Standort & Gebäude der Glashütte in der alten Forst Merxhausen im braunschweigischen Solling

Klaus A.E. Weber

 

Um 1715/1717 Anlage einer langjährig betriebenen Glashütte

Mecklenburgischen Rückwanderern blieb es vorbehalten, "in Steinbeke an der Helle" im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts eine privat betriebene Glashütte zur Hohl- und möglicherweise auch Flachglasproduktion mit Werkssiedlung für "Laboranten" zu errichten.

Die erste urkundlich fassbare Erwähnung "der Steinbeker Glashütten" im Hellental dokumentiert ein Taufeintrag im Kirchenbuch Heinade vom 06. Juni 1717.

Nachweislich des Kirchenbuches Heinade verheiratete sich am 21. Juli 1717 in Heinade Christian Wentzel von der „Steinbecker Hütte bei Hellenthal" mit Ilse Martha Kamelin.

Auch nach diesem Hochzeitsdatum ist davon auszugehen, dass die Gründung und Inbetriebnahme der Glashütte eher vor 1717 datiert werden kann.

Anzunehmen ist, dass also bereits um 1714-1715 die erforderliche landesherrliche Konzession zum Hüttenbetrieb („Glashütten-Contract“) von Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel (Regierungszeit: 1714-1731) erteilt worden war.

Belegende urkundliche Quellen konnten hierzu bislang allerdings nicht erschlossen werden.

Obgleich das Sollingtal in jener Zeit als ein eher unwegsames, an seinen Rändern mit dichtem Rotbuchenwald überzogenes, kühles und nebliges Talgebiet galt, wurde in dem für die Glasherstellung topografisch wie kleinklimatisch günstigen, westlichen Seitental des unteren Hellentals, ehemals im Mündungsbereich des steilen Baches „Steinbeke“, um 1715/1717 eine langjährig bestehende Glashütte angelegt, deren Standort heute allerdings völlig überbaut ist.

In jener Zeit wurden Glashütten als geschlossene, eigenständige Siedlungen außerhalb von Stadt- oder Dorfsiedlungen oder Gütern errichtet,

  • zum einen wegen der steten Feuergefahr,
  • zum anderen wegen der Nähe zu nutzbaren Waldungen einerseits für das Brennholz zur Glasofenbefeuerung, andererseits vor allem für die Herstellung von Pottasche aus Holzasche.

Über die Planungen und den Bauantrag mit Bauzeichnung (Bauskizze) zur Errichtung und zum Betrieb der Glashütte konnten keine archivalischen Quellen herangezogen werden.

Insbesondere konnten keine Aufzeichnungen erschlossen werden

  • zum Aussehen des Glashüttengebäudes,
  • zur Gebäudegröße
  • zur Funktionalität,
  • zu Baustoffen,
  • zum Energieträger,
  • zu technologischen Besonderheiten,
  • zum Glashüttenbetrieb.

Die im Hellental ortsfest betriebene Glashütte führte zunächst zu einer kleinen Werkssiedlung, aus der, nach der Hüttenstilllegung, einige Jahre später aus der "Colonie im Hellenthale" die "Dorfschaft Hellenthal" - das Waldarbeiter- und Landhandwerkerdorf Hellental - durch gezielte Zuwanderung  bzw. Arbeitsmigration hervorging.

In der Literatur findet sich die nicht überprüfbare Auffassung, dass sich zunächst eine größere, vielleicht sogar manufakturähnliche Glashütte mit Sonderstellung im Familienbetrieb entwickelt haben könnte.[2]

Auch gibt es jene Einschätzung, die einerseits von einer tatsächlich ortsfesten Glashütte jenseits des bis dahin verbreiteten Wanderglashüttenwesens, andererseits aber auch von „der letzten Wanderglashütte des Sollings“ ausgeht.[3]

 

"Hölthal Glas Hütte" in der Merxhäuser-Forst - Forstabteilung III│22

Kartografisch erfasst im Jahr 1745 [10]

 

Die Forstkarte "Geometrischer Grundriss Der Merxhäuser-Forst - Wie selbiger in Anno 1745 aufgenommen worden von Ludwig August Müller" belegt im "Der Zweite Haupt Theil" mit den Forstabteilungen III und IV den Glashüttenwerkweiler durch Gebäudesignaturen und den Namenszug "Hölthal Glas Hütte".[10]

Es handelt sich hierbei um die bislang älteste fassbare kartografische Dokumentation der neuzeitlichen Hellentaler Waldglashütte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die „Karte der Merxhäuser Forst“ von 1745 zeigt deutlich die planmäßige geometrische (rechteckige) Anlage der Forsten sowie - hier der Kartenausschnitt - das umgrenzte Betriebsgelände der „Hölthaler Glas Hütte“.

Die Signaturen kennzeichnen den Hüttenstandort mit Gebäudesymbolen, deren Bedeutung nicht eindeutig bestimmt werden kann.

Möglicherweise handelt es sich um jene Gebäude, die sich auf der kartografischen Aufnahme von 1792 am östlichen Ende der heutigen Straße „Zum Winkel“ befinden.[7]

Die Forstkarte von 1745 erfasst zudem die fürstliche Schorborner Glashütte mit dem Eintrag "Schorborn Glas Hütte" und sieben Gebäudesignaturen.

Nach BLOSS habe das Hüttengelände an jener Stelle gelegen, auf der sich der ehemalige Schulgarten des Dorfes Hellental befand (größeres Rechteck).[6]

 

Werkweiler der um 1715/1717 gegründeten "Hölthal Glas Hütte" - Forstabteilung III│22 

Ausschnitt aus der „Karte der Merxhäuser Forst“ von 1745 [4]

 

Betriebsgelände der "Höllthal Glas Hütte"

Das Betriebsgelände der "Höllthal Glas Hütte" erstreckte sich ehemals vermutlich über ein rund 2.000 m² großes Areal in der Forstabteilung III│22.

Am Ostrand des heutigen Grünparks (zuvor Dorffriedhof) verläuft bogenförmig eine Trockenmauer aus unterschiedlich großen, groben Solling-Sandsteinen als Parzellengrenze, deren Grundzüge sich für die Zeit um 1792 nachweisen lassen.[36]

Eine 2003 im Rahmen der baulichen Erweiterung des Dorfgemeinschaftshauses am ehemaligen Schulhof durchgeführte Auskofferung ermöglichte es kurzzeitig in der Baugrube die angeschnittene Profilwand auf archäologische Spuren des Glashüttenbetriebes zu untersuchen.

Es kann vermutet werden, dass die zur Gründung der Glashüttenanlage beanspruchte Freifläche durch die Führung der Grundstücksgrenze zum Kapellengelände und im Bereich des heutigen Dorfgemeinschaftshauses noch relativ detailgetreu nachgezeichnet wird.

Die Nutzungsfläche zur Errichtung der Glashüttenanlage befand sich am steilen Berghang des westlichen Seitentales (mittlere Höhe ca. 300 m üNN), wo die noch heute kräftig schüttende Bergquelle entspringt und von wo aus ein über grobe Steine abfließender Bach („Beeke“) fast geradlinig - später zwischen Hüttenanlage und Mühle verlaufend - in die Merxhausener Feldmark im Talgrund floss.

Das Hüttengebäude bzw. die Glasöfen haben vermutlich in West-Ost-Richtung dort gestanden, wo sich heute der ehemalige Schulgarten (unmittelbare Umgebung des Dorfgemeinschaftshauses) und das Kirchengelände befindet.

Es ist jenes ca. 900 m² große plateauähnliche Areal, das das heutige parkähnliche Gelände vor der Dorfkapelle (ehemaliger Dorffriedhof) bildet und mit einer im Norden und Osten geschlossen bogenförmig durchlaufenden Natursteinmauer an das ca. 0,8 m tiefer gelegene Privatgrundstück Sollingstraße 37 angrenzt.

Die östliche Begrenzung wurde wahrscheinlich durch die heute unbebaute, zusammenhängende, den Hang zwischen der Dorfkapelle, der ehemaligen Dorfschule und der nordwestlichen Straße "Zum Winkel" ansteigende Grünzone bestimmt.

Hier entspringt unterhalb des heutigen Feuerwehrgerätehauses inmitten eines Kleinbiotops aus Feuchtigkeit liebenden Pflanzen eine kleine Bergquelle, die damals teils frei fließend, teils unterirdisch talwärts zur Helle geflossen sein dürfte.

Es ist anzunehmen, dass auch diese eine Bedeutung für den Glashüttenbetrieb und seine Belegschaft hatte.

Möglicherweise war sie in jenen Gründungsjahren des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts aufgrund klimatischer und hydrogeologisch günstigerer Bedingungen eine ausreichend und kontinuierlich schüttende Quelle, die auch dem Hüttenbetrieb zusätzlich Betriebswasser lieferte.

Die Frage, wie die im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts errichtete Glashütte "Zur Steinbeke" tatsächlich ausgesehen haben mag und welchen baulichen wie ofentechnologischen Bestand sie während ihrer fast drei Jahrzehnte währenden Produktionsphase aufwies, lässt sich bei fehlenden archivalischen Quellen nicht hinreichend beantworten.

Darum kann nur auf archäologisch wie historische Vergleiche zurückgegriffen werden.

Die Glashütte "Zur Steinbeke" dürfte, wie die erst später entstandene fürstliche Holzener Glashütte, noch in der alten technologischen Waldglashüttentradition gestanden haben.[8]

  • Die zentrale Produktionsanlage war sicherlich der große zentrale, wahrscheinlich länglich-rechteckige Schmelzofen.
  • Neben dem Glasschmelzofen als „Herzstück“ der Glasofenanlage dürfte es einen Fritteofen, in welchem das geheime Produktionsgemenge vorgefrittet wurde, gegeben haben.
  • Zudem bestand wahrscheinlich ein Kühlofen, der jene Glasprodukte aufnahm, die allmählich abkühlen sollten.
Bekannt ist, dass eine Ofenanlage zugleich auch zwei Funktionen erfüllen konnte.[9]

 

Zum Glashüttengebäude sowie zu den Wohn- & Wirtschaftsgebäuden

Vom Glashüttenmeister dürfte veranlasst worden sein, zunächst alle für den Glashüttenbetrieb und die Glasherstellung erforderlichen baulichen Anlagen zu errichten, die zentralen Produktions- und Wirtschaftsgebäude.

Dabei kann man sich auf Grund anderer historischer Quellen das folgende Szenarium als möglich vorstellen.

Zum möglichen zeitgenössischen Aussehen des ursprünglichen wie auch des möglicherweise in den Folgejahren betriebenen Glashüttengebäudes, zur Bauzeichnung, zur Gebäudegröße und Funktionalität, zu den Baustoffen, zum Energieträger, ggf. zu technologischen Besonderheiten und zum Glashüttenbetrieb kann auf eine kurzgefasste Veröffentlichung von MAUERHOFF verwiesen werden, die sich mit Aufzeichnungen und den Planungen für eine Glashütte in Halle und die Dresdener Glasfabrik im Jahre 1704 beschäftigt.[11]

Danach hatte das erste Dresdener Glashüttengebäude um 1704 folgende Abmessungen:

  • Länge Gesamtgebäude: 26,8 m
  • Länge innerer Hüttenbereich: 18,0 m
  • Breite Gebäude: 13,6 m
  • Höhe ohne Dachreiter: 14,6 m
  • Länge Dachreiter: 2,0 m
  • Höhe Dachreiter: 0,47 m

Der Glasschmelzofen umfasste fünf Häfen (Glasschmelztiegel) - vier Häfen für jeweils ca. 80-100 kg Hellglas, ein Kleinhafen für Farbgläser.

Die Dresdener Glashütte bediente den sächsischen Hof unter August dem Starken (1670-1733) vor allem mit Luxusgläsern (Hohlgläser).

Vorzustellen ist, dass der Glashüttenmeister Jobst Henrich Gundelach vermutlich drei Gebäude im Rahmen der Glasherstellung errichteten ließ:
  • Das Glashüttengebäude umfasste den zentralen Glasschmelzofen (Werks-/Arbeitsofen) mit angeschlossenem Kühlofen und den Arbeitsplätzen der Glasfacharbeiter - später Ass.-№ 1

  • Pochmühle (zur Quarzsandgewinnung) - später Ass.-№ 2

  • Herrenhaus ("Meisterhaus") - später Ass.-№ 3

Zudem dürften wahrscheinlich in der Nähe Lagerschuppen und Nebengebäude für das Brennmaterial, für den Kistenmacher und zur Vor- und Aufbereitung der Glasrohstoffe erstellt worden sein.

Jenseits davon wurde das Wohnhaus des Hüttenmeisters, das Herrenhaus ("Meisterhaus") errichtet.

Es ist davon auszugehen, dass für landwirtschaftliche Zwecke einige Ställe und eine Scheune errichtet wurden.

Wo der Vizemeister wohnte, ob an der Steinbeke im Hellental oder außerhalb, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen.

Die Unterkünfte der Fach- und Hilfsarbeiter waren wohl eher dürftig ausgestattet.

Ähnlich wie Gutskaten, dürften diese Gebäude oberhalb des Hüttengebäudes eine kleine Häuserzeile mit dahinter liegenden, schmalen Gärten gebildet haben.

Während der erste Schmelzofen, der Haupt- oder Werkschmelzofen, in der Steinbeke noch im Bau war, begann im nahen Solling-Forst bereits um 1715 der Holzeinschlag und die so frei gewordenen Flächen wurden bald zur Eigenversorgung der Hüttenbelegschaft als Grünland landwirtschaftlich genutzt.

Der ehemalige Hüttenstandort lässt sich heute nur annähernd genau topografieren.

Nach LESSMANN soll Glashüttenplatz und damit das Hüttengebäude die Brandkassen-№ 1 getragen haben und später, nach der Verlegung der Glashütte nach Schorborn, für das Schul- und Kapellengebäude genutzt worden sein.[1]

Bislang bleibt auf Grund fehlender Quellenlage die Kernfrage unbeantwortet, was den wohl den Glasmachermeister Jobst Henrich Gundelach damals, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, so nachdrücklich bewegte, mit einem großen Glasmachertreck aus dem „Mecklenburgischen“ auf beschwerlichem Wege in das über 200 km Luftlinie entfernte Hellental im Herzogtum Braunschweig für immer auszuwandern.

Es darf bei der Ortswahl zur Hüttengründung davon ausgegangen werden, dass Gundelach bei seiner schwerwiegenden Entscheidung wohl über gute Lokalkenntnisse verfügte, wobei ihm einerseits geografisch das weiträumige Hellental im nördlichen Solling genauso bekannt war, wie andererseits dessen offenbar besonders günstigen Rahmenbedingungen und Naturressourcen zur langjährig profitablen Glasproduktion.

Für den ausreichend großen Werkbereich und den damit zugleich verbundenen Wohnbereich für eine größere Glashüttenbelegschaft, einschließlich der Familien, die nunmehr in einfachen Hütten im Produktionsnahbereich lebten, war zur Glashüttengründung das trichterförmige westliche Seitental des nordöstlichen Hellentales eine günstige naturräumliche Gegebenheit, von der offenbar der Glasmachermeister Jobst Henrich Gundelach ausreichend Kenntnis hatte.

Am steilen Berghang des westlichen Seitentales entsprang die noch heute kräftig schüttende Bergquelle, von wo aus ein über Steine abfließender Bach („Beeke“) fast geradlinig in die Merxhausener Feldmark im Talgrund floss.

 


Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.


[1] LESSMANN 1984.

[2] LILGE 1993; SCHOPPE 1989; LESSMANN 1984; BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950.

[3] BLOSS 1977; TACKE 1951.

[4] NStAWb 92 Neu F Nr. 501.

[5] Merxhäuser Forstkarte von 1745 - NStAWb 92 Neu F Nr. 501.

[6] BLOSS 1977, S. 115.

[7] NStAWb K 3344.

[8] Sonderausstellung „Glashüttenarbeit – von der Waldglashütte des 17. Jahrhunderts bis zur modernen Fabrik“ im Glasmuseum Boffzen (24.03. - 06.06.2004).

[9] LEIBER 1994, S. 19. 

[10] NStAWb 4 Alt 10 XIV Nr. 2 - Ausschnitt 3 Karte Bl. 2 Teil 2 (vom NStAWb in diditalisierter Kopie erworben; im MiB-Archiv Hellental bei Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental).

[11] MAUERHOFF 2018, S.21-22 (Abb. 5-7).