Hohl- & Flachglasherstellung

Klaus A.E. Weber

 

Glasrezeptur für die Hohl- & Flachglasherstellung

Die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohlglas und Flachglas wurde in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Wie die Kulturgeschichte des Glases zeigt, waren vorindustrielle Glashütten „handwerklichen Stils“ - wie die des Hellentals im Solling - vornehmlich kleinere Anlagen auf Zeit zur manuellen Herstellung von Hohl- und Flachglas, saisonal in Ein- und Mehrofenanlagen.

Die manuell im Mundblasverfahren hergestellten Glasprodukte zeigen unterschiedliche Färbungen und objekteigene Gestaltungen, abhängig von der jeweiligen Stilepoche bzw. vom "Produktdesign" seitens des Auftraggebers.



Hohlglas: Manuelle Fertigung eines Trinkglases

LWL-Glashütte Gernheim

 

Flachglas: Fensterscheibe von 1585

Stadtmuseum Einbeck

 

Arbeitsschritte bei der Glasherstellung

Die traditionelle Glasherstellung war ein aufwändiger und komplizierter betrieblicher (chemo-thermischer) Prozess, der von den Glasmachern ein hohes Maß an Fachwissen erforderte und eine Reihe manueller Arbeitsschritte umfasste.

Nach der Rohstoffgewinnung waren in jener Zeit die wichtigsten Arbeitsschritte bei der traditionell manuellen Glasproduktion:[3][4]

 

Rohstoffbearbeitung

- Herstellen von Glashäfen (Schmelzgefäße aus besonderem feuerfesten Ton)
- Mischen des Gemenges
- Fritten

↓→ Lagerung bei Bedarf

Schmelzen & Läutern

- Schüren des Feuers

Verarbeitung mittels Mundblasverfahren

- Formen der heißen Glasmasse unter Zurhilfenahme der Glasmacherpfeife

Kühlen

Schneiden

↓→ Lagerung bei Bedarf

Schliff  ⃒  Gravur  ⃒  Aufbringen eines Glassiegels

Verpacken

↓→ Lagerung bei Bedarf

Transport & Verkauf

 

 

Ausschnitt aus der im Maßstab 1:1 nachgebauten Fabrikanlage der Kurmainzischen Spiegelmanufaktur Lohr

im 18. Jahrhundert „High Tech“-Verfahren zur Fabrikation der „Lohrer Spiegel“

Spessartmuseum im Schloß zu Lohr am Main

 

Bis heute haben sich bei den meisten technischen Arbeitsgängen der manuellen Glasherstellung die wesentlichen Handgriffe und Werkzeuge kaum verändert.

Der Glasmacher formt die zähflüssige Glasmasse freihändig oder durch Einblasen in eine Form (Model) zu dem beabsichtigten Glasobjekt.

 

 

Einblasen in eine Form (Eisen-Model)

LWL-Glashütte Gernheim

 

Durch Werkzeuge - wie Zangen, Scheren und Stempel - wird das endgültige Aussehen des Glasproduktes erzielt sowie durch das Anbringen von Verzierungen, wie beispielsweise von (Beeren-)Nuppen.

 

Glasmacherwerkzeuge (Eisen)

LWL-Glashütte Gernheim

 

 

Verbot von Hohlglas für sakrale Zwecke im 9. Jahrhundert

Während des frühen Mittelalters durfte Hohlglas nicht für sakrale Zwecke (religiösen Zwecken dienend) genutzt werden, denn nach einer Homilie von Papst Leo IV. (847-855) war Glas als Werkstoff für Abendmahlskelche streng untersagt; nur Flachglas für (Kirchen-)Fenster konnte hergestellt werden.[2]

Der Gebrauch gläserner Messkelche war nicht zuletzt auch wegen der leichten Zerbrechlichkeit untersagt; nur Kultgeräte aus Edelmetall und Halbedelsteinen wurden kirchlich bevorzugt.[1]

Zum anderen verbot die Kirche ausdrücklich Grabbeigaben, worunter sich zuvor einst viele Gläser befanden.

Das Verbot, Glasgefäße für kirchliche Zwecke zu nutzen, gründete sich auf das Konsil zu Reims von 803.

Von nun an wurde Edelmetall an Stelle des Glas verwendet.[2]

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental  



[1] MOSEL 1979.  

[2] SCHACK 1979, S. 42.

[3] TACKE 1943, S. 92.

[4] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 33 ff.; KRUEGER 2003, S. 45; LEIBER 1994, S. 18.