1743 - „ein Grund zu größter Besorgnis“

Klaus A.E. Weber

 

Flaschensiegel einer „tüchtigen und ohntadeligen Boutteillen“ der Ruhländischen Glashütte aus dem Jahr 1742 [9]

Glas- und Heimatmuseum Silberborn

 

Die im braunschweigisch-wolfenbüttelschen Solling unter Herzog Carl I. gegründeten staatlichen Glashütten standen mit den weiterhin privatwirtschaftlich betriebenen Hütten des hannoverschen Sollings, wie der Ruhländischen Glashütte in Silberborn jener Zeit, in krisenhafter ökonomischer Konkurrenz.[16]

Anzumerken ist, dass - wie dem „Sollingischen Forstbereitungsprotocoll“ vom 18. April 1735 bis zum 03. Juli 1736 zu entnehmen ist [4] - bereits um 1735 im Raum Silberborn in dem "Ambts Uslarischen Forst" Glashütten bestanden haben,

  • "eine Glashütten, welche im Meyersgrund gelegen",
  • daneben eine "Glashütte im Thünneken Born".[6]

 

Ruhländische Glashütte "beym Silberbrunnen" & "ohnweit dem Neuen Hause" (1742-1748)

Nach BLOSS [12] bestand eine kurzlebige Glashütte:

  • S 42 Glashütte am Silberbrunn (1742-1748) - "Glashütte am Dasselischen Mittelberge", zutreffender "Glashütte am Moosberge"

Die Gründer der im hannoverschen Silberborn - "beym Silberbrunnen" - 1742 errichteten privaten Glashütte [3] war die gut betuchte Glasmacherfamilie Ruhländer:

  • Glase-Meister „Vater“ Georg Ruhländer (* um 1660 – † um 1742)
  • dessen Sohn, der „jüngere“ Glase-Meister Johann Justus Ruhländer (* 1690 - † 1744).

Zuvor war am 18. Januar 1742 im zuständigen Amt Uslar festgehalten worden, dass "der jüngere Johann, Julius Ruhländer" angezeigt habe, "daß sein Vater Schwachheit halber nicht am Ambte sich einfinden könne, er wäre indessen betreit, vor sich und Nahmens seines Vaters des Amtes Vorschlag zu vernehmen und darauf seine Erklärung zu geben".[2]

Der längere, 16 detaillierte Einzelpunkte umfassende Hüttenkontrakt ("Pacht=Contract") wurde dann am 23. Februar 1742 vertraglich geschlossen:[2]

"Des Allerdurchlauchtigsten, Wir, Ew. Königl. Majestät und Churfürstl. Cammer verordenete Cammer Präsident, Geheimte=Räthe, Geheimte=Cammer=auch Cammer=Räthe, uhrkunden und bekennen hiermit, daß, nachdem denen Glase-Meistern Georg und Johann Justus Ruhländer eine Glase-Hütte an dem Dasselschen Mittelberge ohnweit dem Neuen Hause, Ambts Uslar, anzulegen verstattet, wir mit denenselben folgenden Glase-Hütten-Contract verabredet und geschlopssen haben."

Während des Hüttenbetriebes von 1742 bis 1748 wurde Flach- und Hohlglas hergestellt, wobei ohne Unterschied je Klafter Holz 24 Mariengroschen als Pacht (Forstzins) gezahlt werden sollten.

 

Begleitschreiben zum drei Jahre geltenden "Glase-Hütten-Pacht=Contract" vom 23. Februar 1742, Hannover [10][11]

 

Die Ortschronik von Silberborn [8] weis zu berichten, dass der Vorgang der Schließung und Verlegung der Glashütte im braunschweigischen Hellental „etwas ganz Neues für die Glaserinnung und eine schwere Konkurrenz“ gewesen sei.

Für die Hüttenbelegschaft sei dies sogar „ein Grund zu größter Besorgnis“ gewesen.

Im Winter 1743 soll der hannoversche Silberborner Glasermeister Justus Ruhländer wutentbrannt zur braunschweigschen „Glashütte Steinbeke“ im Hellental geritten sein.

Es sei dabei aber nicht überliefert, ob der Glasermeister Ruhländer in Hellental einige seiner früheren Hüttenleute zurückholen oder aber neue anwerben wollte.

Justus Ruhländer beabsichtigte zudem, den Abtransport von Ofensteinen für die geplante braunschweigische Schorborner Glasmanufaktur mit Unterstützung örtlicher Beamter zu unterbinden.

Nach altem Gewohnheitsrecht konnten bis in die merkantile Epoche hinein die für den Glashüttenbetrieb benötigten Materialien in den Sollingforsten - ohne Beachtung territorial-hoheitlicher Gegebenheiten - dort gewonnen und abtransportiert werden, wo sie natürlicherweise anstanden.

So wurde feiner Quarzsand für das Herstellungsgemenge im Braunschweigisch-Wolfenbüttelschen, "gleich über dem Grentz Bache" [1] gewonnen.

Zu einer konfliktbehafteten Zuspitzung der problematischen Grenzsituation der Glashüttenstandorte kam es, als - mit schriftlicher Gestattung des Forstmeisters Rauschenplat in Dassel zum Steinebrechen und Abfahren - zwei mit acht Pferden bespannte herrschaftliche Fuhrwerke nahe dem "Neuen Hause" gebrochene Buntsteine für den Aufbau der Schorborner Glasöfen aus dem hannoverschen Solling abholten und die Ruhländische Glashütte passierten.

Wohl aus Verärgerung gegenüber der im braunschweigischen Solling neu entstehenden Glashütten-Konkurrenz behinderten Silberborner Glasmacher die Weiterfahrt der beladenen Fuhrwerke, wobei sie letztlich nur eines der Zugpfeder ausspannten und pfändeten.

Der Steintransport erreichte schließlich den Schorborner Teich, wo die Glashütte entstand.

 

Topografische Landesaufnahme Kurfürstentum Hannover │ Amt Uslar 1754-1785 [15]

"Rothe Wasser" - "Braunschweigisch/Hildesheimisch" │ "Dasselsche Mittel Berg" │ "Wilddiebs Born" │ "Appels Hütte" │ "Neu Haus" │ "Sand Wäsche"

 

Zu jener Zeit war im Braunschweiger Solling der "Wolfenbüttelschen Cammer Raths Thomas Ziesich" (1686-1761) als herzoglicher Kommissar (Hütteninspektor) für die fiskalischen Hüttengründungen zuständig.

Die ganz im aufblühenden Geist des Merkantilismus unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel zeitgleich 1744 gegründeten

sind auf konzeptionelle Vorschläge des Kammerrates Ziesisch zurückzuführen, der durch sein "unterthänigstes pro Memoria" vom 25. Juli 1743 für den Aufbau eines Manufakturwesens den Ausgangspunkt lieferte, aber auch für den Bau und die Inbetriebnahme verantwortlich war.[51]

Die benachbarten Glashütten des Herzogtums Braunschweig und des Königreiches Hannover standen in wirtschaftlicher Konkurrenz mit Abwerbung von Facharbeitskräften (hannoversche Glashütte in Amelith-Polier vs. braunschweigsche Glashütte in Grünenplan).[5]

Wie in der Silberborner Ortschronik [8] ausgeführt wird, soll es zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen sein, die zu einem umfänglichen Schriftwechsel zwischen der Verwaltung des Herzogtums Braunschweig und der Kammer des Landes Hannover führte.

Der Kammerrat Thomas Ziesich hatte sich als Beauftragter des Braunschweiger Herzogs in einem 16 Seiten umfassenden Schreiben über den Glasmachermeister Justus Ruhländer und einige seiner Hüttenleute beschwert.

Die neu angelegte Glashütte am „Silberbrunn“ beschäftigte nicht weniger als 35 Personen.[12]

 

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

 


[1] Die "alte Sandwäsche" bei Neuhaus.

[2] nach Angaben des Glas- und Heimatmuseums Silberborn.

[3] gelegen hinter dem heutigen Haus Angerstraße 8.

[4] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999.

[5] ALTHAUS 2015.

[6] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999, S. 36 (3.5), 37-38, 40.

[7] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999, S. 40-41 (3.8).

[8] BRODHAGE/MÜLLER 1996, S. 24-27.

[9] BROTHAGE/MÜLLER 1996, S. 23 Abb. 9.

[10] BROTHAGE/MÜLLER 1996, S. 13 Abb. 3.

[11] Zum Vertragstext: BROTHAGE/MÜLLER 1996, S. 9-12.

[12] BLOSS 1977, S. 63, 119-120.

[13] WOHLAUF 1981; BLOSS 1977.

[14] Ausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März bis 02. Juli 2017.

[15] BROTHAGE/MÜLLER 1996, S. 311 Anhang II Abb. 288.

[16] MALCHOW 2019, S. 30-31.

[43] OHLMS 2006; BRODHAGE/MÜLLER 1996; SCHOPPE 1989; LESSMANN 1984; LILGE o. J.; BLOSS 1961, 1950.

[44] TACKE 1943, S. 93.

[46] OHLMS 2006; BLOSS 1950, S. 31 ff.

[47] STEINACKER 1907.