Ein kulturelles Erbe: Glashütten im Umfeld des Hellentals

Klaus A.E. Weber

 

Wandernde Glasprofis im Hellental

Archäologische Relikte alter Glashüttenstandorte zeigen als Sachkulturgut, dass einst das wirtschaftlich unattraktiv abgelegene, aber wasser- und waldreiche Hellental ein bedeutender Glaserzeugungskreis im Solling war.

Obwohl das Auffinden mittelalterlicher Produktionsstätten im Gelände schwierig ist, konnte für das Hellental belegt werden, dass dort bereits seit dem Hoch-/Spätmittelalter das Glasmacherhandwerk betrieben wurde.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden größere Hüttenanlagen gegründet, die mit verfeinerter Technik an mehreren Werköfen Hohl- und Fensterglas fertigten.

Es waren dorfähnliche Siedlungen auf Zeit mit schlichten, aus Holz gebauten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden mitten in der Forst.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde im Hellental letztmals Glas hergestellt und zugleich das Ende der traditionellen Waldglashüttenzeit im Solling eingeläutet.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war von zugewanderten Glasmachern eine privatwirtschaftlich über zwei Jahrzehnte betriebene Glashütte gegründet worden - ein Glasunternehmen des betriebswirtschaftlichen Übergangs.

Der Hüttenbetrieb wurde zu jener Zeit eingestellt, als um 1744 andernorts im Solling und Hils erste dauerhafte Glasmanufakturen als merkantilistische Staatsbetriebe unter landesherrlichem Kapitaleinsatz des Braunschweiger Hofes unter Herzog Carl I. (1713-1780) errichtet wurden.

So ist die Geschichte des Sollingdorfes Hellental eng mit der faszinierenden Geschichte des Glasmacherhandwerks im Weser-Leine-Bergland verbunden.

Die Glasherstellung in dem Sollingtal begann im 12./13. Jahrhundert und endete in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

Handwerklich kunstvolles Spiel mit Feuer und Sand

Das Spezialgewerbe der Herstellung von Hohl- und Flachgläsern stellte einst einen aufwändigen und komplizierten Arbeitsprozess dar, der von den Glasmachern ein hohes Maß an Fachwissen erforderte und eine Reihe manueller Arbeitsschritte umfasste:

  • Gewinnen der Rohstoffe

  • Vorbereiten und Schmelzen des Glasgemenges

  • Verarbeiten der flüssigen Glasmasse mit Formgebung im Mundblasverfahren

  • Entspannungskühlung

  • Oberflächenveredelung

  • Transport der Glaswaren.

 

Ideale Lage für das Glasmacherhandwerk im Solling

Schon im Mittelalter waren für zugewanderte Glasmacher in dem wasser- und waldreichen Hellentaler Landschaftsraum die entscheidenden Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Glashüttenbetrieb gegeben:

  • ausreichendes Vorkommen von Buchenholz als Energielieferant für den Glasschmelzprozess und zur Aschegewinnung

  • ökonomisch günstiger Zugang zu anderen Rohstoffen, wie insbesondere zu silikatreichem Sand als wichtigstem glasbildenden Rohstoff

  • befeuerungsgünstige Windverhältnisse

  • unmittelbare Nähe zu Fließgewässern

  • ortsnahe Anbindung an Land- und Wasserfernhandelswege

 

Mittelalterliche Glasprofis wanderten dem Holze nach

Glasmacher hinterließen auf mehreren Glashüttenplätzen im Umfeld des Hellentals archäologische Spuren ihrer kunstfertigen Tätigkeit.

Sie belegen, dass bereits im 12./13. Jahrhundert in dem ressourcenreichen Hellental Glashütten betrieben wurden.

Da die Hüttenbetriebe abseits von Siedlungen im Wald lagen, tragen sie die Bezeichnung „Waldglashütten“.

Die Waldglashütten waren kleinere Anlagen auf Zeit, in denen saisonal Glas aus gereinigtem Sand und Holzasche gefertigt wurde.

War der Holzvorrat im Umfeld der Glashütte aufgebraucht, zogen die Glasmacher weiter zum nächsten Standort, wo der Rohstoff Holz in ausreichender Menge vorhanden war.

Deshalb wird auch von „Wanderglashütten“ gesprochen.

 

Leben und Arbeiten auf frühneuzeitlichen Waldglashütten

Vornehmlich im 17. Jahrhundert entfaltete sich die Blütezeit des Glashüttenwesens im Weser-Leine-Bergland.

In diesem glashistorischen Kontext sind im Hellental zwei Glashüttenstandorte des frühen 17. Jahrhunderts zu sehen.

Es handelt es sich um zeitlich befristete Glasmachersiedlungen mit Produktionsanlagen (Ofenensemble) und anzunehmenden Warenlagern, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Der Hüttenbetrieb war auf ein komplex strukturiertes, arbeitsteiliges und präzises Zusammenwirken aller Produktionsbeteiligten angewiesen.

Archäologisches Fundmaterial belegt zudem, dass weitläufige Handelsbeziehungen bestanden, die weit über die Sollingregion hinaus reichten.

Ein differenziertes, regionaltypisches Formenspektrum spätrenaissancezeitlicher Hohl- und Flachgläser ist für eine der beiden Waldglashütten rekonstruierbar.

 

"... uff der Steinbeker Glashütten" - Übergang von der Wanderglashütte zur ortsfesten Glasmanufaktur

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde im Hellental letztmals Glas hergestellt und zugleich das Ende der traditionellen Waldglashüttenzeit im Solling eingeläutet.

Die „Steinbeker Glashütte“ ist insofern von regionaler glashistorischer Bedeutung als sie den produktionstechnischen Übergang von der mittelalterlich geprägten Waldglashüttenzeit zur vorindustriellen Produktionsweise in Manufakturen mit dauerhafter Glashüttenansiedlung markiert.

Von dem "Glaßmeister" Jobst Henrich Gundelach (1676–1740) war um 1715/1717 mit anderen "aus dem Mecklenburgischen" zugewanderten Glasmacherfamilien die Glashütte in der staatlichen „Merxhäuser-Forst“ angelegt worden.

Der Hüttenbetrieb wurde zu jener Zeit eingestellt als 1744 durch Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1713-1780) andernorts im Solling und Hils ortsfeste Glasmanufakturen errichtet worden waren.

Dabei handelte es sich um merkantilistische Staatsbetriebe mit landesherrlichem Kapitaleinsatz und zentraler Verwaltung durch den Braunschweiger Hof.

 

Von der "Hellenthaler Glaß Hütte" zur Anlage der "Dorfschaft Hellenthal"

Der Braunschweiger Staat erwarb brauchbare Teile der Hüttenanlage und verbrachte sie an den nahen Schorbornsteich im Solling.

Dort ließ 1744 Herzog Carl I. eine fürstlich-braunschweigische Glasmanufaktur als erste langfristig ortsfeste Hohl- und Tafelglashütte im Solling errichten.

Unter Herzog Carl I. und seinem Hof-Jägermeister Johann Georg von Langen (1699-1776) wurde die zerfallende Kleinsiedlung der Glashütte zur historischen „Keimzelle“ des heutigen Bergdorfes Hellental.

Im Rahmen des fürstlichen Landesausbaus war zu Beginn der 1750er Jahre der ehemalige Werkweiler planmäßig zur "Colonie im Hellenthale" ausgebaut worden - als man im 18. Jahrhundert in den Braunschweiger Staatsforsten verstärkt Holzhauer benötigte.

Der Glasmacherort Hellental entwickelte sich in der Folgezeit zu einem bedeutenden Waldarbeiterdorf der Sollingregion.