Glashütte "Oberes Hellental" - Am "rothen Wasser"

Klaus A.E. Weber

 

{HtGfN 1-1}

368 m üNN

1. Drittel 17. Jahrhundert / um 1606/1617 - um 1625

 

Lage:

Koordinaten der Fundstelle und eingemessene GPS-Daten sind beim Verfasser und bei der Kommunalarchäologie hinterlegt

  • Hellenthaler Grund
  • Forstabteilung 71 im Revier VII Merxhausen
  • DGK 5 Nr. 4223 - 03 Mecklenbruch │ Nr. 4223 - 04 Große Blöße       
  • Forstort: Mecklenbruch/Große Blöße
  • S 6 │ S 18 nach BLOSS [2][27]: Glashütte im oberen Hellentaler Grund, Abteilung 77 │ Glashütte "bei dem Hasenlopfel" im oberen Hellentaler Graben  (am „Dreiämterstein“)
  • Ortsakte „Heinade-Hellental“ der Kreisarchäologie Landkreis Holzminden: dicht an der Grenze zum Landkreis Northeim, am linken Ufer der Helle, unweit des „Dreiämtersteins“
  • Landschaftsrahmenplan: 122 – Fläche mit Glashütte nördlich des Mecklenbruchs

NLD – Archäologie NDK (10. Oktober 2008)

Letzte Bearbeitung im NLD durch GRUNWALD 05/2002

1) Lage, Name: Im Hellental, dicht an der Grenze zum Ldkr. Northeim.

Am Ufer des Hellebaches (METZLER 02/1987)

Nordwestl. der Hellentalstraße auf der linken Seite der Helle im Bereich der aus südl. Richtung erfolgenden Einmündung des Silberborns in die Helle (GRUNWALD 05/2002)

2) Denkmalbeschreibung: Acht Erdhügel, Dm. bis 9 m; H. bis 1,2 m.

Z.T. kopfgroße Steine auf der Oberfläche, Schlacken- und Glasscherben im Erdreich (METZLER 02/1987)

3) Entdeckung: An der Oberfläche sind deutlich Reste einer Ofenanlage und Abfallhalden zu erkennen (METZLER 02/1987)

Hier sind im Luftbild in Ansätzen mehrere Hügel zu erkennen, die anthropogener Herkunft sein müssen.

Nach der Eintragung in Mtbl. Nr. 2372, Sievershausen, von von 1898 befand sich etwa 650 m weiter südlich der Hasenlöffelborn.

Der hier entspringende kleine Bach entwässert durch den „Hasenlöffel“ in die Helle.

Aus diesem Grund könnte es sich bei der Glashütte um jene von BLOSS 1977 beschriebene Produktionsstätte handeln, die während des ausgehenden 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Urkunden genannt wurde (GRUNWALD 05/2002).

4) Datierung: Frühneuzeitlich (METZLER 02/1987)

Ansprache durch O. BRAASCH: Neuzeit: Glashütte (GRUNWALD 05/2002)

6) Wertung: Der Erhaltungszustand ist gut, die Lage im Gelände typisch.

Als Anschauungsobjekt hervorragend geeignet (METZLER 02/1987)

7) Bewuchs/Nutzung: Auf Weide (METZLER 02/1987)

8) Hinweise: Aufgrund der bisher ungestörten Erhaltung ist mit hervorragenden Befunden und Funden zu rechnen.

Als wirksamen Schutz gegen drohende Raubgräberei empfiehlt sich eine Aufnahme in das Verzeichnis der KD nach § 4 NDSchG (METZLER 02/1987)

 

Fundstellen-Nummer:

  • MxF 1/1986

  • MhF 1/1999

  • Identisch mit Bez. Arch. H Az.: 109/4223/10

  • Identifikationsnr.: 255/6081.00001-F               

  • HtGfN 1-1

 

Erfassung: 

  • NDK Metzler 12/1986

  • AFP-LuBi O. Braasch 09.01.1994

 

Datierung:

  • 1. Drittel 17. Jahrhundert (um 1606/1617 - um 1625)

  • möglicherweise bereits 1595 geplant

  • wahrscheinlich 1606 in einer Holzrechnung genannt [26]

nach STEPHAN [24]: 81 - um 1600

"Nicht weit vom Talschluss liegt im oberen Hellental auf der Westseite der Helle nahe einer mutmaßlichen Seitenquelle in 368 m NN die wahrscheinlich am besten erhaltene frühneuzeitliche Glashütte im Solling. Das von den Ofenhügeln eingenommene Gesamtareal ist etwa 45 mal 33 m groß, die Produktionshalde am Hang des Hellebaches reicht noch darüber hinaus. Die Gesamtfläche beträgt etwa 1800-2000 qm. Die insgesamt 8 Hügel von bis zu 9 m Durchmesser und bis zu 1,4 m Höhe weisen auf eine große und mutmaßlich über längere Zeit hinweg betriebene Hütte hin. Der größte ovale Hügel mit etwa 9 mal 6 m Durchmesser dürfte der Schmelzofen gewesen sein. Darauf deuten auch die in seinem Umfeld besonders reichhaltigen Funde hin. 4 kleinere längsovale Ofenhügel sind in einem Bogen dicht aneinander um den Ofen gereiht, zugehörig ist vermutlich auch ein etwa 3 mal 3 m großer Hügel gegenüber dem Bergahorn. Die Gesamtanlage erinnert strak an die Hütten des Franz Seidensticker (1596 bis nach 1664) am Hilsborn und am Lakenteich. In der Nähe steht reiner weißer Tertiärsand an. Die Oberflächenfunde repräsentieren neben zahlreichen glastechnischen Relikten wie Hafenfragmenten und einem Beerennuppenstempel ein regionaltypisches breites Spektrum an vornehmlich grünen Hohl- und Flachgläsern der Spätrenaissance. Werraware und Weserware der Renaissance sowie verziertes Duinger Steinzeug und Ofenkacheln sichern die Datierung in die Zeit um 1600 ab. Die Hütte lag nahe an der Grenze dreier Ämter. Die schriftliche Überlieferung ist nach derzeitigem Kenntnisstand dürftig, möglicherweise war hier bereits 1595 eine Hütte geplant, wahrscheinlich ist sie 1606 in einer Holzrechnung genannt."[24]

 

Fundumstand:

  • prospektiert

  • kontrolliert am 26. August / 07. November 2004 durch Dr. Christian Leiber, Kreisarchäologie

 

Ausdehnung:

  • ca. 1800-2000 m²

  • von Ofenhügeln eingenommenes Areal etwa 45 x 33 m

 

Zustand:

  • Ortsakte „Heinade-Hellental“ der Kreisarchäologie Landkreis Holzminden: als Weide landwirtschaftlich genutzt; Teilzerstörungen durch Viehtritte und Fahrspuren

  • unter Wiese liegend

  • wahrscheinlich am besten erhaltene frühneuzeitliche Glashütte im Solling

  • 11 kartierte Hügel von bis zu 9 m Durchmesser und bis zu 1,4 m Höhe [25]

  • davon 4 kleinere längsovale Ofenhügel in einem Bogen dicht aneinander um den großen Ofen gereiht

  • größter ovaler Hügel mit ca. 9 x 6 m Durchmesser - zentraler Schmelzofen

 

Befunde/Interpretation:

  • Mehr-Ofen-Anlage



Ofenhügel der großen frühneuzeitlichen Glashüttenanlage (Bodendenkmal) im oberen Hellental am "rothen Wasser"

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert [2]

 

Der Betrieb dieser frühneuzeitlichen Waldglashütte im Solling [2] wurde vermutlich kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) unter der Regentschaft von Herzog Friedrich Ulrich (1591-1634) aufgenommen.

An den an Tafelfreuden interessierten Wolfenbütteler Fürstenhof wurden um 1617/1618 vom "Glaser M. Hanß Derbbing" Trinkgläser im Wert von 21 Gulden und 6 Mariengroschen geliefert.

 

Vermuteter Hüttenmeister: "Glaser im Hellthaell M. Hans Derbbing"

Eine Kammerrechnung des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel weist aus, dass aus dem Solling an den Wolfenbütteler Hof um 1617/1618 gelieferte Trinkgläser einer "inländischen Glashütte" im Hellental zuzuordnen sind [1]:

  • "[Außgabe auff die Hoff-Haltung] Nro. 20. Dem Glaser im Hellthaell M. Hanß Derbbing fur gleser zur Fr. hoffhaltunge …"

Bei unbekanntem Pachtzins für den Hüttenbetrieb sind Trinkgläser im Wert von "21 fl" (Gulden) und "6 mgr" (Mariengroschen) vom Glaser M. Hans Derbbing dem Wolfenbütteler Hof geliefert worden.

Folgt man BLOSS und JÖRN/JÖRN [1], so „notiert das Fürstenberger Amtsregister unter den Einnahmen aus Landgerichtsbrüchen“ um 1607/1608:

  • "Hanß Drebing, der Glesener bey aroldessen ⦋Arholzen⦌, das er Milliessen Bergmann vuff freyer strassen bei allersheimb ⦋Allersheim⦌ mit einem Spieß Überfallen vnd vor einen Schelm gescholten, eodem die erkhaendt in der Hern gnaede, außgegeben 2" ⦋Gulden⦌.

 

Mutmaßlicher Wohnbereich

Obgleich bis auf vereinzelte Keramikscherben relativ fundarm, zeichnet sich nach Bodenspuren nordwestlich der Ofenanlagen auf der anschließenden Wiesenfläche ein plateauähnlich gelegener Wohnbereich ab.[9]

 

Der Glaseplack“ - kartografischer Hinweis von 1828 auf die frühneuzeitliche Glashütte im oberen Hellental am „rothen Wasser“

Ausschnitt aus dem „Plan der Landesgrenze zwischen dem Herzogl. Braunschw. Kreisamte Eschershausen, und dem Königl. Hannöv. Amte Erichsburg-Hunnesrück. Von dem Ende der Haynader Feldmark bis zum Haseleppelborn.“

 

Produktionsbereich

In dem 1828 aufgenommenen herzoglichen Landesgrenzplan findet sich mit dem Flurnamen "Der Glaseplack" ein kartografischer Hinweis auf die ehemalige, große Waldglashütte im oberen Hellental.

Noch heute gut fassbare Ofenhügel kennzeichnen den ehemaligen Werkbereich mit zentralem Hauptofen.

Ein als Werkofen anzusprechender Hügel ist von einem Ensemble aus drei bogenförmig angeordneten Ofenhügeln umgeben.

Als Ofenbaumaterial wurde unbearbeiteter Buntsandstein und Lehm verwendet.

Als glasarchäologisch allgemein typische Produktionsabfälle traten auf

  • Pfeifenabschläge

  • Glastropfen

  • Glasfäden

  • Brocken erstarrter Glasmasse

  • Glashafenfragmente

  • Fragmente von Metallgegenständen, u.a. Glasmacherpfeife

Die archäologische Deutung der aus dem Umfeld der Hütte und in der Abraumhalde geborgenen Glasfunde ergab dünnes, vornehmlich grünes, aber auch weitgehend entfärbtes Hohl- und Flachglas sowie dickeres grünes Flaschenglas und hellgrüne Fenster- bzw. Butzenscheiben.

Meist stark zerscherbte Oberflächenfunde (kleine Glasfragmente) deuten auf die Herstellung hin von

  • grünem Glas

  • blauem Glas

  • violettem Glas

  • braunem Glas

  • farblosem (manganstichigem) Glas

  • Glas mit Emailmalerei

Zeitgenössisch nicht untypisch für regionale Waldglashütten weren drei Hauptkategorien der Glasproduktion fassbar:

  • Hohlglas

  • Flachglas

  • massive Glasgegenstände (Glättgläser)

 

Fundmaterial

 

I  Objektgruppe Glas

Es ließ sich eine umfangreiche Produktpalette der frühneuzeitlichen Glasherstellung in der abgelegenen Waldglashütte rekonstruieren.

Archäologische Spuren (Glasfragmente) aus einer Abfallhalde der Waldglashütte mit zeit- und regionaltypischem Formenspektrum von Hohlgläsern (Tafelgeschirr, Haushaltsglas) und Flachgläsern, insbesondere feine Bodenscherben von Alchemie-/Labor-/Apothekengefäßen, Trinkgläsern, Vorrats- und Schenkgefäßen und Flaschen sowie auch Knauf-Deckelfragmente:

  • Stangengläser und Keulengläser als Bierglas │ Achtkantgläser mit aufgelegten und gekerbten Fäden

  • (Trink-)Becher (Humpen) - mit Emailbemalung

  • Berkemeyer │ Nuppenbecher mit gekerbten oder gewickelten Standringen; Hohlschäfte mit Reihen von nach oben gerichteten Nuppen [4]

  • Römer -  Trinkgefäße für Wein mit Beeren- und Rosettennuppen

  • Spitzgläser │ Kelchgläser mit Fußplatte, Stiel und Kelch

  • Schalen

  • Schenkgefäße │ Kannen

  • Weinflaschen │ Bouteillen

  • Alchemie-Laborgefäße │ Medizin-/Apothekenglas, u. a. "Blätterlein" als kleine bauchige Fläschchen [5][6][16][17]

  • Glättgläser ⦋21⦌ - mit Stiel als Handhabe [7]
  • Fensterglas │ Butzenscheiben

 

Retortenfragmente

  • mehrere Fragmente von langen, abwärts gebogenen, sich zum Ende hin verjüngenden, grünlichen Glasrohren (Destilliergefäße, Alchemie)

 

Nuppen-Formen

  • glatte, spitz nach oben ausgezogene Nuppen

  • Beeren-Nuppen

  • Rosetten-Nuppen

 

Feuerfester Beeren-Nuppenstempel

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert

 

Viele Fragmente kleiner blaugrüner Römer mit glatten, spitz nach oben ausgezogener Nuppen und Fadenfuß konnten geborgen werden.

Darüber hinaus ist der Fund einer Rosetten-Nuppe und zweier bunter gläserner Klapperringe erwähnenswert, ebenso Fuß- und Wandungsteile von Zylinder- und Achtkant-Stangengläsern, teils mit geriffelter oder glatter Fadenauflage.

Mikrofragmente weisen kobaltblaues Hohlglas aus, ebenso wenige Formglasfragmente mit polychromer Emailbemalung.

Für die tief blau gefärbten, leicht gebogenen Glassplitter ist als färbende Glaskomponente Kobalt- und Kupferoxyd anzunehmen (Bezugsquelle: wahrscheinlich Erzgebirge).

Da beide Metalloxyde im Solling nicht natürlicherweise vorkommen, können sie von der Glashütte nur durch Fernhandel bezogen worden sein. 

 

"Weißglas" mit Hohlglas-Emailmalerei 

Im Kontext des Nachweises emailbemalter Boden- und Wandfragmente von Hohlgläsern ist eine Hohlglas-Emailmalerei als veredelndes Bild oder Dekor für repräsentative Hohlgläser (Humpen) zu diskutieren, als Kunstwerke Ausdruck der Tätigkeit eines fachkundigen Künstlers auf der Hellentaler Glashütte.[8]

Diese Überlegung zur Einschmelzbemalung auf der frühneuzeitlichen Waldglashütte wird unterstützt durch

  • die herstellungstypische Zeitstellung 1. Drittel 17. Jahrhundert
  • Glasfragmente aus farblosem Glas ("Weißglas")

  • Bleifunde als möglicher Schmelzzusatz zur Gewinnung von Emailfarben

  • den Bodenfund eines massiven, ehemals gestielten Glättglases mit Gebrauchsspuren an der Oberfläche, das als Pistill bzw. Glasläufer genutzt werden konnte [11]

 

Zur Veranschaulichung:

Humpen mit Vogelfänger-Paar, Meister mit dem Doppelpunkt│Peter Hüttel, Altmünden (zugeschrieben), 1594 [10]

Fränkischer Reichsadler-Humpfen, 1655

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

Glättglas – ehemals gestielt │ Fragment einer gläsernen Handhabe

massives, fast opak dunkelgrünes Fragment mit teils konzentrischen Kratz- und Schleifspuren (feine Rillen) auf der konvex gewölbten Oberseite │ leicht ovaler Durchmesser: 55 – 60 mm

Durchmesser Stielansatz (hohl): außen 35 mm │ innen 24 mm

Höhe: 18 – 20 mm │ Gewicht: 125 g

Herstellung vermutlich in einer einteiligen Form auf der Waldglashütte (Fundort: „Abfallhalde“ der Glashütte)

Daneben konnte ein kleines Randfragment eines schwach transluziden, grünen Glättglases aus der „Abfallhalde“ der Glashütte geborgen werden.

 

     

Fragment eines Glättglases, ehemals mit Stiel als Handhabe (Glaspistill?) │ Kratz- und Schleifspuren auf der konvex gewölbten Oberseite

 

Glättgläser ⦋21⦌ waren bereits seit dem 2.-3. Jahrhundert, in galorömischer und merowingischer Epoche, in der jüngeren Wikingerzeit und regional unterschiedlich bis zum 20. Jahrhundert in städtischen wie ländlichen Siedlungen fast kaum in der Form verändert in Gebrauch, besonders häufig im 9.–15. Jahrhundert zum Glätten, Fälteln und/oder Reiben.⦋2⦌

Dabei waren massive Glätter ohne Stiel deutlich häufiger als jene mit Stiel (Handhabe) im archäologischen Fundgut vertreten.⦋7⦌

Einst dienten die universell einsetzbaren, kalten oder erwärmten Glättgläser ⦋7⦌

  • wie Gebrauchsspuren auf den Oberseiten zeigen zum Bearbeiten (Glättung und Fältelung) von Textilien (primär Kleidungsstücke, feines Leinengewebe, aber auch von Leder, Papier und Metall
  • zum Imprägnieren von Stoffpartien mittels „Einbügeln“ von Wachs
  • zum Zerreiben von Kräutern, Samen und Gewürzen
  • in der späten Neuzeit als Stopfsteine oder Briefbeschwerer („paperweights“)

Um Unebenheiten bei Webstücken zu beseitigen, wurden teils rundliche Glättsteine aus dunklem massivem Glas genommen, auch um zusätzlich einen seidigen Glanz zu erzielen.⦋22⦌

Des Weiteren konnte bei der Technik der Einschmelzbemalung (Emailfarben) ein Glättglas als Glaspistill zum Pulverisieren in einem Glasmörser benutzt werden.

Die Reibspuren an dem Glättglas lassen die Vermutung aufkommen, dass es dem Glasmaler als Pistill zum Anreiben von staubfeinen, farbigen Glaspigmenten und dem Vermischen des getrennt hergestellten Schmelzzusatzes mit dem pulverisierten Farbmittel (Farbzubereitung) und/oder auch zum Pulverisieren für metallurgische Prozesse bei der Gewinnung von Blei-, Cobalt- und Kupferoxiden gedient haben könnte.

Nach ALMELING [15] wurden, "um beim Pulverisieren keine unerwünschten Beimengungen durch Abrieb von Gefäß oder Stößel zu bekommen, (...) die Substanzen im Glasmörser häufig mittels eines Glaspistills zerrieben".

 

II  Objektgruppe Metall


Retortenfragment

  • Fragment eines abwärts gebogenen, sich zum Ende hin verjüngenden Kupferrohres (Destilliergefäß, Alchemie)

 

Charakteristisches Glasmacherwerkzeug [3]: Glasmacherpfeife

Der Originalfund einer wahrscheinlich kompletten Glasmacherpfeife (korrodiertes Eisenrohr, ohne Holzeinfassung) der Waldglashütte „Oberes Hellental“ gelang im Bereich der zuvor beschriebenen Abwurfhalde in etwa 20 cm Bodentiefe.[18]

  • Länge: 90,5 cm │ Gesamtgewicht: 720 g │ Durchmesser außen: 13 mm │ Durchmesser innen: Ende zum Mundstück: 4 mm - gegenständiges Ende ("Arbeitsöffnung"): 7 mm

 

In ganzer Länge erhaltene Glasmacherpfeife (Eisen) ohne Holzeinfassung │ "Arbeitsöffnung" │ Mundstück │ 90,5 cm lang

Waldglashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert

 

Zudem waren bereits im Vorfeld mit der ersten Bodenuntersuchung drei Fragmente spröder, abgeschnittener Pfeifenspitzen (Eisen) im Bereich der Abwurfhalde der Waldglashütte „Oberes Hellental“ aufgefunden worden:

  • Länge: 82 mm │ 68 mm │ 55 mm ││ Durchmesser außen: 12 mm │ 13 mm │ 15 mm

 

Bleibarren

Im Umfeld des Zentralofens (Hauptofen) gelang der oberflächennahe Bodenfund eines längsovalen Bleibarrens zum Gießen [20]

  • Gewicht: 850 g │ Maße: 11,2 x 10,2 cm

 

Ovaler Bleibarren zum Gießen

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert

 

Es muss bislang ungeklärt bleiben, ob das Blei zum Herstellen von Bleiglas oder/und von Sprossen- und Bleiglasfenstern (Einfassung von Flachglas durch Bleiruten), als Schmelzzusatz zur Gewinnung von Emailfarben oder auch zur Herstellung von Geschosskugeln diente.

 

Kugelförmige Bleiprojektile (Geschosskugeln)

Im Bereich des Betriebsgeländes der Glashütte konnte ein Streufund von bislang acht Bleikugeln geborgen werden [20], abgefeuert aus Musketen, Karabinern und/oder Pistolen [19] in nicht allzu großer, möglicherweise aus nur etwa 60 – 70 m Entfernung; vergleiche LEIBER 2015.[12]

  • 4 Geschosskugeln mit unveränderter Kugelform │ Kaliber: 14 – 16 mm │ Durchschnittsgewicht: 20,2 g (13 - 25 g)
  • 4 unterschiedlich deformierte Geschosskugeln

 

Teils deformierte Gechosskugeln (Bleiprojektile)

Umfeld der Glashütte "Oberes Hellental" (2018)

 

III  Objektgruppe Keramik

 

▷ Technische Keramik


"Beerennuppen-Stempel"

Als besonderes produktionstechnisches Relikt trat ein stabförmiger Tonstempel mit Beerennuppen-Negativ an beiden Enden hervor.

Der aus feuerfestem Hafenton hergestellte "Beerennuppen-Stempel" wurde auf dem Schaft von Römern ein dekoratives Muster mit Beeren-Nuppen appliziert.


Feuerfester "Beerennuppen-Stempel" aus Hafenton ⦋23⦌

 

▷ Gebrauchskeramik

 

"Werra-Keramik │Wanfrieder Irdenware"

Neben regional- und zeittypischen Hohlglasgefäßen ist scheibengedrehte, glasierte und bemalte Irdenware als Koch- und Tafelgeschirr, aber auch Steinzeugware zu erwähnen.

Neben glastechnischen Bodenfunden traten bei der nur orientierend erfolgten Untersuchung der Abfallhalde auch gebrauchskeramische Relikte zu Tage:

  • Bruchstücke irdener Haushaltsgefäße - Pottlandkeramik│Duinger Steinzeug, Irdenware der landläufigen "Weser-Keramik" und der besonderen renaisancezeitlichen "Werra-Keramik│Wanfrieder Irdenware".

Zur Alltagskultur der frühneuzeitlichen Hüttenbewohner im Solling zählte die in Töpferwerkstätten zwischen Weser und Leine in Keramikbrennöfen massenhaft hergestellte „Weserware“.

Insbesondere hervorzuheben sind dekorative irdene Teller, Grapen, Schüsseln und Henkelschalen der "Weserware" und der in den Jahrzehnten um 1600 hergestellten "Werra-Keramik".

Diese gilt als die bedeutendste und aufwändigste Irdenware in der Renaissance - mit Ritzverzierungen und teils qualitätsvoll ausgestalteten Zentralmotiven im Gefäßboden.

Fragmente hochwertiger scheibengedrehter, mahlhorndekorierter und innen bleiglasierter Teller oder Schüsseln der "Werra-Keramik" zeigen unterschiedliche ikonografische Hauptmotive, wobei ein gut erhaltenes Spiegelfragment mit dem Zentralmotiv eines Renaissancetracht tragenden Mannes besonders hervorsticht.

Am ehesten dürfte die "Werra-Keramik" durch den Fernhandel mit keramischen Erzeugnissen zu dem wohlhabenden Betreiber der abgelegenen Glashütte im Solling gelangt sein.


Fragmente scheibengedrehter "Werra-Keramik" (Mahlhornware einer unbekannten Töpferwerkstatt),

durch Einritzen der Konturen und vermutlich mit Pinsel ausgeführter Schlickermalerei.

 Das Gefäßbodenfragment (Bildmitte) zeigt auf dem Fond als Zentralmotiv einen renaissancezeitlich gewandeten Mann

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert

 

"Weser-Keramik" & Duinger Steinzeug

Die fachkeramische Rekonstruktion einer scheibengedrehten Schale der "Weserware" [13][14] zeigt innenseitig in Malhornbemalung ein geometrisches, alternierend gelbliches und dunkelbraunes Dekor auf rötlich-braunem Malgrund.

Als regionales irdenes Gebrauchsgut verhandelt, gelangte die Malhornware der Renaissance zu der entlegenen Waldglashütte im Solling.

Erwähnenswert ist zudem eine restaurierte hellbraune Deckeldose aus Duinger Steinzeug (scheibengedrehte henkellose Dose und pilzförmiger Deckel mit Griffknauf aus dem Duinger Pottland) mit Rollradverzierung auf der glasierten Oberfläche. 



Restaurierter Teller der polychromen "Weserware" (Mahlhornware einer unbekannten Irdenwaretöpferei)

Die Wandung und der Gefäßboden des Tellers zeigt in polychromer Malhornverzierung ein alternierendes, geometrisches gelbliches und dunkelbraunes Dekor auf rötlich-braunem Grund.

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert


Restaurierte Deckeldose mit Knauf-Deckel - Duinger Steinzeug

Die hellbraune, unbemalte Keramikdose besitzt auf ihrer glasierten Oberfläche eine flächendeckende Rollradverzierung.

Glashütte "Oberes Hellental", 1. Drittel 17. Jahrhundert

 

Daneben konnten weitere Gefäßtypen von Alltagsgeschirr der renaissancezeitlichen Weserware nachgewiesen werden, wie

  • Grapen (Dreibeingefäße),
  • Stielpfannen
  • Schüsseln
  • Teller
  • Töpfe
  • einfache Salbentöpfchen/Apothekenabgabegefäße

aus Duinger Steinzeug.

Bruchstücke irdener Satten erinnern an eine Milchverarbeitung bei wohl landesherrlich erlaubter Viehwirtschaft auf der entlegenen Glashütte.

Wo das Koch- und Tafelgeschirr im Einzelnen ursprünglich getöpfert wurde, ist nur teilweise nachvollziehbar; eindeutig zuordenbar ist aber Steinzeug aus Duingen. 

Scherben einfacher, irdener Schüsselkacheln mit grüner Innenglasur belegen einen renaissancezeitlichen Schüsselkachelofen in einem Wohngebäude (des Hüttenmeisters) und damit vermutlich zugleich auch eine mehrjährige Produktionszeit der Glashütte.

Dazu passt der Metallfund eines handgeschmiedeten, halbrunden Windeisens, welches auf ein Gebäude mit schmalen Holzfenstern hinweist.

Weitere handgeschmiedete Eisenobjekte ergänzen das Fundspektrum. 

Ein differenziertes, regionaltypisches Formenspektrum spätrenaissancezeitlicher Hohl- und Flachgläser ist für die Waldglashütte im oberen Hellental rekonstruierbar.

Zudem sind sie auch ein Hinweis dafür, dass an dieser großem Waldglashütte qualifizierte und fähige Glasmacher und andere Arbeiter beschäftigt waren.

 

Literatur

BLOSS, OTTO: Die älteren Glashütten in Südniedersachsen. Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen. Bd. 9. Hildesheim 1977.

METZLER, ALF: Zur Inventarisation archäologischer Denkmale im Landkreis Holzminden. Jahrbuch Landkreis Holzminden. Bd. 5/6. 1987/88, 1988, S. 7-14.

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert.

- Teil I   Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2012, S. 14-21.

- Teil III Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 17. Jahrhundert.  Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 3/2012, S. 13-22.


Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] JÖRN/JÖRN 2007a, 99 (Fußnote 348), 156; JÖRN/JÖRN 2007b, 193 (W-27, lfd. Nr. 48, f. 152), 223-224 (W-17, 27, lfd. Nr. 48, f. 152), 257 lfd. Nr. 7 - Im Verlauf des 16./17. Jahrhunderts soll nach BLOSS im nordhessischen Kaufunger Wald auch der Glasmachername Drebing bzw. Drebingk auftreten sein.

[2] BLOSS 1977, S. 88-89, 97.

[3] RING 2003, S. 52.

[4] RING 2003, S. 66-69, 72-73.

[5] RING 2003, S. 170.

[6] RING 2003, S. 172-173.

[7] RING 2003, S. 182-183, 190-192.

[8] ALMELING 2006, S. 37-38.

[9] Bodenspuren bei einer Begehung durch Dr. Klaus A.E. Weber (Hellental) am 23. April 2016 sowie gemeinsam mit Michael Begemann (Holtensen/Einbeck) am 23. Mai 2018.

[10] ALMELING 2006, S. 27-45.

[11] vergl. ALMELING 2006, S. 36 Abb.13.

[12] LEIBER 2015, S. 285-288.

[13] STEPHAN 2012b.

[14] STEPHAN 1987, S. 100-110.

[15] ALMELING 2006, S. 36 Abb.13, 37.

[16] Medizin-/Apothekenglas mit dem Erscheinungsbild der "Blätterlein" als kleinste, mundgeblasene Kugelfläschchen, Einmalgefäße.

[17] FRANZE 2018.

[18] Erstuntersuchung im Spätfrühjahr 2006; Nachuntersuchung des Bereiches der Abfallhalde (in ca. 8 m Abstand zur Geländekante der Abfallhalde) durch Dr. Klaus A.E. Weber (Hellental) mit Michael Begemann (Holtensen/Einbeck) am 23. Mai 2018.

[19] Muskete: schweres, langes Vorderlader-Gewehr mit glattem/zuglosem Lauf │ Karabiner: leichtes, kurzläufiges Militärgewehr │ Pistole: Handfeuerwaffe.

[20] Bodenuntersuchung von Michael Begemann, Holtensen (Einbeck).

⦋21⦌ gebräuchlich sind auch andere Bezeichnungen, wie beispielsweise Glättsteine, Gniedelsteine, Gnittelsteine, Gliersteine.

⦋22⦌ SIUTS 2002, S. 168, 172-173 (11).

⦋23⦌ Dokumentation der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Holzminden (Kreisarchäologie).

[24] STEPHAN 2010, S. 526-527.

[25] Aufnahme/Zeichnung von S. Ulrich, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, 01/2007.

[26] „Holzrechnung“ von 1606 ? (mündliche Auskunft von Christian. Leiber, Kreisarchäologie).

[27] BLOSS 1950a, S. 6-7.