„Fritz von der Leine“ & seine Spuren im Hellental

Klaus A.E. Weber

 

▷ Zur Diskussion gestellt:

HERMANN LÖNS - Mythos mit Verbindung zur nationalsozialistischen Diktatur?

Zeitkritisch wird Hermann Löns als Quartalstrinker und Frauenfeind beschreiben, einhergehend mit nationalistischer und antisemitischer Einstellung, die er auch freimütig bekundete.

 

 

Hermann Löns (1866-1914) gab Hellental mit seinen beiden Erzählungen

sowie mit seinem Gedicht

einen bleibenden literarischen Namen.


Eine Zigarre rauchender Hermann Löns 

∎  Portraitfotografie │ April 1914

 

Hermann Löns, am 29. August 1866 in Westpreußen geboren, war einer der meist gelesenen deutschen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vor allem wegen seiner präzisen Naturbeobachtungen ist Hermann Löns bis heute in literarischer Erinnerung geblieben.

▷ Weiteres auf der Webssite des Verbandes der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e.V. (Löns-Verband)

 

Hermann Löns im „nationalen Rausch“ der wilhelminischen Zeit

Im August 1914, von dem millionenfach in Deutschland vorherrschenden „nationalen Rausch“ ergriffen, meldete sich der 48jährige Hermann Löns trotz seines vorgerückten Alters und seiner schwachen Gesundheit zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Kriegsfreiwilliger zum aktiven Kriegsdienst mit Dienstbeginn am 24. August 1914.

Anfang September zog er mit einem Ersatztransport des Füsilier-Regiments Prinz Albrecht von Preußen (Hannoversches) Nr. 73 in der 4. Kompanie [13] nach Westen ins Feld, wo er vom 13.-26. September 1914 an Gefechten in Frankreich teilnahm.

Nahe Loivre fiel Hermann Löns am 26. September 1914.

Sein Tagebuch mit Bleistiftnotizen blieb der Nachwelt erhalten.

 

Journalist, Naturfreund, Jäger & Schriftsteller

Sich bewusst als Hannoveraner und Niedersachse fühlend arbeitete Hermann Löns 15 Jahre lang mit seiner ersten Ehefrau Elisabeth als Lokalredakteur in Hannover, zunächst über fast 9 ½ Jahre beim Hannoverschen Anzeiger (HA).

Der als „Heidedichter“ bekannt gewordene Journalist, Naturfreund, Jäger und Schriftsteller [1] hielt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts des Öfteren - erstmals wohl um 1903 – in der Sollingregion auf.[2]

Der gebürtige Westpreuße mit dem beachtlichen „Kaiser-Schnurrbart“ weilte hierbei auch mehrfach im alten Hellentaler Dorfkrug, von dem aus er das Hellental und seine natürliche Umgebung gerne durchstreifte.[3]

Hermann Löns gab Hellental mit seinen beiden Erzählungen „Das Tal der Lieder” (1913) und „Das Hellental” (1914) sowie mit seinem Gedicht „Die böse Sieben” [4] einen bleibenden literarischen Namen.

 

 

Aus dem literarisch schaffenden, umtriebigen Hermann Löns entwickelte sich das in der Vergangenheit vielseitig beanspruchte, historisch nicht unumstrittene „Mythos Löns”, das auch in Hellental lange gepflegt wurde. 

 

Aus dem Leben von Hermann Löns & Seine literarischen Aufenthalte im Hellental

Der noch heute teils noch populäre Hermann Löns, am 29. August 1866 in Kulm an der Weichsel (Westpreußen) als Sohn eines Gymnasiallehrers geboren und als Soldat zu Beginn des Ersten Weltkrieges am 26. September 1914 vor Reims in Loivre gefallen, war einer der meist gelesenen deutschen Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Hermann Löns fühlte sich bewusst als Hannoveraner und Niedersachse.

Der passioniert Tabak rauchende Hermann Löns wurde in diesem Kontext zugleich auch der bekannteste Dichter der vormals als öde und langweilig angesehenen Lüneburger Heide, die er als Gegenpol und „Kompensationsheimat” zum „großstädtischen Moloch” empfand.

Durch die Massenauflage seiner Werke war Hermann Löns auch für die Ausbildung eines niedersächsischen Einheitsbewusstseins im 20. Jahrhundert bedeutend; er redigierte von 1898 - 1900 die Zeitschrift „Niedersachsen”.

15 Jahre lang arbeitete Löns als Lokalredakteur in Hannover (preußische Provinz), zunächst über fast 9½ Jahre beim „Hannoverschen Anzeiger“ (Lokalredaktion mit seiner ersten Ehefrau Elisabeth).

Unter dem Pseudonym „Fritz von der Leine“, eines von mehreren, schrieb Löns Woche für Woche seine populären satirischen Sonntagsplaudereien.

Am 16. September 1902 gründete er gemeinsam dem Journalisten Richard Hamel (1853-1924) in der Herschelstraße 31 die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), die aber aus ökonomischen Gründen bereits am 31. Januar 1904 wieder eingestellt wurde.

Hermann Löns gilt inzwischen als eigentlicher Namensgeber der 1949 erstmals (wieder) gedruckten „HAZ“.

Sein "ausschweifender Lebenswandel" wie auch seine "exzessiver Arbeitsweise" für seine Romane, nicht jedoch für die Zeitung, führten dazu, dass er 1909 seine Anstellung als Redakteur verlor.[17]

Neben den Frauen liebte Hermann Löns nicht nur den herben Charme der Lüneburger Heide, sondern wohl auch den der Natur des Sollings.[14]

Auf seinen Ausflügen, die Hermann Löns von Einbeck oder Dassel aus mit einem Fahrrad unternahm, gelangte er in größere wie auch kleinere Orte am nordöstlichen Sollingrand (u.a. Markoldendorf, Dassel).

In den Jahren um 1910 entdeckte er bei seinen Fahrradausflügen von Einbeck aus wohl mehr zufällig das Hellental, das er in mehreren Kurzurlauben „kompensierend” und dichtend aufsuchte.[6]

Der klassische Darsteller der Heide - der "Heide-Schriftsteller" - beschrieb schwärmerisch und stilisierend das Hellental als „Das Tal der Lieder” und als „Das Hellental”, wo er die ländliche Lebensweise, die Geborgenheit und Harmonie im Sollingtal als beschaulich und den Charakter der Dorfbewohner/innen bewundernd empfand.[5][14]

Vor dem Hintergrund, dass Hermannn Löns ein begeisterter Radfahrer war und auch darüber schrieb, verfasste er im Oktober 1910 für das 1888 in Einbeck gegründete Einzelhandels-Versand-Unternehmen August Stukenbrok (1867-1930) Einbeck (ASTE) eine Firmenbeschreibung; 1890 wurde die Firma "Deutschland-Fahrräder" gegründet.[17]

 

Hermann Löns & die Hellentaler Landleute

In seinem letzten Lebensjahr, 1914, veröffentlichte Hermann Löns in seinem Niedersächsischen Skizzenbuch den Aufsatz „Das Hellental”.

Hier beschrieb Löns anschaulich und auf seine Art romantisierend das offene Wiesental, das ungewöhnliche Bergdorf und seine arbeitsamen Bewohner*innenim Nordsolling zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo er die ländliche Lebensweise, die Geborgenheit und Harmonie im Sollingtal als beschaulich und den Charakter der Dorfbewohner*innen bewundernd empfand.

Gleiches gilt für seine bekanntere, schwärmerisch stilisierende Erzählung „Das Tal der Lieder” [12], die erstmals am 04. Juni 1913 veröffentlicht wurde.

Hermann Löns bediente damit zugleich ein in seiner Zeit vorherrschendes romantisches Sujet einer ungestörten Naturlandschaft und eines abseits gelegenen Walddorfes.

Aus beiden Erzählungen lassen sich orientierende Rückschlüsse auf den landschaftlichen und dörflichen „Status” Hellentals am Ausgang des 19. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts ableiten.

Hermann Löns traf sich gerne mit den arbeitsamen Hellentaler Landleuten zum Gespräch.

Auch erfreute er sich an den Hellentaler Mädchen, die, trotz ihrer schweren Landarbeit, noch abends Lieder singend nach Hause in ihr Bergdorf zurückkehrten.

Vom letzten Mollenhauer im Solling, dem „Meister“ Gehrmann aus Hellental ist bekannt, dass er mit Löns befreundet und mit ihm oft in der grünen Waldeinsamkeit des Sollings unterwegs war.

So berichtete Gehrmann davon, dass Löns abends gerne auf der Bank vor irgendeinem Haus gesessen und mit Vergnügen zugehört habe, wenn man sich Jagd- und Wilderergeschichten erzählte.

 

∎ Ernst Löns aus Hannover - Bruder von Hermann Löns [16]

Hellental, um 1958

Gemeindebürgermeister Otto Eikenberg mit Gemeinderäten

hintere Reihe (stehend) v. li. n. re.: Otto Keime, Hermann Eikenberg, Heinrich Bitter, Willi Leßmann, Erich Greinert, Otto Roloff, Georg Schwarz

vordere Reihe (sitzend) v. li. n. re.: Otto Eikenberg, (?), Ernst Löns mit Ehefrau, August Meier

 

Ehemaliges "Wald- und Lönsmuseum"

In der Sollingstraße bestand bis 2003 das regional bekannte, aber seit Anfang der 1990er Jahre völlig „verwaiste” und marode gewordene „Wald- und Lönsmuseum” von Willi Leßmann (1920-1991) - mit den Sammlungen Mineralogie, Pflanzenwelt, Tierwelt, Hermann Löns.[14]

Es wurde schließlich im Herbst 2003 von der Gemeinde Heinade in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Hellental des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V. aufgelöst und das marode Holzgebäude vollständig abgerissen.

Der Sammlungsbestand war weitgehend undokumentiert und befand sich in einem sehr maroden Zustand, so dass letztlich nur wenige Sammlungsgegenstände übernommen werden konnten.

 

 

Abbildungen:

© HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental


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[1] Eine Übersicht über die zahlreiche Veröffentlichungen von Hermann Löns erstellten CREYDT [1988, S. 56-57] und MEYER [1987, S 61, Nr. 230, 231].

[2] CREYDT 1988, S. 55.

[3] MEYER 1998; CREYDT 1985, 1988.

[4] vermutlich mit Bezug auf die heute nur noch teilweise erhaltenen Birken an einem Wirtschaftsweg am südwestlichen Ortsausgang.

[5] MEYER 1998.

[6] CREYDT 1985.

[7] CREYDT 1988a, S. 55-58.

[8] Hermann-Löns-Blätter, Heft 2, 1988.

[10] RINDFLEISCH 1938, FESSLER 1936.

[11] Anschauliche Einzelheiten zu Aufenthalten von >Hermann Löns im Solling< sind dem gleichnamigen Aufsatz von CREYDT in „Wilhelmbuschs Beziehungen zu Dassel - Hermann Löns im Solling“ [Dasseler Schriftenreihe, Heft 1, 1985; S. 31-38] zu entnehmen.

[12] Hermann Löns [1924], S. 110-114 und [1916].

[13] In Hannover aufgestelltes Füsilier-Regiment „General-Feldmarschall Prinz Albrecht von Preußen“ (Hannoversches) Nr. 73.

[14] LANDKREIS HOLZMINDEN 1986.

[15] STRELOW 2017.

[16] Originalfoto: NStAWb 299 N Nr. 691.

[17] KAMPA/ZÄNKER 2019, S. 82-84.