"Schwarzen Gesellen": Köhlerei als altes Waldgewerbe im Solling

Klaus A.E. Weber

Die Köhlerei zählt zu den ältesten Handwerkstechniken der Menschheit.

 

Anzünden eines in historischer Manier errichteten Holzkohlenmeilers bei Sieverhausen-Abbecke

Mai 2015

 

Das sehr alte Waldgewerbe der Köhlerei, typisch für ein nicht-zünftiges Gewerbe ohne festen siedlungsspezifischen, aber an Rohstoffe gebundenen Standort, wurde insbesondere durch Sagen und Märchen zu einem romantischen Handwerk im abgeschiedenen Wald verklärt.

Dem gegenüber standen im Alltag die besondere körperliche Schwere der Arbeit, die wochen- bis monatelange Trennung von der Familie und der Verzicht auf jegliche persönliche Bequemlichkeit.

 

Köhlerhandwerk - Beschreibung um 1984 [11]

 

Sozialgeschichtlich oft nur am Rande betrachtet, befriedigte das Köhlereigewerbe in der vorindustriellen Gesellschaft einen elementaren Bedarf an Holzkohle, der sich wahrscheinlich bereits ab dem 12./13. Jahrhundert aus dem steigenden Bedarf Metall verarbeitender regionaler Handwerken ergab.[1]

Vor der ersten Besiedlung des Hellentals überzog ein dichter Laubwald vornehmlich mit Buchen die Berghänge des nördlichen Sollingtales.

Im Talgrund dehnten sich Erlenbrüche in Konkurrenz mit anderen Laubbaumarten aus.

Die Fichte als Wirtschaftsbaum spielte noch keine waldwirtschaftliche Rolle.

Noch stehen wir vor dem Beginn der geregelten Waldwirtschaft des 18. Jahrhunderts, vor dem Übergang von einer extensiven Waldwirtschaft zu einer arbeitsintensiven, geregelten Nutzungsform.

Neben der Gewinnung von Bau- und Werkholz hatten die Köhlerei und handwerklich verwandte Gewerbe schon seit alters her im Solling eine hervorgehobene waldwirtschaftliche Bedeutung.

Der Meilerbau und der damit verbundene Erwerbszweig des Köhlereihandwerkes, die „Kohlenbrennerei”, war ein wesentlicher Teil der früheren Waldwirtschaft.

Auch im Hellental war es ein häufig angewandtes Handwerk vor dem Hintergrund der waldwirtschaftlichen Entwicklung.

Holz und Holzkohle waren im vorindustriellen Zeitabschnitt die wesentlichen Brennstoffe, so auch im Herzogtum Braunschweig.[2]

In den ausgedehnten Laubwäldern des Sollings wurde über viele Jahrhunderte hinweg Holzkohle durch die Meilerköhlerei hergestellt.

Die Holzkohle war in jener Zeit ein wichtiges gewerbliches Heizmaterial.

Zum Kundenkreis der Köhler zählten hauptsächlich prosperierende Hüttenanlagen, insbesondere die landesherrlichen eisenverarbeitenden Betriebe der weiteren wie näheren Umgebung; dem hingegen aber nicht die Waldglashütten.

Das meiste Laubholz der waldreichen Sollingforsten wurde durch die Technik der Holzverkohlung wirtschaftlich nutzbar gemacht, wofür es ausgewiesene "Kohlschläge" oder "Kohlenhaie" gab.[3]

Im Hellental ist heute das Köhlereihandwerk ein längst erloschenes und inzwischen fast vergessenes ländliches Handwerk.

 

Bodenspuren zweier Standorte von Kohlenmeilern im mittleren Hellental

September 2008

 

Wie kreisförmige, ebene Flächen und Bodenkleinfunde hinreichend belegen[4], haben im Hellental über eine lange Zeitperiode hinweg rauchende KohIenmeiler und die dazu gehörenden „Köten“ oder Köhlerhütten gestanden.

In den Sommermonaten dürfte der Rauchgeruch der Kohlenmeiler häufig durch das lang gestreckte Hellental gezogen sein.

Die während der Regierungszeit des Braunschweiger Herzogs Carl I. (1735–1780) von seinem Hofjägermeister v. Langen im „Weser-Distrikt“ vorangetriebene Forstreform zur rationelleren, nachhaltigen Forstwirtschaft [5] hatte letztlich auch zur Folge, dass Köhler allmählich aus dem durch anhaltend zügellosen Raubbau heruntergekommenen, erheblich devastierten Sollingwald gedrängt wurden und sich an den Waldrändern und Waldtälern ansiedelten.

Das Köhlereiwesen des Sollings und somit auch das im Hellental hatte im 17./18. Jahrhundert seine größte Ausbreitung und Blütezeit; die Meilerköhlerei „boomte” in jener Zeit.

Die expandierenden Hüttenbetriebe und Eisenhämmer in Merxhausen, Uslar, Dassel und Holzminden verbrauchten große Mengen von Holzkohle aus dem Solling für ihre Eisenerzverhüttung, aber auch die Eisen- und Silberhütten des Westharzes.[6]

Das Köhlereihandwerk war damals von besonderer Ortstreue gekennzeichnet, da auf den alten, vormals angelegten Kohlstätten der Brennvorgang im Kohlenmeiler am besten gelang.

Es wurde darauf geachtet, dass der Standort des Kohlenmeilers recht nahe an einem Weg lag und somit für die Holzanfuhr und die Holzkohlenabfuhr verkehrsgünstig zu erreichen war.

An den teils recht steilen Ost- und Westhängen des Hellentales waren allerdings eher selten von Natur aus ebene Flächen für Meilerstandorte anzutreffen.

Die Größe bzw. der Durchmesser eines Kohlplatzes richtete sich nach der Menge des zu verkohlenden Holzes.

Im Frühjahr zog der Köhlermeister mit seinen Gesellen und Hilfskräften in einem Pferdewagen zu den vorgesehenen Kohlstätten.

Dabei nahmen sie auch ihren Hausrat und das benötigte Handwerkszeug mitnahmen.

Die Köhler arbeiteten in der Regel als Saisonarbeiter mehrere Monate, meist vom März bis zum Buß- und Bettag, gelegentlich auch länger.

Die Holzkohlenherstellung erfolgte in einem definierten Waldareal, wo meist mehrere Kohlenmeiler zugleich betrieben wurden.

Im Rahmen der Braunschweiger Forstreform waren den Köhlern Waldabschnitte zur Holzgewinnung amtlich freigegeben worden („Kohlenhai“).

Überwiegend ordentliche Holzhauer und Waldarbeiter sorgten für das Schlagen des Holzes.[7]

Nach HEBBEL [10] gehörte zu einem „Kohlenhai“

  • ein Meister,

  • 2-3 Gehilfen und

  • „Haijungen“,

die meist bis zu sechs Kohlenmeiler zugleich betreuten.

Da um die Wende des 19./20. Jahrhunderts die industrielle Holzkohlenproduktion auch in der Sollingregion zunehmend die jahrhundertealte Meilerköhlerei verdrängte und es aus Arbeitszeit- und Lohngründen immer schwieriger wurde, Köhlergesellen zu gewinnen, ging das alte Handwerk des Köhlers wirtschaftlich schlechten Zeiten entgegen, nicht zuletzt auch im Hellental.

Aufgrund der veränderten Erwerbssituation gingen Köhler wie Köhlermeister, neben ihrem eigentlichen Köhlerhandwerk, fast ausnahmslos weiteren Erwerbstätigkeiten nach.[8]

Der Zeitpunkt, zu dem schließlich die alte Meilerköhlerei und damit das Köhlereigewerbe im Hellental ganz aufgegeben worden war, ist nicht sicher belegt, könnte aber, wie auch anderorts in der Sollingregion, gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelegen haben.

In dem hier genealogisch betrachteten Zeitraum des 18./19. Jahrhunderts waren denn auch nur zwei Männer, Johann Anton Bremer und August Heinrich Ludwig Meyer, für Hellental nachzuweisen, denen in den Kirchenbüchern die Berufsbezeichnung Köhler zugeordnet war.[9]


Hellentaler Köhlermeister August Eikenberg - "August-Fedder" um 1930

 

[12]

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] STEPHAN 2010, S. 177-178; REININGHAUS 1990, S. 67 f.

[2] JARCK/SCHILDT 2000.

[3] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; BRODHAGE/MÜLLER 1996; ALBRECHT 1995.

[4] Im oberen Hellental, im Hellentaler Grund, konnten nach eigenen Feldbegehungen auf Wiesenflächen mehrere Kohlstätten anhand der kleinräumigen Topografie und entsprechender Holzkohlenfunde in den Jahren 2002 - 2005 nachgewiesen werden. Beispielsweise befindet sich auf einer Wiesenfläche am Osthang, oberhalb der Holzbrücke über die Helle, ein etwa parallel zur Helle verlaufendes Plateau, das durch Holzkohlenreste als Standort einer ehemaligen Kohlstätte auszumachen ist. Unweit dieser Fundstelle besteht hinter dem Holzgatter, zwischen Fahrweg und Helle-Ufer ein weiterer Holzkohlenfundort (Ø ca. 12 m). Gegenüber liegend, auf einer Weidefläche am Fuße des „Räuwekopfes“, konnten Holzkohlenreste gefunden werden, dazu passend eine fast ebene, zum Westhang hin kreisförmige Fläche (Ø ca. 16 m). Weiter oberhalb im Hellentaler Grund, auf dem abgetieften Plateau schräg unterhalb des ehemaligen Glashüttenstandortes am „Dreiämterstein“, bestehen ebenfalls Spuren eines kleineren Köhlereiplatzes (Ø ca. 9 m).

Ein forstwirtschaftlicher Weg, etwa 2 km westlich von Hellental, zwischen dem „Hellentaler Berg“ und dem Kleinen Ahrensberg (433 m üNN), trägt heute die Bezeichnung „Köhlerrinne“, so dass davon ausgegangen werden kann, hier ein Areal eines oder mehrerer ehemaliger Köhlereiplätze vorzufinden. 1952 soll am Bachlauf „Köhlerrinne“ zudem eine Glashütte entdeckt worden sein, die aus der Zeit um 1400 stamme.

[5] TACKE 1951.

[6] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; JARCK/SCHILDT 2000; SCHUBERT 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[7] BRODHAGE/SCHÄFER 2000; BRODTHAGE/MÜLLER 1996.

[8] BRODTHAGE/SCHÄFER 2000; JARCK/SCHILDT 2000; BRODTHAGE/MÜLLER 1996.

[9] NÄGELER/WERBER 2004

[10] HEBBEL 1999, S. 11.

[11] LESSMANN 1984, S, 15-16.

[12] in LESSMANN 1984, S, 93.