Technische Keramik - Glashäfen der Waldgläsner

Klaus A.E. Weber

 

Aus formbarem, feuerfestem Hafenton gefertigte Glasschmelztiegel


 

Holzbottich mit aufgelgtem Leinentuch und Stampfwerkzeug zur manuellen Formung eines Glashafens [4]

Gebrannter Glashafen mit erstarrter Grünglasmasse

20. Jahrhundert

Glashütte Gernheim LWL-Industriemuseum

 

Als technische Keramik befanden sich im Ofeninneren eines Glasschmelzofens mehrere, aus feuerfestem Ton gefertigte Schmelztiegel - „Hafen“ oder „Glashafen“ genannt.

Zur detaillierten Beschreibung der Arbeitsvorgängen bei der Herstellung von Glashäfen wird auf STEPHAN verwiesen.[6]

Wie die heutigen großen industriellen Schmelzwannen, so waren auch die vergleichsweise kleinen Glashäfen sensible Konstrukte, die stetig auf Temperatur gehalten werden mussten.

Ungeklärt bleibt bislang die produktionstechnische Frage nach der Herkunft des formbaren und feuerfesten Tons (Feuerfesttone) für die Glashafenherstellung und nach dem Ort ihrer Fertigung (Eigenfertigung?) im Mittelalter, vor 1500.

Nach früheren Ausführungen von STEPHAN sollen die Glasmacher des Hoch- bis Spätmittelalters ihre Glashäfen zumindest überwiegend vor Ort in ihren Waldglashütten aus Großalmeroder Hafenton gebrannt haben.[4]

Andererseits befinden sich umfangreiche Tonlagerstätten (Hafentonlagerstätten?) und Töpfereien noch heute im Raum Fredelsloh im Solling sowie im Pottland rund um Duingen, einer historisch bedeutenden Töpferregion zwischen Weser und Leine.

 

Glashafenton aus Großalmerode [13]

Wenn nicht durch den regulierten Handel mit in Großalmerode im nordhessischen Gelstertal (Kaufunger Wald) [12], dem Sitz des Hessischen Gläsnerbundes, vorgefertigten getemperten oder ungebrannten Glashäfen erworben, so ist es auch denkbar, dass im mittelalterlichen Hellental während des 12./13. Jahrhunderts Glashäfen aus Rohstoffen der Tonvorkommen im Bramwald und/oder im Umfeld von Duingen gefertigt wurden.[5]

Wie HOCK bereits 1981 ausführte, finden sich bereits 1443 Mitteilungen über den Tonabbau bei Großalmerode im Zusammenhang mit Glashütten des Kaufunger Waldes, bei denen feuerfester Ton zum Ofenbau und zur Herstellung der Glashäfen genutzt wurde und sich wohl im 16. Jahrhundert die Fabrikation von Schmelztiegeln entwickelte, wobei bei dem besonders feuerbeständigen Tiegelton gerade der Glashafenton "wegen seines hohen Schmelzwiderstandes am meisten geschätzt" war.[12]

Weiterhin führte HOCK aus, dass "von den seit etwa 1500 ausgebeuteten landesherrschaftlichen Tongruben ... früh und lange Zeit Ton auch ins außerhessische und nichtdeutsche Ausland verkauft worden" ist.[12]

Hierzu passt auch die aktuelle Bewertung von WILKE und STEPHAN, wonach inzwischen hinreichend belegt sei, dass seit 1500 (jedenfalls seit dem 16. Jahrhundert) bei der Herstellung von Schmelzhäfen im Solling - und somit wohl auch im Hellental - magerer Großalmeroder Glashafenton aus Nordhessen Verwendung fand.[1][2]

1693 lieferte Georg Gundelach Schmelztiegel.[12]

 

Glashafen der mittelalterlichen Glashütte "Bremer Wiese" im Hellental, 12./13. Jahrhundert

 

  

Rekonstruktion [11] und Zeichnung [10] eines mittelalterlichen Glashafens mit geringem Fassungsvermögen (Füllvolumen: ca. 4 l)

Glashütte "Bremer Wiese" im Hellental, 12./13. Jahrhundert (um 1200)

 

Glashistorisch spektakulär war 2005 die Bergung zweier hellgrauer leicht verzogener, konischer Hafentonscherben auf dem Standort der mittelalterlichen Glashütte "Bremer Wiese" des 12./13. Jahrhunderts (um 1200) im unteren Hellental.[7]

Die größere Hafenscherbe bestand aus dem Standboden und schrägem Wandungsansatz mit Abschlusskante (korrosive Vertiefungen mit erstarrtem bläulich-grünem Glasfluss; Höhe max.: 8,3 cm; Breite max.: 16,0 cm; Wandungsstärke: 2,7–3,1 cm; Bodenstärke: 0,6–1,5 cm).

Das zweite passgenaue Hafenfragment entsprach der konischen, ungegliederten Wandung des Glashafens (Höhe max.: 11,2 cm; Breite max.: 12,1 cm; Wandungsstärke: 1,4–2,5 cm).

Im September 2006 gelang in einer Restaurierungswerkstatt für Keramik die fachgerechte Rekonstruktion des leicht asymmetrisch verformten hellgrauen Glasschmelztiegels:[11]

  • Höhe: 19,0–19,5 cm
  • Mündungsdurchmesser: 25,5–26,5 cm
  • Fußdurchmesser: 18,00 cm

Das Format und Fassungsvermögen des mittelalterlichen Hellentaler Schmelzgefäßes ist damit deutlich kleiner dimensioniert als die charakteristischen, im Volumen weiter zunehmenden Großglashäfen des 16.-18. Jahrhunderts aus Großalmeroder Hafenton.[8]

Das geschätzte Füllvolumen beträgt ca. 4 l, was vermutlich einer erschmolzenen Glasmasse von etwa 10 kg entsprechen dürfte.

Dass der mittelalterliche Glashafen im Scherben grau ist, kann als Hinweis auf die Verwendung von Großalmeroder Hafenton interpretiert werden.[6]

Die sich vom Boden zum Rand verbreiternde Hafenform mit flacher, kreisförmiger Standfläche legt nahe, dass das Glasschmelzgefäß einst im Arbeitsofen auf einer von unten befeuerten Hafenbank gestanden hat.

 

Glashäfen einer karolingerzeitlichen Glashütte im Solling - 9. Jahrhundert

Die frühmittelalterliche Waldglashütte (Bo7) konnte in der östlichen Sollingregion - am Waldrand im Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier - archäologisch nachgewisen und anhand lokaler Gebrauchskeramik dem 9. Jahrhundert - der Karolingerzeit - zugeordnet und engräumig drei, eher kleine Öfen - Hauptofen als Schmelz- und Arbeitsofen, zwei Nebenöfen (davon ein Kühlofen) - der karolingerzeitlichen Waldglashütte an einem kleinen Bachlauf freigelegt werden.

Ein in Scherben geborgener, aus gelblichem Ton gefertigter Glashafen von 0,75 Liter Volumen wurde geborgen und nahezu wieder komplett zusammengestzt; daneben fanden sich weitgehend erhaltene, sehr kleine Häfen.

 

Glashäfen einer hochmittelalterlichen Glashütte im Solling - um 1100-1150

Im Nordwestsolling - im Rumohrtal zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden - konnte die Produktionsstätte einer hochmittelalterlichen Waldglashütte und deren fünf Glasöfen archäologisch untersucht und anhand der Gebrauchskeramik in die Zeit um 1100-1150 datiert werden.

Dabei konnten auch zahlreiche, relativ große und dickwandige, freihändig gefertigte Glasschmelzgefäße geborgen werden, die teilweise innenseitig eine grüne Bleiglasur oder auch den für Bleiglashäfen typischen Lochfraß aufwiesen.

In der hochmittelalterlichen Waldglashütte wurden hochwertige romanische Holzasche-Blei-Mischgläser erzeugt.

 

Glashafen auf der Hafenbank, Bleiglashafenfragment (grüne Innenseite) und zwei aus Fragmenten zusammengesetzte, dickwandige Glasschmelzgefäße der hochmittelalterlichen Waldglashütte "An der Holzminde (S-NW3)

um 1100-1150

Rumohrtal im Nordwestsolling zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden [9]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] STEPAHN 2017, S. 11; zudem auch persönliche Mitteilung von STEPHAN und WILKE am 30. November 2017.

[2] WILKE/STEPHAN/MYSZKA 2016.

[3] STEPHAN 1995, S. 65-83.

[4] STEPHAN 1995, S. 76-77.

[5] STEPHAN 1995, S. 67.

[6] STEPHAN 1995, S. 73-74.

[7] WEBER 2012, S. 8-17.

[8] STEPHAN 1995, S. 74.

[9] STEPHAN 2017a, S. 8-16.

[10] Zeichnung von Henri Henze, Kommunalarchäologie Landkreis Holzminden (Dr. Christian Leiber), 2005.

[11] Keramik Restaurierung Monika Lüdtke, Bad Münder, 09/2006.

[12] HOCK 1981.

[13] ALMELING 2006. S. 22-23.