Glashütte "Am Steinbeckshai" (an der Köhlerrinne)

Klaus A.E. Weber

 

{HtGM 1-1}

427 m üNN

12./13. Jahrhundert │ Jahrzehnte um 1200

am ehesten 13. Jahrhundert [12]

 

Archäologisches Denkmal

Fundstelle: Merxhausen, Forst 2, Merxhausen (Gfg)

ID: 28903405


Lage:

Höhe: 427 üNN

Koordinaten der Fundstelle und eingemessene GPS-Daten sind beim Verfasser und bei der Kommunalarchäologie hinterlegt

  • Steinbeckshai

  • S 1 nach BLOSS [9]: Glashütte an der Köhlerrinne, Forstamt Holzminden-Schießhaus, Abt. 56

  • Forstabteilung: 56 VII Merxhausen

  • Forstamt Neuhaus │ Forstort: Pottbusch

  • DGK 5 Nr. 4123 – 28 Pottbusch


Komplex dreier relativ nahe beieinander liegenden mittelalterlichen Glashütten an einem Bachlauf

hier: Waldglashütte (GH) "Am Steinbeckshai" (Haupthütte)

Abbildung bei LEIBER 2012a [11]

Fundstellen-Nummer:

  • HtGM 1-1

 

Archäologische Datierung:

  • 12./13. Jahrhundert │ am ehesten 13. Jahrhundert [12]

 

Nach STEPHAN [8]: 72 - ältere Phase (72): Jahrzehnte um 1200

"Im Steinbeckshai, einem Forstort unmittelbar neben der angrenzenden Flur Köhlerrinne im nördlichen Hochsolling zwischen Schießhaus und Hellental, liegt unter Nadelwald in etwa 427 m NN auf der Nordseite an einer heute nur periodisch Wasser führenden wenig ausgeprägten Erosionsrinne ein ungewöhnlich ausgedehnter Fundbereich mit 2 größeren Öfen von etwa 4,5 m Durchmesser in 30 plus 27 m Entfernung.

Dies machte eine gleichzeitige Nutzung höchst unwahrscheinlich.

Demnach liegt mutmaßlich der höchst seltene Fall der erneuten Nutzung fast genau des alten Standortes vor.

Funde der typischen Relikte von Schmelzöfen, Häfen, Glastropfen und zahlreiche Bruchstücke grauer und gelber Irdenware sichern die Datierung der älteren Phase in den Jahrzehnten um 1200, während die der jüngeren noch näher zu klären bleibt."


Fundumstand:

  • prospektiert
  • von BLOSS 1951 durchgeführte Grabung [6]

 

Ausdehnung:

  • ausgedehnter Fundbereich von ca. 900 m²

  • Fläche von ca. 27 m x 30 m [10]

 

Zustand:

  • zerstört/eingeebnet

  • unmittelbar unterhalb eines geringmächtigen Humushorizonts

  • 2 größere Öfen von etwa 4,5 m Durchmesser

 

Befunde/Interpretation:

  • Mehr-Ofen-Anlage │ Haupthütte [10]


Der Glashüttenplatz liegt zwischen dem Bergdorf Hellental und dem Weiler Schießhaus im nordöstlichen Hochsolling und gilt als erster bekannt gewordener mittelalterlicher Glashüttenstandort im Solling.

 

Wochenbeilage zum Täglichen Anzeiger Holzminden │ 1951

 

  • S 1 (BLOSS 1977) │ Ausgrabung/Jahr: 1951 Lehrer Otto Bloß (Holzminden)[6][9]
  • Fundzeit: Sommer 1951 Eberhard Frhr. v. Zedlitz / Otto Bloß
  • Wiederauffindung [6]: 01. Januar 2008 Dr. Klaus A.E. Weber, Christel Schulz-Weber (Hellental)

 

Fundumstände
  • an der Köhlerrinne, nach Nordosten abfallendes Gelände ca. 430 m üNN, forstwirtschaftlich genutzt
  • nach BLOSS [9]: Glashütte an der Köhlerrinne, Forstamt Holzminden-Schießhaus, Abt. 56 (um 1400)

Diese von SAUERMILCH auf die Zeit vor 1450 datierte und zwischen dem Kleinen Ahrensberg, „Weiler Schießhaus“ und Hellental im einem alten Buchenwaldbestand der Forstabteilung 56 gelegene Glashütte wurde 1950 von dem Forstmeister Eberhard v. Zedlitz [1] anhand eines Tonscherbens eines starkwandigen Glashafens und „in Sandstein eingeschmolzenen Glases“ durch eine Grabung von Otto Bloß in einem Teilabschnitt entdeckt.

Die von BLOSS 1951 durchgeführte Grabung erbrachte zwar „keinerlei gläserne Gefäß- oder Scheibenreste“, hingegen aber bohnengroße Glastropfen.

Zudem ergab die Grabung „Reste eines länglichen gangartigen Glasofens aus braunem Sollingstein“, der zur Feuerseite hin von weißgrüner Glasmasse überzogen war.

Es fanden sich Überreste von mindestens zwei Schmelzhäfen und ziemlich viel (unglasierte, grau- und gelbtonige) Keramik für Trink- und Esszwecke.

Auf Grund der Datierungsangabe von Sauermilch spekulierte Bloß dabei, dass hier im Hochsolling am ehesten jenes Areal zu suchen sei, „von der das Fensterglas zur Erneuerung des Gemaches der Herzogin Margarethe (von Braunschweig) im Schloss Münden im Jahre 1397/1398 "up dem solinge" bezogen wurde.[2][3]

Anhand der in der Studiensammlung der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden hierzu aufbewahrten Scherben gelber und grauer Irdenware (hinterlegte Funde von Otto Bloß) konnte im Februar 2006 eine vorläufige Datierung der Glashütte in das späte 12. Jahrhundert mit Tendenz zum Anfang des 13. Jahrhunderts vorgenommen werden.

Bei mehreren intensiven Geländebegehungen von September 2005 bis März 2007 konnten in dem von Otto Bloß und in der archäologischen Ortsakte Heinade-Hellental angegebenen Areal keinerlei Bodenhinweise auf den beschriebenen Glashüttenstandort gefunden werden.

Dies gelang erst am 01. Januar 2008 durch Dr. Klaus A.E. Weber und Christel Schulz-Weber (Hellental).[5][6]

 

Funddokumentation

Durchsicht der in der Studiensammlung der Archäologischen Denkmalpflege aufbewahrten Funde am 30. Januar 2006 - Dokumentation am 06. Februar 2006

Aufschrift und beigefügter handschriftlicher Zettel:

"Mi 96 – Steinbeckshai b. Schießhaus – Glashüttenstelle – Topfscherben 15. Jahrhundert

Fundort: Schießhaus

Fundstelle: Steinbeckshai

Katalog-Nr.: Mi 96 O. Bloß"

 

Längsovaler Haupthügel (Zentralofen) des mittelalterlichen Glashüttenareals unmittelbar unterhalb eines geringmächtigen Humushorizonts

 Prospektionen: Januar 2008 │ Mai 2012

© Historisches Museum Hellental, Fotos: Klaus A.E. Weber


Eine 1951 in dem von Flachhügeln gekennzeichneten Hüttenareal durchgeführte „Aufgrabung“ erbrachte unter dem größten Ofenhügel die Freilegung des Feuerungskanals.[6]

 

Ofenbauteil der Glashütte „Am Steinbeckshai“

Bruchstück aus dem Fundamentsockel des zentralen Feuerungskanals eines Schmelzofens

Bindelehm als keramische, bröselige Sintermasse mit gemauerten Buntsandsteinen │ Oberflächenfund Mai 2008

© Historisches Museum Hellental, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Entlang des nur noch temporär Wasser führenden, zu einem Seitengraben eines Forstfahrwegs umgewandelten Bachlaufes und auf dem forstwirtschaftlich heute als Fichtenwald genutzten Areal durchgeführte konventionelle Geländebegehungen ergaben die (Re-)Lokalisierung des Hüttenplatzes mit einem großen Flachhügel, umgeben von weiteren flachen Bodenerhebungen.

Vermutlich besteht hier ein Hauptofen mit Nebenöfen, so dass sich eine mittelalterliche Mehr-Ofen-Anlage abzeichnet. 

 

Fundobjekte

Oberflächennah konnte als typische Produktionsrelikte ein größeres Bruchstück vermutlich aus dem Fundamentsockel eines zentralen, aus kleineren feuergeröteten Buntsandsteinen mit Bindelehm gemauerten Gewölbes eines zentralen Feuerungskanals im Mai 2008 geborgen werden, zudem durch Hitzeeinwirkung veränderte, grün-weißlich überzogene Ofensteine sowie eine Hafenrandscherbe.

 

I Objektgruppe Glas

  • 6 hell- bis dunkelgrüne Glastropfen [4][6]
  • keine Hohl- oder Flachglasscherben

 

II Objektgruppe Keramik

 

▷ Technische Keramik

  • große Menge hellgrauer Hafenscherben [6]
  • größere hellegraue Hafenrandscherbe mit eingezogener Randlippe
  • Bruchstück aus dem Fundamentsockel des zentralen Feuerungskanals eines Schmelzofens


Hellgraue Hafenscherbe mit eingezogener Randlippe │ Waldglashütte "Am Steinbeckshai"

Oberflächenfund im Januar 2008

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

▷ Gebrauchskeramik

  • zahlreiche Fragmente verschieden geformter gelber und grauer Irdenware (Tongefäßscherben) [6]

 

 

Gelbe und graue Irdenware, Waldglashütte "Am Steinbeckshai" │ LEIBER 2012a  [7]

 

III Objektgruppe Metall

  • -

 

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[1] briefliche Mitteilung von v. Zedlitz an Otto Bloß vom 15.06.1950.

[2] erhaltene Baurechnung vom Schloss Münden (Hinweis von Otto Bloß: Sudendorf, UB Braunschweig-Lüneburg, VIII Nr. 184).

[3] BLOSS 1977, S. 85-86; KLEINAU 1967, S. 268.

[4] Leihgaben in der Dauerausstellung "Glas & Gläser" des HISTORISCHEN MUSEUMS HELLENTAL/Museum im Backhau - kleiner Glaszylinder mit Holzfuß und Aufschrift „Steinbeckshai“.

[5] WEBER 2012, S. 8-17.

[6] LEIBER 2012a, S. 69-71.

[7] Abbildung aus LEIBER 2012a, S. 71 Abb. 6.

[8] STEPHAN 2010, S. 526.

[9] BLOSS 1977, S. 85-86.

[10] LEIBER 2012a, S. 70-72.

[11] LEIBER 2012a, S. 70 Abb. 5.

[12] STEPHAN 2020, S. 134..