Einzigartige biologische Vielfalt auf kleinstem Raum im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Flora & Fauna im Wandel des historischen Kulturlandschaftsbildes


Die wichtigsten Wiesentypen des Grünlandtals Hellental im Solling [4]

 

Die historisch gewachsene Kulturlandschaft des Hellentals bietet Lebensräume für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten sowie Planzen- und Tiergesellschaften mit einer wiederholt dokumentierten Biodiversität.

Dabei sind die Wiesen des Grünlandtals mit ihrer Vielfalt der Artenzusammensetzung auf engstem Raum vornehmlich von den vorherrschenden Bodeneigenschaften (Wasserhaushalt, Nährstoffgehalt) wie auch von der Bodennutzung abhängig.

Der Buntsandstein im Solling lässt eher nährstoffarme "saure Böden" entstehen.

Bei extensiver Weidenutzung werden diese Böden von seltenen Pflanzenarten wie Bärwurz und Arnika besiedelt.

Sehr seltene und hoch spezialisierte Pflanzenarten zeichnen zahlreiche Wiesen im Hellental aus, welche auf Störungen (Düngung) äußerst empfindlich reagieren.

 

Nach § 2 Abs. 1 der Naturschutzgebiets-Verordnung von 1990 zeichnet sich der Südwestteil des Naturschutzgebietes „Hellental“ durch das Vorhandensein von quelligen Feuchtwiesen und feuchten Borstgrasrasen aus.

Hinzu kommen Reste montaner Bergwiesen, die vergleichbar in Niedersachsen nur noch im Harz vorkommen.

Ein Erlenquellwald, Waldbinsen- und Waldsimsensümpfe sowie Ohrweidengebüsche bereichern die dortige naturnahe Bachniederung.

 

Hellentaler Wiese mit Bärwurz (Meum athamanticum)

Hellental, Mai 2018

 

Scobel: Patient Wald 

„Um unsere Wälder ist es schlecht bestellt: Wir Menschen profitierten in hohem Maße vom Wald - gesundheitlich und ökonomisch. Wie aber behandeln wir diese überlebenswichtige Ressource? Wie gesund, wie krank ist der Lebensraum Wald? Gert Scobel diskutiert mit seinen Gästen."[2]

Buchtipp: KÜSTER: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. 2008. [3]

 

Arbeitsgemeinschaft Naturkunde

Die Arbeitsgemeinschaft des Heimat- und Geschichtsvereins für Landkreis und Stadt Holzminden e.V. hat ihren Schwerpunkt in der Erfassung der heimischen Pflanzen- und Tierarten.

Zudem geht es um die Auswertung früherer naturwissenschaftlicher Arbeiten, die sich mit dem Landkreis Holzminden und seiner näheren Umgebung befassen (Gutheil (1837), Dauber (1865), Triloff (etwa 1950)).

Hierbei ist der Vergleich älterer Artenlisten und Fundorte mit den aktuellen Verhältnissen einerseits interessant, andererseits auch aus Naturschutzgründen sinnvoll.

 

Das Hellental

Inmitten des nördlichen submontanen Sollings gelegen, durchquert das schmale, nur wenige hundert Meter breite, aber langestreckte Hellental als muldenförmig gestalteter Grabenbruch im Buntsandsteingewölbe das größte zusammenhängende Waldgebiet im Landkreis Holzminden.

Das Hellental ist fast vollständig von Waldkomplexen (Waldgebiet des Jahres 2013) umgeben, mit einigen größeren Buchwäldern.

Das lang gestreckte Sollingtal liegt innerhalb des etwa 536 km² großen, 1984 anerkannten Naturparks Solling-Vogler, dem weitaus größten Landschaftsschutzgebiet innerhalb des landschaftsreichen Landkreises Holzminden.

Als Natur- und Landschaftsschutzgebiet sind etwa 46 % der Fläche des Landkreises ausgewiesen.

  • Offenland: ca. 1/5
  • Wald: ca. 4/5

Die Land- und Forstwirtschaft prägt die stark reliefierten Landschaftsräume innerhalb des Landkreises Holzminden entscheidend, so auch im Hellental.

Natur und Landschaft des Hellentals sind allgegenwärtig und untrennbar miteinander verbunden.

Das Dorf Hellental ist siedlungsgenetisch in der angrenzenden Landschaftskulisse entstanden und wurde von ihr topografisch, siedlungsstrukturell und vegetativ charakteristisch geprägt.

Die Vegetation des Hellentals weist noch heute ein reichhaltiges Mosaik verschiedener Pflanzengesellschaften auf.

In den Jahren 1982 und 1991 waren umfangreiche floristische und faunistische Kartierungen im heutigen Naturschutzgebiet „Hellental“ durchgeführt worden, aktuelle stehen hingegen bislang aus.

Das Wiesental wird vornehmlich als Wirtschaftsgrünland mit vereinzelter Umtriebs-Weidewirtschaft genutzt.

Obgleich ökologisch wirksame Beeinträchtigungen für den Berglandschafts-Lebensraum Hellental seit Jahrzehnten zu verzeichnen sind, weist das Wiesental bis heute einen sehr hohen Anteil seltener und naturraumtypischer Pflanzengesellschaften auf und ist daher großenteils eine für Südniedersachsen einmalige Kulturlandschaft.

In der Untersuchung von 1991 zählten 16 stark gefährdete, schutzbedürftige Pflanzengesellschaften zu jenen der „Roten Liste Niedersachsen“.

Hervorzuhebende Besonderheiten des Hellentals von hohem Naturschutzwert sind vor allem die sonst seltenen Kleinseggenrieder (Flohseggenried, Grauseggensumpf) sowie die Borstgrasrasen (Torfbinsen- und Bärwurz-Borstgrasrasen) als Charakterpflanzen historischer Wirtschaftslandschaften.

Die heutigen Waldbestände im und um Hellental repräsentieren ausschließlich vom Menschen stark veränderte Wirtschaftswälder, vornehmlich im Rahmen der Forstwirtschaft.

Die ursprünglich in 200-300 m Höhenlage vorherrschende Rotbuche wurde dabei üblicherweise durch die widerstandsfähige, anspruchslose Fichte weitgehend ersetzt, insbesondere in höher gelegenen Bereichen.

Besucherinnen und Besuchern mag zwar die anthropogene Ersatzgesellschaft der ansehnlichen Fichtenhochwälder imponieren, indes sind sie für den Solling in seiner floristischen Ursprünglichkeit untypisch und standortfremd.

Wegen des reduzierten Lichtangebotes und sauren Nadelstreues ist, wie im Hellental gut erkennbar, der Unterwuchs in den Fichtenwäldern, wenn überhaupt, nur spärlich vorhanden mit einer standorttypischen, eher artenarmen Vegetation.

Tierökologisch wichtige Rückzugsbiotope können hier nicht in dem faunistisch erforderlichen Maß ausgeprägt werden.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass monokulturelle Fichtenhochwälder ökologisch ziemlich instabil sind, wie - auch im Hellental - ihre Anfälligkeit gegenüber Windbruch, natürlichen Schädlingen und Umweltbelastungen („Waldsterben“) zeigt, im Gegensatz zu den naturnahen Buchenwäldern mit ihren ökologischen Nischen für die Tierwelt.

Der Waldrand im Hellental wird in den unteren Höhenlagen durch die an die hangwärts ziehenden Wiesen- und Weidengflächen angrenzenden Waldbestände charakterisiert.

Wohl dem Waldrand, der von einem Rotbuchenbestand gebildet wird, wo Übergangszonen und Saumgürtel aus Kraut- und Strauchschicht, wie beispielsweise im Bereich des Buchholzes, eine relevante Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren ermöglichen.

Die von Nadelbäumen gebildete Waldgrenze ist dem hingegen häufig auffallend geradlinig ausgeprägt.

Die im Verlauf des gestreckten Hellentals anzutreffenden Buchen- und Mischwaldbestände tragen positiv zur Landschaftsgestaltung und zur vielbeschriebenen Schönheit und Natürlichkeit des tertiären Muldentales im Nordsolling bei.

Wo vormals im eng begrenzten Landschaftsraum des Hellentals entlang der Helle vornehmlich Erlenbruch- und Erlenauwälder stockten, ist durch menschliche Kulturnahme und Pflege das heutige Charakterbild einer Wiesen- und Heckenlandschaft geschaffen worden, anhand der landschaftsstrukturierenden Elemente

  • Hecken,

  • Gebüsche,

  • Acker- und Wegsäume,

  • Gräben,

  • Einzelbäume und

  • (Obst-)Wiesen.


In den Tallagen bildete schließlich der Schwemmlöß ein nährstoffreiches Substrat für die Ausprägung einer ursprünglich artenreichen und ausgeprägten Vegetation, wie die der vielfältigen Pflanzengesellschaften in den Auenwäldern der Talauen.

Unterschiedliche Tiergesellschaften folgten dieser faunistischen Entwicklung.

Die vormals relativ regelmäßigen Überschwemmungen der Helle und die aus Hanglagen erodierten Lößbodenanteile begünstigten diese ursprüngliche ökologisch wertvolle, weil artenreiche Entwicklung im Hellental.

Durch die zunehmende Landnahme des Menschen wurden die Auenwälder extensiv beweidet, nicht zuletzt, um auch größere Freiflächen für die Mahd zu erlangen.

Nach und nach erfolgte dann eine Auflichtung der Auenwälder, schließlich ihre irreversible Verdrängung, mit ihnen auch die der unterschiedlichsten Pflanzen- und Tiergesellschaften.

Im Regionalen Raumordnungsprogramm 2000 wird der „Hellentaler Graben“ als großflächiges Vorranggebiet für Natur und Landschaft eingestuft.

Es ist ein für den Naturschutz besonders wertvolles Gebiet.

Daher wurde das Hellental schließlich im September 1990 als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen, um das „Sollingtal mit seiner charakteristischen Vielfalt“ mit hervorragendem Landschaftsbild und seiner Ausstattung mit „Lebensräumen standorttypischer, teilweise hochgradig bedrohter Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensgemeinschaften“ zukunftsorientiert pflegen und entwickeln zu können.

Eine Vielzahl von für den Naturschutz wesentlichen Flächen sind nach § 28a NNatG als besonders wertvolle Biotope geschützt („28a-Biotope“).

Das Hellental im Nordsolling bietet in der Tat auf relativ engem Raum ein recht abwechslungsreiches Erscheinungsbild mit vielfältiger, struktur- und artenreicher Landschaft.

Es hat wertvolle Habitatstrukturen mit großer Vielfalt an Biotoptypen und ist daher ein hervorgehobenes Naturschutzgebiet von landesweiter Bedeutung.

Allerdings waren noch 1984 bei der Biotopkartierung des Landes Niedersachsen lediglich der Bachlauf der Helle sowie die Brachflächen des „Hülsebruchs“ als für den Naturschutz bedeutsame Areale abgegrenzt worden.

Trotz allem naturschützenden Engagement ist eine Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten auf Dauer gefährdet.

Vornehmlich das Wiesental um den Sollingbach Helle ist durch allmähliche Nutzungsaufgabe von zunehmender Verbrachung bedroht, weniger durch fortgesetzte Aufforstungen.

Das kleinräumig gegliederte Grünland des Hellentales sowie der streckenweise naturnahe Bachverlauf stellen einen hervorgehobenen erlebniswirksamen Raumtyp dar, mit besonders ausgeprägter Eigenart, aber auch mit ausgeprägter Vielfalt und Naturwirkung.

Fast ausschließlich in oberen Bereichen des wärmebegünstigten Südost-Talhangs kommen artenreiche Pflanzenbestände vor; ärmere Bestandsausbildungen sind hingegen auf dem lokalklimatisch benachteiligten Nordwest-Talhang anzutreffen.

Auf der dortigen Niedermoorfläche war 1991 großflächig ein Torfbinsen-Borstgrasrasen entwickelt, einer der größten und bestausgebildetesten Bestände in Niedersachsen.

1982 war eine erste Erfassung und Bewertung auf den Bergwiesen im unteren Hellentaler Grund (Hülsebruch) vorgenommen worden.

1991 erfolgten anlässlich der Erstellung des Pflege- und Entwicklungsplanes NSG „Hellental“ erneut umfängliche Vegetationskartierungen von Pflanzengesellschaften und -arten im Hellental.

Gleichermaßen wurden hierbei auch ausgewählte Tierarten des NSG erfasst und deren, z.T. bedrohten oder gefährdeten Bestände umfänglich dokumentiert.

Die beiden dauerhaften Vegetationsbestände des Hellentals sind einerseits der Wald und markante Einzelbäume, andererseits das offene Grünland.

Rückschlüsse auf die vormals artenreiche Vegetation erlauben die mageren, wegbegleitenden Säume und „mageren Weidezaungesellschaften“, die sich dem Wanderer rasch erschliessen und den ursprünglich viel mageren Charakter des Hellentaler Grünlandes erahnen lassen.

Grünlandbestände sind heute meist aufgedüngt.

Das von standortheimischem Laubmischwald, aber auch von standortfremdem Fichten- und Nadelmischwald (Aufforstungen/Weihnachtsbaumkulturen seit den 1950er Jahren umgebene, vom „Hellentaler Bach“ unüberhörbar durchflossene Wiesental ist durch vielfältiges Wirken des Menschen entstanden und bis heute von Menschenhand deutlich geprägt.

Die vormals natürlicherweise das gesamte Tal einnehmenden Bestände von Laub- und insbesondere Auwäldern wurden nach und nach durch die sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelnde Grünlandnutzung gerodeter Flächen reduziert.

Die heute noch als schmale, bachbegleitende Überreste der ehemals ausgedehnten Auwaldbestände sind wertvoll und schutzbedürftig.

Dem allgemeingeschichtlich wie insbesondere forstwirtschaftlich bedeutsamen "Sollingischen Forstbereitungsprotocoll" von 1735-1736 ist für den damaligen hannoverschen Solling zu entnehmen, dass in den 1730er Jahren dort alte und junge Laubwaldbestände folgender Baumarten für forstwirtschaftliches Nutzholz vorherrschten:

  • Birken, "Buchen" (= Rotbuche)

  • Eichen, "Ellern" (= Erlen)

  • "Espen" (= Pappeln)

  • "Haar Weyden" (= Haarweiden)

  • "Haßeln" (= Hasel)

  • "Heyn-Buchen, Heynebuchen, Haynebuchen" (= Hainbuchen)

  • "Söhlen" (= Salweiden).

Des Weiteren wurde verbissenes struppichte Buschwerk und Buchen Unterholz forstamtlich dokumentiert.

Zudem bestand regional, wie mehrfach alte Karten und noch heute gebräuchliche Flurnamen zeigen, auch eine Vielzahl von Brücher, vereinzelt mit Birken bestandene Sumpf- bzw. Moorgebiete, wie beispielsweise der „Mecklenbruch“ („Eckernbruch“, Moßberger Moor) und der „Hülsebruch“ im oberen Hellental.

Einige der Torfmoore im Solling (Hochmoore) wurden im 18. und 19. Jahrhundert durch Torfstecher („Torfgräber“) für Brennzwecke abgebaut.

In den Sollingforsten zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es öko-katastrophal viele große Holtz Blößen mit einzelnen alten Birken, bloße Plätze, worauf gar kein Holtz stehet.

Aus forstwirtschaftlicher Sicht jener Tage sollten diese Forstorte nach und nach mit jungen Eichen bepflanzt oder mit Fichtensamen eingesät werden. Noch heute ist im Hellental die Rotbuche (Fagus sylvatica) die Leitbaumart.

Für das Hellental bestehen noch Hinweise auf alte Buchenwaldbestände.

Als standortfremdes, aber nachhaltiges Nadelgehölz kommt vorwiegend die Fichte (Picea abies) und Lärche (Larix decidua) vor.

Der obere, südwestliche Bereich des Hellentals ist stärker als der untere Talabschnitt mit landschaftsuntypischen Fichtenaufforstungen durchsetzt.

Bedeutsam und Bewahrens wert ist die Schutzwirkung der Wald- und Grünlandflächen für Boden und Wasser, aber ebenso für den lokalen Klimaausgleich bzw. Immissionsschutz im Hellental.

Trotz relativ rascher Reduzierung ihres ehemaligen Bestandes in den letzten Jahrzehnten kommen noch viele verschiedene Pflanzen- und Tierarten sowie deren Lebensgemeinschaften auf den recht unterschiedlichen Standorten des Hellentals vor.

Noch bis in die 1950er Jahre hinein sollen flächendeckende Orchideen-Vorkommen auf bachnahen Wiesen und Massenbestände der Arnika in den ortsfernen Feuchtwiesen des südwestlichen „Hülsebruchs“ bestanden haben, die überwiegend von Hand gemäht wurden.

Manche Pflanzen- und Tierbestände sind seit Jahrzehnten akut vom Aussterben bedroht, andere sind bereits unwiederbringlich ausgestorben.

So konnten sich beispielsweise nur wenige Arten gegen den Verbiss und den häufig anzutreffenden Tritt der Milchkühe und Rinder auf den lntensivweiden behaupten.

Gehen nun Bestände bestimmter Pflanzenarten zurück oder verarmen Pflanzenformationen bzw. werden dezimiert, so zieht dies im Ökogefüge des Hellentals ebenfalls einen Bestandrückgang bei den von ihnen abhängigen Tierarten und Tiergemeinschaften nach sich.

Im Frühjahr beherrscht vor allem der Löwenzahn gebietsweise das Bild des Wiesentals, da er regenerationsfähig und trittfest ist.

Optisch hinzugesellen sich später Sumpfdotterblumen auf den Nasswiesen.

Der Solling gilt als eines der besten deutschen Rotwildreviere.

Ende September bis Anfang Oktober imponiert die Hirschbrunft („Hirschebrüllen“).

Heute werden wohlbekannte Konflikte zwischen Zielen des Landschafts- bzw. Naturschutzes und anderen Nutzungsinteressen und -ansprüchen, wie vornehmlich die der Land- und Forstwirtschaft und der Jagd, auch in der historischen Kulturlandschaft des Hellentals an einigen Stellen deutlich fokusiert.

Das landschaftstypbezogene Zielkonzept des Landschaftsrahmenplans von 1996 sieht für das Hellental als Teilgebiet mit Zieltyp „vorrangig Erhalt“ vor, dass

  • die Borstgrasgesellschaften, Bergwiesenfragmente und Feucht- /Nassgrünland extensiv zu nutzen sind, ggf. auf wechselnden Teilflächen   vorübergehend brachfallen zu lassen
  • intensiv genutzte Grünlandflächen extensiviert werden sollen
  • die Beweidung von Quellen auf den Schutzbedarf abzustimmen ist
  • das Hellental in seiner Gesamtheit offenzuhalten ist, allerdings sollen vorhandene Hecken- und Gehölzstrukturen erhalten bleiben.

Sowohl im Dorf Hellental als auch in seiner Umgebung im Talverlauf sind bis heute Obstwiesen ein charakteristisches und teilweise noch flächenbildendes Grünelement, ein ökologisches wie gestalterisches Bindeglied zwischen der angrenzenden Tallandschaft und den naturnahen Lebensräumen der bebauten Hellentaler Ortslage.

Bisweilen wurden solche Obstwiesen zudem auch als Viehweide genutzt (Obstweiden).

Eine besondere, auch ortsbildbestimmende Bedeutung kommt hierbei den kleineren wie größeren Streuobstwiesen zu, die einerseits entlang den hinter der Ortsbebauung ansteigenden Talhängen, andererseits auf Freiflächen in und im Hellental angelegt wurden.

Diese „Kulturbiotope“ umfassen sowohl Kulturpflanzen (hochstämmige Obstbäume, Walnussbäume) als auch Wildpflanzen der umgebenden Wiesen und Hecken. Ihr Mikroklima begünstigt eine artenreiche Kleintierwelt, wie Vögel und Insekten.

Der unbebauten und zusammenhängenden, den Hang zwischen der Dorfkapelle und dem Dorfgemeinschaftshaus ansteigenden Grünzone kommt eine besondere ökologischer Bedeutung durch die Verbindung verschiedener Naturräume zu; zugleich ist sie die „Grüne Lunge“ des Dorfes, bestanden mit hochstämmigen Obstbäumen der extensiv genutzten Obstwiesen, teilweise großkronigen Laubbäumen und mit standorttypischen, freiwachsenden Strauchgehölzen.

In den noch vorhandenen schmalen Gassen des alten Dorfkerns bildete sich auf den unbefestigten und ungenutzten Restflächen eine dorftypische Ruderalvegetation aus.

Auch die ehemals als Holzlagerstätten genutzten Hausvorplätze der alten „Sollinghäuser“ weisen ähnliche, ökologisch bedeutsame Vegetationsflächen auf, aber auch die unbefestigten Straßen- und Wegrandstreifen als „Linienvegetation“.

Eine artenreiche Spontanvegetation konnte 1993 auf dem fast unbenutzten Grasweg auf halber Hanghöhe zwischen der Ansiedlung „Am Berge“ und der „Sollingstraße“ festgestellt werden, so u.a. zum Wegende nach Nordosten:

 

a) als Krautschicht:

Beinwell Symphytum peregrinum

Brennessel
Urtica dioica

Frauenmantel Alchemilla vulgaris

Giersch Aegopodium podagraria

Hahnenfuß Ranunculus repens

Klebkraut Galium aparine

Taubnessel Lamium album



b)
als Strauchschicht:

Brombeere Rubus fruticosus

Hainbuche Carpinus petulus

Holunder Sambucus nigra
Weißdorn Crataegus monogyn

 

Die zahlreichen, zur Hangbefestigung errichteten Naturstein-Trockenmauern (aus anstehendem Buntsandstein) stellen als Kleinbiotope für Flora und Fauna Ersatzbiotope für Felswände dar.

Insgesamt 131 Landschaftsteile und -bestandteile waren 1996 als Naturdenkmale im Landkreis Holzminden ausgewiesen.

Im Hellental wurde hingegen unverständlicherweise bislang keine „Einzelschöpfung der Natur“ zu einem Naturdenkmal nach dem NNatG erklärt.

Die geowissenschaftlich bedeutsame Bachschwinde im Muschelkalk in dem ca. 1 km südwestlich von Merxhausen gelegenen Seitental erfüllt die Voraussetzung zur Ausweisung als Naturdenkmal.

Hinsichtlich des Bachlaufes werden im Landschaftsrahmenplan 1996 als Pflege- und Entwicklungsmaßnahme eine extensive Grünlandnutzung und die Schaffung von Uferschutzstreifen an beiden Ufern vorgegeben.

 

Vielfalt & Eigenart auf kleinstem Raum

Die im Hellental anzutreffenden Biotoptypen und die Vegetation verdeutlichen, das Wiese eben nicht gleich Wiese ist.

Auch das heutige Hellentaler Wiesental beherbergt, von Nahem gesehen, noch eine stattliche Vielzahl sich wechselseitig beeinflussender, unterschiedlicher Pflanzen- und Tiergemeinschaften.

Das waldbedeckte Berg- und Hügelland des Hellentaler Grabens ist ein Gebiet, in dem überwiegend folgende Biotoptypen mit hoher bis sehr hoher Bedeutung für den Schutz von Arten und Lebensgemeinschaften vorkommen:

  • Laubwald überwiegend standortheimischer Baumartenzusammensetzung ohne nähere Zuordnung am Hellental
  • Quellen im Hellental (naturnahe Quellbereiche)
  • Fließgewässer Helle (Verbesserung der naturnahen Fließgewässerstrukturen)
  • Borstgrasrasen im südlichen Hellental
  • Bergwiesenfragment bzw. Anklänge an Bergwiesen mit zwei Beständen westlich von Hellental und am südlichen Ende des Hellentals
  • Grünland (Feucht- und Nassgrünland) einschließlich Kleinsegenrieder im Wiesental/Hellental


Es sind überdies Voraussetzungen für ein Landschaftserleben und erlebnisreiches synästhetisches Landschaftsbild, die einer nachhaltigen Sicherung naturlandschaftlicher Strukturen und lokaler Charakteristika bedürfen.

War das Vorkommen westlich gelegener, siedlungsnaher Ackerflächen in früheren Zeiten von gewisser landwirtschaftlicher Bedeutung (geringes Ertragspotential), so sind sie heute als räumliche Schwerpunkte von Hellental völlig bedeutungslos.

Das ökologische Miteinander einer Reihe von Faktoren, wie Bodenart, Wasser- und Nährstoffangebot, Klima, Nutzung u.a.m. bestimmt die Vielfalt der Standortverhältnisse und somit zugleich die Vielzahl von Pflanzen- und Tiergemeinschaften.

Sind die Standortverhältnisse vielfältig, so ist auch die Landschaft an Tier- und Pflanzengemeinschaften reichhaltiger.

So kann man beispielsweise folgende Vegetationsformen mit verschiedenen botanischen und zoologischen Lebensgemeinschaften eines Wiesentals, wie im Hellental, unterscheiden: Borstgrasrasen, Feuchtwiesen, Glatthaferwiesen, Quellmoore, Bachröhrichte, Sumpfdofterblumen-Wiesen, Magerweiden und Fettweiden.

Gerade das im Hellental noch in wenigen Beständen vorkommende, bedrohte Magergrünland weist Anklänge an Bergwiesen auf.

Die Fichtenforsten haben als naturferner, standortfremder Waldtyp auch im Hellental heimische, natürliche Laubwaldgesellschaften (Rotbuchenwälder) und andere Pflanzenbestände immer mehr verdrängt und hiermit zugleich auch die daran angepasste Tierwelt.

Die Fichtenbestände wurden überwiegend illegal und hauptsächlich auf Grenzertragsstandorten angelegt, wobei es sich heute um 30-50 Jahre alte Erstaufforstungen handelt.

 

Kilometerlange Sandstein-Trockenmauern

Den Aktenunterlagen der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Holzminden ist zu nehmen, dass das Institut für allgemeine und angewandte Ökologie e.V. bei Kartierungsarbeiten im Sommer 1984 auf „ausgedehnte Trockenmauern (aus Buntsandstein) in Hellental aufmerksam“ wurde.

Mit Unterstützung der ehemaligen Jugendgruppe des „Sollingvereins“ [1] wurden die Trockenmauern kartiert, wobei teilweise auch „lückige bzw. eingefallene Strecken“ erfasst und noch „weitere zugeschüttete und überwachsene Bereiche“ von einer ca. 2,5 - 3 km Länge erwartet wurden.

Die Höhe der kartierten Trockenmauern betrug zwischen 1 - 3 m.

Im Oktober und November 1984, wurde von dem Hardegsener Institut „mittels 50 modifizierter Barberfallen“ an den Trockenmauern und am Mauerfuss ein Teil des Arteninventars erfasst, um Aussagen über deren ökologische Bedeutung zu erhalten.

Hierbei wurden Schnecken-, Assel-, Spinnen-, Hundertfüßler-, Tausendfüßler-, Käfer-, Wanzenarten und Köcherfliegen (einzige, seltene terrestrische Art) nachgewiesen.

Die besondere Bedeutung der Trockenmauern als Lebensraum für Insekten wurde hervorgehoben, ebenso ihre Relevanz für Amphibien, Reptilien und Vögel.

Den Untersuchern schien es daher im Hinblick auf die Trockenmauern notwendig, diese im Sollingraum nahezu einmalige Situation durch Erhalt bzw. Restaurierung langfristig und nachhaltig zu sichern („geschützter Landschaftsbestandteil“).

 

 

 

Bodeneigenschaft │ Wasserhaushalt │ Nährstoffgehalt

Die Wiesen des Hellentals mit ihrer Vielfalt der Artenzusammensetzung auf engstem Raum sind vornehmlich von den vorherrschenden Bodeneigenschaften (Wasserhaushalt, Nährstoffgehalt) wie auch von der Bodennutzung abhängig.

 

  • Standortverhältnisse

Standorte pflanzlicher und tierischer Lebensgemeinschaften eines Wiesentals werden durch ein komplexes Wirken abiotischer und biotischer Elemente, durch eine Vielzahl unterschiedlichster Eigenschaften in ihrer wechselseitigen Kombination mit räumlichen und zeitlichen Veränderungen geprägt, so dass sich entsprechend kleinräumig differenzierte Lebensgemeinschaften von Flora und Fauna ausbilden.

Vorkommende Tier- und Pflanzenarten und ihre Lebensgemeinschaften können durch Eingriffe und Veränderungen ihrer Standorte im Wiesental gefährdet oder gar gänzlich vernichtet werden.

Zu den Gefährdungsursachen zählen hierbei direkte Artenvernichtung (z.B. durch Biozideinsatz), Lebensraumzerstörung und wirtschaftlich orientierte Veränderung der Lebensraumbedingungen (z.B. Entwässerung, Nährstoffanreicherung/Düngung, Intensivierung der Bewirtschaftung).

Der Leitbodentyp des Hellentales ist die basenarme Braunerde bzw. Parabraunerde.

Im höher liegenden Quellgebiet der Helle zum Hochmoor NSG „Mecklenbruch“ hin findet man hingegen den mäßig feuchten Moor-Pseudogley.

Staunasse Böden mit hoch anstehendem, nur wenig bewegtem Grundwasser, periodisch wasserführende Gräben oder Hangquellmoore sind gebietsweise im Wiesental ausgeprägt vorhanden.

So weist das obere Hellental Bodenbereiche mit besonderen grund- oder stauwasserbeeinflussten Standorten auf, die Quellbereiche und Feucht- bzw. Nassgrünländer.

Viele Pflanzenarten im Wiesental zeigen hierbei eine hohe Anpassung an die Feuchtigkeit und Nährstoffversorgung ihres Standortes.

Sie reagieren hingegen aber oft empfindlich auf vielerlei Veränderungen.

Im Hellental finden sich noch heute punktuell Extremstandorte für Pflanzen:

  • Wasserversorgung

Sie ist meist vom Boden und seinem Untergrund abhängig und bestimmt, ob ein Standort eher trocken oder feucht ist.

Wie im Hellental sichtbar, tritt auf stauenden Unterbodenschichten Grundwasser zutage, wobei sich Hang-Quellmoore mit Kleinseggenriedern und Waldbinsen-Sümpfen bilden können.

Im Mittelpunkt von Quellmooren prägen sich um die Quellen hochspezialisierte Quellfluren- und Zwergbinsengemeinschaften aus.

Ist der Untergrund, wie gebietsweise im Hellental, verkarstet und haben sich Spalten gebildet, so versickert teilweise oder vollständig das Oberflächenwasser (Bachschwinde) und es ist eher trocken.

Die Füllung des Hellentaler Grabens ist im Bereich des Unteren Muschelkalkes gut wasserdurchlässig und wirkt stark entwässernd.

  • Nährstoffversorgung

Sie entscheidet, ob sich eher ein „magerer“ oder ein „fetter Standort“ ausbildet.

Im Hellental überwiegen nährstoffreichere Standorte, da die Überschwemmungen der Helle und der Quellbäche der Talhänge (je nach Beschaffenheit des Grundwassers) düngend wirken und Nährstoffe mit sich bringen, ein ökologischer Faktor, der auch beim Fleuen (Flößen) im Hellental ausgenutzt wurde.

Entlang von Ufern können sich dadurch nährstoffliebende Bachröhrichte entwickeln.

In jenen Abschnitten des Hellentals, wo es nährstoffreich, feucht oder nass ist, findet man Feuchtwiesen, auch Sumpfdotterblumen-Wiesen benannt.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] unter der wenig geachteten Leitung von Claus Caninenberg, Hellental.

[2] 3sat Mediathek, Sendung vom 27. April 2017.

[3] KÜSTER ist Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover und Experte für Kultur und Geschichte des Waldes.

[4] Darstellung im WildparkHaus - Das Solling Besucherzentrum bei Neuhaus.