Pest - Das „Große Sterben“

 

Die Pest (Pestilenz) gilt als eine der ältesten bekannten Infektionskrankheiten.

Sie führte im 14. Jahrhundert zum „Großen Sterben“ in Europa – und auch in der hiesigen Region.

Die Pesterkrankung kommt auch in der heutigen Zeit des beginnenden 21. Jahrhunderts global noch endemisch vor und ist keineswegs inaktiv.

Der Erreger der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis, welches erst 1894 namensgebend von dem Schweizer Bakteriologen und Pasteur-Schüler Alexandre Yersin (1863-1943) in Hong Kong identifiziert werden konnte.[1]

Der Pesterreger wird hauptsächlich durch Rattenfloh- und Zeckenstiche auf den Menschen übertragen, wodurch es bei ihm zur Bubonenpest (Beulenpest) kommen kann.

Bei an Lungenpest erkrankten Personen erfolgt die Erregerübertragung durch Tröpfcheninfektion, was ungleich schwerwiegender für eine epidemische Weiterverbreitung ist.

Einerseits in der historischen Literatur als pestis conclusa, als „eingeschlossene“ oder „verheilte“ Seuche, andererseits als contagium conclusum, als „Pestzunder“ an Gegenständen anhaftend beschrieben, wurde die Pest als Mythos zum Inbegriff der Seuche schlechthin.

Als „Geißel Gottes“ steht die Pest metaphorisch für Katastrophen und auch stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Die Pest oder „Pestilenz“ meint in der volkssprachlichen Überlieferung daher allgemein jede folgenschwere pandemisch auftretende Seuche, die aus heutiger infektionshistorischer Sicht nicht in jedem Falle gleichgesetzt werden kann mit der medizinisch klar definierten Beulen- oder Lungenpest.

Der bedeutendste historische Einschitt durch „den schwarzen Tod“ lag im 14. Jahrhundert als es 1348–1352 zu einer explosionsartigen Pest-Ausbreitung mit hoher Natalität und Mortalität über ganz Europa gekommen war.

Etwa sechs Jahrhunderte nach der frühmittelalterlichen „Justinianischen Pest“ kam es während des 14.-18. Jahrhunderts (1348-1722) in West- und Mitteleuropa erneut und wiederholt zu heftigen Pest-Epidemien.

Der letzte große Pest-Einbruch ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg zwischen 1663–1668.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts hörten schließlich die Pest-Epidemien in Europa ganz auf.

1742 wurde in Köln das „Eau de Cologne“ kreiert, ursprünglich produziert zur Desodorierung gegen die als krankheitserzeugend angesehenen Ausdünstungen bei Pesterkrankten (übelriechender „Pesthauch“).

 

„Pestheilige“ wurden in den Zeiten der Pest oder ähnlicher Epidemien um Bewahrung und Heilung angerufen.

Seit dem 15. Jahrhundert wurde St. Rochus als Pestheiliger verehrt, im frühen Mittelalter der gemarterte heilige Sebastian.
  • St. Rochus: Rochus von Montpellier (um 1295 - 1327), Schutzheiliger der Pestkranken│Verehrung in den Zeiten der großen mittelalterlichen Pestepidemien│Darstellung u. a. mit dem Attribut: Wunde bzw. Pestbeule am Oberschenkel
  • St. Sebastian († um 288)│Der heilige Sebastian wurde gegen die Pest und andere Seuchen sowie als Schutzpatron der Brunnen angerufen.│Heiligenkult vor allem seit dem „Schwarzen Tod“ in der Mitte des 14. Jahrhunderts

 

Die Pest veränderte die Welt - „Zeitenwende“

... und den Menschen selbst mit tiefer Beeinflussung des Lebensgefühls - Imperativ der Renaissance: „Lebe im Diesseits und genieße das Leben“

... und auch die Vermögensverhältnisse

Es kam hierbei zur kulturgeschichtlichen Epoche der Renaissance [4] - Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit

Die Pest wurde auch zum Thema der bildenden Kunst.

So erinnern noch heute Skulpturen, Altarbilder und Pestsäulen an die gewaltige europäische Pest-Katastrophe im Mittelalter.

 

 

St. Rochus: Gedenksäule in Fulda                              San Sebastiano: Museo Civico, Pistoia

 

In den Jahren 1350, 1358 und 1364/1366 suchten Ausläufer der europäischen Pestwelle auch die Stadt Braunschweig heim.

Zwei große Pest-Epidemien gab es auch während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648).

Während der Pestwelle von 1625/1626 sollen etwa 30–40 % der Bevölkerung verstorben sein, während der des Jahres 1636 nur etwa 25 %.[2]

Zuvor war es 1613 in der Parochie Halle zu einer Pestepidemie gekommen, bei der 149 Menschen verstorben sein sollen.[3]

In Folge der schweren Pest-Epidemien

  • wurden Länder entvölkert,

  • setzten Wüstungsprozesse mit Veränderung der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur ein,

  • wurden Familien auseinander gerissen,

  • fielen Felder brach,

  • trat ein Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln auf,

  • stiegen Preise und vor allem Löhne an,

  • wurde der menschliche Genpool verändert.

Es wurde dabei das gesamte soziale Ordnungsgefüge zerstört und kriegerische Ereignisse setzten ein.

Nicht zuletzt wurden durch die mittelalterlichen Pest-Wellen auch Massenmorde an Juden gerechtfertigt, die man sie als „Brunnenvergifter“ verunglimpfte und ermordete.

Zur Bedeutung und zum Auftreten der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pest-Epidemien in dem Gebiet zwischen nördlichem Sollingrand und dem Holzberg ist, wie für die übrige Region, bislang keine wissenschaftliche Forschung durchgeführt worden.

Einige richtungsweisende Hinweise zum regionalen Pestgeschehen sind der Ortschronik von RAULS [5] zu entnehmen.

Danach wurde u.a. 1566 im Messbuch der Kirche von Bevern vermerkt, dass dort etwa 150 Menschen an der Pest verstorben seien:

"Anno post natum Christum sein allhier zu Beuern [Anm.: Bevern] an der pestilentz achthalb stiege minnsche in Gott sahlich entschlafen als man schrieb tausendfünfhundertsechszig sechs."

In Stadtoldendorf soll es 1625 – also während des Dreißigjährigen Krieges - durch Einquartierung zu einer Seuche gekommen sein, der 50 Personen zum Opfer gefallen seien.

In keinem der herangezogenen Kirchenbücher ist ab 1648 für Heinade und Merxhausen die Todesursachenangabe „Pest“ oder eine vergleichbare Diagnoseformulierung dokumentiert worden war.

Diese Beobachtung erscheint insofern epidemiologisch plausibel, als sich die letzten drei bevölkerungsrelevanten Pest-Epidemien (1613, 1625/1626, 1636, 1641) bereits vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ereigneten.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] MOLLARET/BROSSOLLET 1987, S. 161 ff.

[2] JARCK/SCHILDT 2000, S. 260, 529.

[3] RAULS 1983, S. 80.

[4] In Italien ⎸Florenz um 1420/1500-1520 - im deutschsprachigen Raum um 1520-1555.

[5] RAULS 1983, S. 79 f.