Die „Sa(a)kel’sche Wassermühle“ 

Dr. Klaus A.E. Weber │ Rolf Clauditz

 

Ass.- 39

Am östlichen Dorfbereich von Merxhausen, an dem kleinen Seitenweg „Auf der Rothe“ befindet sich noch heute der imposante Restbestand der ehemaligen „Saakel’schen Mühle“.

Sie soll bereits um 1700 als „Privatmühle mit Ölschlag“ von der Müllerfamilie Saakel errichtet worden sein.[4]

1763 wird die Mahlmühle dem Wildmeister Bartling aus Holzhausen zugeordnet, ebenso eine dazugehörige Papiermühle.

Das heutige Mühlengebäude soll „dem Vernehmen nach in den Jahren 1815/16“ von Friedrich Saakel als zeittypisches Fachwerkgebäude an der „Spülig“ erbaut worden sein.

Als Getreidemühle wurde sie über Generationen von der Familie Saakel bis 1972 zum Mahlen und Schroten wirtschaftlich genutzt.

Die genealogischen Recherchen ergaben zwei Schreibweisen für den Nachnamen der traditionellen Mühlenfamilie, zum einen Saakel, zum anderen auch Sakel, jeweils aber die gleiche Familie wiedergebend.

Der Mühlenbesitzer Carl Friedrich Georg Sakel wurde im Oktober 1808 in Merxhausen geboren, wo er auch im April 1850 verstarb.

Er war ein Sohn des Mahlmüllermeisters Johann Friedrich Sakel aus Schönhagen und dessen Ehefrau Dorothee Philippine Meyer, die im April 1772 in Merxhausen geboren worden war und dort im Dezember 1839 verstarb.

Da der Vater von Johann Friedrich Sakel, Heinrich Christian Sakel, bereits vor 1800 in Schönhagen ansässig gewesen war, ist anzunehmen, dass die Gründung der „Saakel’schen Wassermühle“ auf einen Zuzug aus Schönhagen zurückzuführen ist.

In den Braunschweigische Anzeigen vom Juni 1873 wurde im Rahmen einer fiskalischen Entschädigungsangelegenheit im Amtsgerichtsbezirk Stadtoldendorf Georg Saakel, „jetzt dessen Erben“ (Ass.-№ 39), angegeben.[10]

Als Albert Saakel als letzter Müller der Saakel’schen Familie 1975 kinderlos verstarb, erbte zwar dessen Neffe die alte Mühle, verkaufte sie aber an die allein stehende Berlinerin Hertha Kerstein.

1988 veräußerte diese die ehemalige Getreidemühle an Helma von Nietzsch.

 

Vermutlich ältestes erhaltenes Holzfenster des alten Mühlengebäudes (2018)

 

Bei den folgenden Ausführungen zur alten „Saakel’schen Mühle“ wird maßgeblich auf die umfangreichen wie detaillierten bauanalytischen Untersuchungen von FEHRENSEN Bezug genommen.[11][12][13]

Dadurch, dass der Baukomplex der „Saakel’schen Mühle“ nach dem Verkauf des Anwesens keinen wesentlichen baulichen Veränderungen unterzogen wurde, ist der Mühlentrakt noch heute weitgehend in seinem Originalbauzustand erhalten geblieben, auch wenn besorgniserregende Bauschäden inzwischen vorhanden sind.

Erhebliche Eingriffe gab es hingegen im baulichen Gefüge des ursprünglich typischerweise mit Sollingsandsteinplatten eingedeckten Dachgeschosses mit seinen vormals bestehenden Schleppgauben.

Das mehr als 3.500 m² große trapezförmige Mühlengrundstück befindet sich am Fuß des südlichen Heukenbergs.

Das Grundstück wird seitlich sowohl vom „Spüligbach“ als auch vom Mühlengraben begrenzt.

Dieses Gerinne wurde zwar nach der Aufgabe des Mühlbetriebes 1972 verfüllt, ist aber dennoch in seinem Verlauf noch heute als gerader „grüner Weg“ gut erkennbar.

Das alte Schleusenwehr am Oberlauf des „Spüligbachs“, das laut Inschrift 1846 umgebaut worden war, ist weitgehend erhalten geblieben.

Die Mühle war in fünf Abschnitten mit zahlreichen An- und Umbauten errichtet worden:

  • das Mühlengebäude (Wohn- und Mühlentrakt),

  • das „Gesindehaus“,

  • das „Torhaus“,

  • der Wohnhausanbau.

Den Status des Müllers hervorhebend, ist das äußere Erscheinungsbild des Mühlengebäudes als Repräsentationsbau ausgewiesen, bei sonst eher vorherrschender Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkei.

Bei dem L-förmigen Mahlmühlengebäude handelt es sich – bei ursprünglich rechteckigem Grundriss - um einen traufenständigen, durch die in Firstrichtung teilende Längswand begründeten zweischiffigen Drei-Ständerwand-Fachwerkbau ohne Abseiten in Stockwerkbauweise mit Unterrähmzimmerung unter Verwendung von hochwertigem Eichenholz und von Holznägeln.

Der Mühlenbau ist untergliedert in einen Mühlentrakt (Haupthaus an der Nordostseite) und in einen Wohntrakt (Südwestseite).

Die ursprünglichen Ausfachungen des Mühlengebäudes bestanden aus reinem Stakenwerk, ausgeworfen mit grobem Strohlehmgemisch und mit Lehm (mit Tierhaaren als Armierung) verputzt.

Der verschiedene Konstruktionsmerkmale aufweisende Stockwerkbau besteht aus einem zweigeschossigen Wirtschaftstrakt mit einem nachträglich eingeschobenen Geschoss zwischen Erd- und Obergeschoss und einem zweigeschossigen, teilunterkellerten Wohntrakt.

Die Dachkonstruktion entspricht der Form eines Satteldaches.

Die Mühle verfügte ursprünglich über einen Vorder- und Hintereingang.

Die Gebäudetüren sind mit geschnitzten Prägerosetten, Zahnschnittfriesen, Lisenen und Pilaster verziert und in ihrer stielgemäßen Form erhalten geblieben.

Die ersten Fenster bestanden aus kleinen, zweiteiligen Holzfenstern, versehen mit bleigefassten, mundgeblasenen Gläsern.

Durch die Unterkellerung des südwestlichen Mühlenanbaus entstand ein Gewölbekeller.

Die historische Farbgebung ist ohne spezielle Farbuntersuchungen nicht bestimmbar.

Der Wirtschaftsbereich der ehemaligen Wassermühlenanlage umfasst den früheren Müllereibetrieb.

Das zunächst unter- oder mittelschlächtige, später dann oberschlächtige Mühlenrad - mit einem geschätzten Durchmesser von etwa 4 m - war zwischenzeitlich durch einen Turbinenantrieb ersetzt worden.

Der Mühlengraben wurde ehemals etwa 180 m oberhalb des Mutterlaufes der „Spülig“ am Schleusenwehr abgeleitet und an der nordöstlichen Giebelwand des Mühlengebäudes entlang geführt.

Durch den künstlich angelegten, mit Solling-Buntsandstein eingefassten Mühlengraben fiel damals das Wasser durch den natürlichen Geländeverlauf über ein hölzernes Gerinne in einer Fallhöhe von etwa 4,90 m auf das Wasserrad und ab 1950 auf den Turbinenantrieb herab.

„Unverschmutzt und ungeschmälert“ sollte das Wasser durch den 143 m langen Mühlenuntergaben in den Spüligbach wieder eingeleitet werden.

Möglicherweise bestanden vormals sogar zwei hintereinander geschaltete Wasserräder, da die Mühle wahrscheinlich auch einen „Ölschlag“ hatte, um als wirtschaftliche Nebeneinrichtung Öl aus Pflanzen zu gewinnen.

Drei kleinere Fachwerkbauten,

  • der Schweinestall (um 1885) zur Mastschweinhaltung,

  • das Waschhaus („Hexenhaus“, um 1885) und

  • ein Imkerschuppen (um 1890) zur Bienenzucht sowie

  • das „Gesindehaus“

sind Nebengebäude der ehemaligen „Saakel’schen Mühle“.

Der hinter dem Hofgebäude gelegene Garten wird noch heute von Dorfbewohnern als „Klein Herrenhausen“ bezeichnet.

Das als „Gesindehaus“ bezeichnete kleine Fachwerkhaus soll das älteste Gebäude des Baukomplexes sein.

Als Entstehungszeitraum des Mühlengebäudes können einerseits - nach überlieferten Angaben des letzten Müllers Albert Saakel - die Jahre 1815/1816 angenommen werden, andererseits soll es aber Hinweise geben, dass bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts (um 1780) hier eine Wassermühle betrieben wurde.

Möglicherweise könnte es sich dabei auch um eine Vorgängermühle handeln, die in dem Gebäude des unmittelbar am „Spüligbach“ liegenden alten „Gesindehauses“ entsprechen kann.[12]

Erwähnenswert ist auch der mit Wasserkraft betriebene, mit dem Mühlenantrieb gekoppelte Aufzug, mit dem Lasten, wie beispielsweise Mehlsäcke, über alle Geschosse hinweg bis in das Dachgeschoss zum dortigen Speicher befördert werden konnten, laut Hinweisschild zugelassen mit einer Tragkraft von 150 kg.

 

Neugestaltung des Mühlengrabens 1829

 

Um den Leistungsgrad seiner Mühle durch eine größere Fallhöhe erheblich zu steigern, vertiefte Friedrich Saakel 1829 den Mühlengraben des Unterwassers und gestaltete den unteren Mühlengraben neu.

Um 1833 wurde dann das Gerinne aufgestockt und 1846 das Schleusenwehr am Beginn des Oberlaufes umgebaut, wodurch nochmals die Mühlenleistung deutlich gesteigert werden konnte.

Wie die Inschrift am Sturzriegel der Mühlenanbautür wiedergibt, konnte 1851 der Mühlentrakt durch einen zweigeschossigen Anbau erweitert werden.

Durch eine Grundwasserabsenkung führte der Mühlengraben dem Mühlenrad immer weniger Wasser zu.

Dies veranlasste 1959 den Müller Albert Saakel das alte Wasserrad durch eine moderne Durchströmturbine der Marke „Pfaff“ (max. 16 PS) mit einem höheren Wirkungsgrad zu ersetzen.

Bereits acht Jahre später stellte Albert Saakel seinen offiziellen wirtschaftlichen Mühlenbetrieb ein, da zu diesem Zeitpunkt die Stilllegung kleiner Mühlen über Prämien eines staatlichen Subventionsprogramms gefördert wurde.

Die Mühle wurde bis 1972 nur noch zeitweilig zur Eigenbedarfsdeckung betrieben, wenn auch unrentabel.

Fortan sicherte die Familie Saakel ihr Einkommen durch die Einrichtung eines kleinen, gern besuchten Pensionsbetriebes.

Hierzu wurden vier Räume im Obergeschoss des Wohntraktes mit fließend kaltem Wasser ausgestattet und Feriengästen, wie folgt, mit dem Werbetext öffentlich angeboten [13]:

"Pension zur Mühle, eine Oase der Ruhe und Stille, Zimmer mit fließendem Kaltwasser. Liegewiese."

In jener Zeit muss „Klein Herrenhausen“, wie der Name nahe legt, beeindruckend neu gestaltet worden sein, denn der Garten war parkähnlich angelegt - mit Ligusterhecken eingefasstem Weg, mit einer angelegten Baumallee, mit einem Springbrunnen, mit Blumenbeeten, mit einer Gartenlaube und mit einer Liegewiese.

Der Pension soll bis 1962/1963 betrieben worden sein.

Die Aufschrift einer alten Mehltüte gibt Auskunft darüber, dass ehemals die Mühle von Albert Saakel (Fernruf: Dassel 391) "Feinstes Weizenmehl – Garantiert ungebleicht und ohne Zusatz von Chemikalien herstellte."

In unmittelbarer Nachbarschaft zur „Saakel’schen Mühle“ und zum Mühlengraben befindet sich ein imposanter zweiteiliger Fachwerkkomplex (Auf der Rothe 11), dessen erster Gebäudeabschnitt laut einer giebelständigen Balkeninschrift 1785 errichtet worden war:

"II MZ ERM. ANNO. 1785".

Dreißig Jahre später, um 1815, wurde der größere Gebäudetrakt von dem im Dezember 1778 in Merxhausen geborenen „Tabakfabrikanten“ Carl Friedrich Timmermann und dessen Ehefrau Marie Dorothee Sake aus Bishausen angebaut.

Beide verstarben 1842 in Merxhausen an „Auszehrung“.

 

WER GOTT VERTRAUT . HAT WOHLGEBAUT

CARL FRIEDRICH TIMMERMAN

MARIA DORODEA GB SAACKEN

Z 7 D MAY     ANNO 1815

 

Die Sa(a)kelsche Mühle wurde schließlich 1959 stillgelegt, wofür es eine staatliche Prämie der Bundesregierung gab.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[4] CREYDT 1996, S. 8.

[10] Braunschweigischen Anzeigen, Juni 1873, 136. Stück, 7461/7462.

[11] AHB I.

[12] aus einem Brief von Hertha Kerstein aus Sternberg vom 10.10.1991 an Elke Fehrensen [AHB I S. 36, Anlage].

[13] aus einem Brief von Hertha Kerstein aus Sternberg vom 10.10.1991 an Elke Fehrensen.