⦋46⦌ KOCH 2011, S. 91.

⦋47⦌ KOCH 2011, S. 92.

⦋48⦌ KOCH 2011, S. 115, 117 (Abb. 67), 135 .

⦋49⦌ KOCH 2011, S. 135.

⦋50⦌ KOCH 2011, S. 136.

⦋51⦌  Vergl. als vorrömisch-eisenzeitlich datierte Spiralaugenperlen (280-260 v. Chr.) in HELLBAUM 2020, S. 145, 147 Abb. 2.

⦋53⦌ TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 30.

⦋61⦌ CAMPBELL 2018, S. 32.

⦋64⦌ BADISCHES LANDESMUSEUM KARLSRUHE 2017, S. 117, 121 Abb. 7o/7p.