Glas in der Karolingerzeit

Klaus A.E. Weber

 

8.-10. Jahrhundert

Die Karolinger zählen zum Herrschergeschlecht der westgermanischen Franken, welches ab 751 im Frankenreich bis 987 die Königswürde inne hatte.

Berühmtester Vertreter der Karolinger ist Karl der Große (Carolus Magnus, 747/748-814), der von 768-814 als König des Frankenreiches regierte und am 25. Dezember 800 unter Pabst Leo III. als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde erlangte.

Vielerorts entstanden während des 8. Jahrhunderts und im 9. Jahrhundert Kirchen- und Klosteranlagen (beispielsweise Lorsch, Reichenau, alter Kölner Dom) und karolingische Pfalzen (beispielsweise Paderborn, Fulda), in denen in Glaswerkstätten Hohl- und Fensterglas hergestellt wurde.[5]

 

Ansicht der Süd- und Ostseite der Einhardsbasilika aus dem 9. Jahrhundert │ Steinbach bei Michelstadt/Odw. │ März 2012

Erbauer ist Einhard, Ratgeber Karls des Großen ("Vita Karoli Magni") und Ludwigs des Frommen

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Wie TRIER/NAUMANN-STECKNER ausführen, nennen historische Quellen "um 839 im Kloster Reichenau einen Mönch namens Matheus (Matheum vitrearium), der das Glasmacherhandwerk ausübte und nach Corvey geschickt werden sollte, um die dortigen Mönche die Herstellung von Glasfenstern zu lehren".[5]

Gleichwohl der Glasbedarf im karolingischen Europa mit der zunehmenden Anzahl der Klöster deutlich gestiegen war [5], so war während der karolingischen Epoche ein starker Rückgang der Hohlglasherstellung wie des Hohlglasabsatzes zu verzeichnen, wofür der Klerus als kirchlicher Auftraggeber verantwortlich gewesen sein soll.[1]

Zum einen durfte Hohlglas nicht für sakrale Zwecke genutzt werden, denn nach einer Homili von Papst Leo IV. (847-855) war Glas als Werkstoff für Abendmahlskelche streng untersagt; nur Flachglas für (Kirchen-)Fenster konnte hergestellt werden.

Der Gebrauch gläserner Messkelche war nicht zuletzt auch wegen der leichten Zerbrechlichkeit untersagt; nur Kultgeräte aus Edelmetall und Halbedelsteinen wurden kirchlich bevorzugt.[1]

Zum anderen verbot die Kirche ausdrücklich Grabbeigaben, worunter sich zuvor einst viele Gläser befanden.

Das Verbot, Glasgefäße für kirchliche Zwecke zu nutzen, gründete sich auf das Konsil von Reimes 803 und nochmals auf das Konzil von Trient 895; von nun an wurde Edelmetall an Stelle des Glas verwendet.[3]

 

Umstellung auf Holzascheglas

Kaliumgläser als Innovation

Nach STEPHAN [9] war für das nördlich der Alpen gelegene karoligerzeitliche Abendland der Übergang von den antiken Rezepturen des Soda-Kalk-Glases auf Kaliumgläser eine epochale Innovation, wobei mutmaßlich kirchliche und weltliche Eliten des Frankenreiches eine zentrale Rolle gespielt haben.

In der sich über Jahrzehnte hinziehenden Änderung der Glasrezeptur wurde der Soda-Anteil schrittweise reduziert und alternativ aus Buchenholzasche gewonnene Pottasche (Kaliumkarbonat) als Flussmittel verwendet.[6]

Die Versorgung mit importiertem (ägyptischem) Soda war während des 10. Jahrhunderts völlig zum Erliegen gekommen.[6]

Mit der importunabhägigen nordalpinen Entwicklung des neuen Holzasche- bzw. Pottasche-Glases (Kaliumglas) ging in der Karolingerzeit ein technisch-qualitativer Rückgang einher, dennoch waren weiterhin auch Soda-Kalk-Gläser verbreitet.[6]

Wie STEPHAN [9] dazu ausführt, haben in den ehemaligen römischen Provinzen westlich des Rheins noch eine längere Zeit über Soda-Kalk-Gläser und Soda-Asche-Mischgläser dominiert, wie in Frankreich und im Rheinland.

Die verbreitet anzutreffende These, wonach die Glaskunst während der karolingischen und der frühen ottonischen Herrschaftsepoche (Liudolfinger) einen schrittweisen Niedergang erfahren habe, kann nach RICKE nicht weiter aufrecht erhalten werden, da es angesichts neuerer Funde "zu einer erstaunlichen neuen Blüte" mit komplizierten Fadenglastechniken und Blattgolddekors gekommen sei.[8]

"Trichtergläser" waren die Leitform karolingischer Trinkgläser, wie auch später der ottonischen Hohlgläser.[7]

Es gilt als gesichtert, dass ein großer Anteil emailbemalter "syro-fränkischer" Becher in Werkstätten Venedigs bemalt wurde. 

Ohnehin hatte die mediterrane Handelsmacht Venedig lange als Vermittler orientalischer Vorstellungen in der Glaskunst gedient und durch den "Levantehandel" in intensivem kulturellen Kontakt mit dem Orient gestanden.[8]

 

Welterbe Westwerk Corvey ⎸Karolingisches Westwerk │ Mai 2015

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Reichskloster Corvey & eine Glashütte im 9. Jahrhundert

Nach Untersuchungen von STEPHAN stellten im Weser-Leinebergland seit der Karolingerzeit dem Holz nachwandernde Glashütten gefärbtes Waldglas her.[2]

Wie die entdeckte Waldglashütte auf Königsgut am Solling zeigt, wurde bereits im 9. Jahrhundert mit der anspruchsvollen Glasverarbeitung begonnen, die wahrscheinlich im Kontext mit der Aufbauphase (822–885) in der nahegelegenen Benediktiner-Reichsabtei Corvey/Weser zu interpretieren ist.[9]

Dabei konnten am Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier drei Öfen einer karolingischen Glashütte des 9. Jahrhunderts an einem kleinen Bachlauf archäologisch freigelegt werden, die in Verbindung mit dem ehemaligen Reichskloster mit karolingischer Hauptbauzeit gesehen werden kann.[4]

_____________________________________

[1] SCHACK 1979, S. 42.

[2] STEPHAN 2015.

[3] SCHLOSSER 1977, S. 69.

[4] STEPHAN 2015a; STEPHAN 2017.

[5] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 158-160.

[6] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 161-162.

[7] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 169 Abb., 172-173.

[8] RICKE 1995, S. 52.

[9] STEPHAN 2020, S. 125.